Perry Rhodan Fan Stories

"Begegnung an der Großen Leere"

(238 Seiten, Taschenbuch, Moewig Verlag, ISBN 3-8118-2009-0, 12+80++)

Nachdem bereits vor 2,5 Jahren auf der Leserseite der Perry Rhodan-Romane ein Story-Wettbewerb gestartet wurde, liegt nun endlich das Taschenbuch mit den besten der Stories vor. Lange hat es ja gedauert, aber diesmal stimmt das Sprichwort "Was lange währt..." dann ausnahmsweise einmal, denn die Stories sind durchweg von guter bis sehr guter Qualität.

Zum Inhalt:
Die BASIS steht in der Nähe des Pulsars Borgia an der Großen Leere und sendet Expeditionsschiffe aus, die die Umgebung erkunden sollen. Daß sich der Begriff "Umgebung" hier auf Entfernungen bezieht, die teilweise die Ausdehnung der Milchstraße übertreffen, liegt in der Natur der Großen Leere. Die Geschichte von zehn dieser Expeditionen wird hier wiedergegeben.

Die Stories im Einzelnen:

Christian E. Jäkel: "Triholes Modell"
Die Mannschaft der ARNE SAKNUSSEM entdeckt ein "Sonnen"system, dessen Mittelpunkt von drei Black Holes gebildet wird, von denen zwei sich gegenseitig umkreisen, während das dritte wiederum die beiden anderen umkreist. Es existieren zwei Planeten, die exakt gegenüberliegend auf derselben Bahn ihrem Weg durch das System folgen. Das ganze System scheint symmetrisch zu sein.

Die Story ist vielleicht die schwächste im ganzen Buch, was allerdings immer noch bedeutet, daß sie besser ist als ein Teil der derzeitigen Heftromane. Christian Jäkel geht für meinen Geschmack zu sehr auf die physikalischen Beschreibungen des Systems ein, so daß man beim Lesen eigentlich ein Physikbuch neben sich liegen haben sollte. Für einen Nicht-Physikstudenten sind die Begründungen sehr schwer nachvollziehbar, was die ansonsten gute Story zäh lesbar macht.

Michael Thiesen: "Herbstlaub"
Pavel Kendrow, Kommandant der EREBUS, wacht auf. Sein erster Griff geht zur Weckautomatik, doch sein Arm scheint irgendwie festgeschnallt zu sein. Dann greift er nach einem Sahnetrüffel aus einer kleinen Kühlbox neben seinem Bett, der allerdings wie Papier schmeckt. Der durchgeführte Check ergibt keine Funktionsstörung. Er steht auf und wendet sich der Naßzelle zu, wo sein instinktiver Griff zum Sensorkontakt nur das Gefühl von kaltem Metall unter seinen Fingern hervorruft. Als er nachsieht, ist der Kontakt wie immer vorhanden. Wenig später erscheint er auf der Brücke, wo man ihm eine Funktionsstörung in drei Transmissionselementen meldet. Seltsamerweise meint er, sich zu erinnern, daß der gleiche Fehler bereits gestern dreimal aufgetreten wäre, doch der Bordingenieur weiß nichts davon.

Michael Thiesens Story wandert auf den Spuren von Philip K. Dick, ist in einem flüssigen, gut lesbaren Stil geschrieben und allemal bis zu den letzten Seiten spannend geschildert. Für mich ist diese Story eines der Highlights in diesem Band.

Rüdiger Schäfer: "Pollenflug"
Die NUEVO steht auf Armäos, wo 45 schwangere Armäerinnen zwar alle Merkmale des Siechtums aufweisen, den Instrumenten nach aber vollkommen gesund sind. Die Besatzung des Schiffs versucht ihnen zu helfen, doch stehen die Galaktiker vor einem schier unlösbaren Rätsel.

Was wäre eine solche Story-Sammlung ohne eine Rüdiger Schäfer-Story? Wenn ich fest mit einem Namen unter den Autoren gerechnet habe, dann mit diesem. Die Story selber entpuppt sich als eine gut geschriebene, flüssig lesbare Standard-Perry-Story mit einem überraschenden Ende. Das Ende allein vermag die Story jedoch nicht aus diesem durchweg hochklassigen Feld hervorspringen zu lassen. In so ziemlich jedem Fanzine wäre die Story einer der Höhepunkte, in dieser Story-Sammlung jedoch ist sie nur Mittelmaß.

