Die
Vereinigten Staaten im Jahr 2024.
Das Land ist zusammengebrochen. Armut, Arbeitslosigkeit und
Kriminalität prägen das Bild. Außerhalb der
großen Städte leben die Menschen in ummauerten Enklaven
und schützen sich so vor den durch neuartige Psychodrogen in
Blutrausch versetzten Mörderbanden.
Auch die junge Lauren Olamina, Tochter eines Pfarrers, lebt in einer
solchen, auf lange Sicht vom Untergang bedrohten Enklave. Dank einer
Erbkrankheit ist Lauren eine Empathin, das heißt, sie kann u.
a. den Schmerz anderer Menschen spüren, was sie unweigerlich zu
einer Außenseiterin der Gesellschaft macht.
Auch macht sie sich - im Gegensatz zu den übrigen Einwohnern,
die nach der Devise "Es wird schon nichts passieren" leben - Gedanken
über die Zukunft und grübelt laut darüber nach, wie
sich die Menschen nach dem Fall der schützenden Mauer wohl am
besten schützen, womit sich Lauren nicht unbedingt Sympathien
schafft.
Ferner arbeitet sie insgeheim, zunächst nur in Form von kleinen
Sinnsprüchen, später in immer längeren Texten, an
einem philosophisch-religiösen Konzept, welches den
unabdingbaren Wandel aller Dinge zum Thema hat und dessen Kernsatz
"Gott ist Wandel" lautet. Diesem Konzept gibt sie den Namen
"Erdensaat".
Eines schönen Tages endet jedoch die trügerische Idylle -
dann nämlich, als Laurens rebellischer Bruder, um sich in der
Welt außerhalb umzusehen, heimlich den Schlüssel für
das Eingangstor der Enklave an sich bringt, der ihm bei seinem
Streifzug prompt gestohlen wird. Die Sicherheit der Gemeinschaft ist
somit aufs Höchste gefährdet.
Mit ihrem neuen Roman legt Octavia Butler ein
handlungsmäßig eher ruhiges, dafür aber umso
interessanteres Buch vor. Dabei sah dies für den freundlichen
Rezensenten zunächst gar nicht so aus.
Zwar klang der Klappentext durchaus interessant; als jedoch die
Heldin in den ersten Kapiteln langsam, aber sicher, den Glauben ihres
Vaters verlor und die ersten Kernpunkte ihrer Erdensaat-Philosophie
skizzierte, beschlich mich doch ein ungutes Gefühl - finde ich
religiöse Konzepte doch zumeist so prickelnd wie einen alten
Strickstrumpf. Der Gedanke, mich durch ein Buch ackern zu
müssen, das sich offenkundig größtenteils mit dem
Aufkeimen eines neuen Glaubens beschäftigt, war daher nicht
unbedingt geeignet, mich in Jubelstürme ausbrechen zu
lassen.
In der Tat bleiben Laurens Erdensaat-Theorien auch das Kernthema des
Buches. Es dauert eine ganze Anzahl von Seiten, bis die
äußerliche Handlung in Schwung kommt, aber selbst ab
diesem Zeitpunkt nimmt das philosophische Konstrukt weiter Gestalt
an.
Im späteren Verlauf wandelt sich "Die Parabel vom Sämann",
wie vielleicht nicht anders zu erwarten war, zu einer Art
Messias-Geschichte, in deren Mittelpunkt Lauren mit ihrer neuen Lehre
steht. Ein heikles Thema also, das in ungeschickten Händen
durchaus zu einem peinlichen Langweiler hätte geraten
können. Butler hingegen schafft es stilsicher, sowohl die
vordergründige Handlung des Romans spannend zu halten als auch
dem Leser die philosophischen Untertöne nahezubringen.
Fazit:
"Die Parabel vom Sämann" ist ein sehr ruhiger, zum Nachdenken
anregender Roman, der zwar an Action spart, dafür jedoch umso
mehr mit Tiefgang aufwartet. Wer das nicht mag oder generell etwas
gegen religiöse oder philosophische Themen hat, ist hier
natürlich fehl am Platz. Alle anderen dürften an dem Buch
durchaus ihre Freude haben.
12 Punkte