(Otherland - Band 3)
USA 1999
(689 Seiten + ca. 20 Seiten Zusammenfassung der ersten beiden Teile,
Hardcover, DAW Books, ISBN 0-886-77849-2, ca. DM 50,00)
- erschienen: September 1999 -
Zum
Inhalt:
Nachdem Dread, der im Sim von Quan Li unerkannt in der Gruppe
mitreisen konnte, inzwischen enttarnt ist, ist es ihm jedoch auch
gelungen, das Feuerzeug in seinen Besitz zu bringen, mit dessen Hilfe
man die Passagen zwischen den einzelnen Simulationen öffnen
kann. Da er entkommen ist, sitzt der Rest der Gruppe um Renie nun in
einer seltsamen Sim-Welt fest, in der die Umwelt nur aus
Grautönen zu bestehen scheint.
Währenddessen hat Paul Jonas, der Mann, den Renie und die
anderen suchen sollen, Ithaka erreicht. In dieser Simulation hat der
die Rolle von Qdysseus übernommen, der gerade von seiner Odyssee
heimkehrt. In Penelope meint er, eine weitere Inkarnation der
Vogelfrau zu erkennen, die ihn hierhin geschickt hat. Doch Penelope,
die ihm den weiteren Weg weisen soll, scheint verwirrt zu sein.
Teilweise erkennt sie ihn erst gar nicht, teilweise will sie ihn auf
die Reise nach Troja schicken, von der er gerade zurückkommt.
Dies verwirrt nun auch Paul Jonas...
Gardiner und Fredericks hingegen treffen im alten Ägypten auf
einige Mitglieder der Gruppe, die sich der Kreis nennt, und die gegen
die Gralsbruderschaft agitieren. Doch unter den Göttern des
Qlymp ist ein Krieg ausgebrochen, als Oompa-Loompa die Macht an sich
reißen will, jedoch von Osiris Anhängern Tefy und
Mewat angegriffen wird.
In der Realen Welt hingegen sucht Arthur Ramsey weiterhin nach den
Hintergründen der seltsamen Erkrankung von Gardiner und
Fredericks. Renies Vater Long Joseph hingegen trifft vor dem
Krankenhaus, in dem sein Sohn im Koma liegt, auf einen ehemaligen
Freund Renies, der durch deren Anfrage nach dem Bildnis der Goldenen
Stadt ziemliche Schwierigkeiten bekommen hat und untertauchen
mußte. In dem verlassenen Militärstützpunkt, in dem
Renie und !Xabbu in ihren Tanks liegen, klingelt währenddessen
andauernd ein Telefon, obwohl eigentlich niemand wissen kann,
daß sich hier überhaupt jemand aufhält. Olga Pitofski
hat ihren Job als Onkel Jingle-Darstellerin inzwischen aufgegeben und
wird nun von Kinderstimmen, die sie im Schlaf hört, wenn sie mit
dem Netz verbunden ist, zu einem seltsamen Ort gerufen. In Sydney
scheint man endlich hinsichtlich des Mörders weiterzukommen,
wobei die Spuren langsam aber sicher in Richtung Johnny
Dread weisen, der jedoch nach Irrenhausakten schon vor
dem Zeitpunkt des Mordes einem Unfall zum Opfer gefallen ist...
Ein neuer Roman von Tad Williams ist erschienen, und natürlich
habe ich mal wieder alles stehen und liegengelassen, um erst einmal
dieses Buch zu lesen - im Original, da es einfach noch zu lange
dauert, bis dieser Band auf Deutsch erscheint.
Auch in diesem Roman erweist sich Williams, wie auch schon in
River of Blue Fire (dt.: Fluß
aus blauem Feuer - Rezension in Flash Nr. 64), als Meister
der kleinen Schritte. Doch wenn er im letzten Roman noch mehr Fragen
als Antworten aufgeworfen hat, so legt er hier so langsam mit den
Antworten los. Vieles, was der Leser bisher bestenfalls vermuten
konnte, wird hier nun geklärt, wenn auch noch einiges
offenbleibt - schließlich soll ja noch ein vierter Band folgen
(der es nach dem Ende des vorliegenden Bandes sicherlich in sich
haben wird).
Wie immer setzt Tad Williams auch in diesem Roman auf
ausführliche Beschreibungen und eine Atmosphäre, die ihm so
gut gelingt, wie kaum einem anderen Autoren im Bereich der
Phantastik. Er schafft damit eine Faszination beim Leser, die
ihresgleichen sucht, die den Leser dazu bringt, nächtelang
wachzuliegen, nur um zu erfahren, wie die Geschichte nun weitergeht.