Erik Nagel: "Der träumende Planet"
Die Besatzung der JOKER entdeckt einen Planeten, dessen feste Oberfläche zu 43% aus reinem Howalgonium besteht. Folgerichtig wird der Planet Treasure genannt, denn auch andere seltene Mineralien finden sich hier. Jedoch registrieren sie eine seltsame psionische Strahlung, ungerichtet und ohne Inhalt. In der ersten Nacht dann haben sie alle denselben Traum.

Erik Nagel erzählt die Geschichte eines uralten Volkes am Rande der Großen Leere - alles in allem ohne große Überraschungen, dafür aber (ich glaube, ich wiederhole mich schon so langsam) flüssig lesbar. Auch diese Story ist kein absolutes Highlight dieser Sammlung, aber für sich allein stehend sehr gut gelungen.

Ronald W. Klemp: "Könige und Vagabunden"
Die Space Jet HAN-3 landet auf Paradise, einem Planeten, dessen Bevölkerung auf dem technischen Niveau des 18. - 19. Jahrhunderts steht, die allerdings künstlerisch und philosophisch sehr hoch entwickelt ist. Dafür gibt es jedoch Unmengen von Telepathen, Telekineten und sonstigen PSI-Begabten, die in ihrer Zunft als freischaffende Zauberer arbeiten. Als die Space Jet neben einem anderen Raumschiff landet, das so gar nicht zu dieser Bevölkerung paßt, wird die Besatzung mit der Frage: "Seid Ihr gute oder böse Götter?" begrüßt.

Ronald W. Klemp geht das Thema der Begegnung an der Großen Leere eher humoristisch an, ohne dabei in Slapstick abzusacken. Die Handlung ist durchaus ernst zu nehmen, hat jedoch einen humoristischen Unterton, der gut zu gefallen vermag. Wie alle Stories in diesem Band ist auch diese dazu wieder sehr flüssig und gekonnt geschrieben, was sie zu einem der Highlights dieses Bandes macht.

Urs Klinger: "Die Große Fülle in der Großen Leere"
Timotheus Archangelos wird mit der Führung einer Expedition betraut, die ihn auf den Planeten "Quartett" führt (so genannt, weil die Expedition aus vier Mitgliedern besteht, die den Planeten erforschen wollen). Die Bewohner, auf einer technischen Stufe vor der Hyperraumtechnologie stehend, sehen den Menschen sehr ähnlich und begrüßen sie freundlich. Fortan widmen sich die Vier ihren Forschungen und erforschen dabei vor allem die jeweiligen Aspekte der Kultur, die ihren Neigungen am ehesten entsprechen.

Urs Klingers Story gibt sich ebenfalls humoristisch, wirkt jedoch flacher als die vorhergegangene. Stilistisch ist an ihr nichts auszusetzen, doch zieht der plattere Humor die Story ein wenig herunter. Alles in allem ist sie gut lesbar und irgendwo in Durchschnitt dieses Bandes anzusiedeln.

Claude Pfeiffer: "Unerforschte Wege"
Auch die BLAUWAL gehört zu den ausgesandten Schiffen. Sie entdeckt einen Planeten, der wegen seiner reichen Flora und Fauna auf den Namen Fast Food getauft wird. Bei einem Ausflug stürzen Lydia und Carl von einer Klippe, werden jedoch von einem großen Vogel gerettet. Als sie aus der Ohnmacht wieder erwachen, befinden sie sich in seinem Nest, und der Vogel spricht telepathisch mit ihnen.

Auch diesen Namen hatte ich in dieser Sammlung eigentlich erwartet. Seine Story ist gewohnt gut geschrieben und wartet mit einigen Überraschungselementen auf, die das Lesen zu einem Vergnügen machen. Auch das Ende ist eher ungewöhnlich, paßt aber gut in die Geschichte. Im Rahmen dieser Sammlung mal wieder ein Highlight.

Dirk E. Hess: "Inferno"
Eine Space-Jet mit drei Galaktikern Besatzung trifft auf ein seltsames Raumschiff, das plötzlich wieder von den Ortern verschwindet. Mit Hilfe der Syntronik gelingt es, den nächsten Auftauchpunkt des Schiffes zu berechnen, was jedoch ein Fehler war. Kurz nach dem Zusammentreffen wird die Jet an Bord gezogen, und die Besatzungsmitglieder finden sich in ihren schlimmsten Alpträumen wieder.

