Andreas Eschbach:

„Solarstation“

D 1996
(317 Seiten, Taschenbuch, Bastei Lübbe 24259, ISBN 3-404-24259-9, DM 12,90)
- erstmals erschienen: 1996 bei Schneekluth -
- erschienen: Juni 1999 -

Zum Inhalt:
2015: Die Japaner sind die führende Kraft im Weltraum, und so verwundert es nicht, daß sie die Station Nippon im Orbit haben. Diese Station verfügt über riesige Sonnensegel, deren aufgefangene Energie auf die Erde transferiert werden soll. Doch die Versuche schlagen seit zwei Monaten fehl, und so kommt Leonard Carr ins Spiel. Er ist zuständig für „Maintenance and Security“, bekleidet im Normalfall also den Posten eines „Hausmeisters“. Doch Moriyama vermutet hinter den Fehlschlägen der letzten Zeit Sabotage, und so muß sich Leonard nun auch mit dem Bereich „Security“ beschäftigen - etwas, das im Weltraum bisher noch nicht notwendig war. Und es stellt sich sehr schnell heraus, daß diese Aufgabe nicht gerade ungefährlich ist...

Daß Andreas Eschbachs Roman „Solarstation“ den SFCD-Literaturpreis 1996 gewonnen hat, wird niemanden verwundern, der diesen SF-Thriller gelesen hat.
Eschbach versteht es gekonnt, seine Geschichte aufzubauen und entwickelt dabei einen rasanten SF-Thriller aus deutschen Landen, der seinesgleichen sucht. Schnell wird der Leser von der Spannung gefangengenommen und fast schon genötigt, den Roman in einem Zug zu verschlingen - eindeutig ein Buch, das man nur sehr, sehr ungern vor dem Erreichen der letzten Seite aus der Hand legt.
Bei aller Action in der Handlung vergißt Eschbach jedoch auch seine Charaktere nicht. Die Zeichnung der Protagonisten bleibt für das Genre des Action-SF-Thrillers ungewöhnlich bunt und vielseitig.
Wenn man auf dem Klappentext die Beschreibung: „Eine Art Stirb Langsam im Weltraum“ liest, so mag diese zwar durchaus ihre Berechtigung haben, wird dem Buch aber auch in weiten Teilen nicht so ganz gerecht. Sicherlich geht es hier um Action, Action und nochmal Action, dabei verliert Eschbach aber auch die andere Seite der Handlung niemals aus den Augen und mischt gleich noch eine tüchtige Handvoll Politik, Umweltschutz, Wissenschaft und nicht zuletzt auch Sex bei.
Mit der gleichen Berechtigung wie der Vergleich mit „Stirb Langsam“ läßt sich allerdings bei diesem Roman auch behaupten, er habe kleinere Ähnlichkeiten mit „Das Arche Noah Prinzip“. Diese jedoch weiter auszuführen, würde dem Buch einiges von seinem Reiz nehmen, also lasse ich diese Behauptung jetzt einfach einmal im Raum stehen. Wer das Buch gelsen hat, wird schon wissen, was ich damit meine.
Bei all diesen (eigentlich unsinnigen) Vergleichen ist „Solarstation“ jedoch ein sehr eigenständiger Roman. Andreas Eschbachs SF-Thriller zeigt wieder einmal deutlich, weshalb der Autor zu den besten deutschsprachigen SF-Autoren der Gegenwart zu rechnen ist. Kaum ein anderer Autor versteht es so gut wie er, seine Leser an den Roman zu fesseln. Daß er damit die SF-Preise gleich reihenweise absahnt (vor wenigen Wochen auf den SF-Tagen NRW/Trinity ’99 gab es für „Jesus Video“ bereits wieder einen wahren Preis-Regen), darf eigentlich niemanden mehr verwundern. Man darf sicherlich schon auf den kommenden Roman „Kelwitts Stern“ gespannt sein, der im Herbst bei Schneekluth erscheinen und sich mehr der humoristischen Seite der SF zuwenden wird. Eschbachs Vielseitigkeit, die er bisher in seinem Werk bewiesen hat, wird also auf eine neue Probe gestellt - eine Probe, die er eigentlich nur bestehen kann.

Fazit:
Ein Hochspannungs-SF-Thriller aus deutschen Landen, den man so schnell nicht vergißt. Unbedingte Empfehlung.
14 Punkte.

