James Morrow:

„Das Gottesmahl“

OT: Towing Jehova
Ü: Horst Pukallus
USA 1994
(494 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/6312, ISBN 3-453-14903-3, DM 19,90)
- erschienen: Mai 1999 -

Zum Inhalt:
Anthony van Horne hat ein Problem: Seit vor einem Jahr der Supertanker Valparaiso auf ein Riff gelaufen und leckgeschlagen ist, wobei er seine Ladung Öl an der Küste Floridas verteilt hat, plagen ihn Träume des Ereignisses. Denn er war der Kapitän des Tankers und hatte die Brücke zum Zeitpunkt des Unglücks verlassen, um sich unter Deck in seiner Kabine einem Migräneanfall hinzugeben. Seitdem quälen ihn diese Alpträume, fühlt er sich über und über mit Öl verschmutzt. Inzwischen ist er dazu übergegangen, sonntags nachts im Brunnen einer für Touristen aufgestellten Kirche rituelle Waschungen vorzunehmen, um sich so von dem Öl und der Schuld zu befreien.
Doch eines Sonntags trifft er auf einen Engel, stilecht mit Schwingen und Heiligenschein - nur daß dieser flackert. Der Engel stellt sich als Rafael vor, und auch er hat ein Problem: Gott ist tot. Aber nicht nur, daß Gott tot ist - seine leiblichen Überreste sind auch auf die Erde gefallen und schwimmen nun im Meer herum. Rafael möchte, daß van Horne wieder mit der Valparaiso auf Reisen geht; diesmal, um den Leichnam Gottes zu bergen und in ein Grab in der Arktis zu schleppen, wo er eingefroren werden soll.

James Morrow gilt zu Recht als einer der besten Satiriker der Science Fiction. Dies beweist er auch im vorliegenden Roman wieder, in dem er sich dem Ableben Gottes und den daraus resultierenden Folgen mit geschärftem Blick und teilweise noch schärferer Feder widmet.
Die Geschichte des Abschleppens Gottes sucht sicherlich ihresgleichen in der SF-Literatur. Dabei erzählt Morrow die Handlung im Rahmen der skurrilen Prämisse durchaus in vollem Ernst weiter, woraus sich Situationen ergeben, die man zuerst kaum glauben möchte.
Natürlich wirkt sich der Anblick der Leiche auf die Mannschaft des Tankers aus, deren Moral immer mehr aus dem Ruder zu laufen scheint, bis die Entwicklung in einem Höhepunkt geradezu explodiert und hier erst einmal wieder Ruhe einkehrt.
Doch auch der Vatikan, dem inzwischen langsam klar wird, daß man nun freie Hand hat, da auch die Engel aus Gram den Löffel abgegeben haben, plant offensichtlich anderes mit dem Leichnam, als ursprünglich von den Engeln vorgesehen war. Dessen ungeachtet greift eine Gruppe von Atheisten in das Geschehen ein, die ebenfalls ihre eigenen Interessen verfolgt.
Aus diesen Zutaten mixt Morrow eine aberwitzige Geschichte, die an keiner Stelle langweilig wirkt, den Leser vielmehr in ihren Bann zieht und bis zur letzten Seite nicht mehr losläßt. Daß man dabei auch mehr als einmal befreit auflacht bzw. das Lachen einem vor Beklemmung fast im Hals steckenbleibt, ist eigentlich selbstverständlich bei einem satirischen Werk dieser Qualität.
Alles in allem also ein Roman, der gut und gerne seine 15 Punkte verdient hätte, wäre - ja, wäre da nicht die deutsche Übersetzung, die zwar durchaus durchdacht, jedoch in einer Form daherkommt, die an eine Beta-Version erinnert, die nicht mehr korrekturgelesen wurde. Völlig untypisch für Horst Pukallus machen sich dann Schreib- und Grammatikfehler in einem Maße breit, das nicht mehr vertretbar erscheint.
Da faßt ein Glas Wasser schon mal 10 cm³ (0,01 Ltr.) (* Das wäre dann kein Sturm im Wasser-, sondern im Schnapsglas, wenn ich das richtig verstehe... Heike), oder ein Priester „beeilte sich durch die Straßen der Stadt davon.“ Bei einem Propangaskocher flammt das „Glas“ auf, und das Packeis „kirscht“ verhalten. (* Da hammse dann halt ein bißchen ‘granite’ mit Kirscharoma dazugepackt... Heike)
Aus all diesen Tippfehlern erwachsen dann Grammatikfehler, wenn aus einem „jeder“ ein „jedem“ wird, was in Abwandlungen ebenfalls recht häufig zu finden ist.
In dem Plakattitel „Pembroke & Flume präsentieren: Ardennenoffensive“ suche ich übrigens immer noch das zweite „T“, das laut der Übersetzung vorhanden sein sollte...
All dies ist um so verwunderlicher, da Horst Pukallus eigentlich als einer der sehr guten Übersetzer bekannt ist. Ich kann es mir wirklich nur so erklären, daß aus Versehen die falsche Version der Übersetzung beim Verlag gelandet ist. (* ...wo dann der Fehler gemacht wurde, blind vorauszusetzen, daß es schon die richtige Version sein würde... Kennst Du übrigens den Witz, daß angeblich (vor Jahren mal) eine „Band“ (es war natürlich gar keine!) einer Plattenfirma eine leere (sogar noch original-eingeschweißte!!!) Democassette geschickt hat - und den üblichen Brief zurückbekam: „Tja, Leute, Eure Mucke ist ja ganz gut, aber zur Zeit haben wir keine Verwendung für Euch...“ War, glaube ich, in „Wie bitte?“ oder so. Kein weiterer Kommentar nötig, oder? Heike)

Fazit:
James Morrows „Das Gottesmahl“ bietet einen fantastischen Roman für alle, die mit intelligenter Satire etwas anfangen können. Wenn auch der eine oder andere gottesgläubige Mensch (* Diese gelten bereits als aussterbende Art und stehen unter strengem Naturschutz, was allerdings wohl nicht mehr viel nützen wird... Heike) zumindest bei einzelnen Szenen so seine Problemchen haben dürfte (z.B. wenn ein Priester über die Genitalien Gottes philosophiert), so bleibt im Großen und Ganzen eine Geschichte, die ihresgleichen sucht. Die Übersetzung im Beta-Stadium reißt den Roman dann leider in der Wertung wieder von der Höchstpunktzahl herunter auf
13 Punkte.

Winfried Brand


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