Tad Williams:

"Otherland: Fluß aus blauem Feuer"

(Otherland - Band 2)
O: Otherland - River of Blue Fire
Ü: Hans-Ulrich Möhring
USA 1998
(782 Seiten, Hardcover, Klett-Cotta, ISBN 3-608-93422-7, DM 49,80)
- erschienen: Juli 1999 -

Zum Inhalt:
Nachdem die Gruppe um Renie und !Xabbu von Sellars erfahren hat, daß sie dazu ausersehen sind, die Gefahr zu erkunden, die das Otherland-Netzwerk für die Menschheit darstellt, werden ihre Gastgeber durch einen Anschlag Dreads im Realen Leben getötet. Bei ihrer geglückten Flucht über den Fluß erscheint ein seltsames blaues Leuchten, und die Gruppe findet sich in einer anderen Simulation wieder. Ihr Boot ist zu einem riesigen Blatt geworden, und auch die sonstige Umgebung hat sich ins Riesenhafte vergrößert. Durch Turbulenzen, die von Fischen verursacht werden, werden Renie und !Xabbu von der übrigen Gruppe getrennt, die sich gerade so ans Ufer retten kann. Die beiden jedoch werden von Forschern gerettet, die mit ihrem Luftfahrzeug, das einer Libelle nachempfunden ist, durch die Simulation reisen.
Auch Paul Jonas irrt nach seiner Flucht aus der Gefangenschaft Jongleurs weiter durch die Welten des Netzes, auf der Suche nach einer geheimnisvollen Frau, die ihm irgendwie bekannt vorkommt.
Im RL hingegen bleibt Renies Vater und Jeremiah weiterhin nur abzuwarten, wann es den beiden wieder gelingt, aus der VR zurückzukehren.
Orlandos Eltern jedoch stellen weiter Nachforschungen an, was mit ihrem Sohn passiert ist, den sie nicht mehr vom Netz trennen können, ohne ihm große Schmerzen zuzufügen. Sie vermuten, daß etwas im Netz an Orlandos „Erkrankung“ schuld sein könnte und nehmen mit Fredericks Eltern Verbindung auf. Deren Anwalt wiederum wird beauftragt, weitere Ermittlungen anzustellen, wodurch er auf Olga Pirofsky trifft, eine der Onkel Jingle-Darstellerinnen, die in letzter Zeit immer häufiger von Kopfschmerzen heimgesucht wird...

Es ist doch immer wieder das gleiche mit den Romanen von Tad Williams. Allen ist zu eigen, daß sie trotz des Umfangs eigentlich viel zu kurz sind - und der Leser ist kaum in der Lage, das Jahr abzuwarten, bis der nächste Band erscheint.
Auch im zweiten Otherland-Band erweist sich Williams wieder einmal als der Meister der kleinen Schritte. Nur nach und nach enthüllt er dem Leser einzelne kleine, klitzekleine Ansätze zur Lösung, während er ihn durch immer wieder neue Welten des Netzes führt, ihn immer tiefer in das Otherland-Netzwerk eintauchen läßt. Dabei stößt der Leser auf immer neue Welten, die auch schon mal Adaptionen bekannter Welten darstellen können. So finden wir z.B. eine Simulation, in der der Löwe, der Blechmann und die Vogelscheuche aus Oz nach Kansas gelangt sind, wo zwischen ihnen eine Spiel um die Macht ausgebrochen ist. Oder eine Welt, in der die Menschen fliegen können - und somit natürlich auch die Gruppe der im Netz Gefangenen.
Obwohl Otherland an sich eigentlich einen SF-Internet-Thriller darstellt, vermischt Williams durch die Netzwelten die SF-Bezüge mit Fantasy-, Krimi- und diversen anderen Elementen, was dem kompletten Zyklus einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil gibt. Dabei gelingt es Williams, den Leser mit seinem Stil an die Handlung zu fesseln, ihn nicht mehr von dem Buch loszulassen, bis es wirklich nicht mehr anders geht. Selbst Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen und Toilettengänge ist der Leser während der Lektüre des Romans nur allzugern zu vergessen bereit.
Dabei sollte man jedoch immer bedenken, daß mit dem zweiten Band jetzt gerade mal die Hälfte eines ganzen Romans vor dem Leser liegt. Williams hält sich hier nicht erst künstlich mit eingezwängten Enden für die einzelnen Teile auf, die in die Geschichte als Ganzes sowieso nicht so richtig hineinpassen würden, sondern läßt den Roman halt mitten in der Handlung enden - ein Verfahren, daß die Wartezeit auf den nächsten Band noch weiter zu einer Tortur macht. Tad Willams scheint glücklicherweise nicht mehr in der Lage zu sein, kurze Romane zu schreiben... <grins> Aber es gibt ja auch immer eine kurze Inhaltszusammenfassung der bisherigen Handlung, so daß man auch nach einem Jahr Pause wieder sehr gut in die Handlung zurückfindet.
Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn ein Roman von Tad Williams erscheint, ist es dem Rezensenten ziemlich egal, was er eigentlich gerade liest - die jeweilige Lektüre wird unterbrochen und erst wieder aufgenommen, wenn er am Ende des Williams-Romans angelangt ist. Im September jedenfalls erscheint Band 3 der Otherland-Reihe im Original - und die Bestellung bei Amazon.de ist bereits aufgegeben. Was natürlich keinesfalls bedeutet, daß ich mir im Sommer nächsten Jahres Band 3 nicht auch noch einmal auf Deutsch besorgen werde. Tad Williams’ Otherland ist es jedenfalls immer wert, auch zweimal 50 Mark für einen Band auszugeben...

Fazit:
Wer Otherland nicht gelesen hat, ist selber schuld. Tad Williams erfindet etwas ähnliches wie den „epischen Cyberpunk mit SF- und Fantasy-Elementen“ und legt für dieses neue Genre gleich das Meisterwerk vor. Wer den ersten Band gelesen hat, wird diesen sowieso ebenfalls verschlingen. Für alle anderen gilt: Band eins und zwei gemeinsam besorgen und nacheinander verschlingen - auch wenn man dann Gefahr läuft, daß man eine Woche lang nicht mehr zum Schlafen kommt. Wenn jemals ein Roman eine dringende Kaufempfehlung verdient hat, dann der Otherland-Zyklus von Tad Williams.
15 Punkte.

Winfried Brand


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