Dr. Michael Siefener / Hubert Katzmarz (Hrsg.):

„Daedalos - Nr. 5“

(96 Seiten, Story Reader, DIN A5, ISSN 0947-6970, 10+00++)
Bezug: Hubert Katzmarz, Wilhelmstr. 3, 53111 Bonn
- erschienen: Frühjahr 1998 -

„Deadalos“ versteht sich als Story Reader für Phantastik, und so finden sich in der vorliegenden Ausgabe Nr. 5 insgesamt sechs (Kurz-) Geschichten verschiedener, teils mehr, teils weniger renommierter Autoren.

Eddie M. Angerhuber: „Die Enthüllungen des Raupenwolfs“
Die neue Mieterin einer Dreizimmerwohnung findet in dieser ein unglaubliches Chaos vor. Doch die Aufräumarbeiten gestalten sich anders, als sie es sich vorgestellt hat. Und ihre Träume zeigen ihr eine seltsame Welt...

Die Berliner Autorin Eddie M. Angerhuber ist dem aufmerksamen Flash-Leser sicherlich keine Unbekannte mehr. Bisher zwei Kurzgeschichtensammlungen aus ihrer Feder wurden in früheren Ausgaben des Flash rezensiert. Und auch diese Story ist durchaus des Lesens wert. Vom Aufbau her zwar nicht gerade originell (nach einer kurzen, heftigen Einleitung beginnt alles in friedlichen Zügen, um dann immer weiter in das Grauen hineinzuführen), findet man dahinter jedoch eine schöne Geschichte, die einfühlsam erzählt an den Leser herantritt. Angerhuber erzählt ihre Story in einem angenehm zu lesenden, fast schon poetischen Stil und haut dem Leser so nebenbei das Grauen um die Ohren, das er zuerst gar nicht so richtig mitbekommen will. „Die Enthüllungen des Raupenwolfs“ ist eine gute Story, die dem Leser fast so etwas wie Freude bereitet - wäre da nicht das Grauen, das sie sehr gut wiedergibt...

Klaus Neff: „Bestandsaufnahme“
Ein Angeklagter steht vor Gericht, wird eines grausamen Verbrechens beschuldigt.

Klaus Neffs schreibt die Bestandsaufnahme aus der Sicht des Angeklagten und führt den Leser in der kurzen Geschichte immer näher an das eigentliche Verbrechen heran, das am Ende auf ihn eindringt. Die makabre Handlung zielt auf diesen Höhepunkt am Ende ab und erreicht prompt auch das, was sie beim Leser erreichen will.

Michael Siefener: „Vallis illa“
Julian Sauer steht vor seinem Elternhaus, aus dem inzwischen eine Pension geworden ist. Da er sich von seiner Freundin getrennt hat, zieht er dort ein und muß bald feststellen, daß sich die Straße seiner Kindheit verändert hat und nicht unbedingt alles so ist, wie es scheint...

Auch Michael Siefener sollte dem aufmerksamen Flash-Leser kein Unbekannter mehr sein, findet sich im letzten Flash doch eine Rezension seiner Novelle „Nonnen“, die übrigens als limitierter Privatdruck am Ende von Daedalos auch noch einmal beworben wird. Auch hier beweist Siefener wieder einmal, daß er mit zum Besten gehört, was sich in Sachen semiprofessioneller Autoren im Phantastik-Fandom herumtreibt. Zwar stellt „Vallis illa“ eher eine seiner schwächeren Stories dar, liegt qualitativ aber immer noch weit über dem Durchschnitt dessen, was man sonst so geboten bekommt. In dieser Geschichte nimmt er den Leser mit auf einem düsteren Trip durch die Straße, in der das Elternhaus des Protagonisten liegt und in dem sich das Grauen langsam fortführt und die Wirklichkeit allmählich hinter dem Schein hervorschaut. „Vallis illa“ ist sicherlich die beste der in diesem Band vorgestellten Geschichten. Es stellt sich wirklich die Frage, wann denn endlich mal einer der renommierten Verlage auf Siefener aufmerksam wird. Zeit dafür wäre es jedenfalls allemal.

