Vonda McIntyre:

"Die Traumschlange"

OT: Dreamsnake
Ü: Horst Pukallus
1978
(446 Seiten, Taschenbuch, Bastei Lübbe 24263, ISBN 3-404-24263-7, DM 12,90)
- erschienen: September 1999 -

Zum Inhalt:
Die Heilerin Schlange erreicht in ihrem Ausbildungsjahr das Lager eines Nomadenstammes. Hier ist ein Kind an einem Tumor erkrankt, den sie heilen will. Sie läßt ihre Traumschlange bei dem Kind zurück, obwohl die Wüstenbewohner sich offensichtlich vor Schlangen fürchten. Doch Schlange muß sich und ihre beiden anderen Schlangen für den Eingriff vorbereiten, und die Traumschlange soll dem Kind dabei helfen, die Nacht zu überstehen, bis Schlange zum Eingreifen bereit ist. Bei ihren Vorbereitungen hilft ihr Arevin, einer der Angehörigen des Nomadenstammes, der zuerst Furcht vor ihr zeigt, sich im Lauf der Nacht jedoch immer stärker zu ihr hingezogen fühlt. Als sie schließlich soweit sind, dem Kind zu helfen, muß Schlange feststellen, daß dessen Eltern die Traumschlange getötet haben, die sie zurückgelassen hat. Voller Gram verhilft Schlange dem Kind auf den Weg zur Besserung, um danach das Lager und auch Arevin zu verlassen. Sie muß zurück zur Siedlung der Heiler, um ihr Versagen einzugestehen und den Schiedsspruch abzuwarten. Denn Traumschlangen sind nicht nur der wichtigste Teil eines Heilers, sondern dazu noch äußerst selten, da sie außerirdischen Ursprungs sind und auf der Erde nur äußerst selten nachgezüchtet werden können. Die Außerirdischen jedoch verweigern den Heilern die Hilfe - aber auf ihrer Rückreise stößt Schlange auf eine Möglichkeit, doch noch an neue Traumschlangen zu gelangen, die die Heiler so dringend benötigen.

