John Marco:

"Die Paladine des Dunkels"

(Das Imperium von Nar 2)
OT: Tyrants and Kings I: The Jackal of Nar, Part 2
Ü: Michael Nagula
USA 1999
(654 Seiten, Taschenbuch, Knaur 70153, ISBN 3-426-70153-7, DM 17,90)
- erschienen: Juli 1999 -

Weiter geht die tragische Geschichte von Richius Vantran, dem Schakal von Lucel-Lor.
Er reist nach Lucel-Lor, um hier von seinem totgeglaubten Freund Lucyler zu erfahren, daß seine Geliebte Dyana noch lebt und jetzt mit Tharn verheiratet ist. Tharn ist es gelungen, in Lucel-Lor für Frieden zu sorgen und alle verfeindeten Clans zu einen.
Richius weiß, daß der Frieden nur von kurzer Dauer sein kann, ist er doch von Kaiser Arkus beauftragt worden, Lucel-Lor zu erobern, um für Arkus den Unsterblichkeitszauber zu besorgen. Doch Richius’ Widersacher erfahren von seine Reise und brandmarken ihn als Verräter.
Auf einmal steht der, der Lucel-Lor haßt wie die Pest, vertrieben aus seinem Königreich ohne Heimat da, inmitten eines Landes, dessen Bevölkerung ihm im vergangenen Krieg verachtungsvoll den Namen Schakal gab; und nun bleibt ihm keine andere Möglichkeit, als mit seinen ehemaligen Feinden gegen seine alten Freunde zu kämpfen. Doch nicht alle stehen auf seiner Seite, und nicht alle alten Freunde sind bereit, ihm zu vertrauen...

Vorweg: "Die Jäger des Tharn" und "Die Paladine des Dunkels" waren im Original ein Band; und so ist es auch unabdingbar, beide zu lesen, um den Roman wirklich in seiner ganzen Fülle erfahren zu können. Allerdings hat der Verlag diesmal an einer Stelle getrennt, die die Handlung nicht ganz so stark unterbricht und man auf diese Art ruhig eine Pause zwischen der Lektüre der beiden ertragen konnte.
So kann der Leser also auch relativ gut wieder in den Roman einsteigen. Und was kann ich sagen: War ich von "Die Jäger des Tharn" schon recht angetan, so bin ich von "Die Paladine des Dunkels" gerade zu begeistert. Ich will schon fast sagen, das beste, was ich seit Tad Williams in der letzten Zeit gelesen habe.
Allerdings muß man hier ein wenig einschränken, weil die Welt, die Charaktere, die Atmosphäre, das sind alles Elemente, die nicht jedem zusagen werden.
Alles ist überschattet von einer extremen Tragik und Dunkelheit. Speziell der Hauptcharakter Richius wird von einem Schicksalsschlag nach dem anderen gebeutelt. Dennoch gleitet die Geschichte nie ins Kitschige ab, sondern behält immer einen gewissen Rahmen und schützt sich so vor Übertreibungen. Die Atmosphäre ist eine Mischung aus düsteren und romantischen Elementen. In einer Welt, die von Krieg und Gewalt dominiert wird, entsteht zwischen Dyana und Richius eine zarte Liebe, von der beide wissen, daß sie eigentlich gar nicht sein darf.
Die Welt an sich besteht aus einem großen Kontinent, auf dem sich zwei große Reiche befinden, nämlich das "zivilisierte" Imperium der Nar und das wilde und gespaltene Lucel-Lor. Inmitten dieser Welt haben es die Charaktere schwer, weil es alles andere als einfach ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Die Menschen sind nicht einfach gut oder schlecht, sondern haben durchaus positive Elemente, aber auch Fehler und schlechte Charaktereigenschaften. Haben wir in den meisten Geschichten oft gewisse Stereotypen, also klassisch Gut oder Böse, so fehlt dies hier fast völlig. Ich möchte beinahe sagen: den klassischen rein Guten gibt es gar nicht. Zwar geht Richius am ehesten in diese Richtung, doch zeigt Marco ganz klar dessen Grenzen, denn Richius ist auch nur ein Mensch mit Gefühlen und vor allem auch mit Fehlern. Im Gegensatz dazu gibt es aber durchaus auch den einen oder anderen klassisch und wirklich bösen und gerissenen Charakter, durchtrieben und voller Dunkelheit in allen Gedanken und Handlungen. Aber böse zu sein, ist halt einfacher...
Man merkt: Es ist nicht einfach, in dieser Welt gut zu sein.
Ganz allgemein muß ich sagen, daß mich dieser Roman einfach von Anfang an fasziniert und über zwei Bände nicht mehr losgelassen hat, wobei sich dabei vom Anfang bis zum Ende hin noch mal eine deutliche Steigerung feststellen ließ - und die Sache fing schon wirklich gut an.

Fazit:
Keine Dark Fantasy im klassischen Sinne, aber tendenziell in diese Richtung gehend. Für Freunde großer epischer Fantasy ein absolutes Muß, zumindest in meinen Augen. Ein Roman voller Dichte, Spannung und Dramatik, wie sie mir selten vor die Augen gekommen ist. Kein Tolkien oder Williams, aber verdammt nah dran...
14 Punkte

Alexander Haas


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