Lutz Büge:

„Genetics“

D 1999
(383 Seiten, Taschenbuch, MännerschwarmSkript Verlag, ISBN 3-928983-67-9, DM 29,80)
- erschienen: April 1999 -

Zum Inhalt:
Block Arkansas wurde 2012 nach langer Planungsphase als Projekt mit dem Status „above top secret“ gestartet. Heute, 150 Jahre später, leben in diesem, einen Kilometer unter der Erdoberfläche gelegenen und hermetisch abgeschlossenen Komplex die sogenannten Tics. Sie bilden eine reine künstliche Männergesellschaft, die von einem Computer mit Namen Ciah geleitet wird. Zwar existieren hier unten auch Frauen, doch sind diese in einem eigenen Komplex hermetisch von den Männern abgeschlossen und dienen nur noch als Gebärmaschine. Cal ist einer dieser gentechnisch manipulierten Tics, vielleicht sogar der am weitesten entwickelte. Doch nach einem erfolgreich durchgeführten Polizeieinsatz gegen einen Sexualverbrecher, der unerlaubt mit einer Frau zusammen war, scheint Ciah irgendetwas gegen ihn im Schilde zu führen.

Ob „Genetics“ der erste deutsche schwule SF-Thriller ist oder nicht, darüber mögen andere entscheiden - übrigens ist sich auch der Verlag in diesem Punkt nicht sicher. Lutz Büge jedenfalls entwickelt als Schwuler hier das düstere Bild einer Männerwelt, die, von Militärs und Geheimdiensten geplant und verwirklicht, nach und nach in sich zusammenbricht.
Sicherlich mag der Computer Ciah den einen oder anderen an „Big Brother“ aus Orwells „1984“ erinnern, und die weitere Handlung kann einen gewissen Touch von „Logan’s Run“ auch nicht verheimlichen. Lutz Büge strickt jedoch aus diesen Zutaten einen SF-Thriller, der spannend und interessant daherkommt. Der Autor verläßt sich dabei nicht auf die reinen Elemente des Thrillers, sondern analysiert seine künstliche Männerwelt bis ins Innerste, gbit den zwischenmenschlichen Interaktionen Raum, sich zu entwickeln. Gerade diese Analyse dieser (eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilten) Utopie einer reinen Männergesellschaft (und sei es nur, weil die Militärs einen besseren Menschen schaffen wollen), verhilft diesem Roman zu seinem wirklichen Reiz.
Interessant sind auch Büges Charaktere. Diese leben, zeigen Gefühle und entwickeln sich weiter - und auch der Computer Ciah entwickelt teilweise fast menschliche Züge, wenn es um die Frage geht, wie es mit seiner geistigen Gesundheit bestellt ist. Gerade die Schilderung der Entwicklung von Menschlichkeit in einer unmenschlichen Umgebung gelingt dem Autor gut, indem er seine Protagonisten immer menschlicher werden läßt, je mehr Unmenschlichkeit ihnen entgegengeworfen wird.
Daß in diesem Szenario die Rolle des Gentechnikers, der die Entwicklung des Menschen vorantreiben will, ausgerechnet einem Computer überlassen bleibt, der sich selber für unfehlbar hält, der keine Gefühle entwickeln kann, mag einen Interpretationsansatz darstellen, wenn es um die Frage der Einstellung des Autors zur Gentechnik im Allgemeinen geht. Ciah jedoch hegt insgeheim auch Zweifel an der moralischen Richtigkeit ihres Tuns, kann diese nicht offen zeigen und wird von diesem Zwiespalt in eine Lage gebracht, die sich als höchst gefährlich und unberechenbar erweist.
Insgesamt hat Lutz Büge hier einen Roman vorgelegt, der sicherlich ungewöhnlich daherkommt, seine Gesellschaftskritik jedoch mittels einer Mischung aus Faszination und Schrecken angesichts der Düsternis dieser Welt an den Leser bringt. Daß daraus dann ein spannender und lesenswerter SF-Thriller geworden ist, ist durchaus erfreulich.

Fazit:
Lutz Büges Roman „Genetics“ entpuppt sich als spannender, aber auch sozial- und gesellschaftskritischer SF-Thriller reinsten Wassers, dessen Lektüre man guten Gewissens weiterempfehlen kann.
12 Punkte

Winfried Brand


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