Michael Bishop:

"Brüchige Siege"

OT: Brittle Innings
Ü: Hendrik P. und Marianne Linkens
Baseball-Fachberatung: Klaus Fritsche
(687 Seiten, Hardcover im Taschenbuchformat, Heyne 06/5923, ISBN 3-453-13310-2, 24+90++)
- erschienen: April 1998 -

Bevor ich hier kurz den Inhalt des Buches anreiße, kurz eine Warnung an jene Leser, die sich ausschließlich mit SF und Horror beschäftigen. Der Phantastik-Bezug in BRÜCHIGE SIEGE kommt erst nach 300 (von fast 700) Seiten zur Geltung. Zwar wird schon im Klappentext gesagt, worum es geht, doch der Leser wird eine ganze Weile auf die Folter gespannt.

Okay, darum geht’s:
Gabe Stewart, seines Zeichens Sportjournalist, macht nach mehreren Wochen erfolgloser Suche endlich den legendären Baseball-Talentscout Danny Boles ausfindig, über dessen Karriere er ein Buch schreiben will.
Wie sich herausstellt, hat Boles jedoch wenig Lust, über seine Zeit als Scout zu berichten, sondern möchte vielmehr eine Geschichte aus seiner kurzen Zeit als aktiver Spieler während des 2. Weltkriegs berichten - eine Geschichte, die eng verknüpft ist mit dem Schicksal eines Burschen namens "Jumbo" Clerval. Die Beiden einigen sich schließlich darauf, daß Stewart zunächst diese Story zu Papier bringen soll, um danach freie Bahn für sein Scout-Buch zu haben. Boles beginnt zu berichten...

Frühjahr 1943, Oklahoma.
Danny Boles, 17 Jahre alt, leidet aufgrund eines Kindheitstraumas unter entsetzlichem Stottern. Dafür ist er jedoch ein echtes Baseball-As und spielt im Highschool-Team seines Heimatortes Tenkiller.
Durch Vermittlung des Ehepaares Elshtain kommt schließlich Jordan McKissic in die Stadt, um sich dort ein paar Spiele von Dannys Team anzusehen. McKissic ist Mitglied der Prüfungskommission in Highbridge - vor allem aber ist er ein Baseball-Talentscout.
Es kommt, wie es kommen muß: McKissic nimmt Danny für die Highbridge Hellbenders unter Vertrag, eine bunt zusammengewürfelte Mannschaft der Minor League. Als sich der Junge jedoch alleine mit dem Zug auf der Reise nach Highbridge befindet, wird er von einem sadistischen Soldaten vergewaltigt, woraufhin er völlig die Sprache verliert.
Nunmehr stumm kommt er also in Highbridge an und macht die Bekanntschaft seiner zukünftigen Teamkameraden, die alle gemeinsam auf dem McKissic-Anwesen leben. So lernt er etwas später auch Hank "Jumbo" Clerval kennen, einen baumlangen, hünenhaften Kerl, der ziemlich wortkarg und überdies häßlich wie die Nacht ist. Prompt werden die Beiden einander als Zimmergenossen zugeteilt. Es dauert eine Weile, bis sie sich zusammenraufen und Danny feststellt, daß Clerval ein gebildeter feinfühliger Mensch ist. Allerdings - und das merkt Danny erst nach einer ganzen Weile, als er auf die Tagebücher seines neuen Freundes stößt - hat er auch ein gewaltiges Problem: Er scheint sich nämlich für Frankensteins Ungeheuer zu halten...

Wie ich eingangs bereits angedeutet habe, kommt es erst nach rund 300 Seiten zum o. g. Fund der Tagebücher. Der geneigte Phantastik-Kenner darf zwar stutzen, wenn ihm ein Kerl vorgestellt wird, der sich Henry Clerval (denselben Namen trug ein Studienfreund des wackeren Doktors in Mary Shelleys Roman) nennt und überdies aussieht, als sei er von irgendeinem OP-Tisch geflüchtet, aber bis zum Fund seiner Aufzeichnungen wirkt der gute Henry allenfalls etwas wunderlich (Na okay, der Klappentext nimmt diese Überraschung natürlich bereits vorweg, aber der Klappentext dieses Buches ist eh’ so eine Sache).
Diese relativ späte Wendung der Story stört jedoch (mich zumindest) überhaupt nicht, da es dem Autor viel eher darum geht, glaubhafte Charaktere aufzubauen, als in altbekannten Frankenstein-Klischees zu schwelgen.
Auch nach Clervals "Enttarnung" bleibt das Tempo des Buches daher sehr ruhig. Es gibt kaum Gewalt, durchgeknallte Experimente verrückter Wissenschaftler fehlen ebenso wie die vertraute ‘Monsterhatz’ am Schluß. Auch das Alien, das der Klappentext suggeriert, wird man vergeblich suchen.
Gerade der konsequente Verzicht auf diese Standard-Versatzstücke des Genres ist es jedoch, der das Buch letztendlich so unterhaltsam macht.
Was das Lesen ein wenig kompliziert, ist die Tatsache, daß das Buch sehr sportlastig ist und dem deutschen Leser die Feinheiten das Baseball-Spielens doch ein wenig fremd sein dürften. Hierzu gibt es jedoch einen Anhang, in welchem die entsprechenden Fachbegriffe erklärt werden. Von der Baseball-Thematik sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen.

Fazit:
Es gab schon viele Fortführungen des Frankenstein-Themas (erinnert sei nur das hervorragende DER ENTFESSELTE FRANKENSTEIN von Brian Aldiss). Das vorliegende Buch ist eine der originellsten Varianten bisher. Wer knallharte SF oder dumpfe Monster-Action erwartet, dürfte enttäuscht sein. Alle, die mal wieder einen richtig guten Roman lesen wollen, sollten beherzt zugreifen.

Michael Breuer

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