Ein seltsamer Trend macht sich in Deutschlands Buchläden
breit. Immer mehr gehen Verleger nach dem Motto vor: Man nehme ein
englisches Buch und mache daraus im deutschen zwei - mindestens!
Das erste Mal, daß mir dies persönlich in meinem Leben als
Flash-Mitarbeiter untergekommen ist, war das "Rad der Zeit" von
Robert Jordan. Der Heyne Verlag machte aus dem englischen Roman "A
Crown of Swords" sage und schreibe 4 deutsche Einzelbücher
(Bände 17 bis 20). Weitere "Opfer" dieser seltsamen Politik sind
z.B. Tom Arden und sein "Kreis des Orokon", Jane Welch und der Zyklus
des "Runenzaubers" und John Marco mit dem "Imperium von Nar". Aus
allen Originalbänden der zuletzt genannten Autoren wurden
jeweils zwei deutsche. (* Eine kurze Auswahl aus dieser und der
letzten Flash-Ausgabe: Wir hatten da zusätzlich noch J.V.
Jones "Dornenring", Janny Wurts "Fluch des Nebelgeistes", Mark
Anthonys "Letzte Rune", George R.R. Martns "Wild Cards" und
anscheinend auch R.A. Salvatores "Nachtvogel"... :-( Winy)
Allein bei John Marco will mir diese Trennung verständlich
erscheinen, denn hier hat jedes der beiden bisher erschienen
Bücher über 600 Seiten. Hier ist es durchaus
nachvollziehbar, eine Trennung durchzuführen (im Gegensatz zu
Robert Jordan und Jane Welch (jeder Band etwa 300 bis 400 Seiten)).
Zum anderen ist hier ausnahmsweise die Trennung an einer recht gut
durchdachten Stelle erfolgt - und das ist etwas, was sich die anderen
Verlage nicht so zu Herzen genommen haben (siehe auch unten).
Allerdings hätte Knaur die beiden Bände dann auch ruhig
etwas schneller hintereinander herausbringen können.
Aus diesen teilweise katastrophal und nicht nachvollziehbar
durchgeführten Trennungen ergeben sich für den Leser eine
ganze Menge Nachteile.
1) Oft genug werden die Bücher nicht an inhaltlichen
Brüchen getrennt, sondern anscheinend wird hier bei den Verlagen
meist nur nach Seitenzahlen entschieden. Das beste Beispiel ist hier
das "Rad der Zeit" oder "Runenzauber". Hier wird, ohne auf den Inhalt
zu achten, einfach das Buch abgebrochen und erst später
weitergeführt. Das führte beim Rad der Zeit dazu, daß
schonmal eine komplette Handlungsebene in einen Buch nur etwa
anderthalb Seiten lang war. Am Ende wunderte ich mich, was denn aus
dem guten Perrin geworden ist, der ja bloß ganz kurz
erwähnt worden war. Die Erklärung folgte dann ein Buch
weiter und etwa zwei bis drei Monate später.
2) Das führt mich übergangslos zu einem weiteren Punkt: die
Zeit. Mir will folgendes einfach nicht so recht in den Kopf: Ein
Autor schreibt ein Buch (in der Regel liefert er das auch komplett
und vollständig bei seinem Verleger bzw. Agenten ab). Dieser
schickt es nun nach Deutschland, wo es beim Übersetzer landet.
Dieser übersetzt und liefert das Buch wiederum beim deutschen
Herausgeber ab. Wieso braucht dieser dann fast ein Jahr dazu, das
Buch komplett zu veröffentlichen (siehe Rad der Zeit)? Wenn
schon getrennt werden muß, dann wäre es für den Leser
um einiges hilfreicher, wenn er sich die Einzelbände schneller
hintereinander kaufen könnte. (* Vielleicht spielt hier eine
Rolle, daß der Leser gerade bei Jordan alle drei Monate ein
Buch kaufen kann, so also nicht ein volles Jahr auf den nächsten
Band warten muß. Man könnte hier der Meinung sein, den
Leser so besser bei der Stange halten zu können - oder sind es
doch nur rein finanzielle Erwägungen?!? Winy)
3) Weil nämlich die Damen und Herren Verleger sich anscheinend
gar nicht für eine inhaltliche Trennung interessieren, werden
die Bücher oftmals an den ungewöhnlichsten und
ungünstigsten Stellen unterbrochen. Ich glaube eigentlich nicht,
daß es eine böse Unterstellung ist, wenn man annimmt,
daß ein Autor den Rahmen für eine Geschichte über ein
ganzes Buch auslegt. Breche ich nun diesen angelegten
Handlungsrahmen, dann reiße ich auch den gesamten Aufbau
auseinander. Das führt oft dazu, daß die ersten dieser
Doppelbände um einiges schlechter sind als die zweiten. Es kann
sogar sein, daß die Bücher fast unverständlich werden
(siehe Kreis des Orokon Band 3). Auf diese Art wird vielen eigentlich
guten Werken viel an Spannung und Faszination geraubt, und es hat
auch zur Folge, daß einige Werke in der Rezension viel
schlechter davonkommen, als sie es eigentlich verdient
hätten.
