Liane Jones:

"Der Traumstein"

OT: The Dreamstone
Ü: Alfons Winkelmann
USA 1992
(670 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/9038, ISBN 3-453-15603-X, DM 24,90)
- erschienen: August 1999 -

Dies ist eine Geschichte, die im 12. Jahrhundert nach Christus beginnt und deren Auswirkungen sich bis in unsere Zeit ziehen.
Der junge Dichter Gwyn Thomas aus Wales nimmt eine Stelle als Resident Poet (eine Lehrstelle zur Ausbildung von jungen Schriftstellern und wohl eben Poeten - vielleicht zu übersetzen mit dem am Ort befindlichen oder ortsansässigen Dichter, aber das ist eher wortwörtlich) an der Brockham Universität in New York an. Dort lernt er schließlich die junge Jane Pridden kennen, die eine Assistentenstelle an der gleichen Universität innehat und für Gwyns Professor Duane Jewell eine Kunstzeitschrift herausgibt. Wie nicht anders zu erwarten, verlieben sich Gwyn und Jane unsterblich, und es könnte sich die glücklichste Beziehung einstellen, wenn da nicht folgendes wäre:
Auf dem Flug von Wales nach Amerika hat Gwyn zum ersten Mal angefangen, von der Geschichte der Ceinwen Maelgwyn zu träumen. Diese, ein einfaches junges Mädchen aus dem kleinen Ort Cynfael in Wales, begegnete eines Tages dem Prinzen Madoc ap Owein ap Gruffydd, in den sie sich sodann unsterblich verliebte. Und seit dem Zusammentreffen mit Gwyn träumt nun auch Jane von Madoc und Ceinwen.
Madoc hat ein großes Ziel: zum zweiten Mal nach Ynys Llyr zu gelangen, dem fernen Land im Westen. Beim ersten Mal hat Madoc einen Gast oder auch Gefangenen mitgebracht - läßt sich nicht so genau sagen, bei den damaligen Sitten - nämlich den Krieger Glesig Dog. (na, welchem Volk wird der wohl angehören, wenigstens in großem Rahmen?) Mit Glesigs Hilfe will er erneut nach Ynys Lyr und dabei eine große Anzahl Menschen mitnehmen, um dort eine neue Nation zu gründen und den ewigen Kämpfen mit seinen Brüdern und anderen Feinden (nette Familie, oder?!) zu entgehen.
Irgendwann beginnt Gwyn, über diese Geschichte zu schreiben, und zwar in Form von alten Versen der Walliser. Jane wird durch ihre Träume über Ceinwen und Madoc immer mehr in einen Sog gerissen, der auch ihre Realität bedroht.

Liane Jones hat hier ein umfangreiches Werk geschaffen, obwohl 650 Seiten heute nicht mehr unbedingt etwas Besonderes sind. Jones hat sich intensiv mit den walisischen Sagen und Mythen um Madoc beschäftigt; und wenn sich jemand die Mühe macht, kann er anhand dieses Buches bestimmt perfekt dessen Weg in Nordamerika nachverfolgen. Madocs Volk trifft im Roman auf die Mandaner, einen indianischen Volksstamm, von dem ich immerhin weiß, daß ein Mandan-District in North-Dakota existiert; also gibt's oder gab es auch den zugehörigen Stamm.
Realität und Phantasie finden sich hier in perfekter Verknüpfung wieder.
Die Geschichte baut sich langsam und gemächlich auf, die Darsteller entwickeln sich gezielt weiter, und man wird mit vielen Details verwöhnt. Dieser langsame Aufbau ist die Stärke oder auch die Crux des Buches. Wenn man Action und spannende Handlung erwartet, muß man sich hier lange gedulden; wer detaillierte Beschreibungen und gut gezeichnete Charaktere liebt, ist hier gut bedient. Als King-Leser gefallen mir natürlich auch lange Umschreibungen, nur gibt es da natürlich auch die gewünschte Spannung und Action. Trotz der unzweifelhaften Qualität des Buches mußte ich mich manchmal schon sehr durchbeißen.
Das Phantastische kommt für mich in diesem Buch auch etwas schwach weg. Zuviel verraten darf ich natürlich nicht, aber bei der Auflösung sind Liane Jones wohl ein wenig die Ideen ausgegangen. Vielleicht gefällt die Lösung anderen Lesern ja besser.

Gut zu lesen ist der Roman ganz zweifellos; mit dem weiteren Fortschreiten der Handlung machten sich bei mir jedoch mehr und mehr zwiespältige Gefühle bemerkbar, wodurch er für mich auch nur eine mittelmäßige Benotung verdient.
9 Punkte

Bernd Krosta


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