Zum
Inhalt:
Hap Thompson ist auf der Flucht und kann seinen Heimatort wegen eines
Verbrechens nicht mehr betreten. Per Zufall gerät er an die
Firma R.E.M.-Jobs, wo er eine Menge Geld damit verdient, die
Träume zahlungswilliger und -kräftiger Kunden zu
"entsorgen", indem sie auf ihn übertragen werden. Als ihm ein
privater Auftrag einer zeitweiligen Erinnerungsübertragung
angeboten wird, kann er aufgrund des damit verbundenen Geldes einfach
nicht Nein sagen. Doch der scheinbar harmlose Auftrag erweist sich
als äußerst gefährlich, als er feststellt, daß
ihm die Erinnerung an einen Mord aufgeladen wurde. Es bleibt ihm nur,
die Frau zu finden, der die Erinnerung eigentlich gehört - denn
das Aufbewahren fremder Erinnerungen ist nicht nur illegal; wenn die
Sicherheitsbeamten ihn zu fassen bekommen, bevor er die Erinnerung
rücktransferieren kann, droht ihm eine Strafe in Höhe der
Hälfte jener, die derjenige bekommen würde, der den Mord
wirklich begangen hat. Und der Ermordete war ein Polizist...
"R.E.M" ist Michael Marshall Smiths dritter Roman - und gleichzeitig
der zweite, den ich von ihm gelesen habe.
Ähnlich wie in "Geklont" (Rezension
in Flash Nr. 49) setzt der Autor wieder auf eine relativ
düstere Welt, doch gelingt es ihm diesmal, diese Düsternis
nicht voll auf den Leser zukommen zu lassen, sondern sie immer wieder
durch trockenen Wort- und Situationswitz zu erhellen. So verhelfen
nicht nur die redegewandten Haushaltsgeräte (allen voran sein
Wecker mit leichten Funktionsstörungen; aber auch durch die
Straßen wandelnde Waschmaschinen können sowohl
surrealistische wie auch komödiantische Züge an sich haben)
dem Roman zu mehr Lockerheit. Auch so manche Äußerung
eines der Protagonisten vermag dem Leser ein Auflachen zu
entlocken.
Dabei handelt es sich bei "R.E.M." beileibe um keinen humoristischen
Roman. Michael Marshall Smith versetzt den Leser vielmehr in einer
Art Cyberpunk-Welt und läßt in dieser einen
atemberaubenden Thriller auf den Leser niederprasseln.
Interessanterweise erzählt er seine Geschichte dabei nicht rein
linear, sondern teilt sie in drei Handlungsstränge, die zeitlich
ein Stück auseinanderliegen. Zum ersten hätten wir da den
Haupthandlungsstrang der Gegenwart mit Haps Suche nach seiner
Klientin und den Versuchen, die Erinnerungen wieder auf sie
zurückzutransferieren. Zwischendurch erfahren wir aber immer
wieder etwas aus Haps Vergangenheit - zum einen die Vergangenheit,
die sich auf sein früheres Verbrechen bezieht; zum anderen wird
in einem zweiten Erzählstrang die Zeit zwischen Haps
Kontaktaufnahme mit R.E.M.-Jobs und dem Einsetzen des
Haupterzählstrangs beleuchtet und der Leser so nach und nach mit
kleinen Informationshäppchen versorgt.
Diese Taktik der langsamen Herausgabe von Informationen sorgt dann
dafür, daß der Leser den ganzen Roman über gefesselt
bleibt, die Spannungsentwicklung fast schon nicht mehr einer Kurve
als vielmehr einer sehr hoch liegenden Geraden folgt, die dem Leser
selten wirklich die Möglichkeit gibt, ein wenig zu verschnaufen.
Zudem schafft der Autor es immer wieder, dem Leser neue Aspekte der
Handlung vorzusetzen, um diese so in neue Richtungen zu lenken.
Selten ist der Leser in der Lage, von sich sagen zu können,
daß er mehr weiß als der Protagonist - und dies sorgt
dann für eine fast unerträgliche Spannung bei ihm.
Man sollte für die Lektüre dieses Romans jedoch ein stilles
Plätzchen suchen und sich viel Zeit nehmen. Denn obwohl er
vielleicht nicht ganz so spannend und unwiderstehlich wie ein Roman
von Andreas Eschbach daherkommt, ist es trotzdem recht schwierig, ihn
vor dem Ende aus der Hand zu legen. Bei mir war es diesmal jedenfalls
der Großteil einer Nacht von Samstag auf Sonntag, der für
die Lektüre dieses Romans herhalten mußte. Wie gut,
daß mein Sohn an diesem Sonntag bis kurz nach zehn Uhr morgens
geschlafen hat...
Fazit:
Wieder einmal ein spannender Roman von Michael Marshall Smith.
Diesmal jedoch mit einem ungleich höheren Anteil von Wort- und
Situationswitz, der die Anspannung des Lesers immer wieder angenehm
unterbricht und dem Roman eine wirklich eigene Note
verpaßt.
13 Punkte.