Zum
Inhalt:
Benno Durst arbeitet als kleiner Angestellter bei einer Kölner
Versicherung, während er in seiner Freizeit Horror-Stories
schreibt, die außer seinem Kollegen praktisch niemand zu lesen
bekommt. Sein neuestes Werk handelt von ein paar Freunden, die in
einer Kneipe sitzen und sich unheimliche Geschichten erzählen.
In einer dieser Geschichten bekommt ein Restaurator, der zusammen mit
einem Kollegen die Grabfigur eines Grabes auf dem Kölner
Melaten-Friedhof restauriert, von diesem eine unheimliche Geschichte
um vier Nonnen erzählt, die alle am gleichen Tag gestorben und
auf dem Friedhof begraben sind. Während Benno Durst an dieser
Story arbeitet, wird er selbst mehr und mehr in den Bann seiner
Geschichte gezogen, die schon bald in seine Realität Einzug zu
halten scheint.
Mit seiner Novelle "Nonnen" hat Michael Siefener ein eher
ungewöhnliches Stück Phantastik auf den Leser losgelassen.
Inwieweit sich dabei autobiografische Elemente in die Geschichte
eingeschlichen haben, wie der Herausgeber in seinem Vorwort angibt,
kann ich leider nicht beurteilen, da ich Michael Siefener im
Gegensatz zu Jörg Kleutgen nicht persönlich kenne. Doch
auch so ist leicht einsichtig, daß die Figur des
Hobbyschriftstellers Benno Durst nicht nur der reinen Phantasie des
Autors entsprungen ist.
Benno Durst ist es dann auch, der sich bezüglich seiner eigenen
Story schon so seine Gedanken macht, die die Erzählung in der
Erzählung betreffen. Siefener setzt diesen Gedanken noch einen
drauf und bringt sie innerhalb einer Erzählung, so daß
hier eine dreifach verschachtelte Geschichte vorliegt, bei der der
Leser durchaus ein wenig auf der Hut sein muß, um die
Übergänge von einer Geschichte in die andere nicht zu
verpassen.
Siefeners (eigentlich wie immer) sehr eindringlicher und plastischer
Stil zieht den Leser dann auch förmlich in die Geschichte
hinein, läßt ihn an ihr in einem Maße teilhaben, das
weit über das Übliche hinausgeht. So steht der Leser
praktisch neben dem Protagonisten Benno Durst und schaut diesem bei
der Entwicklung seiner Story über die Schulter. Gerade diese
hautnahe Einbeziehung des Lesers ist die größte
Stärke Michael Siefeners, die er in "Nonnen" fast noch
stärker zum Vorschein bringt als in seinen anderen Werken.
Dieses Eintauchen des Lesers in die Story ist es auch, die das
langsame Vordringen des phantastischen Elements in die Novelle
eindrucksvoll an ihn weitergibt. Langsam bemerkt der Leser, wie sich
die Welt um Benno Durst verändert, wie seine Geschichte Gestalt
anzunehmen und in sein Leben einzudringen beginnt. Und wenn der Autor
langsam seine eigene Vergangenheit kennenlernt, kommt sicher auch der
eine oder andere Leser zu dem Schluß, daß seine eigene
Vergangenheit der des Benno Durst vielleicht gar nicht so fern liegt,
wie er immer gedacht hat.
So wie viele der leider recht dünnen Taschenbücher der
Goblin Press, ist auch "Nonnen" wieder ein Kleinod
innerhalb der Phantastischen Literatur, das der Rezensent nur jedem
weiterempfehlen kann. Leider sind diese Taschenbücher über
den normalen Handel nicht zu beziehen, so daß sie einer
größeren Leserschaft wohl für immer verschlossen
bleiben, doch sollte man die Mühe nicht scheuen, den Herausgeber
einmal anzuschreiben und sich diesen Roman zu bestellen. Der
interessierte Leser wird mit einer eindrucksvollen Novelle belohnt,
die das Interesse weckt, mehr von diesem Autor kennenzulernen, der
sicherlich zum Besten gehört, was das deutsche Fandom zu bieten
hat. Und es sollte den Rezensenten nicht wundern, wenn auch
irgendwann einmal ein etwas größerer Verlag dies erkennt
und Siefeners Werke einem größeren Publikum
zugänglich macht. Einen Anfang hierzu gab es ja schon mit dem
Band "Das Reliquiar / Der Wächter", der in der Edition
Metzengerstein erschienen ist (Rezension in Flash Nr. 12). Es bleibt
jedenfalls zu wünschen, daß man sich Siefeners Stories
nicht mehr nur aus diversen Fanzines zusammensuchen muß.
Fazit:
Mit "Nonnen" liegt wieder einmal eine Novelle von Michael
Siefener vor, die vor allem durch ihren plastischen und
eindringlichen Stil besticht, der den Leser förmlich in die
Geschichte hineinzieht und vor Erreichen des Wörtchens
"Ende" nicht mehr entläßt. Ein Kleinod der
Phantastik, nicht nur im Amateur-Bereich.
13 Punkte.