Michael Bishop:

"Graph Geigers Blues"

OT: Count Geiger's Blues
Ü: Michael Windgassen
USA 1992
(477 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/ 5983, ISBN 3-453-14915-7, DM 17,90)
- erschienen: September 1999 -

Michael Bishops Roman spielt in einem Phantasiestaat der USA, in Oconee. In der wunderbaren Hauptstadt dieses Bundesstaates, in Salonika, mit ihren prächtigen Gebäuden, den kühnen Brücken, den Parks und den nicht mehr ganz so feudalen Bezirken mit ihren Rockclubs, Pornokinos, Bordellen, Absteigen usw. - und natürlich den fünf Millionen Menschen - lebt Xavier Thaxton. Xavier arbeitet bei der Salonika Urbanite, einer großen Zeitung, als Redakteur und Kritiker. Ein Zitat: "Als Redakteur der schönen Künste konfrontierte er die ungewaschenen Massen Salonikas mit den größten künstlerischen Leistungen der Menschheit." Unter den 'größten Leistungen der Kunst' versteht Xavier Thaxton natürlich Ballett, Oper und Symphonien, gehobene Literatur (sehr gehoben) und nicht zuletzt Friedrich Nietzsche, als dessen Schüler er sich gerne sieht und den er selbstverständlich passend oder unpassend zitiert. Bis auf seine - zugegebenermaßen recht erfolglosen - Versuche der Aufklärung des Pöbels könnte es Xavier wirklich gutgehen. Er, der steife Snobist, bekommt die schöne und berühmte Modedesignerin Bari Carlisle zur Freundin, die durch ihre sehr gewagten Kreationen bekannt ist, die sie auch selbst auf vorteilhafteste Weise trägt. Bleibt die ganze Zeit die Frage, was sie eigentlich an Xavier findet; aber Extreme ziehen sich wohl an. Nun ja, Xavier ist auch nicht gerade unansehnlich, denn er lebt natürlich nach der Maxime 'gesunder Geist in gesundem Körper'.
Xaviers Unglück beginnt mit einer kleinen, illegalen Lagerung von Atommüll, der von der Radiologie eines Krankenhauses zwecks Entsorgung an eine nicht ganz redliche Transportfirma weitergegeben wurde. Die Mitarbeiter dieses Unternehmens hatten die nicht ungeschickte Idee, die radioaktiven Elemente in einem Tümpel in der Nähe eines Atomkraftmeilers zu versenken, so daß im Falle einer austretenden Strahlung das Kraftwerk als Schuldiger angesehen würde.
In einem Anfall von Naturbedürfnis nach einem Festival in besagter Gegend kommt Xavier auf die Idee, im Mondschein in gerade diesem Gewässer zu baden.
Kurz nach dem nächtlichen Ausflug stellen sich noch keine Nebenerscheinungen bei Xavier ein - außer ein paar seltsamen Beschwerden und Unwohlsein beim Lauschen klassischer Musik, die aber beim Anschauen einer Soap Opera überraschenderweise gleich wieder verschwinden.
Zu erwähnen wäre da noch, daß es am Abend des Schwimmvergnügens im AKW zu einer Störfallmeldung kam - interessant, nicht wahr?!?
Xaviers größtes Problem scheint im Moment eher sein neu zugezogener Neffe zu sein, dessen Eltern sich zu mildtätigen Zwecken berufen fühlen und nach Pakistan abdüsen, weshalb sie ihren Sohn bei Xavier einquartierten. Ein lieber, wohlerzogener Retropunk, der komischerweise mit den Ansichten seines Onkels gewisse Schwierigkeiten hat.
Aber auch Xaviers körperliche Schwierigkeiten nehmen langsam zu - über Migräne bei Bach, Allergieanfälle in der Kirche oder Ohnmachtsanfälle bei Konzertbesuchen - alles, was Xavier geistig Freude bereitet, erzeugt unerträgliche körperliche Schmerzen. Nicht ganz unerwartet helfen dilettantische Machwerke, Volksmusik, Frauenringkämpfe oder andere gesellschaftliche Ereignisse von derartigem Niveau Xavier bei der Genesung dieser Anfälle - will heißen, körperlich ist er dann wieder okay, "nur" geistig vergewaltigt.
Tja, damit kommen wir zu einem Hauptgrund, warum sich ein junger Retropunk mit Namen Mikhail, der sich gerne El Mick rufen läßt, überhaupt mit einem bornierten Spießer einläßt: Salonika ist der Sitz einer Comicproduktion. Die Uncommen-Comics, kurz UC, sind berühmt für ihre Superhelden, wie den Decimator, Scarab oder auch Mantisman und die einzigartige Sankt Torsia, nicht zu vergessen natürlich den Helden aller Helden, Graph Geiger. Und ebenjener - man bedenke den Titel des Buches - wird in Xavier Thaxtons Leben noch eine gewisse Rolle übernehmen. Aber mehr soll nicht verraten werden, denn das Lesen dieses Romans lohnt sich wirklich.

Michael Bishop ist hier ein hervorragendes Werk gelungen, eine wirkliche schwarze Komödie. Er spielt hier mit den Ansichten der Menschen, was denn nun echte Kultur - und damit geistig wertvoll - bzw. was wirklich nur Schrott ist und unausweichlich zur Verblödung führt. Bishops Absicht ist hier wohl, daß man doch ein bißchen über den eigenen Tellerrand hinausschauen und nicht gleich alles andere herabwürdigen sollte. Auch die Atomproblematik wird erst auf die humoristische Weise beleuchtet, aber irgendwann wird den Leser die Realität einholen, die Einsicht, daß es doch nicht ganz so witzig ist, mit der Atomkraft herumzuspielen. Und die nachdenklichen Seiten in diesem Buch können bestens mit der komödiantischen Seite konkurrieren.
Eine wirkliche "schwarze" Komödie, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Mit den besten Empfehlungen
15 Punkte

Bernd Krosta


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