Vonda (N.) McIntyres Roman "Die Traumschlange" gelang 1978 das Kunststück, nicht nur den Hugo, sondern auch den Nebula einzusacken - mithin die beiden wichtigsten Preise im Bereich der Science Fiction-Literatur. Zudem wurde der Roman von Horst Pukallus übersetzt, einem der renommiertesten und sicherlich besten Übersetzer, die Deutschland zur Zeit zu bieten hat. An sich also beste Voraussetzungen für einen Roman, der locker in die höchsten Punktbereiche einzudringen in der Lage ist.
Vonda McIntyre schafft es dann auch problemlos, eine faszinierende Welt der Zukunft aufzubauen, in der die Menschheit den großen Krieg gerade so überstanden hat und mit Außerirdischen in Kontakt getreten ist. Doch diese Außerirdischen bleiben im Verlauf des Romans vollkommen außen vor; vielmehr richtet die Autorin ihr Augenmerk auf die versprengten Überbleibsel der Menschheit, die nicht viel Kontakt untereinander pflegen. Die technische Seite der menschlichen Entwicklung ist bei McIntyre weit in den Hintergrund getreten; statt dessen ist die Menschheit auf eine fast mittelalterlich zu nennende Stufe zurückgefallen, in der man sich per Biokontrolle der Empfängnisverhütung widmet, zwar auch durchaus ein paar Klonversuche unternimmt, aber zum Beispiel per Pferd durch die Gegend reist.
Die Heiler sind besondere Menschen, die sich auf den Umgang mit (Gift-)Schlangen verstehen und mit Hilfe dieser - und diverser Seren, die sie herstellen - viele Erkrankungen heilen können. Doch die Traumschlangen bilden die Grundvoraussetzung ihrer Heilkräfte, denn diese bescheren mit ihren Bissen den Menschen Linderung. Das Gift der Traumschlangen ist nicht in der Lage, jemanden zu töten, sondern verhilft den Menschen (wie schon der Name sagt) zu Träumen, zu Linderung der Leiden - aber auch zu einem erträglichen Tod, wenn die Heiler nicht mehr die Genesung, sondern nur noch Linderung anbieten können.
Insgesamt bietet Vonda McIntyres "Die Traumschlange" eine interessante Schilderung einer Welt, die eher der Fantasy denn der Science Fiction zuzuordnen ist. Leider jedoch bietet der Roman weiter gar nichts. Es fehlt größtenteils an jeglicher Faszination, was hauptsächlich daran liegt, daß der Leser nur sehr schwer - und wenn, dann auch nur bruchstückhaft - Informationen zu dieser Welt geliefert bekommt. Es gelingt ihm nur ansatzweise, sich in diese Welt zu versetzen, in sie einzutauchen. Statt dessen bleibt er weitestgehend an der Oberfläche hängen, fragt sich, wie die Entwicklung denn nun an diesen Punkt führen konnte, und bekommt nur Bruchstücke von Antworten, die allesamt unbefriedigend sind, da sie zu keinem wirklich greifbaren Ergebnis führen, sondern vielmehr mehr Fragen zurücklassen, als sie wirklich beantworten.
Sicher war es nicht McIntyres Ansinnen, diese Welt wirklich in allen Einzelheiten aufzubauen. Statt dessen widmet sie sich vielmehr ihren Charakteren, die dann auch wirklich gelungen sind. Und auch die Handlung, die ähnlich einer Kurzgeschichte nur einen vergleichsweise kurzen Moment - vielleicht drei oder vier Monate - der Erdgeschichte beleuchtet, fängt irgendwo an und hört irgendwo auf, ohne einen wirklichen Anfang oder ein wirkliches Ende zu haben. Hier bleibt vieles dem Leser überlassen, der angesichts der wenigen Informationen ein bißchen überfordert ist, sich die Zusammenhänge wirklich schlüssig zusammenzureimen.
Schon aus dieser Sicht bleibt die Frage offen, weshalb dieser Roman beide renommierten Preise sammeln konnte. Sicherlich, McIntyre schreibt faszinierend, und auch dieser Roman kann sich eines gewissen Interesses nicht entziehen. Die Geschichte, deren zugrundeliegendes Merkmal die Suche nach der Menschlichkeit im Allgemeinen ist (wie ausnahmsweise auf dem Klappentext einmal richtig erkannt), kann viele Pluspunkte für sich in Anspruch nehmen. Doch der Leser kommt nur schwer in Gang, findet den Zugang zur Handlung recht spät, da die Richtung, in die diese schlußendlich verläuft, erst sehr spät ersichtlich wird. Auch wirken die einzelnen Szenen nicht unbedingt zusammengehörig, bedingen einander nicht wirklich, sondern erscheinen teilweise eher des Effekts wegen eingebaut zu sein. Ob Schlange nun eine Tochter hat oder nicht - gerade dies scheint eher aufgrund emotionaler Wirkung beim Leser eingebaut worden zu sein, als daß es für die Handlung wirklich unabdingbar gewesen wäre.
Und dann hätten wir noch die Übersetzung. Leider verzichtet Bastei (wie immer) auf Angaben früherer Veröffentlichungen dieses Romans. Angesichts der gewonnenen Preise ist es jedoch äußerst unwahrscheinlich, daß dieses Buch wirklich gut 20 Jahre in der Schublade lag, bis es auf Deutsch veröffentlicht wurde. Eher sollte man wohl davon ausgehen, daß es erstmals Anfang der 80er Jahre in Deutschland erschienen ist. Dies würde dann auch die teilweisen Aussetzer des Übersetzers erklären - immerhin würde es sich bei dieser Übersetzung dann mehr oder weniger um ein Frühwerk Horst Pukallus' handeln, womit einiges erklärbar wäre. Denn die größtenteils gute Übersetzung holpert doch an manchen Stellen, weist ab und zu falsche Konjugierungen von Verben auf (auffallend hier vor allem das immer wiederkehrende und zur sonstigen Atmosphäre absolut nicht passende, altertümliche "Schnoben" der Pferde, anstatt daß sie schnaubten, wie die ansonsten modernere Sprache nahelegen würde), und auch im Satzbau erweist sich diese Übersetzung nicht immer als die sattelfesteste.
Insgesamt erweist sich "Die Traumschlange" dann nicht unbedingt als Fehllektüre, jedoch auch nicht als der Spitzenroman, den die gewonnenen Preise vermuten lassen. Interessant - ja; faszinierend - nicht unbedingt. Von Vonda N. McIntyre habe ich jedenfalls schon weitaus besseres gelesen - wenngleich der Roman sicherlich nicht ganz so schlecht ist, wie diese Zeilen vermuten lassen könnten. Hier waren meine Erwartungen vielleicht ein bißchen zu hochgesteckt gewesen, als daß ich diesen Roman wirklich würdigen könnte.

Fazit:
Ungewöhnliche SF, die zwar interessant, jedoch auf weiten Teilen nicht wirklich faszinierend daherkommt. Vonda McIntyre hat später noch wesentlich bessere Werke verfaßt, denen man sich eher zuwenden sollte. Allerdings ist dieser Roman, wenn es auch eher ein schwächerer ist, doch durchaus in der Lage, mit den durchschnittlichen Veröffentlichungen des Genres mindestens mitzuhalten.
8 Punkte.

Winfried Brand


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