Zum
Inhalt:
Nachdem die Gruppe um Renie und !Xabbu von Sellars erfahren hat,
daß sie dazu ausersehen sind, die Gefahr zu erkunden, die das
Otherland-Netzwerk für die Menschheit darstellt, werden ihre
Gastgeber durch einen Anschlag Dreads im Realen Leben getötet.
Bei ihrer geglückten Flucht über den Fluß erscheint
ein seltsames blaues Leuchten, und die Gruppe findet sich in einer
anderen Simulation wieder. Ihr Boot ist zu einem riesigen Blatt
geworden, und auch die sonstige Umgebung hat sich ins Riesenhafte
vergrößert. Durch Turbulenzen, die von Fischen verursacht
werden, werden Renie und !Xabbu von der übrigen Gruppe getrennt,
die sich gerade so ans Ufer retten kann. Die beiden jedoch werden von
Forschern gerettet, die mit ihrem Luftfahrzeug, das einer Libelle
nachempfunden ist, durch die Simulation reisen.
Auch Paul Jonas irrt nach seiner Flucht aus der Gefangenschaft
Jongleurs weiter durch die Welten des Netzes, auf der Suche nach
einer geheimnisvollen Frau, die ihm irgendwie bekannt vorkommt.
Im RL hingegen bleibt Renies Vater und Jeremiah weiterhin nur
abzuwarten, wann es den beiden wieder gelingt, aus der VR
zurückzukehren.
Orlandos Eltern jedoch stellen weiter Nachforschungen an, was mit
ihrem Sohn passiert ist, den sie nicht mehr vom Netz trennen
können, ohne ihm große Schmerzen zuzufügen. Sie
vermuten, daß etwas im Netz an Orlandos Erkrankung
schuld sein könnte und nehmen mit Fredericks Eltern Verbindung
auf. Deren Anwalt wiederum wird beauftragt, weitere Ermittlungen
anzustellen, wodurch er auf Olga Pirofsky trifft, eine der Onkel
Jingle-Darstellerinnen, die in letzter Zeit immer häufiger von
Kopfschmerzen heimgesucht wird...
Es ist doch immer wieder das gleiche mit den Romanen von Tad
Williams. Allen ist zu eigen, daß sie trotz des Umfangs
eigentlich viel zu kurz sind - und der Leser ist kaum in der Lage,
das Jahr abzuwarten, bis der nächste Band erscheint.
Auch im zweiten Otherland-Band erweist sich Williams wieder einmal
als der Meister der kleinen Schritte. Nur nach und nach enthüllt
er dem Leser einzelne kleine, klitzekleine Ansätze zur
Lösung, während er ihn durch immer wieder neue Welten des
Netzes führt, ihn immer tiefer in das Otherland-Netzwerk
eintauchen läßt. Dabei stößt der Leser auf
immer neue Welten, die auch schon mal Adaptionen bekannter Welten
darstellen können. So finden wir z.B. eine Simulation, in der
der Löwe, der Blechmann und die Vogelscheuche aus Oz nach Kansas
gelangt sind, wo zwischen ihnen eine Spiel um die Macht ausgebrochen
ist. Oder eine Welt, in der die Menschen fliegen können - und
somit natürlich auch die Gruppe der im Netz Gefangenen.
Obwohl Otherland an sich eigentlich einen SF-Internet-Thriller
darstellt, vermischt Williams durch die Netzwelten die SF-Bezüge
mit Fantasy-, Krimi- und diversen anderen Elementen, was dem
kompletten Zyklus einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil gibt.
Dabei gelingt es Williams, den Leser mit seinem Stil an die Handlung
zu fesseln, ihn nicht mehr von dem Buch loszulassen, bis es wirklich
nicht mehr anders geht. Selbst Grundbedürfnisse wie Essen,
Trinken, Schlafen und Toilettengänge ist der Leser während
der Lektüre des Romans nur allzugern zu vergessen bereit.
Dabei sollte man jedoch immer bedenken, daß mit dem zweiten
Band jetzt gerade mal die Hälfte eines ganzen Romans vor dem
Leser liegt. Williams hält sich hier nicht erst künstlich
mit eingezwängten Enden für die einzelnen Teile auf, die in
die Geschichte als Ganzes sowieso nicht so richtig hineinpassen
würden, sondern läßt den Roman halt mitten in der
Handlung enden - ein Verfahren, daß die Wartezeit auf den
nächsten Band noch weiter zu einer Tortur macht. Tad Willams
scheint glücklicherweise nicht mehr in der Lage zu sein, kurze
Romane zu schreiben... <grins> Aber es gibt ja auch immer eine
kurze Inhaltszusammenfassung der bisherigen Handlung, so daß
man auch nach einem Jahr Pause wieder sehr gut in die Handlung
zurückfindet.
Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn ein Roman von Tad Williams
erscheint, ist es dem Rezensenten ziemlich egal, was er eigentlich
gerade liest - die jeweilige Lektüre wird unterbrochen und erst
wieder aufgenommen, wenn er am Ende des Williams-Romans angelangt
ist. Im September jedenfalls erscheint Band 3 der Otherland-Reihe im
Original - und die Bestellung bei Amazon.de ist bereits aufgegeben.
Was natürlich keinesfalls bedeutet, daß ich mir im Sommer
nächsten Jahres Band 3 nicht auch noch einmal auf Deutsch
besorgen werde. Tad Williams Otherland ist es jedenfalls immer
wert, auch zweimal 50 Mark für einen Band auszugeben...
Fazit:
Wer Otherland nicht gelesen hat, ist selber schuld. Tad Williams
erfindet etwas ähnliches wie den epischen Cyberpunk mit
SF- und Fantasy-Elementen und legt für dieses neue Genre
gleich das Meisterwerk vor. Wer den ersten Band gelesen hat, wird
diesen sowieso ebenfalls verschlingen. Für alle anderen gilt:
Band eins und zwei gemeinsam besorgen und nacheinander verschlingen -
auch wenn man dann Gefahr läuft, daß man eine Woche lang
nicht mehr zum Schlafen kommt. Wenn jemals ein Roman eine dringende
Kaufempfehlung verdient hat, dann der Otherland-Zyklus von Tad
Williams.
15 Punkte.