Achtung!
Eine ganz dringende Warnung vorneweg: Der anscheinend so
spärlich formulierte Klappentext umspannt fast die gesamte
Handlung dieses Buches! Man sollte ihn auf keinen Fall als erstes
lesen!
Nun aber zum Roman:
Die Welt des Wahren Spiels, in der wir als erste Person Peter
kennenlernen, ist eine sehr merkwürdige und oft auch sehr
gefährliche Welt. Sogenannte Spielmeister bringen den Kindern
und Jugendlichen die Regeln des Wahren Spiels bei - anscheinend eine
Mischung aus Schach, (Live-) Rollenspiel und echtem Leben. Sobald man
erwachsen wird, bildet sich bei den meisten Menschen ein Talent
heraus, eine Art von Magie, für deren Anwendung man jedoch
Energie benötigt: Wärme. Es gibt allerdings auch Menschen
ohne Talente. Zum einen sind dies die Bauern, die die Spielregeln
nicht einmal kennen, zum anderen die Unveränderlichen, die etwas
ganz besonderes darstellen. Sie bleiben vom Wahren Spiel, von
jeglicher Magie völlig unbeeinflußt und verachten die
Spieler sowie ihre lächerlichen und gefährlichen
Traditionen einfach nur, während Bauern oftmals als Opfer eines
Spiels enden, wie lebloses Material 'verbraucht' werden. Viele der
Überlebenden entwickeln einen verständlichen Haß auf
das Spiel und die Spieler (oder auch nur auf bestimmte Talente) -
werden sie durch diese doch in Geschehnisse verwickelt und zu
Handlungen gezwungen, die sie nicht beeinflussen können. Sie
müssen irgendwie damit zurechtkommen, daß sich andere
Menschen - nur weil sie andere Fähigkeiten haben - praktisch zu
Göttern aufschwingen und die Reihen der Bauern dezimieren
können, wie es ihnen gerade beliebt.
Doch die Spielmeister lehren nicht nur Spielregeln. Sie unterweisen
ihre Zöglinge auch in den allgemeineren Lebensregeln, die sich
aus wer-weiß-wie-alten Traditionen gebildet haben. Zum Beispiel
werden Peter und seine Klassenkameraden, da sie jetzt noch zu jung
sind, erst in einigen Jahren den Unterschied zwischen Frauen und
Männern beigebracht bekommen. Niemals dürfen die
eingepaukten Regeln gebrochen werden; Jungen dürfen demnach kein
Fleisch essen, und ebenso sind Liebesbeziehungen - innerhalb der
Schulmauern sowieso nur gleichgeschlechtlich möglich - komplett
verboten. Eigentlich. Tatsächlich werden die Regeln ständig
verletzt, da es gar zu viele Verbote gibt. Man sollte sich halt
tunlichst nicht bei Verstößen gegen eines oder gar mehrere
dieser Verbote erwischen lassen.
Ein Festival steht vor der Tür, für Peter und seine
Mitschüler das erste, an dem sie teilnehmen dürfen. Die
feiernden Jugendlichen werden ihre Jacken mit bunten Bändern
schmücken und Masken aufsetzen. Peter bekommt von seinem
Liebhaber, dem Spielmeister Prinz Mandor, besonders schönen
Schmuck geschenkt. Obwohl der Junge das Geschenk gar nicht annehmen
möchte - immerhin hat er sich schon Bänder besorgt -
läßt er sich dann doch dazu hinreißen, trotz aller
Warnungen, daß es besser sei, während eines Festivals (und
überhaupt) möglichst wenig aufzufallen.
Durch Zufall sieht König Mertyn diesen Schmuck. Er besteht
darauf, daß sein Diener die Bänder an Peters Jacke
anbringt. Was Peter (zunächst) nicht weiß, ist, daß
dieses Kleidungsstück - nebst äußerst praktischer
neuer Wattierung - zusätzlich einen (noch viel praktischeren)
Schutz gegen Magie eingenäht bekommt. Und diesen hat er auch
bitter nötig, denn sein Freund und Geliebter, Prinz Mandor,
plant Böses. Während des Festivals fordert er König
Mertyn zu einem Wahren Spiel heraus, was eigentlich ebenfalls
verboten ist, wie so vieles. Als Mandor dann jedoch merkt, daß
der König ihm weit überlegen ist, schickt er Peter unter
einem Vorwand zu Mertyn - nur um ihn dann wie einen hilflosen Bauern
zu opfern...
Diese Zusammenfassung mag lang erscheinen, und doch gibt sie nur die
ersten 35 Seiten (oder so) des vorliegenden Romans wieder. Mehr darf
einfach nicht gesagt werden - hätte ich mich jedoch noch
kürzer gefaßt, wäre das dem Verständnis
vielleicht abträglich. Sheri S. Tepper hat es jedenfalls mal
wieder geschafft und einen Roman hingelegt, der mich wirklich vom
Anfang bis zum Ende gefesselt hat. Wunderschön geschrieben, ein
wahres Gewebe aus Worten, das einen einfängt und festhält -
wenn auch nicht wie ein Netz, sondern eher wie ein zarter Schleier,
in den man sich gern einhüllen möchte. Fast könnte man
gar meinen, während des Lesens eine Art sanfte Melodie zu
hören, die einen zusätzlichen Bann auszuüben
scheint... Mit einem Wort: Ich bin begeistert!