Wie schon bei den vorhergehenden Bänden sind hier eigentlich ein
paar Urlaubstage angebracht, die man zuhause im Sessel verbringt -
denn zur Seite legen kann man dieses Roman eigentlich nur unter
massivem Druck von Außen.
Warum nur müssen wir jetzt eigentlich noch ein Jahr warten, bis
der abschließende vierte Band im Original erscheint? Und ich
frage mich auch, wie die Leser, die auf die (sehr gute) deutsche
Übersetzung angewiesen sind, die nächsten zwei Jahre noch
aushalten wollen? Tad Williams Otherland-Epos gehört
mit Sicherheit schon jetzt, bevor es komplett vorliegt, zu den
absoluten Klassikern der phantastischen Literatur.
Tad Williams versteht mit der Sprache umzugehen, wie kaum ein anderer
Autor. Er verwendet sie nicht nur als Stilmittel - er spielt mit ihr,
reizt sie aus und bringt seine Geschichte dabei genau auf die
Länge, die sie braucht; nicht ein Wort weniger, aber auch kein
Wort mehr. Dies ist Schreibkunst, wie man sie selten genug liest.
Daß dazu noch eine komplexe Story entsteht, deren einzelne
Teile perfekt aufeinander abgestimmt sind, bei der es nur
natürlich erscheint, daß sich rund neun (in etwa)
Erzählebenen abwechseln, deren letzten Stand man noch
verinnerlicht hat, selbst wenn seit der letzten Erwähnung dieser
Ebene rund 300 Seiten vergangen sind, ist nicht nur das
Tüpfelchen auf dem "i" - das ist dann der Punkt, wo die
großen Romane anfangen. Und damit meine ich die WIRKLICH
GROSSEN! Tad Williams gehört ganz eindeutig zu der kleinen Riege
der Autoren, die in der Lage sind, nicht nur momentane Erfolge,
sondern wirkliche Klassiker der phantastischen Literatur
vorzulegen.
Fazit:
Eine grandiose Fortführung der ersten beiden Bände. Tad
Williams epischer und vielschichtiger
SF-Cyberpunk-Fantasy-Krimi-Thriller-Mystery-Roman erweist sich den in
ihn gesteckten hohen Erwartungen nicht nur gewachsen, sondern vermag
diese noch zu übertreffen. "Otherland" ist phantastische
Literatur, die Zeichen setzt und ihresgleichen sucht - der
richtungsweisendste Zyklus seit "Herr der Ringe" und
"Foundation".
15 Punkte.
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Oh welch grausames Schicksal ereilt doch die Menschheit,
die noch ein gutes Jahr auf die Fortsetzung und das Ende des
Otherland-Zyklus warten muß. Band zwei bestand mehr
oder minder nur aus der genialen Schilderung der
verschiedenen Welten von Otherland; Williams legte den
Schwerpunkt hier auf die Schilderung der Charaktere und
deren Leben in der Virtual Reality. Bei Mountain of
Black Glass hat der Autor nicht die geringsten
Schwierigkeiten, diese Elemente in seinen dritten Band
hineinzuziehen. Doch endlich geht er einen Schritt weiter.
Er beginnt nun damit, Rätsel aufzulösen, die er
über zwei Bände hinweg aufgebaut hat. Aber
Williams wäre nicht Williams, wenn es ihm nicht
gelingen würde, für jedes gelöste Rätsel
ein neues hinterherzuschieben und so die Spannung auf einem
extrem hohen Niveau zu halten. Das kommt besonders daher,
daß wir ja immer noch nicht wissen, worauf denn alles
hinausläuft. Klar ist, daß die Brotherhood sich
selbst in Otherland zu Göttern machen will. Unklar ist
aber immer noch, wie Otherland funktioniert, woher es seine
extreme Perfektion hat und was genau sich hinter dem
ominösen Other verbirgt. Und am Ende des Bandes
weiß man eigentlich gar nichts mehr. Selten nur trifft
das Sprichwort Nichts ist mehr so, wie es früher
war so genau zu wie hier. Aber nicht nur die
ungelösten Geheimnisse bringen den Leser zur
Verzweiflung. Auch die Handlung in der realen
Welt entwickelt sich auf verschiedenen Ebenen. Da haben wir
den besorgten Vater, der nicht weiß, worauf er sich
einläßt; außerdem ist man auf der Jagd nach
einen wahnsinnigen Mörder, der noch viel mehr im Sinn
hat - und die kleine Christabel gibt es ja schließlich
auch noch. Alexander Haas |