Michael Siefener:

"Das Reliquiar / Die Wächter"

- Edition Metzengerstein Band 3 -

(134 Seiten, Paperback, Edition Metzengerstein, ISBN 3-932320-02-6, 17+00++)

Zum Inhalt:
Das Reliquiar
Der Protagonist reist auf Einladung seines Schulfreundes Ulrich Hommes, seines Zeichens Pfarrer der kleinen Gemeinde Dernig, in die Eifel. Schon bald nach seiner Ankunft wird er mit drei seltsamen Fresken aus der Zeit des Baus der Kirche konfrontiert. Auf dem ersten Bild ist eine Stiftsfrau zu sehen, ihr gegenüber eine dämonenähnliche Gestalt; das zweite zeigt das dämonenähnliche Wesen, wie es anscheinend beim Bau der Kirche hilft; und auf dem dritten ist ein Reliquiar abgebildet, in dem das dämonische Wesen eingeschlossen ist. Von Monsignore Scheuner erfahren die beiden, daß beim Austausch des Hochaltars in dessen Mensa nur ein vergilbter Zettel zu finden war, nicht jedoch das dorthin gehörige Reliquiar. Und so macht sich der Protagonist auf, das Geheimnis des verschwundenen Reliqiuars zu lösen.

Die Wächter
Bei Raunbach ist die Leiche eines Mönches in einem Teich gefunden worden. Kommissar Glaub übernimmt die Ermittlungen und quartiert sich erst einmal in dem Kloster ein, zu dem der Mönch gehörte. Immer mehr verdichten sich die Hinweise, daß die Mönche ein Geheimnis bewahren, und Glaub will ihnen auf die Spur kommen.

Garniert werden die Novellen, die beide schon etwas älteren Datums sind, mit einem Nachwort von Franz Rottensteiner, das mich als Rezensent in gewisse Bedrängnis bringt, geht Rottensteiner doch sehr ausführlich auf beide Novellen ein und läßt mir kaum noch eine Möglichkeit, etwas zu diesem Buch zu sagen, ohne daß es gleich wie abgeschrieben erscheint. Versuchen wir es trotzdem.
Michael Siefener läßt in beiden Novellen (in "Das Reliquiar" stärker als in "Die Wächter") seine Vorliebe für H.P. Lovecraft durchklingen, sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Er schreibt zwar nicht direkt über die "Großen Alten", doch sind die Geschichten vom Aufbau her durchaus mit Lovecraft vergleichbar. In "Das Reliquiar" wird dies besonders deutlich, denn diese Novelle ist im typisch lovecraftschen Tagebuchstil gehalten, und das Ende ist bereits am Anfang bekannt - nur nicht, wie es dazu kam. Der Protagonist schreibt die Erlebnisse nieder, weil die Ermittlungsarbeiten der Polizei zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt haben. Er handelt nicht, weil er sich mitteilen will, sondern weil er muß. Die Geschichte selbst entwickelt sich dann langsam und unaufhaltsam zu ihrem Höhepunkt.
"Die Wächter" krankt leider ein wenig an der fehlenden Begründung der Motivation des Kommissars, den Tod des Mönches überhaupt näher zu untersuchen. Er hat eigentlich gar keinen Grund, sich dergestalt in diese Ermittlungen einzuschalten, da alles auf einen Unfall oder Selbstmord hindeutet und ein Motiv für einen Mord nicht vorhanden ist. Trotzdem nimmt er die Ermittlungen auf. Die Novelle gestaltet sich dann in der Art eines Kriminalromans mit einer halbwegs überraschenden Auflösung. Teilweise erinnert mich die Geschichte in einzelnen Grundzügen an "Der Name der Rose", was Siefener jedoch abschwächt, indem er dieses Buch selbst im Text erwähnt.
Beiden Novellen gemeinsam ist Michael Siefeners Gefühl für die deutsche Sprache. Er spielt geradezu mit ihr und lädt den Leser ein, seinen Spielen zu folgen. Sein geradezu bestechend schöner Stil macht dieses Buch zu einem Erlebnis der besonderen Art. Würde der deutsche Käufer dem deutschen Autor auf dem Phantastik-Sektor auch nur die kleinste Spur einer Chance gewähren, müßte Siefener eigentlich schon längst zu den ganz Großen des Genres zählen. So bleibt es nur den Kleinverlagen vorbehalten, seine Werke zu veröffentlichen.

Fazit:
Zu diesem Buch kann man nur jedem, der sich ein wenig für die phantastische Literatur interessiert, eine dringende Kaufempfehlung aussprechen. Ich habe in letzter Zeit kaum etwas Gleichwertiges gelesen. Die schöne Aufmachung setzt das Tüpfelchen auf das i.

Winfried Brand

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