Winfried Brand

Alle Eschbachs sind anders. Aber dieser Eschbach ist noch anderer als die anderen. Klar, auch ‘Jesus Video’ und ‘Die Haarteppichknüpfer’ sind völlig verschiedene Welten und eigentlich kaum miteinander vergleichbar.
Der Autor hat Luft- und Raumfahrttechnik studiert. Man kann es dem Roman anmerken. Manches in ‘Solarstation’ beschriebene Detail mag die präzise und ausgesprochen interessante Art der Beschreibung diesem Umstand verdanken. Aber dieses Buch ist einfach mehr als nur gute Science Fiction. Auch ein beruflicher Hintergrund des Autors, der des selbständigen EDV-Beraters, ist meiner Meinung nach wiederzufinden (doch eine Gemeinsamkeit mit ‘Jesus Video’).
In ‘Solarstation’ finden wir SF, Krimi, Sex, Politik, Brutalität (was an sich ja artverwandt ist), Mord, Spannung, Umweltschutz, Agententhriller, Wissenschaft. Das hört sich eigentlich recht gefährlich an - ich meine damit: gefährlich für den Autor, weil er damit (oberflächlich betrachtet) einen Roman schreibt, der lediglich im Trend liegen und die Bedürfnisse der breiten Masse befriedigen will. Genau das hat er aber nicht getan. Er hat es fertiggebracht, alle diese Elemente zu verwenden, ohne auch nur ein kleines bißchen des ‘Gib-dem-Affen-Zucker’-Nachgeschmacks zurückzulassen. Wie er das geschafft hat? Ich weiß es nicht. Vermutlich liegt darin einfach seine Stärke. Auch in ‘Jesus Video’ schaffte er es, sich auf einem scheinbar ausgetrampelten Pfad zu bewegen (dem der Zeitreise) und dennoch etwas Neues, dem geneigten SF-Leser noch nie Untergekommenes zu schaffen.
Gekonnt macht sich der Autor in 'Solarstation' die Umgebung zunutze: skurrile Szenen in der Schwerelosigkeit (Star Trek VI läßt grüßen), hilflos in den Raum hinaustreibende Bösewichte usw. Dies alles liest sich zwar einerseits sehr reißerisch, sehr sensationell, aber andererseits verliert der Autor auch bei solchen Szenen nie die minutiöse Beschreibung der inneren Handlung, also die Entwicklung und die Gedanken seiner Hauptdarsteller.
Bei alledem gibt es im Hintergrund immer die kritische Sicht der Verhältnisse in der Gegenwart. Damit denke ich nicht nur an das prognostizierte Versinken der derzeit führenden Industrienationen in die Bedeutungslosigkeit. Auch die kleinen Dinge des alltäglichen Miteinander werden ziemlich gegenwartsbezogen mit leichter Ironie vorgeführt. Als Beispiel hierfür sei die Analyse über das Miteinander oder besser Gegeneinander in einem Arbeitsteam (Anm. des Rezensenten: TEAM = Toll, Ein Anderer Machts) genannt. Diese Schilderungen laufen störungsfrei neben der genau beschriebenen, düsteren, engen Atmosphäre einer Raumstation. Der bewußt nicht vorhandene Teamgedanke spielt sich auch 16 Jahre vor der Handlung des Romans und eben auch in den Büros auf der Erdoberfläche ab.
Der Roman ist 282 Seiten stark und läßt sich verdammt schwer aus der Hand legen. (Diese Rezension bezieht sich auf die Hardcover-Ausgabe des Romans. Anm. d. Red.) Sollte man einer Leseratte im Bekanntenkreis ein Buch schenken wollen, und sollte diese oder dieser kein SF-Fan sein, ist 'Solarstation' dennoch eine gute Empfehlung.
Wenn jemand verlangt, ich solle doch unbedingt was Kritisches anmerken: Was der Verlag da auf dem Einband so alles vorab kundtut, kann man getrost als Spoiler bezeichnen. Es ist zwar nicht ganz so Aua wie bei ‘Jesus Video’, aber es tut halt trotzdem weh. Vielleicht sollte man bei ‘Kelwitts Stern’, der ebenfalls bei Schneekluth erscheinen wird (Herbst 1999), Präventivmaßnahmen ergreifen und den Einband zunächst in der Buchhandlung zurücklassen.
0 Punkte für den Verlag, 14 Punkte für ‘Solarstation’

Gregor Nick


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