Wenn man
solche Kommentare auf dem Einband liest wie: Einer der besten
Autoren seiner Generation (und da McDonald 1960 geboren wurde,
gehört er wohl zu meiner Generation), dann ist das für mich
normalerweise ein Grund, schon recht kritisch an ein Buch
heranzugehen. In diesem Fall war das aber unnötig. Ian McDonalds
Roman Narrenopfer war zugegebenermaßen einer der
besten Romane, die ich in letzter Zeit (ich weiß gar nicht, wie
lang ich zurückgehen muß) gelesen habe.
Okay, die Story ist nicht unbedingt neu. Außerirdische, etwa
acht Millionen, kommen zur Erde, und gegen Herausgabe ihrer Technik
wird ihnen hier ein Heim geboten.
Der Roman dreht sich, wie zu erwarten, um die Probleme der Shian oder
auch Outsider genannten Aliens mit den Einheimischen, also uns. Das
Ganze hat mich im ersten Moment an eine Film- und Fernsehreihe
erinnert, die von Alan Dean Foster auch als Roman herausgegeben
wurde, Alien Nation - ein menschlicher Cop löst mit
seinem außerirdischen Partner Fälle zwischen den Rassen.
War zu seiner Zeit eine meiner Lieblingsserien und auch ein gutes
Buch.
Doch Narrenopfer von Ian McDonald finde ich noch um
einiges besser. Er schildert die Situation in Nordirland zu Anfang
des nächsten Jahrtausends, und man merkt McDonald das
Zugehörigkeitsgefühl zu der dortigen Bevölkerung ohne
Zweifel an. Auch seine Probleme mit der Starrköpfigkeit und
Kleinkariertheit im Denken der Menschen in ihren festgefahrenen
Bahnen als Katholiken und Protestanten ganz einfach mit der
menschlichen Irrationalität und den Schwächen unserer
sogenannten westlichen Kultur. (Zugegebenermaßen richtet sich
die Kritik des Autors besonders auch an die männliche Seite
unserer Zivilisation, der man - wenn man dem gleichen Speziesteil
angehört - nicht so gern zustimmt, der man aber nicht unbedingt
widersprechen kann.) (* In der Tat - welches der beiden
Geschlechter hatte schließlich auf unserem Planeten
hauptsächlich das Sagen, hat es in so manchen Kulturkreisen auch
heute noch uneingeschränkt - und wieviele europäische
Männer glauben selbst in der heutigen ach so toleranten Zeit der
angeblichen Gleichberechtigung, daß sich an der sogenannten
traditionellen Rollenverteilung noch nichts geändert
hat (und sind auch noch stolz auf ihre Überzeugung)? Heike)
Irgendwie könnte man dieses Buch mehr als Gesellschaftskritik
sehen statt als SF-Roman. Dies alles wird teils mit spitzer Zunge und
natürlich auch überkarikiert vorgetragen (oder auch nicht -
das kommt wohl auf die Sichtweise an).
Bis auf ein paar kleine Ausrutscher hat der Übersetzer
hervorragende Arbeit geleistet, zu der wahrscheinlich oder wenigstens
zum Teil die Fußnoten zählen dürften, die einige
Feinheiten der nordirischen Eigenarten genauer erklären.
Der Hauptakteur des Romans ist Andy Gillespie, ein ehemaliger der
protestantischen, paramilitärischen Seite zugehöriger
Terrorist, der just in dem Moment verhaftet wird, als die Menschheit
zum ersten Mal in Kontakt mit den Außerirdischen tritt. Im
Gefängnis, dem Maze, wird er geläutert hört
sich banal an, wird aber geschickt vorgetragen. Nach drei Jahren, in
einer Generalamnestie, kann er den Knast wieder verlassen. Gillespie
kann nun Narha, die Sprache der Shian, die er von einem
miteingesperrten Outsider im Gefängnis lernte. Auch wenn lernen
vielleicht der falsche Ausdruck ist, denn die Shian vermitteln ihr
Wissen durch ihre Körperchemie.
Gillespie also betätigt sich nun als Vermittler zwischen der
menschlichen und der Shian-Seite in einem Welcome-Center in Belfast.
Er hat eine neue Aufgabe im Leben gefunden und in den ansässigen
Shian fast so etwas wie eine neue Familie. Bis, ja bis diese Shian
auf bestialische Weise ermordet werden und Gillespie selbst unter
Mordverdacht gerät.
Wie Ian McDonald die Akteure in seinem Buch beschreibt, wie er
uns auf den Zahn fühlt, macht diesen Roman für
mich fast unwiderstehlich. Die beschriebenen Personen sind wirkliche
Menschen, eigentlich alles Verlierer, gezeichnet vom Leben,
niedergeknüppelt und wieder aufgestanden, manchmal vielleicht
etwas klischeehaft überzeichnet, doch das kann ich ohne Probleme
zubilligen. Als Menschenfreund möchte ich Ian McDonald wirklich
nicht bezeichnen, dafür ist sein Bild etwas zu schwarz. Oder
soll ich sagen, zu realistisch!? (* Fast will es mir scheinen,
als wäre letzteres zutreffender. Heike)
Natürlich bewegt sich der Roman in der Personendarstellung in
den mitunter üblichen Fahrwassern; so wächst der
Loser-Held, Andy Gillespie, sehr über sich hinaus und hat auch
eine Quasi-Liebesaffäre mit einer Außerirdischen. Aber
dies alles hält sich doch so im Rahmen und wird so gut
rübergegeben, daß es am Ende doch überzeugend
wirkt.
McDonald zeigt die Probleme Nordirlands hier hauptsächlich
anhand der protestantischen Seite auf, wobei seine Kenntnisse
über die Vielfalt der verschiedenen Splittergruppen schon
verwirren können, sein Wissen über die Problematik und die
Verrücktheit der Anfeindungen aber bestens zur Geltung kommen.
Man erkennt hier einen Menschen, der sich wirklich um sein Land
sorgt, in dem er seit 1965 selbst lebt, auch wenn er tatsächlich
in Manchester geboren wurde.
Wie ich schon am Anfang dieser Rezi schrieb: Dieses Buch als reinen
SF-Roman abzutun, wäre verschwendet. Dafür trägt es zu
viele gesellschaftskritische Züge, und das macht den Roman
für mich zu wirklich hervorragendem Lesestoff, den man nur so
verschlingen kann. Wenn ich mich schon an die Notengebung im Flash
anpassen muß oder in diesem Fall auch will, dann kann ich dem
Buch nur fünfzehn Punkte geben und es auf jeden Fall
weiterempfehlen.