Michael Siefener:

"Nonnen"

(137 Seiten, Goblin Press, Kontakt: Goblin Press, Jörg Kleutgen, In den Mittelweiden 16, 56070 Koblenz)

Zum Inhalt:
Benno Durst arbeitet als kleiner Angestellter bei einer Kölner Versicherung, während er in seiner Freizeit Horror-Stories schreibt, die außer seinem Kollegen praktisch niemand zu lesen bekommt. Sein neuestes Werk handelt von ein paar Freunden, die in einer Kneipe sitzen und sich unheimliche Geschichten erzählen. In einer dieser Geschichten bekommt ein Restaurator, der zusammen mit einem Kollegen die Grabfigur eines Grabes auf dem Kölner Melaten-Friedhof restauriert, von diesem eine unheimliche Geschichte um vier Nonnen erzählt, die alle am gleichen Tag gestorben und auf dem Friedhof begraben sind. Während Benno Durst an dieser Story arbeitet, wird er selbst mehr und mehr in den Bann seiner Geschichte gezogen, die schon bald in seine Realität Einzug zu halten scheint.

Mit seiner Novelle "Nonnen" hat Michael Siefener ein eher ungewöhnliches Stück Phantastik auf den Leser losgelassen. Inwieweit sich dabei autobiografische Elemente in die Geschichte eingeschlichen haben, wie der Herausgeber in seinem Vorwort angibt, kann ich leider nicht beurteilen, da ich Michael Siefener im Gegensatz zu Jörg Kleutgen nicht persönlich kenne. Doch auch so ist leicht einsichtig, daß die Figur des Hobbyschriftstellers Benno Durst nicht nur der reinen Phantasie des Autors entsprungen ist.
Benno Durst ist es dann auch, der sich bezüglich seiner eigenen Story schon so seine Gedanken macht, die die Erzählung in der Erzählung betreffen. Siefener setzt diesen Gedanken noch einen drauf und bringt sie innerhalb einer Erzählung, so daß hier eine dreifach verschachtelte Geschichte vorliegt, bei der der Leser durchaus ein wenig auf der Hut sein muß, um die Übergänge von einer Geschichte in die andere nicht zu verpassen.
Siefeners (eigentlich wie immer) sehr eindringlicher und plastischer Stil zieht den Leser dann auch förmlich in die Geschichte hinein, läßt ihn an ihr in einem Maße teilhaben, das weit über das Übliche hinausgeht. So steht der Leser praktisch neben dem Protagonisten Benno Durst und schaut diesem bei der Entwicklung seiner Story über die Schulter. Gerade diese hautnahe Einbeziehung des Lesers ist die größte Stärke Michael Siefeners, die er in "Nonnen" fast noch stärker zum Vorschein bringt als in seinen anderen Werken.
Dieses Eintauchen des Lesers in die Story ist es auch, die das langsame Vordringen des phantastischen Elements in die Novelle eindrucksvoll an ihn weitergibt. Langsam bemerkt der Leser, wie sich die Welt um Benno Durst verändert, wie seine Geschichte Gestalt anzunehmen und in sein Leben einzudringen beginnt. Und wenn der Autor langsam seine eigene Vergangenheit kennenlernt, kommt sicher auch der eine oder andere Leser zu dem Schluß, daß seine eigene Vergangenheit der des Benno Durst vielleicht gar nicht so fern liegt, wie er immer gedacht hat.
So wie viele der leider recht dünnen Taschenbücher der Goblin Press, ist auch "Nonnen" wieder ein Kleinod innerhalb der Phantastischen Literatur, das der Rezensent nur jedem weiterempfehlen kann. Leider sind diese Taschenbücher über den normalen Handel nicht zu beziehen, so daß sie einer größeren Leserschaft wohl für immer verschlossen bleiben, doch sollte man die Mühe nicht scheuen, den Herausgeber einmal anzuschreiben und sich diesen Roman zu bestellen. Der interessierte Leser wird mit einer eindrucksvollen Novelle belohnt, die das Interesse weckt, mehr von diesem Autor kennenzulernen, der sicherlich zum Besten gehört, was das deutsche Fandom zu bieten hat. Und es sollte den Rezensenten nicht wundern, wenn auch irgendwann einmal ein etwas größerer Verlag dies erkennt und Siefeners Werke einem größeren Publikum zugänglich macht. Einen Anfang hierzu gab es ja schon mit dem Band "Das Reliquiar / Der Wächter", der in der Edition Metzengerstein erschienen ist (Rezension in Flash Nr. 12). Es bleibt jedenfalls zu wünschen, daß man sich Siefeners Stories nicht mehr nur aus diversen Fanzines zusammensuchen muß.

Fazit:
Mit "Nonnen" liegt wieder einmal eine Novelle von Michael Siefener vor, die vor allem durch ihren plastischen und eindringlichen Stil besticht, der den Leser förmlich in die Geschichte hineinzieht und vor Erreichen des Wörtchens "Ende" nicht mehr entläßt. Ein Kleinod der Phantastik, nicht nur im Amateur-Bereich.
13 Punkte.

Winfried Brand

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