Ian McDonald:

„Narrenopfer“

OT: Sacrifice of Fools
Ü: Jakob Leutner
GB 1996
(445 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/5981, ISBN 3-453-14867-3, 16+90++)
- erschienen: November 1998 -

Wenn man solche Kommentare auf dem Einband liest wie: „Einer der besten Autoren seiner Generation“ (und da McDonald 1960 geboren wurde, gehört er wohl zu meiner Generation), dann ist das für mich normalerweise ein Grund, schon recht kritisch an ein Buch heranzugehen. In diesem Fall war das aber unnötig. Ian McDonalds Roman „Narrenopfer“ war zugegebenermaßen einer der besten Romane, die ich in letzter Zeit (ich weiß gar nicht, wie lang ich zurückgehen muß) gelesen habe.
Okay, die Story ist nicht unbedingt neu. Außerirdische, etwa acht Millionen, kommen zur Erde, und gegen Herausgabe ihrer Technik wird ihnen hier ein Heim geboten.
Der Roman dreht sich, wie zu erwarten, um die Probleme der Shian oder auch Outsider genannten Aliens mit den Einheimischen, also uns. Das Ganze hat mich im ersten Moment an eine Film- und Fernsehreihe erinnert, die von Alan Dean Foster auch als Roman herausgegeben wurde, „Alien Nation“ - ein menschlicher Cop löst mit seinem außerirdischen Partner Fälle zwischen den Rassen. War zu seiner Zeit eine meiner Lieblingsserien und auch ein gutes Buch.
Doch „Narrenopfer“ von Ian McDonald finde ich noch um einiges besser. Er schildert die Situation in Nordirland zu Anfang des nächsten Jahrtausends, und man merkt McDonald das Zugehörigkeitsgefühl zu der dortigen Bevölkerung ohne Zweifel an. Auch seine Probleme mit der Starrköpfigkeit und Kleinkariertheit im Denken der Menschen in ihren festgefahrenen Bahnen als Katholiken und Protestanten — ganz einfach mit der menschlichen Irrationalität und den Schwächen unserer sogenannten westlichen Kultur. (Zugegebenermaßen richtet sich die Kritik des Autors besonders auch an die männliche Seite unserer Zivilisation, der man - wenn man dem gleichen Speziesteil angehört - nicht so gern zustimmt, der man aber nicht unbedingt widersprechen kann.) (* In der Tat - welches der beiden Geschlechter hatte schließlich auf unserem Planeten hauptsächlich das Sagen, hat es in so manchen Kulturkreisen auch heute noch uneingeschränkt - und wieviele europäische Männer glauben selbst in der heutigen ach so toleranten Zeit der angeblichen Gleichberechtigung, daß sich an der sogenannten ‘traditionellen’ Rollenverteilung noch nichts geändert hat (und sind auch noch stolz auf ihre Überzeugung)? Heike)
Irgendwie könnte man dieses Buch mehr als Gesellschaftskritik sehen statt als SF-Roman. Dies alles wird teils mit spitzer Zunge und natürlich auch überkarikiert vorgetragen (oder auch nicht - das kommt wohl auf die Sichtweise an).
Bis auf ein paar kleine Ausrutscher hat der Übersetzer hervorragende Arbeit geleistet, zu der wahrscheinlich oder wenigstens zum Teil die Fußnoten zählen dürften, die einige Feinheiten der nordirischen Eigenarten genauer erklären.

Der Hauptakteur des Romans ist Andy Gillespie, ein ehemaliger der protestantischen, paramilitärischen Seite zugehöriger Terrorist, der just in dem Moment verhaftet wird, als die Menschheit zum ersten Mal in Kontakt mit den Außerirdischen tritt. Im Gefängnis, dem Maze, wird er geläutert — hört sich banal an, wird aber geschickt vorgetragen. Nach drei Jahren, in einer Generalamnestie, kann er den Knast wieder verlassen. Gillespie kann nun Narha, die Sprache der Shian, die er von einem miteingesperrten Outsider im Gefängnis lernte. Auch wenn lernen vielleicht der falsche Ausdruck ist, denn die Shian vermitteln ihr Wissen durch ihre Körperchemie.
Gillespie also betätigt sich nun als Vermittler zwischen der menschlichen und der Shian-Seite in einem Welcome-Center in Belfast. Er hat eine neue Aufgabe im Leben gefunden und in den ansässigen Shian fast so etwas wie eine neue Familie. Bis, ja bis diese Shian auf bestialische Weise ermordet werden und Gillespie selbst unter Mordverdacht gerät.

Wie Ian McDonald die Akteure in seinem Buch beschreibt, wie er „uns“ auf den Zahn fühlt, macht diesen Roman für mich fast unwiderstehlich. Die beschriebenen Personen sind wirkliche Menschen, eigentlich alles Verlierer, gezeichnet vom Leben, niedergeknüppelt und wieder aufgestanden, manchmal vielleicht etwas klischeehaft überzeichnet, doch das kann ich ohne Probleme zubilligen. Als Menschenfreund möchte ich Ian McDonald wirklich nicht bezeichnen, dafür ist sein Bild etwas zu schwarz. Oder soll ich sagen, zu realistisch!? (* Fast will es mir scheinen, als wäre letzteres zutreffender. Heike)
Natürlich bewegt sich der Roman in der Personendarstellung in den mitunter üblichen Fahrwassern; so wächst der Loser-Held, Andy Gillespie, sehr über sich hinaus und hat auch eine Quasi-Liebesaffäre mit einer Außerirdischen. Aber dies alles hält sich doch so im Rahmen und wird so gut rübergegeben, daß es am Ende doch überzeugend wirkt.
McDonald zeigt die Probleme Nordirlands hier hauptsächlich anhand der protestantischen Seite auf, wobei seine Kenntnisse über die Vielfalt der verschiedenen Splittergruppen schon verwirren können, sein Wissen über die Problematik und die Verrücktheit der Anfeindungen aber bestens zur Geltung kommen. Man erkennt hier einen Menschen, der sich wirklich um sein Land sorgt, in dem er seit 1965 selbst lebt, auch wenn er tatsächlich in Manchester geboren wurde.
Wie ich schon am Anfang dieser Rezi schrieb: Dieses Buch als reinen SF-Roman abzutun, wäre verschwendet. Dafür trägt es zu viele gesellschaftskritische Züge, und das macht den Roman für mich zu wirklich hervorragendem Lesestoff, den man nur so verschlingen kann. Wenn ich mich schon an die Notengebung im Flash anpassen muß oder in diesem Fall auch will, dann kann ich dem Buch nur fünfzehn Punkte geben und es auf jeden Fall weiterempfehlen.

Bernd Krosta

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