Jörg Weigand: „Die Straße ins Nichts“
Der einundzwanzigjährige Karl-Heinz Schulten fährt Auto...

Weigands „Straße ins Nichts“ erschien bereits 1989 in „Die Glocke Nr. 2“ und stellt eine recht eigenwillige Sicht des Verkehrs auf deutschen Straßen dar. Der Protagonist wird die Fahrt jedenfalls nicht so schnell vergessen. Anders jedoch der Leser, da die Geschichte nicht unbedingt zu den herausragenden gehört und sich auch nicht weiter einprägt. Zwar ist sie nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut, hinterläßt keinen großartigen bleibenden Eindruck. Mittelmaß eben - und das von einem Altmeister der Phantastik, von dem man auch schon besseres gelesen hat.

Bertram Kuzzath: „Alptraumhaft“
Bergner findet sich nach einem Anfall in einer Klinik wieder. Seiner Überzeugung nach wird er sich nur einmal in seinem Leben in einer Klinik aufhalten - und er hat noch keine Lust zu sterben...

„Alptraumhaft“ löst wahrhaft Alpträume aus. Kuzzath beschreibt die innere Qual des Herrn Bergner eindringlich und mitfühlend, läßt den Leser an dieser Qual teilhaben. Umso stärker wirkt sich das Ende der Geschichte aus, das dem Leser noch einmal mit aller Macht eins über den Schädel zieht. Eine wirklich gelungene Geschichte.

Joseph Sheridan LeFanu: „Der Dorftyrann“
Ned Moran legt sich mit Bully Larkin an, dem Schläger des Dorfes. Und alle wünschen sich, daß dieser endlich einmal einen Dämpfer bekommt, da sie alle unter ihm zu leiden haben...

„Der Dorftyrann“ ist sicherlich die ungewöhnlichste Geschichte in diesem Band. Nicht nur, daß die von Hubert Katzmarz übersetzte Story bereits 1851 ihre Erstveröffentlichung in „Ghost Stories of Chapelizod“ - Dublin University Magazine feiern konnte, sie ist auch von einer starken moralischen Aussage durchdrungen, die dem Leser unverblümt vor Augen gehalten wird. Man merkt ihr durchgehend an, daß sie in der Mitte des letzten Jahrhunderts entstanden ist. Insgesamt eine recht nette Story, jedoch kann ich nicht besonders viel mit diesen stark moralisch geprägten Stories des vorigen Jahrhunderts anfangen.

Zusammenfassend präsentiert sich „Daedalos“ als eine solide Storysammlung der Phantastik, die in einem schlichten, gut lesbaren, augenfreundlichen Layout daherkommt und einen etwas edleren Eindruck auf den Leser macht. Die Story-Auswahl ist relativ gut gelungen, die meisten Stories sind durchaus gut bis sehr gut zu nennen, wobei die gelegentlichen Ausfälle nicht großartig ins Gewicht fallen. (Bei „Der Dorftyrann“ ist die Bezeichnung „Ausfall“ sowieso rein geschmacksbedingt.)
Die bunte Mischung der Geschichten macht das Heft auf jeden Fall lesenswert und hebt es in die höheren Schichten der Fandom-Publikationen.

Fazit:
Mit der Nr. 5 präsentiert sich „Daedalos“ als ein gutes Story-Magazin, das den Leser zu unterhalten vermag. Hier finden sich einige sehr gute Stories bekannter und auch nicht ganz so bekannter (Fandom-) Autoren, die durchaus lesenswert sind. Am besten bestellt man sich gleich ein Abo des zweimal im Jahr erscheinenden Magazins. Es lohnt sich in jedem Fall.
12 Punkte.

Winfried Brand

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