Colin Laney
ist ein Quant, ein Netzläufer, dessen Beruf es ist, in den
verschiedenen Datennetzen umherzusurfen und Informationen zu sammeln.
Er arbeitet für Slitscan - eine futuristische Version unserer
heutigen Fernseh-Boulevardmagazine - und ist so den lieben langen Tag
damit beschäftigt, Schmutz zusammenzutragen.
Eines Tages stößt er bei seinen Recherchen auf eine
gewisse Alison Shires, die eine Affäre mit einer
Berühmtheit hat. Laney findet heraus, daß sich die junge
Frau mit Suizidgedanken trägt, wird jedoch von seiner Chefin
angewiesen, sie einfach weiter zu beobachten. Als er
schließlich auf eigene Faust aufbricht, um ein Unglück zu
verhindern, kommt er gerade noch rechtzeitig, um Zeuge des
Selbstmords zu werden.
Laney entschließt sich daraufhin, einen Netzläufer-Job in
Japan anzunehmen.
In Tokio angekommen erfährt er, daß das Objekt seiner
Recherchen ein gewisser Rez ist, der Sänger der weltbekannten
Rock-Gruppe Lo/Rez, der offenbar in Schwierigkeiten steckt.
Auch die junge Chia, Mitglied eines gutorganisierten Lo/Rez-Fanclubs,
macht sich Sorgen um ihr Idol. Sie wird von ihrer Ortsgruppe im
fernen Seattle ebenfalls gen Tokio geschickt, um sich mit der
dortigen Abteilung des Fanclubs in Verbindung zu setzen. Rez hat es
sich nämlich in den Kopf gesetzt, die wunderschöne Idoru
Rei Toei zu heiraten - einen virtuellen, computergenerierten Popstar,
der jedoch eine seltsame Art von Eigenleben entwickelt zu haben
scheint, was sowohl Chia als auch Colin Laney bald zu spüren
bekommen.
Als ich im Klappentext von einem virtuellen Geschöpf las, das
die Grenzen des Cyberspace überwinden will, dachte ich mir
zunächst Naja, warum auch nicht? Ist ja nichts
besonderes! und fühlte mich gleichzeitig vage an
Ghost in the Shell erinnert. Tatsächlich gibt es in
der Grundidee Ähnlichkeiten.
Als hellseherischsten SF-Roman der Gegenwart (so das Lob von
Publishers Weekly auf dem Cover) würde ich IDORU nun nicht
gerade bezeichnen. Die elektrische Poesie, welche Bruce
Sterling, der im Klappentext zitiert wird, im vorliegenden Buch fand,
vermochte ich ebenfalls nicht zu entdecken.
Dies soll jetzt allerdings nicht heißen, daß es sich bei
IDORU etwa um ein schlechtes Buch handelt. Gibson baut seine
Geschichte geschickt auf. In zahlreichen Rückblenden
erfährt man zunächst von den Geschehnissen, die Colin Laney
nach Tokio geführt haben, während parallel dazu von Chias
Reise nach Japan erzählt wird. Nur langsam kommt der Leser
dahinter, worum es eigentlich genau geht. Ab diesem Punkt jedoch wird
die Story rasant und läuft Schlag auf Schlag ab. Die
Hauptcharaktere sind hierbei deutlich gezeichnet, die übrigen
Figuren bleiben etwas schemenhaft.
Tiefsinn und philosophische Zwischentöne wird der Leser
vergeblich suchen, handelt es sich bei IDORU doch um einen reinen
Unterhaltungsroman (was ja durchaus nix Negatives ist). Gibsons Reise
durch ein comichaft buntes Zukunfts-Japan liest sich durchaus
spaßig, bleibt jedoch - trotz gelegentlicher Anflüge von
Medien-Kritik - recht harmlos und nötigt den geneigten Leser
nicht im Übermaß dazu, sein Gehirn einzuschalten.
Festzuhalten bleibt: Aus dem ja nun doch nicht mehr soo neuen Thema
des Romans hätte sich durchaus mehr holen lassen. Zwar ist
Gibson mit IDORU ein hübscher, knalliger SF-Reißer
gelungen; gänzlich zu überzeugen vermochte er mich jedoch
nicht. Zu sehr bleibt das Geschehen letztendlich auf die
vordergründige Handlung reduziert. Mag sein, daß ich zu
große Erwartungen an Gibsons Namen geknüpft hatte, aber
ich hatte mir durchaus mehr von diesem Roman versprochen.
Fazit:
Gute Unterhaltung, jedoch ohne tiefergehenden Anspruch.
10 Punkte.