Märchen
sind nicht immer kindergerecht geschrieben. (* Fast nie!
Siehe weiter unten... Heike) Märchen sollen uns auch oft
etwas über das Leben erzählen und uns mit ihrer >Moral
von der Geschicht< den rechten Weg weisen. Nun ja, dies
trifft auch auf dieses Buch von Barbara Büchner zu. Kindgerecht
ist es bestimmt nicht geschrieben, aber das ist für einen
älteren Leser natürlich nicht negativ. Das Buch
bewegt sich eher in Richtung des sogenannten Schauerromans - oder
eben auch nicht so harmloser Märchen. (Obwohl die alten
Märchen ja meist auch gar nicht so harmlos sind.)
(* Latürnich nicht - die Grimmigen
Gebrüder haben viel verharmlost! Aber
laß Dir im gleichen Atemzug gesagt sein, daß selbst
heute noch viele - sogar jüngere - Eltern den
Struwwelpeter (u. ä.) als wertvolle und
wohlberechtigte Erziehungsmaßnahme ansehen... Heike)
Ein neun Jahre altes Mädchen wird mit dem Zug zu seinem Onkel
Abelard geschickt, um auf dem Schloß Carnanoth bei ihm zu
leben. Auf einer Zwischenstation in einem Hotel erhält das
Mädchen vor der Weiterreise ein Geschenk von ihrem Onkel
überreicht. Dabei handelt es sich um die Geschichte von Merle,
die von ihren Eltern zum Schloßherrn geschickt wurde, um ihm
frische Erbeeren zu überbringen, aber der Schloßherr ist
nicht nur auf die kleinen Mitbringsel von Kindern aus, sondern auch
sehr an ihnen selbst interessiert.
Das junge Mädchen wird von einem Chauffeur zu ihrem Onkel
befördert - und im Schloß ihres Verwandten immer mehr in
eine unheimliche Geschichte hineingezogen. Sie wird selbst zu Merle,
der Figur aus dem ihr zugeschickten Buch, und Realität und
Phantasie verschwimmen immer mehr, bis sie schließlich
untrennbar verwoben sind.
Die Autorin versteht es geschickt, ihre Geschichte aufzubauen. Die
Hinreise im Zug entspricht noch fast unserer realen Welt, aber auch
hier tauchen schon irreale Elemente auf, die schließlich ganz
in einer märchenhaften Umwelt enden.
Es ist ein schön geschriebenes Buch über die Bildung der
Bewußtheit eines Menschen und über das Erkennen, was
richtig und falsch ist. Damit sind wir auch schon bei der
größten Schwäche des Romans der Moral von der
Geschicht. Diese Moral wird am Ende so bestimmend, daß
sie mir den Spaß, den ich beim Lesen dieses Buches anfangs
hatte, ziemlich verdirbt.
Bis dahin wäre das Buch meiner Meinung nach ein sicherer
Kandidat für 14 oder gar 15 Punkte gewesen, doch so wird es am
Ende ziemlich gekippt. Noch mehr zu verraten, wäre
wahrscheinlich schlecht, und vielleicht urteilen andere Leser auch
völlig anders über den Sinn der dargestellten Werte (ganz
bestimmt sogar). Ich möchte nur noch soviel sagen: Leser hat
dieser Roman gewiß verdient - wenn nur dieser Schluß
nicht wäre (für mich). Aber das ist sicherlich
Ansichtssache.
10 Punkte