Michael Marshall Smith:

"R.E.M."

OT: One of Us
Ü: Thomas Stegers und Claus Varrelmann
GB 1998
(431 Seiten, Hardcover, Rowohlt, ISBN 3-498-04400-1, DM 42,-)
- erschienen: Juli 1999 -

Zum Inhalt:
Hap Thompson ist auf der Flucht und kann seinen Heimatort wegen eines Verbrechens nicht mehr betreten. Per Zufall gerät er an die Firma R.E.M.-Jobs, wo er eine Menge Geld damit verdient, die Träume zahlungswilliger und -kräftiger Kunden zu "entsorgen", indem sie auf ihn übertragen werden. Als ihm ein privater Auftrag einer zeitweiligen Erinnerungsübertragung angeboten wird, kann er aufgrund des damit verbundenen Geldes einfach nicht Nein sagen. Doch der scheinbar harmlose Auftrag erweist sich als äußerst gefährlich, als er feststellt, daß ihm die Erinnerung an einen Mord aufgeladen wurde. Es bleibt ihm nur, die Frau zu finden, der die Erinnerung eigentlich gehört - denn das Aufbewahren fremder Erinnerungen ist nicht nur illegal; wenn die Sicherheitsbeamten ihn zu fassen bekommen, bevor er die Erinnerung rücktransferieren kann, droht ihm eine Strafe in Höhe der Hälfte jener, die derjenige bekommen würde, der den Mord wirklich begangen hat. Und der Ermordete war ein Polizist...

"R.E.M" ist Michael Marshall Smiths dritter Roman - und gleichzeitig der zweite, den ich von ihm gelesen habe.
Ähnlich wie in "Geklont" (Rezension in Flash Nr. 49) setzt der Autor wieder auf eine relativ düstere Welt, doch gelingt es ihm diesmal, diese Düsternis nicht voll auf den Leser zukommen zu lassen, sondern sie immer wieder durch trockenen Wort- und Situationswitz zu erhellen. So verhelfen nicht nur die redegewandten Haushaltsgeräte (allen voran sein Wecker mit leichten Funktionsstörungen; aber auch durch die Straßen wandelnde Waschmaschinen können sowohl surrealistische wie auch komödiantische Züge an sich haben) dem Roman zu mehr Lockerheit. Auch so manche Äußerung eines der Protagonisten vermag dem Leser ein Auflachen zu entlocken.
Dabei handelt es sich bei "R.E.M." beileibe um keinen humoristischen Roman. Michael Marshall Smith versetzt den Leser vielmehr in einer Art Cyberpunk-Welt und läßt in dieser einen atemberaubenden Thriller auf den Leser niederprasseln.
Interessanterweise erzählt er seine Geschichte dabei nicht rein linear, sondern teilt sie in drei Handlungsstränge, die zeitlich ein Stück auseinanderliegen. Zum ersten hätten wir da den Haupthandlungsstrang der Gegenwart mit Haps Suche nach seiner Klientin und den Versuchen, die Erinnerungen wieder auf sie zurückzutransferieren. Zwischendurch erfahren wir aber immer wieder etwas aus Haps Vergangenheit - zum einen die Vergangenheit, die sich auf sein früheres Verbrechen bezieht; zum anderen wird in einem zweiten Erzählstrang die Zeit zwischen Haps Kontaktaufnahme mit R.E.M.-Jobs und dem Einsetzen des Haupterzählstrangs beleuchtet und der Leser so nach und nach mit kleinen Informationshäppchen versorgt.
Diese Taktik der langsamen Herausgabe von Informationen sorgt dann dafür, daß der Leser den ganzen Roman über gefesselt bleibt, die Spannungsentwicklung fast schon nicht mehr einer Kurve als vielmehr einer sehr hoch liegenden Geraden folgt, die dem Leser selten wirklich die Möglichkeit gibt, ein wenig zu verschnaufen. Zudem schafft der Autor es immer wieder, dem Leser neue Aspekte der Handlung vorzusetzen, um diese so in neue Richtungen zu lenken. Selten ist der Leser in der Lage, von sich sagen zu können, daß er mehr weiß als der Protagonist - und dies sorgt dann für eine fast unerträgliche Spannung bei ihm.
Man sollte für die Lektüre dieses Romans jedoch ein stilles Plätzchen suchen und sich viel Zeit nehmen. Denn obwohl er vielleicht nicht ganz so spannend und unwiderstehlich wie ein Roman von Andreas Eschbach daherkommt, ist es trotzdem recht schwierig, ihn vor dem Ende aus der Hand zu legen. Bei mir war es diesmal jedenfalls der Großteil einer Nacht von Samstag auf Sonntag, der für die Lektüre dieses Romans herhalten mußte. Wie gut, daß mein Sohn an diesem Sonntag bis kurz nach zehn Uhr morgens geschlafen hat...

Fazit:
Wieder einmal ein spannender Roman von Michael Marshall Smith. Diesmal jedoch mit einem ungleich höheren Anteil von Wort- und Situationswitz, der die Anspannung des Lesers immer wieder angenehm unterbricht und dem Roman eine wirklich eigene Note verpaßt.
13 Punkte.

Winfried Brand


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