Octavia E. Butler:

"Die Parabel vom Sämann"

OT: Parabel of the Sower
Ü: Kurt Bracharz
USA 1993
(414 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/5997, ISBN 3-453-14896-7, DM 14,90)
- erschienen: Juli 1999 -

Die Vereinigten Staaten im Jahr 2024.
Das Land ist zusammengebrochen. Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität prägen das Bild. Außerhalb der großen Städte leben die Menschen in ummauerten Enklaven und schützen sich so vor den durch neuartige Psychodrogen in Blutrausch versetzten Mörderbanden.
Auch die junge Lauren Olamina, Tochter eines Pfarrers, lebt in einer solchen, auf lange Sicht vom Untergang bedrohten Enklave. Dank einer Erbkrankheit ist Lauren eine Empathin, das heißt, sie kann u. a. den Schmerz anderer Menschen spüren, was sie unweigerlich zu einer Außenseiterin der Gesellschaft macht.
Auch macht sie sich - im Gegensatz zu den übrigen Einwohnern, die nach der Devise "Es wird schon nichts passieren" leben - Gedanken über die Zukunft und grübelt laut darüber nach, wie sich die Menschen nach dem Fall der schützenden Mauer wohl am besten schützen, womit sich Lauren nicht unbedingt Sympathien schafft.
Ferner arbeitet sie insgeheim, zunächst nur in Form von kleinen Sinnsprüchen, später in immer längeren Texten, an einem philosophisch-religiösen Konzept, welches den unabdingbaren Wandel aller Dinge zum Thema hat und dessen Kernsatz "Gott ist Wandel" lautet. Diesem Konzept gibt sie den Namen "Erdensaat".
Eines schönen Tages endet jedoch die trügerische Idylle - dann nämlich, als Laurens rebellischer Bruder, um sich in der Welt außerhalb umzusehen, heimlich den Schlüssel für das Eingangstor der Enklave an sich bringt, der ihm bei seinem Streifzug prompt gestohlen wird. Die Sicherheit der Gemeinschaft ist somit aufs Höchste gefährdet.

Mit ihrem neuen Roman legt Octavia Butler ein handlungsmäßig eher ruhiges, dafür aber umso interessanteres Buch vor. Dabei sah dies für den freundlichen Rezensenten zunächst gar nicht so aus.
Zwar klang der Klappentext durchaus interessant; als jedoch die Heldin in den ersten Kapiteln langsam, aber sicher, den Glauben ihres Vaters verlor und die ersten Kernpunkte ihrer Erdensaat-Philosophie skizzierte, beschlich mich doch ein ungutes Gefühl - finde ich religiöse Konzepte doch zumeist so prickelnd wie einen alten Strickstrumpf. Der Gedanke, mich durch ein Buch ackern zu müssen, das sich offenkundig größtenteils mit dem Aufkeimen eines neuen Glaubens beschäftigt, war daher nicht unbedingt geeignet, mich in Jubelstürme ausbrechen zu lassen.
In der Tat bleiben Laurens Erdensaat-Theorien auch das Kernthema des Buches. Es dauert eine ganze Anzahl von Seiten, bis die äußerliche Handlung in Schwung kommt, aber selbst ab diesem Zeitpunkt nimmt das philosophische Konstrukt weiter Gestalt an.
Im späteren Verlauf wandelt sich "Die Parabel vom Sämann", wie vielleicht nicht anders zu erwarten war, zu einer Art Messias-Geschichte, in deren Mittelpunkt Lauren mit ihrer neuen Lehre steht. Ein heikles Thema also, das in ungeschickten Händen durchaus zu einem peinlichen Langweiler hätte geraten können. Butler hingegen schafft es stilsicher, sowohl die vordergründige Handlung des Romans spannend zu halten als auch dem Leser die philosophischen Untertöne nahezubringen.

Fazit:
"Die Parabel vom Sämann" ist ein sehr ruhiger, zum Nachdenken anregender Roman, der zwar an Action spart, dafür jedoch umso mehr mit Tiefgang aufwartet. Wer das nicht mag oder generell etwas gegen religiöse oder philosophische Themen hat, ist hier natürlich fehl am Platz. Alle anderen dürften an dem Buch durchaus ihre Freude haben.
12 Punkte

Michael Breuer


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