Deadalos
versteht sich als Story Reader für Phantastik, und so finden
sich in der vorliegenden Ausgabe Nr. 5 insgesamt sechs (Kurz-)
Geschichten verschiedener, teils mehr, teils weniger renommierter
Autoren.
Eddie M. Angerhuber: Die Enthüllungen des
Raupenwolfs
Die neue Mieterin einer Dreizimmerwohnung findet in dieser ein
unglaubliches Chaos vor. Doch die Aufräumarbeiten gestalten sich
anders, als sie es sich vorgestellt hat. Und ihre Träume zeigen
ihr eine seltsame Welt...
Die Berliner Autorin Eddie M. Angerhuber ist dem aufmerksamen
Flash-Leser sicherlich keine Unbekannte mehr. Bisher zwei
Kurzgeschichtensammlungen aus ihrer Feder wurden in früheren
Ausgaben des Flash rezensiert. Und auch diese Story ist durchaus des
Lesens wert. Vom Aufbau her zwar nicht gerade originell (nach einer
kurzen, heftigen Einleitung beginnt alles in friedlichen Zügen,
um dann immer weiter in das Grauen hineinzuführen), findet man
dahinter jedoch eine schöne Geschichte, die einfühlsam
erzählt an den Leser herantritt. Angerhuber erzählt ihre
Story in einem angenehm zu lesenden, fast schon poetischen Stil und
haut dem Leser so nebenbei das Grauen um die Ohren, das er zuerst gar
nicht so richtig mitbekommen will. Die Enthüllungen des
Raupenwolfs ist eine gute Story, die dem Leser fast so etwas
wie Freude bereitet - wäre da nicht das Grauen, das sie sehr gut
wiedergibt...
Klaus Neff: Bestandsaufnahme
Ein Angeklagter steht vor Gericht, wird eines grausamen Verbrechens
beschuldigt.
Klaus Neffs schreibt die Bestandsaufnahme aus der Sicht des
Angeklagten und führt den Leser in der kurzen Geschichte immer
näher an das eigentliche Verbrechen heran, das am Ende auf ihn
eindringt. Die makabre Handlung zielt auf diesen Höhepunkt am
Ende ab und erreicht prompt auch das, was sie beim Leser erreichen
will.
Michael Siefener: Vallis illa
Julian Sauer steht vor seinem Elternhaus, aus dem inzwischen eine
Pension geworden ist. Da er sich von seiner Freundin getrennt hat,
zieht er dort ein und muß bald feststellen, daß sich die
Straße seiner Kindheit verändert hat und nicht unbedingt
alles so ist, wie es scheint...
Auch Michael Siefener sollte dem aufmerksamen Flash-Leser kein
Unbekannter mehr sein, findet sich im letzten Flash doch eine
Rezension seiner Novelle Nonnen, die übrigens als
limitierter Privatdruck am Ende von Daedalos auch noch einmal
beworben wird. Auch hier beweist Siefener wieder einmal, daß er
mit zum Besten gehört, was sich in Sachen semiprofessioneller
Autoren im Phantastik-Fandom herumtreibt. Zwar stellt Vallis
illa eher eine seiner schwächeren Stories dar, liegt
qualitativ aber immer noch weit über dem Durchschnitt dessen,
was man sonst so geboten bekommt. In dieser Geschichte nimmt er den
Leser mit auf einem düsteren Trip durch die Straße, in der
das Elternhaus des Protagonisten liegt und in dem sich das Grauen
langsam fortführt und die Wirklichkeit allmählich hinter
dem Schein hervorschaut. Vallis illa ist sicherlich die
beste der in diesem Band vorgestellten Geschichten. Es stellt sich
wirklich die Frage, wann denn endlich mal einer der renommierten
Verlage auf Siefener aufmerksam wird. Zeit dafür wäre es
jedenfalls allemal.
Jörg Weigand: Die Straße ins Nichts
Der einundzwanzigjährige Karl-Heinz Schulten fährt
Auto...
Weigands Straße ins Nichts erschien bereits 1989 in
Die Glocke Nr. 2 und stellt eine recht eigenwillige Sicht
des Verkehrs auf deutschen Straßen dar. Der Protagonist wird
die Fahrt jedenfalls nicht so schnell vergessen. Anders jedoch der
Leser, da die Geschichte nicht unbedingt zu den herausragenden
gehört und sich auch nicht weiter einprägt. Zwar ist sie
nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut, hinterläßt
keinen großartigen bleibenden Eindruck. Mittelmaß eben -
und das von einem Altmeister der Phantastik, von dem man auch schon
besseres gelesen hat.
Bertram Kuzzath: Alptraumhaft
Bergner findet sich nach einem Anfall in einer Klinik wieder. Seiner
Überzeugung nach wird er sich nur einmal in seinem Leben in
einer Klinik aufhalten - und er hat noch keine Lust zu sterben...
Alptraumhaft löst wahrhaft Alpträume aus.
Kuzzath beschreibt die innere Qual des Herrn Bergner eindringlich und
mitfühlend, läßt den Leser an dieser Qual teilhaben.
Umso stärker wirkt sich das Ende der Geschichte aus, das dem
Leser noch einmal mit aller Macht eins über den Schädel
zieht. Eine wirklich gelungene Geschichte.
Joseph Sheridan LeFanu: Der Dorftyrann
Ned Moran legt sich mit Bully Larkin an, dem Schläger des
Dorfes. Und alle wünschen sich, daß dieser endlich einmal
einen Dämpfer bekommt, da sie alle unter ihm zu leiden
haben...
Der Dorftyrann ist sicherlich die ungewöhnlichste
Geschichte in diesem Band. Nicht nur, daß die von Hubert
Katzmarz übersetzte Story bereits 1851 ihre
Erstveröffentlichung in Ghost Stories of Chapelizod
- Dublin University Magazine feiern konnte, sie ist auch von einer
starken moralischen Aussage durchdrungen, die dem Leser
unverblümt vor Augen gehalten wird. Man merkt ihr durchgehend
an, daß sie in der Mitte des letzten Jahrhunderts entstanden
ist. Insgesamt eine recht nette Story, jedoch kann ich nicht
besonders viel mit diesen stark moralisch geprägten Stories des
vorigen Jahrhunderts anfangen.
Zusammenfassend präsentiert sich Daedalos als eine
solide Storysammlung der Phantastik, die in einem schlichten, gut
lesbaren, augenfreundlichen Layout daherkommt und einen etwas edleren
Eindruck auf den Leser macht. Die Story-Auswahl ist relativ gut
gelungen, die meisten Stories sind durchaus gut bis sehr gut zu
nennen, wobei die gelegentlichen Ausfälle nicht großartig
ins Gewicht fallen. (Bei Der Dorftyrann ist die
Bezeichnung Ausfall sowieso rein geschmacksbedingt.)
Die bunte Mischung der Geschichten macht das Heft auf jeden Fall
lesenswert und hebt es in die höheren Schichten der
Fandom-Publikationen.
Fazit:
Mit der Nr. 5 präsentiert sich Daedalos als ein
gutes Story-Magazin, das den Leser zu unterhalten vermag. Hier finden
sich einige sehr gute Stories bekannter und auch nicht ganz so
bekannter (Fandom-) Autoren, die durchaus lesenswert sind. Am besten
bestellt man sich gleich ein Abo des zweimal im Jahr erscheinenden
Magazins. Es lohnt sich in jedem Fall.
12 Punkte.