Kim Stanley Robinson:

"Roter Mars"

(Erster Band der Mars-Trilogie)
OT: Red Mars, Ü: Winfried Petri
(798 Seiten, Taschenbuch - fester Einband, Heyne 06/5361, ISBN 3-453-09428-X, 24+90++)
- erschienen: September 1997 -

Zum Inhalt:
Die Geschichte der Besiedlung des Mars beginnt Anfang der 20er Jahre des 21. Jahrhunderts. Nachdem die erste bemannte Marsexpedition sicher zurückgelangt ist, macht man sich bereits kurze Zeit später daran, die ersten Siedler auf den Roten Planeten zu bringen. Diese ersten Hundert durchstreifen die Landschaft, forschen und terraformen. Doch bald schon werden ihnen die nächsten Siedlertrupps nachgeschickt, und immer mehr Probleme tauchen auf, denn die transnationalen Unternehmen, die einen Teil der Finanzierung getragen haben, wollen auch Gewinne sehen.

Mit dem ersten Band der Mars-Trilogie ist Kim Stanley Robinson ein Roman gelungen, der durchaus Ende des nächsten Jahrhunderts im Geschichtsunterricht behandelt werden könnte. Seine Schilderung der Geschehnisse gibt dem Leser fast durchgehend das Gefühl, daß alles genau so geschehen könnte, wie er es sich gedacht hat. (* Hey, ist Kim Stanley Robinson etwa ein Mann? ‘Kim’ ist doch für gewöhnlich ein Mädchenname... jajaja, ich weiß, Stanley nicht... Heike) (* Also ich halte "Kim" für ungeschlechtlich, während "Stanley" eindeutig männlich ist... Winy)
Der Leser braucht jedoch eine relativ lange Anlaufphase, bis die Handlung selber in Schwung kommt. Robinson greift zu dem Kunstgriff, bereits im ersten Kapitel einen Handlungsteil vorwegzunehmen, der chronologisch gesehen erst nach gut der Hälfte des Buches vorkommt. Die darauffolgende Phase des Buches beschäftigt sich mehr mit den technischen Problemen des Überlebens auf einem an sich lebensfeindlichen Planeten und gibt so dem Leser nur an wenigen Stellen Einblicke in das Gefühlsleben der Protagonisten. Dieser Teil ist es dann auch, der das Buch für jene schwer lesbar macht, die eine schnelle Handlung bevorzugen. Robinson geht die Sache stattdessen eher gemächlich an, läßt seine Protagonisten auch schon mal über mehrere Seiten ein paar Kisten auspacken, die von unbemannten Schiffen vorher auf dem Mars abgeworfen und jetzt gefunden wurden. Insgesamt merkt man gerade diesem Teil an, daß er sehr gut recherchiert wurde, wobei Robinson stets dem heute machbaren nur knapp voraus ist. Schon allein der Einfall, die Shuttle-Tanks zu standardisieren und mit Koppelmechanismen zu versehen, so daß man aus den verbrauchten Tanks im Orbit das Schiff zusammenbasteln kann, mit dem man dann zum Mars fliegt, zeigt, wie nah er sich an der Wirklichkeit befindet. Dies ist durchaus ein Gedanke, der vorstellbar ist - nicht zuletzt aus ökonomischer Sicht.
Obwohl es in diesem Teil des Buches nicht sehr viele Interaktionen zwischen den Protagonisten gibt, laufen sie doch alle auf die weitere Entwicklung hinaus und deuten diese manchmal offen, manchmal versteckt bereits an. Als das Überleben auf dem Mars gesichert ist, rückt dieser Gesichtspunkt auch im Roman an eine weiter hinten gelegene Stelle. Stattdessen kümmert sich Robinson nun mehr um die Interaktionen zwischen den Menschen, den Einfluß, den die Transnationalen haben und der der UNOMA fehlt. Konsequent deckt er soziologische Zusammenhänge auf, läßt Spannungen zwischen Gruppen entstehen und sich weiterentwickeln. Und bei all dem weiß man auf jeder Seite, daß unter den angenommenen Voraussetzungen genau das passieren muß, was auch geschieht, so daß auch dieser Teil des Romans nichts an Glaubwürdigkeit verliert.
Kim Stanley Robinsons Roman "Roter Mars" ist zu Zeiten eines Captain Picard & Co. sicher ein eher ungewöhnliches Stück Science Fiction. Die heute gebräuchlichen Helden verführen eigentlich eher in eine Art Märchen, dessen Wahrscheinlichkeit, daß es einmal auch nur annähernd so sein wird wie dort beschrieben, sicherlich eher gering ist, also das genaue Gegenteil dessen, was Robinson dem Leser vorlegt. So gesehen, schreibt Robinson gegen den Strom, versucht den Leser an das zu erinnern, was Science Fiction auch sein kann. Daß er damit nicht schlecht gefahren ist, beweist die Tatsache, daß Band zwei und drei der Trilogie jeweils den Hugo als bester SF-Roman gewonnen haben, eine Ehre, die dem ersten Band ein wenig unverständlicherweise nicht zuteil geworden ist. Vielleicht liegt dies aber auch daran, daß Robinson es dem Leser zu Anfang sehr schwer macht, eine Identifikationsfigur zu finden. Einerseits wechselt er konsequent in jedem der Teile des Buches die Hauptperson, andererseits werden die unterschiedlichen Charaktere der handelnden Personen in der ersten Hälfte des Buches nur rudimentär herausgearbeitet. Wenn es zwischen ihnen Streitigkeiten gibt, so geht es meistens um die Frage, wie man denn die Besiedlung weitertreiben sollte, ob man verstärkt terraformt oder lieber erst den Mars gründlich erforscht. Eine wirkliche Identifikationsfigur findet der Leser erst, als die Vorarbeiten abgeschlossen sind und das Überleben nicht mehr das Wichtigste für die Gruppe ist. Doch weiß der Leser bereits aus dem ersten Kapitel, daß ausgerechnet die Person, die ihm als erstes angeboten wird, kurz nachdem er sie näher kennengelernt hat, bereits ermordet werden wird. Dies alles soll jedoch nicht heißen, daß es Robinson dem Leser gänzlich unmöglich macht, eine Identifikationsfigur zu finden. Er gibt der Geschichte jedoch einen höheren Stellenwert als den Personen. Und diese Geschichte entwickelt sich konsequent und fast unausweichlich; sie hält dem Leser vor Augen, was sich aus der heutigen Entwicklung der Menschheit ergeben wird. Und genau dies ist eine der großen Stärken des Romans.

Fazit:
Der erste Band von Kim Stanley Robinsons Mars-Trilogie ist ein eher ungewöhnlich gewordenes Stück Science Fiction. In der Schilderung der technischen Entwicklung der nächsten 30 Jahre ist er höchst faszinierend, in der Schilderung der menschlichen und soziologischen Entwicklung teilweise beklemmend. (* Wenn ich mir die Menschen der heutigen Zeit so ansehe - allen voran die heutigen Politiker - kommt bei mir schon genügend Beklemmung auf. Mars, schön und gut! Aber bis der zur zweiten Erde wird, muß noch viel, viel Zeit vergehen. Ob die Menschheit das überhaupt noch erleben wird...? :-( Heike) (Wenn es gelingt, vorher noch ein paar Leute hochzuschicken, die unabhängig von der Erde sind, dann gibt es insgesamt zumindest Chancen... Winy) Ein großes Stück Science Fiction.

Winfried Brand

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