Am Anfang des Buches findet sich übrigens eine Landkarte sowie
eine Ahnengalerie. Beides ist für das Verständnis dieses
ersten Bandes nicht unbedingt notwendig, aber ich habe doch recht
häufig darauf zurückgegriffen, wenn ein bestimmter Name
auftauchte oder eine Gruppe von hier nach dort reiste. In dieser
Geschichte wird relativ viel gereist.
In Sheri S. Teppers Romanen begegnet man immer wieder Menschen, die
bestimmte Dinge aufgrund jahrhundertealter Traditionen vorschnell
einschätzen, dann aber umdenken müssen, was sie meist sehr
schwierig finden. Nicht einmal Peter kann sich den Vorurteilen
entziehen. So z. B. auf Seite 18, als er mitbekommt, wie sich die
kleineren Jungen Schauergeschichten über die Länder der
Unveränderlichen erzählen, in denen das Wahre Spiel nicht
gespielt wird: "So etwas Dummes! Wenn es kein Wahres Spiel gab, was
taten die Menschen dann?" Das erinnert mich an Sprüche wie
diesen: "Was macht ein Mensch, der keinen Fernseher hat?" Der Roman
ist voll von solchen Andeutungen, die mir wie Sticheleien vorkommen,
wie Seitenhiebe auf das, was Menschen sich immer wieder einreden
lassen; er enthält nicht immer völlig versteckte Kritik an
dem, was "man" tut (oder auch nicht), weil es eben einfach so ist -
und auch diesen gewissen, nicht immer total verborgenen Humor. Ein
anderes Wort als "genial" finde ich für diesen Roman nicht.
Wahrscheinlich aufgrund meiner Eigenschaft als Korrekturleserin des
Flash sind mir allerdings auch extrem viele Fehler aufgefallen.
Anders als bei dem "Monströse Welten"-Zyklus oder bei dem Roman
"Die Schöne" (den ich aufgrund viel zu genauer Beschreibungen
bestimmter Dinge, die mich wirklich sehr mitgenommen haben, leider
immer noch nicht zu Ende lesen konnte...) scheint es hier jedoch so,
als müßte man sie wenigstens zu einem Teil auch der
Autorin anlasten. Ich habe eigentlich nichts gefunden, was ich
für falsch übersetzt halten würde. Na gut, ein paar
ungeschickte Formulierungen sind wohl nie ganz auszuschließen -
man denkt eben nicht immer an das Naheliegendste - aber in den
meisten Fällen handelte es sich dann doch um fehlende Buchstaben
und falsch gesetzte (oder auch schon mal ganz vergessene)
Satzzeichen, 'Gänsefüßchen' und Leerzeichen.
Außerdem wird der Zauberer Himaggery schon mal zu Himagerry
oder auch Himagggery; aus Yarrel wird ein Yarrrel, und Mavin wird zu
Malvin. Wofür allerdings der Übersetzer verantwortlich sein
dürfte, ist, daß die Mehrzahl von Dämon neuerdings
Dämone heißt. (Aber nicht mal das ist konsequent
durchgehalten! >:-) ) Einmal fehlt auch ein Wort, und zwar das
Wort "riskieren"; leider habe ich hinterher die Seite nicht
wiedergefunden, aber es war wohl schon im letzten Drittel. In dem
Satz ging es darum, daß König Mertyn ein ganz bestimmtes
Leben eben nicht aufs Spiel setzen würde. Auch wenn man direkt
merkt, daß einfach nur das wichtigste Wort in dem Satz
vergessen wurde - erstmal stutzt man doch.
Das alles aber hört sich jetzt bestimmt wieder viel zu negativ
an. Sicherlich werden die meisten anderen Leser all diese Fehler
überhaupt nicht bemerken. Man sollte auch wirklich nicht weiter
darauf achten, sondern sich statt dessen recht aufmerksam der
Handlung und den handelnden Personen widmen: Kaum ein Wort, das Sheri
S. Tepper schreibt, ist unwichtig.
Gern hätte ich diesen Roman in einem Rutsch durchgelesen! Leider
war es schon später Abend - irgendwann muß man ja
dummerweise mal schlafen...
Fazit:
Fantasy aus einer völlig anderen Welt, so wie ich sie liebe -
ein schöner Auftakt für eine Trilogie, von der ich mir noch
viel Lesevergnügen erhoffe. Aufgrund von Sheri S. Teppers
märchenhaft beschreibendem Stil ist diese Geschichte vielleicht
nichts für jeden, aber auf alle Fälle empfehlenswert
für diejenigen, die sich gern in andere Dimensionen
entführen lassen wollen. Hier haben wir eine - meiner Meinung
nach - gelungene Mischung von Licht und Schatten, Düsternis und
Heiterkeit, Leiden und Freude, versteckter Gesellschaftskritik und
verborgenem Humor - wem so etwas gefallen könnte, der sollte
zugreifen. Da mich persönlich die vielen Fehler jedoch
störten, gebe ich 'nur'
13 Punkte