Holly Lisle:

"Der Schlaf der Zauberkraft"

(Der magische Spiegel 1)
OT: The Secret Texts 1: Diplomacy of Wolves
Ü: Michaela Link
USA 1998
(480 Seiten, Paperback, Blanvalet 26550, ISBN 3-442-26550-9, DM 20,00)
- erschienen: September 1999 -

Im Reich Ibera kämpfen fünf Familien mit allen Mitteln um die Macht. Kait gehört zu den Galweighs. Gleichzeitig hat sie ein tödliches Geheimnis. Sie ist ein Karnee, jemand, der sich in eine Tiergestalt verwandeln kann und auch in menschlichem Zustand schärfere Sinne hat als ein normaler Mensch. Das ist in Ibera ebenso verboten wie der Gebrauch jeder Art von Magie, seit die Welt vor fast tausend Jahren beinahe zerstört wurde. Dennoch wird sie im Geheimen praktiziert; und auch die den Galweighs aufs blutigste verfeindeten Sabirs besitzen Magier und Karnees. In ihren unterirdischen Hallen vollführen sie grausame Experimente, mit denen sie die Herrschaft an sich reißen wollen, und einige von ihnen haben sogar noch ganz andere Ziele.
Als sich eine der zahlreichen Intrigen in ein grausames Blutbad verwandelt, flieht Kait, mit dem Ziel, den magischen Spiegel der Seelen zu finden. Ry Sabir - der Karnee der Sabir - folgt ihr. Er hat sich in sie verliebt und will sie unbedingt besitzen. Beide bemerken in ihrer emotionalen Blindheit nicht, daß sie von anderen nur als Werkzeuge benutzt werden und ihre Ziele sich langfristig ganz anderen unterstellen müssen...

„Der magische Spiegel“ ist ein Roman voller Atmosphäre und Spannung. Vorsichtig baut die Autorin die Charaktere und dann die Handlung auf. Sie kreiert eine große, umfangreiche Welt, die sie aber Schritt für Schritt behutsam konstruiert und vorstellt. Erst im Lauf dieser Vorstellung bekommt man eine Ahnung, wohin die Handlung denn laufen könnte; und so richtig weit ist man da am Ende auch noch nicht. Das paßt aber ganz gut ins Bild und läßt Raum für einige Überraschungen, die hoffentlich noch kommen werden. Aber uns wird da ja auch noch einiges erwarten. Davon gibt es nämlich noch nicht allzuviele. Bisher fehlen die großen Brüche, die der Handlung den endgültigen Reiz geben. Bis zu diesem Zeitpunkt kommt diese mehr aus den Charakteren selber. Zwar ist einiges an Handlung da, die auch sehr gut ist, aber ein paar gute Wendungen bzw. wenigstens eine würde ich dann doch noch erwarten. Ansonsten haben wir einen „nur“ recht guten, aber halt keinen besonderen Zyklus.
Was mir recht gut gefallen hat, war die Welt, in der sich die magiebegabten Charaktere zurechtfinden müssen und wie auf einmal aus ach so lieben „Freunden“ auf einmal intolerante Jäger werden, denen jedes Mittel recht ist, die Objekte ihrer Angst zu beseitigen. Auf der anderen Seite kann ich mir bei dem einen oder anderen nicht vorstellen, wie schnell er zur Magie bekehrt wird. Denn es wird einfach zu oft beschrieben, welche Angst die Leute vor der Magie haben und wie sie dagegen vorgehen; und dann gibt es einige Fälle, in denen die betroffenen Charaktere sich einfach so und ohne zu überlegen auf die Machtmittel der Magie stürzen. Im Fall der großen Familien ist das ja noch ohne Probleme einzusehen. Für sie war das Magieverbot eigentlich nie gültig, aber bei vielen anderen ist das so nicht unbedingt nachzuvollziehen.
Kommen wir aber über den Punkt des Magieverbots noch einmal genauer auf die Welt des „magischen Spiegels“ zu sprechen. Hier sind viele dunkle Elemente anzutreffen. Seien es die Experimente und Folterungen in dunklen tiefen Kellern oder die Grausamkeiten, mit denen zum einen die Verfechter der Magie ihre Pläne vorantreiben und auf der anderen Seite der Mob der Straße, der keine Hemmungen hat, hin und wieder mal ein Menschenopfer zu bringen. Und dann gibt es ja schließlich auch noch die überirdischen Elemente, die man wohl am besten als Götter beschreibt, die in Zukunft wohl noch intensiver in die Handlung eingreifen werden - und die in puncto Ausnutzen und Grausamkeit auch nicht gerade Anfänger sind. (Und dieser Eindruck wird sich wohl noch verstärken.)
Schade finde ich, daß es hier keine Karte gab. Die Autorin hat sich in meinen Augen bei der Entwicklung der Welt schon reichlich Mühe gegeben, und sie weiß anscheinend recht gut Bescheid über Orte, Länder und Distanzen - da wäre eine Karte für den Leser doch eigentlich kaum ein Problem gewesen, finde ich. Ich für meinen Teil schaue ganz gern mal nach, was wo liegt und wer sich gerade von wo nach wo bewegt.

Fazit:
Alles in allem ein vielversprechender und düsterer Auftakt. Kein Horror und auch keine Tendenz in diese Richtung, trotz der Dämonen, Folterungen und Totenbeschwörungen. Nur hin und wieder ein wenig Düsternis, wie man es zur Zeit recht häufig findet, aber absolut keine klassische Fantasy Marke Zimmer Bra dley. Durchaus zu empfehlen.
11 Punkte

Alexander Haas


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