Andreas Eschbach:

„Kelwitts Stern“

D 1999
(383 Seiten, Hardcover, Schneekluth, ISBN 3-7951-1624-4, DM 37,90)
- erschienen: August 1999 -

Zum Inhalt:
Auf Jombuur, einem Planeten in der Nähe des Milchstraßenzentrums, ist es Brauch, jedem Kind kurz nach der Geburt einen Stern zu schenken. Das führte dann nicht nur dazu, daß die Jomburaaner sich zu den besten Astronomen der Galaxis entwickelten, sondern auch dazu, daß ein Jomburaaner namens Kelwitt schließlich die Sonne geschenkt bekommt. Doch es ist auch Brauch, daß der jeweilige Jomburaaner später eine Orakelfahrt zu seinem Stern macht, um aus dessen Beschaffenheit sowie der seiner Planeten herauszudeuten, wie sein weiteres Leben verlaufen soll. Kelwitt wird also mit einem kleinen Beiboot in unserem Sonnensystem abgesetzt, während das Handelsschiff weiterfliegt und ihn ein paar Tage später wieder abholen will. Natürlich hält er sich nicht an die Richtlinie, sich von den Planeten fernzuhalten, bekommt folglich auch gleich Ärger und wird abgeschossen. Er kracht schließlich mit seinem Schiff durch das Dach eines Heuschobers mitten auf der Schwäbischen Alb. Sein Absturz wird allerdings nicht nur vom dorfbekannten Säufer beobachtet, sondern auch von einem Agenten des BND, der die Absturzstelle schließlich ausfindig macht und Kelwitt mit sich nimmt. Durch einen Autounfall kann Kelwitt ihm jedoch entkommen und trifft auf die zwei Mitglieder der Stuttgarter Familie Mattek, die ihn mit nach Hause nehmen.

Ein neuer Eschbach - und wieder ein neues Genre. Diesmal widmet sich der Autor dem humoristischen SF-Roman. Gerade hier ist es besonders schwierig, gute Romane zu schreiben. Meistens wirkt entweder der Humor aufgesetzt, oder die Handlung erweist sich letztendlich als hanebüchen. Doch Andreas Eschbach schafft es auch hier, die Fallstricke elegant zu umschiffen und den Roman konstant auf dem höchsten Grad des Interesses zu halten.
Vor allem gelingt es Eschbach, den Roman weitestgehend von einem Adams-Plagiat fernzuhalten, auch wenn er vor allem zu Beginn stark Gefahr läuft, den Stil der ersten Anhalter-Romane zu kopieren. Vor allem der Anfang von Kapitel 4 erinnert hier doch frappant an den englischen Autor. Doch danach entfernt sich Eschbach immer weiter von diesem Vorbild und entwickelt seine eigene Erzählweise eines humoristischen Romans - sehr zur Freude des Lesers.
Auch im inneren Zusammenhalt des Romans erweist dieser sich wieder als wohldurchdacht. Bei Eschbach gibt es keine „Füllszenen“, um den Roman zu strecken. Hier ist jede Szene wichtig, wird später auf jede Begebenheit wieder eingegangen, die sich dann als homogenes Ganzes erweisen - gerade für einen humoristischen Roman ist dies recht ungewöhnlich und bemerkenswert, werden hier doch gerne Szenen aufgrund ihres Gag-Gehalts eingeschoben und nicht, weil die Handlung diese Szene zwingend erfordern würde.
Da Andreas Eschbach hier jedoch die Szenen der Handlung unterordnet, erweist sich „Kelwitts Stern“ weniger als Gag-SF, sondern eher als humoristisch, was ihm insgesamt sehr guttut, da er so auch in der Lage ist, das Interesse des Lesers nicht nur auf der Witzebene, sondern auch auf der Spannungsseite zu wecken.
Da sieht der Leser es nun auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge, daß dieser Roman relativ dünn geraten ist (zumindest im Vergleich mit seinem Vorgänger „Jesus Video“). Zum einen hat man so natürlich leider viel weniger „Eschbach“ zu lesen (und muß trotzdem wohl wieder rund ein Jahr warten, bis man den nächsten Roman von ihm zu lesen bekommt - wenn nicht wieder ein Perry Rhodan-Roman aus seiner Feder erscheinen sollte, was wirklich äußerst begrüßenswert wäre), zum anderen ist der Leser jedoch auch in der Lage, diesen Roman wirklich auf einen Rutsch zu lesen, ohne großartig auf Schlaf verzichten zu müssen. Und gerade letzteres erlangt eine recht gewichtige Bedeutung, da „Kelwitts Stern“ eindeutig wieder zu der Sorte Romane gehört, die an einem Stück gelesen werden wollen - wenn er zugegebenermaßen auch nicht ganz so stark danach verlangt wie z.B. „Solarstation“ oder „Jesus Video“.
Nachdem letztgenannter Roman im letzten Jahr der restlichen Truppe deutscher SF-Schriftsteller keinerlei Chance ließ, auch nur halbwegs reell von einem der großen deutschen SF-Preise zu träumen, läßt Eschbach dann diesmal eine kleine Möglichkeit offen, denn mit „Jesus Video“ kann „Kelwitts Stern“ insgesamt dann doch nicht ganz mithalten - wenn der Abstand in Sachen Lesespaß und Qualität zwischen den beiden auch nur recht klein ist. Doch leider hat bisher noch keiner der Kollegen diese Chance zu nutzen gewußt. Die deutsche SF ist außerhalb eines Andreas Eschbach immer noch in einer Art Stasis-Feld gefangen, aus dem sie sich nicht befreien kann. Wie denn auch, wenn die Verlage sie nicht lassen?

Fazit:
„Kelwitts Stern“ erweist sich als hervorragender humoristischer SF-Roman, der jedoch auch auf der Handlungsseite einiges an Pluspunkten sammeln kann, da diese so gut durchdacht ist wie selten bei einem Roman dieses Genres. Wieder mal ein Kandidat für einen erfüllten Abend, der weit in die Nacht hineinreicht, vom Star der deutschen SF.
14 Punkte.

Winfried Brand


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