William Gibson:

„Idoru“

OT: Idoru
Ü: Peter Robert
USA 1996
(333 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/6315, ISBN 3-453-15636-6, DM 16,90)
- erstmals auf deutsch erschienen: 1997 bei Rogner & Bernard -
- erschienen: Mai 1999 -

Colin Laney ist ein Quant, ein Netzläufer, dessen Beruf es ist, in den verschiedenen Datennetzen umherzusurfen und Informationen zu sammeln. Er arbeitet für Slitscan - eine futuristische Version unserer heutigen Fernseh-Boulevardmagazine - und ist so den lieben langen Tag damit beschäftigt, Schmutz zusammenzutragen.
Eines Tages stößt er bei seinen Recherchen auf eine gewisse Alison Shires, die eine Affäre mit einer Berühmtheit hat. Laney findet heraus, daß sich die junge Frau mit Suizidgedanken trägt, wird jedoch von seiner Chefin angewiesen, sie einfach weiter zu beobachten. Als er schließlich auf eigene Faust aufbricht, um ein Unglück zu verhindern, kommt er gerade noch rechtzeitig, um Zeuge des Selbstmords zu werden.
Laney entschließt sich daraufhin, einen Netzläufer-Job in Japan anzunehmen.
In Tokio angekommen erfährt er, daß das Objekt seiner Recherchen ein gewisser Rez ist, der Sänger der weltbekannten Rock-Gruppe Lo/Rez, der offenbar in Schwierigkeiten steckt.
Auch die junge Chia, Mitglied eines gutorganisierten Lo/Rez-Fanclubs, macht sich Sorgen um ihr Idol. Sie wird von ihrer Ortsgruppe im fernen Seattle ebenfalls gen Tokio geschickt, um sich mit der dortigen Abteilung des Fanclubs in Verbindung zu setzen. Rez hat es sich nämlich in den Kopf gesetzt, die wunderschöne Idoru Rei Toei zu heiraten - einen virtuellen, computergenerierten Popstar, der jedoch eine seltsame Art von Eigenleben entwickelt zu haben scheint, was sowohl Chia als auch Colin Laney bald zu spüren bekommen.

Als ich im Klappentext von einem virtuellen Geschöpf las, das die Grenzen des Cyberspace überwinden will, dachte ich mir zunächst „Naja, warum auch nicht? Ist ja nichts besonderes!“ und fühlte mich gleichzeitig vage an „Ghost in the Shell“ erinnert. Tatsächlich gibt es in der Grundidee Ähnlichkeiten.
Als hellseherischsten SF-Roman der Gegenwart (so das Lob von Publishers Weekly auf dem Cover) würde ich IDORU nun nicht gerade bezeichnen. Die „elektrische Poesie“, welche Bruce Sterling, der im Klappentext zitiert wird, im vorliegenden Buch fand, vermochte ich ebenfalls nicht zu entdecken.
Dies soll jetzt allerdings nicht heißen, daß es sich bei IDORU etwa um ein schlechtes Buch handelt. Gibson baut seine Geschichte geschickt auf. In zahlreichen Rückblenden erfährt man zunächst von den Geschehnissen, die Colin Laney nach Tokio geführt haben, während parallel dazu von Chias Reise nach Japan erzählt wird. Nur langsam kommt der Leser dahinter, worum es eigentlich genau geht. Ab diesem Punkt jedoch wird die Story rasant und läuft Schlag auf Schlag ab. Die Hauptcharaktere sind hierbei deutlich gezeichnet, die übrigen Figuren bleiben etwas schemenhaft.
Tiefsinn und philosophische Zwischentöne wird der Leser vergeblich suchen, handelt es sich bei IDORU doch um einen reinen Unterhaltungsroman (was ja durchaus nix Negatives ist). Gibsons Reise durch ein comichaft buntes Zukunfts-Japan liest sich durchaus spaßig, bleibt jedoch - trotz gelegentlicher Anflüge von Medien-Kritik - recht harmlos und nötigt den geneigten Leser nicht im Übermaß dazu, sein Gehirn einzuschalten.
Festzuhalten bleibt: Aus dem ja nun doch nicht mehr soo neuen Thema des Romans hätte sich durchaus mehr holen lassen. Zwar ist Gibson mit IDORU ein hübscher, knalliger SF-Reißer gelungen; gänzlich zu überzeugen vermochte er mich jedoch nicht. Zu sehr bleibt das Geschehen letztendlich auf die vordergründige Handlung reduziert. Mag sein, daß ich zu große Erwartungen an Gibsons Namen geknüpft hatte, aber ich hatte mir durchaus mehr von diesem Roman versprochen.

Fazit:
Gute Unterhaltung, jedoch ohne tiefergehenden Anspruch.
10 Punkte.

Michael Breuer


Interesse? Hier kannst Du dieses Buch direkt bei amazon.de bestellen.


home...