Michael
Bishops Roman spielt in einem Phantasiestaat der USA, in Oconee. In
der wunderbaren Hauptstadt dieses Bundesstaates, in Salonika, mit
ihren prächtigen Gebäuden, den kühnen Brücken,
den Parks und den nicht mehr ganz so feudalen Bezirken mit ihren
Rockclubs, Pornokinos, Bordellen, Absteigen usw. - und natürlich
den fünf Millionen Menschen - lebt Xavier Thaxton. Xavier
arbeitet bei der Salonika Urbanite, einer großen Zeitung, als
Redakteur und Kritiker. Ein Zitat: "Als Redakteur der schönen
Künste konfrontierte er die ungewaschenen Massen Salonikas mit
den größten künstlerischen Leistungen der
Menschheit." Unter den 'größten Leistungen der Kunst'
versteht Xavier Thaxton natürlich Ballett, Oper und Symphonien,
gehobene Literatur (sehr gehoben) und nicht zuletzt Friedrich
Nietzsche, als dessen Schüler er sich gerne sieht und den er
selbstverständlich passend oder unpassend zitiert. Bis auf seine
- zugegebenermaßen recht erfolglosen - Versuche der
Aufklärung des Pöbels könnte es Xavier wirklich
gutgehen. Er, der steife Snobist, bekommt die schöne und
berühmte Modedesignerin Bari Carlisle zur Freundin, die durch
ihre sehr gewagten Kreationen bekannt ist, die sie auch selbst auf
vorteilhafteste Weise trägt. Bleibt die ganze Zeit die Frage,
was sie eigentlich an Xavier findet; aber Extreme ziehen sich wohl
an. Nun ja, Xavier ist auch nicht gerade unansehnlich, denn er lebt
natürlich nach der Maxime 'gesunder Geist in gesundem
Körper'.
Xaviers Unglück beginnt mit einer kleinen, illegalen Lagerung
von Atommüll, der von der Radiologie eines Krankenhauses zwecks
Entsorgung an eine nicht ganz redliche Transportfirma weitergegeben
wurde. Die Mitarbeiter dieses Unternehmens hatten die nicht
ungeschickte Idee, die radioaktiven Elemente in einem Tümpel in
der Nähe eines Atomkraftmeilers zu versenken, so daß im
Falle einer austretenden Strahlung das Kraftwerk als Schuldiger
angesehen würde.
In einem Anfall von Naturbedürfnis nach einem Festival in
besagter Gegend kommt Xavier auf die Idee, im Mondschein in gerade
diesem Gewässer zu baden.
Kurz nach dem nächtlichen Ausflug stellen sich noch keine
Nebenerscheinungen bei Xavier ein - außer ein paar seltsamen
Beschwerden und Unwohlsein beim Lauschen klassischer Musik, die aber
beim Anschauen einer Soap Opera überraschenderweise gleich
wieder verschwinden.
Zu erwähnen wäre da noch, daß es am Abend des
Schwimmvergnügens im AKW zu einer Störfallmeldung kam -
interessant, nicht wahr?!?
Xaviers größtes Problem scheint im Moment eher sein neu
zugezogener Neffe zu sein, dessen Eltern sich zu mildtätigen
Zwecken berufen fühlen und nach Pakistan abdüsen, weshalb
sie ihren Sohn bei Xavier einquartierten. Ein lieber, wohlerzogener
Retropunk, der komischerweise mit den Ansichten seines Onkels gewisse
Schwierigkeiten hat.
Aber auch Xaviers körperliche Schwierigkeiten nehmen langsam zu
- über Migräne bei Bach, Allergieanfälle in der Kirche
oder Ohnmachtsanfälle bei Konzertbesuchen - alles, was Xavier
geistig Freude bereitet, erzeugt unerträgliche körperliche
Schmerzen. Nicht ganz unerwartet helfen dilettantische Machwerke,
Volksmusik, Frauenringkämpfe oder andere gesellschaftliche
Ereignisse von derartigem Niveau Xavier bei der Genesung dieser
Anfälle - will heißen, körperlich ist er dann wieder
okay, "nur" geistig vergewaltigt.
Tja, damit kommen wir zu einem Hauptgrund, warum sich ein junger
Retropunk mit Namen Mikhail, der sich gerne El Mick rufen
läßt, überhaupt mit einem bornierten Spießer
einläßt: Salonika ist der Sitz einer Comicproduktion. Die
Uncommen-Comics, kurz UC, sind berühmt für ihre
Superhelden, wie den Decimator, Scarab oder auch Mantisman und die
einzigartige Sankt Torsia, nicht zu vergessen natürlich den
Helden aller Helden, Graph Geiger. Und ebenjener - man bedenke den
Titel des Buches - wird in Xavier Thaxtons Leben noch eine gewisse
Rolle übernehmen. Aber mehr soll nicht verraten werden, denn das
Lesen dieses Romans lohnt sich wirklich.
Michael Bishop ist hier ein hervorragendes Werk gelungen, eine
wirkliche schwarze Komödie. Er spielt hier mit den Ansichten der
Menschen, was denn nun echte Kultur - und damit geistig wertvoll -
bzw. was wirklich nur Schrott ist und unausweichlich zur
Verblödung führt. Bishops Absicht ist hier wohl, daß
man doch ein bißchen über den eigenen Tellerrand
hinausschauen und nicht gleich alles andere herabwürdigen
sollte. Auch die Atomproblematik wird erst auf die humoristische
Weise beleuchtet, aber irgendwann wird den Leser die Realität
einholen, die Einsicht, daß es doch nicht ganz so witzig ist,
mit der Atomkraft herumzuspielen. Und die nachdenklichen Seiten in
diesem Buch können bestens mit der komödiantischen Seite
konkurrieren.
Eine wirkliche "schwarze" Komödie, die man sich nicht entgehen
lassen sollte.
Mit den besten Empfehlungen
15 Punkte