Wie gehe ich als Kritiker nun mit einem solchen Buch um? Ich lese ein
Buch und muß dann versuchen, anderen Leuten zu beschreiben, was
an diesem einen Buch gut oder schlecht ist. Wie soll ich jemandem
denn mit gutem Gewissen sagen, daß er sich ein (eigentlich)
schlechtes Buch ruhig kaufen soll, weil der zweite Teil schon alles
wieder rausreißen wird? Ich muß jedes Buch für sich
beurteilen, und dann hat ein eigentlich gar nicht so schlechter
Zyklus wie der "Runenzauber" ganz schlechte Karten. Wären die
Verlage nun in der Lage, die Bände auf einen Schlag
herauszubringen, dann wären Kritiker wie "normale" Leser in der
Lage, beide Bände auf einmal zu kaufen und am Stück zu
lesen. Damit hätten doch eigentlich alle gewonnen. Leser wie
Kritiker könnten die Geschichte am Stück genießen,
und die Geschichte würde von uns Kritikern so beurteilt werden,
wie der Autor sie sich ausgedacht hatte. (* Hier bleibt
eigentlich nur die Frage, ob wir Rezensenten die Romane nicht so
lange auf Halde liegen lassen sollten, bis sie endlich komplett
erschienen sind. Vorteil: Man kann sie an einem Sück lesen
(was der Absicht des Autors entgegenkommen würde). Nachteil: Das
Flash wird teilweise inaktueller, weil die ersten Teile durchaus
länger als ein halbes Jahr verstauben, bis der
ursprüngliche Roman komplett vorliegt, sie also auch endlich
besprochen werden können. Eine Entscheidung, die die Rezensenten
nicht alleine treffen können. Was ist Eure (des
Flash-Lesers) Meinung dazu? (Dies ist definitiv ein Aufruf, uns hier
eine Mail zukommen zu lassen!!!) Winy)
Ich weiß, daß wir in einer Zeit leben, in der das Lesen
anscheinend immer unwichtiger wird. Aber es gibt auch Zeichen, die
mir Hoffnung machen. Das nächste ist dabei das Flash. Immer mehr
Internet-User werden auf uns aufmerksam und sehen nach, was wir hier
alles im zwei-Wochen-Rhythmus präsentieren.
Und es gibt auch Autoren, die sehr erfolgreich dicke Bücher
schreiben und verkaufen. Bestes Beispiel hierfür ist Tad
Williams mit seiner Osten Ard-Saga. Im Deutschen sind hier 4 jeweils
EINTAUSENDSEITIGE Bücher erschienen - und diese sind in keinem
Fall Ladenhüter. (* Ebensowenig wie "Otherland" vom gleichen
Autor... Winy)
Andere Beispiele für dicke Fantasy- oder SF-Bücher: "Es war
einmal ein Held" von Michael A. Stackpole (684 Seiten), "Die
Genhändler" von Octavia E. Butler (891 Seiten) (beides Heyne)
und "Das Tor ins Gestern" von Dave Duncan (667 Seiten)
(Bastei-Lübbe).
Ich bin kein Verleger und weiß deshalb natürlich nicht,
was so die Beweggründe dafür sind. Einer läge
natürlich auf der Hand: Ein Band vom "Rad der Zeit" kostet so um
die 17 DM, das macht mal vier etwa 68 DM. Der Leser muß also
für eine komplette Geschichte über das "Rad der Zeit" fast
70 DM bezahlen. Das scheint in meinen Augen - bei dem Ruf von Jordan
- eine recht profitables Geschäft zu sein. (* Bedenkt man,
daß der gleiche Roman im ganzen als Hardcover(!) herausgebracht
z.Zt. um die DM 50,- kosten würde... (Ich glaube, jeder
Flash-Leser ist intelligent genug, diesen Satz allein zu beenden...)
Winy)
Wie gesagt, ich weiß nicht, ob es noch andere Gründe
für die Trennung gibt, außer reiner Abzocke, aber nicht
immer trifft der Spruch "Manchmal ist weniger mehr". Im diesem Fall
trifft sogar genau das Gegenteil zu. Ich bin gern bereit, mich durch
gute Argumente vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Aber im
Moment kann ich als Liebhaber von Büchern und Geschichten diese
Politik der Verlage überhaupt nicht gutheißen. Ich hoffe,
daß es sich hierbei nur um einen kurzfristigen Trend handelt
und daß weitere Autoren davon verschont bleiben. (* Da der
Prozentsatz der geteilten Bücher in den letzten Monaten eher
zuzunehmen scheint (vgl. die letzten Ausgaben des Flash),
befürchte ich, daß der an einem Stück
veröffentlichte Roman so langsam vom Aussterben bedroht ist.
Hier kann nur der geballte Protest der Leserschaft weiterhelfen:
Entweder die geteilten Romane erst gar nicht mehr kaufen und statt
dessen auf das Original zurückgreifen, was dank diverser
Online-Buchhandlungen nun überhaupt kein Problem mehr darstellt
(Ich weiß: Ganz schlechter Vorschlag bei genialen Büchern,
wenn man auf die Übersetzung angewiesen ist), oder als
Alternative erst dann kaufen, wenn der Roman komplett vorliegt. Denn
erst wenn es ans Finanzielle geht, werden die Verlage wohl endlich
hellhörig werden und eher auf die Leserwünsche einzugehen
bereit sein... Winy)