Wolfgang Jeschke (Hrsg.):

"Heyne Science Fiction Jahresband 1998"

1) Mary Gentle: "Die Straße nach Jerusalem"
OT: The Road to Jerusalem
Ü: Alfons Winkelmann

2) Thomas Ziegler: "Eine Kleinigkeit für uns Reinkarnauten"

3) Arkadij und Boris Strugatzki: "Stalker"
OT: Stalker
Ü: Roberto Kohlstedt

4) Marek Baraniecki: "Der Kopf der Kassandra"
OT: Glowa Kasandry
Ü: Hanna Rottensteiner

5) George Guthridge: "Der Spiegel von Lop Nor - 1. Spiegelung, 2. Brechung
OT: The Mirror of Lop Nor - 1. Reflection, 2. Refraction
Ü: Michael K. Iwoleit

6) Kim Stanley Robinson: "Der Grüne Mars"
OT: Green Mars
Ü: Ulrich Fröschle

(524 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/5935, ISBN 3-453-13330-7, 16+90++)
- erschienen: Mai 1998 -

Und wieder liegt mit dem Heyne SF-Jahresband eine Storysammlung vor, deren Inhalt man andernorts wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen hätte.
Zur ersten Story (Mary Gentle: "Die Straße nach Jerusalem") möchte ich lieber gar nichts sagen. Ich konnte zu keiner Zeit auch nur den Hauch eines Zugangs in die Materie gewinnen, so daß mir die Story selbst verschlossen blieb. Vielleicht liegt dies ja auch daran, daß ich mit Militärischem noch nie etwas anfangen konnte - und diese Story ist stark militärisch, bis hinein in den Schreibstil, der an vielen Stellen arg abgehackt und um jedes halbwegs unnötig erscheinende Wort gekürzt daherkommt. Ganz so, wie man es vom Befehlston diverser Armeen her kennt. (* Die Beispiele, die Du mir gezeigt hattest, waren aber definitiv schlimmer als jeglicher Befehlston, der mir je beschrieben wurde, und um einiges unverständlicher als ein solcher... Heike)
Thomas Zieglers "Eine Kleinigkeit für uns Reinkarnauten" allerdings in dieser Anthologie zu finden, hat mich gelinde gesagt ein wenig überrascht. Ist doch fast zeitgleich eine Storysammlung mit vieren seiner Geschichten im Blitz Verlag erschienen, bei der diese Story die titelgebende war. Eine Rezension hierzu findet sich im letzten Flash, so daß ich mir dies hier sparen möchte, auch wenn die Story hervorragend ist.
Mit Arkadij und Boris Strugatzkis "Stalker" liegt eine frühe Version des Drehbuchs zum gleichnamigen Film vor, den ich leider niemals gesehen habe und von dem ich, ehrlich gesagt, noch nicht einmal wußte, daß er überhaupt existiert. Die Story selbst ist sehr gelungen und mit den üblichen Doppeldeutigkeiten der Strugatzkis versehen, die ihr einen gehörigen Schuß Tiefgang verleihen. Definitiv eine lesenswerte Story.
Marek Baraniecki legt mit "Der Kopf der Kassandra" einen weiteren Höhepunkt in dieser Sammlung vor. Die Story ist dicht und voller Anspielungen geschildert, so daß sie den Leser sofort gefangenzunehmen weiß, auch wenn das Thema (Die Erde nach dem 3. Weltkrieg - wir suchen die übriggebliebenen Raketen, vor allem diejenige, die in der Lage ist, den ganzen Planeten zu vernichten) nicht gerade neu klingt. Trotz allem vermag die Story den Leser zu fesseln.
George Guthridges Experimentalstory "Der Spiegel von Lop Nor" teilt sich in zwei Teile, die einzeln stehen können, als jeweilige Spiegelung des anderen Teils aber auch eine dritte Geschichte ergeben. So zumindest hat der Autor es sich gedacht. Allerdings muß der Leser hier schon einiges aufwenden, um hinter den Sinn des Ganzen zu kommen. Mir fehlt hier wieder ein wenig der Zugang zur Story, obwohl das Experiment selber recht faszinierend ist.
Mit Kim Stanley Robinsons "Der Grüne Mars" ist Heyne jedoch zumindest bei mir eine Überraschung gelungen. Die Story ist ca. 5 Jahre vor dem ersten Band der Mars-Trilogie entstanden, deren erste zwei Bände inzwischen auch auf Deutsch vorliegen (wenn auch in einer miserablen Übersetzung). Robinson greift hier auf gut 120 Seiten ein einziges Thema auf, das zeitlich irgendwo zwischen dem zweiten und dritten Mars-Roman liegen dürfte: Die Besteigung des Olympus Mons durch eine Bergsteigertruppe. Nicht, daß ich mir unbedingt viel aus Bergsteigen machen würde, aber diese Story hat mir hervorragend gefallen. Obwohl sie einzig und allein vom Klettern und den Schwierigkeiten dabei handelt, vermag sie durchgehend zu fesseln, ist interessant erzählt und (endlich!) einmal gut übersetzt (ja, es war ein anderer Übersetzer...). Zwar war schon den Mars-Romanen anzumerken, was bei einer adäquaten Übersetzung hätte herauskommen sollen, doch hier liegt nun auch ein Beweis dafür vor. Sicherlich ist diese Novelle einer der Höhepunkte der Anthologie.

Fazit:
Ein wenig durchwachsen, bietet die diesjährige Ausgabe des SF-Jahresbandes jedoch meist gute bis sehr gute Stories, die man durchaus jedem empfehlen kann, der sich für "ernsthafte" SF interessiert. (Star Trek-Fans werden aber sowieso schon ihre Finger davonlassen...)

Winfried Brand

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