OT: Lady in Gil, Ü: Frauke Meier
(380 Seiten, Taschenbuch, Bastei Lübbe, ISBN 3-404-20322-4,
12+90++)
- erschienen: Dezember 1997 -
Die Priesterschaft der Exil-Gilaner
will mangels eines geeigneteren Kandidaten den Schreiber Tigrallef
(oder Tig) auf eine Mission entsenden, an der schon viele Männer
vor ihm gescheitert sind. (Genauer gesagt, keiner seiner
Vorgänger kehrte je zurück, auch sein eigener Vater nicht.)
Eigentlich sollte ja auch sein heldenhafter und wohltrainierter
Bruder diese Aufgabe erledigen. Dieser hat sich jedoch verletzt,
weshalb Tig für ihn einspringen muß.
Obwohl nur die eigene Mutter von seinem Erfolg überzeugt ist
(nicht einmal er selbst glaubt an einen glücklichen Ausgang),
wird er trainiert und ausgesandt, um ‘die Heilige von Gil’
zurückzuholen. Dabei handelt es sich um eine mächtige
magische Figur, die den Gilanern auf der Flucht vor den Sheranern
abhanden kam, als letztere die friedliche, ungeschützte Insel
Gil überrannten. Seitdem leben die Gilaner im Exil, und nur die
Heilige - so heißt es - kann das Unheil abwenden.
Geschwächt von der Seekrankheit und voll dunkler Ahnungen kommt
Tig in Gil an. Wider Erwarten gelingt es ihm, in dem rauhen Umfeld zu
überleben und Erstaunliches herauszufinden...
Atmosphärisch, fesselnd, trotz teilweise blumiger und
hintersinniger Formulierungen angenehm zu lesen - was will der
geneigte Fantasy-Fan eigentlich mehr? Mit wachsender Begeisterung
habe ich dieses Buch innerhalb weniger Stunden verschlungen.
Der Roman ist in der Ich-Form aus der Sicht des Schreibers Tigrallef
abgefaßt - für gewöhnlich habe ich das gar nicht so
gern - aber obwohl hier sogar eine Frau aus der Sicht eines Mannes
schreibt, ist die Story die ganze Zeit über glaubwürdig und
nachvollziehbar. Man fühlt mit Tig, man ist mittendrin.
Die Übersetzerin Frauke Meier soll hier auch einmal lobend
erwähnt werden. Ich kenne zwar leider die englische Vorlage
nicht, doch wenn ich von der Konstruktion der Sätze ausgehe und
mir sage, daß das Original nicht wesentlich simpler geschrieben
gewesen sein wird, dann meine ich, daß nicht nur Rebecca
Bradley, sondern auch ebenjene Übersetzerin ein wahres
Meisterwerk abgeliefert hat.
Die vielen Schmunzler und Lacher, die ich beim Lesen erlebte, stammen
hauptsächlich aus den Bildern, die durch die sehr detail- und
pointenreichen Schilderungen von Tigs Ansichten, seiner Ausbildung
und seinen Erlebnissen in meinem Kopf entstanden sind. Andererseits
kommen aber auch viele schwermütige Bilder eines harten,
entbehrungsreichen Lebens unter der Knechtschaft brutaler Eroberer
zustande. Manches, wie z. B. die Lieblingsbeschäftigungen
der Eroberer, wird zwar leicht überspitzt dargestellt, aber
trotzdem wirkt es nicht lächerlich, sondern immer noch
glaubhaft. Bei bestimmten Beschreibungen zum Schluß hin hatte
ich das Gefühl, nicht mehr einen Fantasyroman zu lesen, sondern
selbst am Rand eines Abgrunds zu stehen, so ergriffen war ich vom
Geschehen.
Will ich Fehler aufzählen, dann muß ich zugeben,
erfreulich wenig Schreibfehler gefunden zu haben. Da Lektoren ja
sicherlich immer noch überlastet sind, kann das wieder nur
bedeuten, daß bereits die Übersetzerin hervorragende
Arbeit geleistet hat. Nur zwei möchte ich erwähnen: Auf
Seite 241 steht irgendwo ‘koprophoge’. Wenn mich nicht alles
täuscht, müßte es eigentlich ‘koprophage’
heißen und jemanden bzw. etwas bezeichnen, der/das sich von
Exkrementen ernährt. Sollte das Wort wider Erwarten so richtig
geschrieben sein, dann habe ich allerdings keine Ahnung, was es
bedeuten könnte. Und dann haben wir auf Seite 319 eine
‘mißklingende Kakophonie’. Doppelt gemoppelt hält
vielleicht besser - aber man sagt ja auch nicht ‘weißer
Schimmel’, ‘nasses Wasser’, ‘runder Kreis’ etc., und daß eine
Kakophonie niemals ein Ohrenschmaus ist, sollte allgemein bekannt
sein.
An zwei oder drei Stellen hatte ich den Eindruck, die Autorin
hätte in ihrem Bestreben, möglichst realistisch ein
düsteres Szenario zu beschreiben, ihr Gefühl für die
Statik verloren.
Ansonsten habe ich nur mal wieder das Klappentext-Syndrom: Auf dem
Klappentext werden ‘Skionen’ und ‘Sherank’ erwähnt. Muß
ich noch extra sagen, daß keines dieser beiden Worte auch nur
einmal im Buch steht? Die Vertriebenen nennen sich Gilaner, die
Eroberer sind die Sheraner...
Fazit:
Einfach nur genial! Ich hoffe sehr, daß man von Rebecca Bradley
noch viel Derartiges zu lesen bekommt. Empfehlung: Kaufen, kaufen,
kaufen!
1997-12-09
Heike Brand|
Rebecca Bradley legt mit ihrem Debut-Roman ein
erstaunliches Buch vor, voller Dichte und Spannung, immer
wieder mit humorvollen Szenen durchsetzt, die durchweg in
die Handlung passen. |