Die Story von Dirk E. Hess wirkt sprachlich gut (wie auch alle anderen - aber da wiederhole ich mich wohl schon wieder - was will man auch anders dazu sagen?), vermag sich aber handlungsmäßig nicht von der breiten Masse der hier vertretenen Stories abzuheben. Eine sehr gute Perry-Story, die jedoch im qualitativ hochwertigen Feld dieser Sammlung eher untergeht.

Michael Mühlehner: "Begegnung am Rand der Großen Leere"
Die SPIRIT fliegt in ein sterbendes Sonnensystem ein, in dem die inneren sechs von sieben Planeten bereits von dem kollabierenden Muttergestirn vernichtet wurden. Nur der äußerste Planet existiert noch, und auf ihm gibt es eine Besonderheit. Wie unter einer Kuppel existiert über den Überresten einer Stadt eine Sauerstoffatmosphäre. Die ehemalige Stadt ist fünfeckig angelegt, und an jeder dieser Ecken steht eine Stufenpyramide, gleichzeitig auch die einzigen Eingänge in die Stadt, die entlang ihrer Grundlinie von Steinsäulen eingerahmt wird. Fünf Besatzungsmitglieder wagen sich mit einer Space-Jet auf den Planeten und betreten die Stadt. Einer von ihnen erkennt einige der im Durchgang angebrachten Zeichen wieder - aus der Milchstraße...

Michael Mühlehner zieht in seiner Story intergalaktische Verbindungen, die bis in unsere Milchstraße hineinreichen. Trotz des weitgespannten mythologischen Unterbaus gelingt es ihm, die Story im Rahmen des Perry-Kosmos zu halten, so daß sie zu keiner Zeit "unglaubwürdig" wirkt, soweit man bei einer Perry-Story von Glaubwürdigkeit sprechen kann. Die stilistischen Bemerkungen spare ich mir jetzt so langsam, denn in dieser Hinsicht hebt sich keine der Stories von den anderen ab.

Bernhard Schaffer: "Kontakt vielfaltig"
Ernie Louves Job besteht zur Zeit daraus, die Multikontrollsensoren, die in letzter Zeit gleich reihenweise ihren Dienst aufgeben, auszutauschen. In dieser Funktion läuft sie über die Schiffshülle und stellt fest, daß die MuKos nach einem bestimmten Muster ausfallen. Währenddessen bemerkt einer ihrer Kollegen bei der Untersuchung der defekten MuKos, daß diese alle an den gleichen Materialermüdungserscheinungen leiden, die die gesamte Struktur der Mukos wie ein Fraktalmuster durchziehen. Das Bild der Raumschiffshülle vor Ernies Augen verdoppelt sich, und während sie sich wieder ins Innere des Schiffes begibt, um sich auszuruhen, arbeitet sie draußen weiter.

Bernhard Schaffer stellt den Leser seiner Story erst einmal vor ein Rästel, das merkwürdig anmutet, aber keineswegs den Lesefluß stört. Nach und nach enthüllt er das Bild einer seltsamen Rasse am Rand der Großen Leere. Die Story besitzt einen phantasievollen Hintergrund, ist jedoch eher interessant als spannend, zwar von hoher Qualität, aber in dieser Sammlung (wie auch schon andere vor ihr) nur im Mittelmaß zu finden.

Insgesamt beinhaltet dieses Werk zehn rundum sehr gute Stories, denen gemeinsam ist, daß sie es alle verdient haben, zu den Gewinnern des Wettbewerbs zu zählen. Sowohl stilistisch als auch inhaltlich braucht keine der Stories den Vergleich mit den Werken der renommierten Serien-Autoren zu scheuen - vor allem zum jetzigen Zeitpunkt nicht, wo die Serie einen ziemlichen Durchhänger hat. Einige der Autoren könnte ich mir durchaus als guten Ersatz für den einen oder anderen Stammautoren vorstellen, denn alle beweisen hier ihr Können auf eindrucksvolle Weise.

Fazit:
Dieses TaBu ist m.E. ein weiterer Höhepunkt unter den durchweg guten Perry-Veröffentlichungen im Nicht-Heftformat der letzten Zeit. Ein eindeutiges Muß für Perry-Fans, aber auch für diejenigen, die ein gutes TaBu mit guten Stories erwarten. Die Bandbreite der Stories ist sehr weit gespannt, so daß für jeden etwas zu finden sein müßte. Man würde sich nur wünschen, daß die Heft-Autoren auch mal etwas von dieser Qualität auf die Beine stellen würden.

Winfried Brand

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