(415 Seiten, Hardcover, Heyne, ISBN 3-453-13843-0, 39+80++)
Zum Inhalt:
Stefan Hellmann, einer der führenden Wissenschaftler auf dem
Gebiet der Erforschung der Telepathie, zieht nach Amerika, um dort
seine neue Stelle bei einem Institut anzutreten. Doch bereits nach
wenigen Tagen tauchen kleinere Unstimmigkeiten auf. So findet er eine
alte Personalliste, auf der sein Vorgänger noch vermerkt ist,
doch als er sich nach ihm erkundigt, bekommt er zur Antowrt,
daß der gekündigt hätte. Eine andere Person
erzählt ihm, daß er verschwunden sei. Und wenig
später findet er heraus, daß besagter Dr. Wentworth tot in
einem der Kühlfächer der Pathologie des Instituts liegt. Er
beschließt, zusammen mit seiner Kollegin und Freundin Jill,
weitere Nachforschungen anzustellen, zumal anscheinend niemand bereit
ist, ihm Auskunft über das Forschungsgebiet seines
Vorgängers zu geben. Und auch seine Tochter Amy und deren Hund,
der auf den Namen "Wolf" hört, scheinen in etwas seltsames
verwickelt zu sein.
Joachim Körber versucht, den Leser bei seinem Roman "Wolf" auf
eine eher ungewöhnliche Weise zu binden. Zwar ist es durchaus
nicht unüblich, mit einer der Schlußszenen den Roman
anzufangen, doch springt er danach die nächsten fast 200 Seiten
quer durch alle Handlungszeiten, um so sein Geheimnis aufzubauen, dem
Leser immer nur Bruchstücke mitzuteilen und ihn über
vieles, was zwischendurch geschah (aber erst später erklärt
wird) im Ungewissen zu halten. So ist es für den Leser nicht
immer einfach zu erkennen, zu welcher Zeit der Handlung er sich denn
nun befindet. Manchmal merkt er es auch erst nach einigen Seiten, was
durchaus für Verwirrung sorgen kann und in diesem Fall dem
Spannungsaufbau naturgemäß nicht mehr allzu
förderlich ist.
In der zweiten Hälfte des Buches verschwinden dann diese
Sprünge, und Körber erzählt dem Leser chronologisch
geordnet, was ihm denn nun noch als Puzzleteile zwischen den
Bruchstücken der ersten Hälfte so alles fehlt. Hierbei
kommt dann auch recht schnell die teilweise verlorengegangene
Spannung wieder auf, und der Leser ist mehr als nur einfach
gefangengenommen von der Geschichte, die sich jetzt so langsam vor
ihm ausbreitet - von der er meint, daß er schon vieles kennen
würde, von dem er jedoch immer wieder feststellen muß,
daß die vermuteten Zusammenhänge teilweise dann doch ganz
anders sind.
Bis auf die Kleinigkeit der ersten Hälfte ist der Roman
stilistisch routiniert und spannend geschrieben, wobei der Autor sehr
wohl weiß, wie man den Leser unterhält. Dabei setzt er
durchaus auch schon einmal einen trockenen Humor ein, der den Leser
zum Schmunzeln bringt.
Und doch passieren Joachim Körber immer mal wieder ein paar
kleine Mißgeschicke, was die Logik der Handlung un den Aufbau
des Romans angeht.
So ist zum Beispiel fraglich, wie man es anstellen will, fast eine
Seite Dialog in einer Zeit unterzubringen, die man braucht, um mit
dem Fahrstuhl von einem Stockwerk ins nächste zu fahren.
Daß man dann zwar die Tür offenhält und noch eine
Seite weiterredet, ist ja noch verständlich, aber entweder
sprechen die beiden Dialogpartner auf den Seite 31 und 32 mit einer
Geschwindigkeit, bei der Dieter Thomas Heck vor Neid erblassen
würde, oder der Aufzug bewegt sich mit einer Behäbigkeit,
die jede Schnecke hämisch grinsen läßt.
Und daß Wissenschaftler von Haus aus nicht bis drei zählen
können, dieses Vorurteil findet sich auch hier wieder
bestätigt, wenn Hellmann in der Dunkelheit nicht herausfinden
kann, wieviele Streichhölzer er noch von dem Heftchen übrig
hat. Es dürfte wohl kaum leichtere Zählübungen geben
als diese. Schließlich ist es ein "Heftchen" und keine
"Schachtel"...
Nunja, er scheint manchmal ein bißchen schwer von Begriff zu
sein, denn die Geschichten, die ihm teilweise erzählt werden,
glaubt er anscheinend anfangs, obwohl sie bereits die ersten
unstimmigen und unmöglich zueinander passenden Aussagen
enthalten. Als Wissenschaftler sollte er eigentlich schon von der
Ausbildung her gelernt haben, Unstimmigkeiten sofort zu entdecken.
Und daß er sie im ersten Schock nicht bemerkt haben soll, ist
ein bißchen unwahrscheinlich. Schließlich sind sie ihm
teilweise erst eine ordentliche Zeit später aufgefallen...
Daß es in der ganzen Pathologie nur eine Neonröhre geben
soll, wie uns Seite 112 weismachen will, kann ich bei einem
Forschungsinstitut ebenfalls nicht so ganz glauben. Fast jede normale
Bürolampe verfügt schließlich schon über zwei
Röhren, und ein Kellerraum, in dem perfekte
Lichtverhältnisse zwingend erforderlich sind...
Und ein weiterer kleiner Handlungsfehler: Wenn mir am Telefon jemand
erzählt, daß man ihm seinen Revolver abgenommen hat,
weiß ich das normalerweise eine gute Stunde oder so später
noch und falle nicht aus allen Wolken, wenn man es mir nochmal
erzählt. Vor allem ist dies unverständlich, wenn man den
Hintergrund dieses Charakters kennt... Nunja...
Trotz dieser Kleinigkeiten (die meisten sind im Verlauf der Handlung
recht unwichtig, stören den Lesespaß jedoch trotzdem ein
wenig), ist "Wolf" ein wirklich guter Roman, der für diejenigen,
die gerne eine Mischung aus Horror und SF lesen, mehr als geeignet
ist. Eine gewisse Verwandtschaft zu Fernsehserien wie "Akte X" kann
man ihm zwar nicht absprechen, sieht man sich die Handlungsidee
einmal genauer an. Doch geht Körber hier in der
Handlungsentwicklung und den Charakteren vollkommen eigene Wege, so
daß die Ähnlichkeit nicht allzu sehr aufzufallen
vermag.
Fazit:
Ein sehr guter Roman, der irgendwo im Raum zwischen Horror und SF
anzusiedeln ist. Freunde der gepflegten, spannenden Unterhaltung
sollten die Anschaffung des Buches durchaus in Betracht ziehen.