Sheri S. Tepper:

"Der Königszug"

(Erster Roman der Trilogie "Das Wahre Spiel")
OT: The True Game: King's Blood Four
Ü: Christian Lautenschlag
USA 1996
(254 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/9043, ISBN 3-453-15611-0, DM 14,90)
- erschienen: August 1999 -

Achtung! Eine ganz dringende Warnung vorneweg: Der anscheinend so spärlich formulierte Klappentext umspannt fast die gesamte Handlung dieses Buches! Man sollte ihn auf keinen Fall als erstes lesen!

Nun aber zum Roman:
Die Welt des Wahren Spiels, in der wir als erste Person Peter kennenlernen, ist eine sehr merkwürdige und oft auch sehr gefährliche Welt. Sogenannte Spielmeister bringen den Kindern und Jugendlichen die Regeln des Wahren Spiels bei - anscheinend eine Mischung aus Schach, (Live-) Rollenspiel und echtem Leben. Sobald man erwachsen wird, bildet sich bei den meisten Menschen ein Talent heraus, eine Art von Magie, für deren Anwendung man jedoch Energie benötigt: Wärme. Es gibt allerdings auch Menschen ohne Talente. Zum einen sind dies die Bauern, die die Spielregeln nicht einmal kennen, zum anderen die Unveränderlichen, die etwas ganz besonderes darstellen. Sie bleiben vom Wahren Spiel, von jeglicher Magie völlig unbeeinflußt und verachten die Spieler sowie ihre lächerlichen und gefährlichen Traditionen einfach nur, während Bauern oftmals als Opfer eines Spiels enden, wie lebloses Material 'verbraucht' werden. Viele der Überlebenden entwickeln einen verständlichen Haß auf das Spiel und die Spieler (oder auch nur auf bestimmte Talente) - werden sie durch diese doch in Geschehnisse verwickelt und zu Handlungen gezwungen, die sie nicht beeinflussen können. Sie müssen irgendwie damit zurechtkommen, daß sich andere Menschen - nur weil sie andere Fähigkeiten haben - praktisch zu Göttern aufschwingen und die Reihen der Bauern dezimieren können, wie es ihnen gerade beliebt.
Doch die Spielmeister lehren nicht nur Spielregeln. Sie unterweisen ihre Zöglinge auch in den allgemeineren Lebensregeln, die sich aus wer-weiß-wie-alten Traditionen gebildet haben. Zum Beispiel werden Peter und seine Klassenkameraden, da sie jetzt noch zu jung sind, erst in einigen Jahren den Unterschied zwischen Frauen und Männern beigebracht bekommen. Niemals dürfen die eingepaukten Regeln gebrochen werden; Jungen dürfen demnach kein Fleisch essen, und ebenso sind Liebesbeziehungen - innerhalb der Schulmauern sowieso nur gleichgeschlechtlich möglich - komplett verboten. Eigentlich. Tatsächlich werden die Regeln ständig verletzt, da es gar zu viele Verbote gibt. Man sollte sich halt tunlichst nicht bei Verstößen gegen eines oder gar mehrere dieser Verbote erwischen lassen.
Ein Festival steht vor der Tür, für Peter und seine Mitschüler das erste, an dem sie teilnehmen dürfen. Die feiernden Jugendlichen werden ihre Jacken mit bunten Bändern schmücken und Masken aufsetzen. Peter bekommt von seinem Liebhaber, dem Spielmeister Prinz Mandor, besonders schönen Schmuck geschenkt. Obwohl der Junge das Geschenk gar nicht annehmen möchte - immerhin hat er sich schon Bänder besorgt - läßt er sich dann doch dazu hinreißen, trotz aller Warnungen, daß es besser sei, während eines Festivals (und überhaupt) möglichst wenig aufzufallen.
Durch Zufall sieht König Mertyn diesen Schmuck. Er besteht darauf, daß sein Diener die Bänder an Peters Jacke anbringt. Was Peter (zunächst) nicht weiß, ist, daß dieses Kleidungsstück - nebst äußerst praktischer neuer Wattierung - zusätzlich einen (noch viel praktischeren) Schutz gegen Magie eingenäht bekommt. Und diesen hat er auch bitter nötig, denn sein Freund und Geliebter, Prinz Mandor, plant Böses. Während des Festivals fordert er König Mertyn zu einem Wahren Spiel heraus, was eigentlich ebenfalls verboten ist, wie so vieles. Als Mandor dann jedoch merkt, daß der König ihm weit überlegen ist, schickt er Peter unter einem Vorwand zu Mertyn - nur um ihn dann wie einen hilflosen Bauern zu opfern...

Diese Zusammenfassung mag lang erscheinen, und doch gibt sie nur die ersten 35 Seiten (oder so) des vorliegenden Romans wieder. Mehr darf einfach nicht gesagt werden - hätte ich mich jedoch noch kürzer gefaßt, wäre das dem Verständnis vielleicht abträglich. Sheri S. Tepper hat es jedenfalls mal wieder geschafft und einen Roman hingelegt, der mich wirklich vom Anfang bis zum Ende gefesselt hat. Wunderschön geschrieben, ein wahres Gewebe aus Worten, das einen einfängt und festhält - wenn auch nicht wie ein Netz, sondern eher wie ein zarter Schleier, in den man sich gern einhüllen möchte. Fast könnte man gar meinen, während des Lesens eine Art sanfte Melodie zu hören, die einen zusätzlichen Bann auszuüben scheint... Mit einem Wort: Ich bin begeistert!
Am Anfang des Buches findet sich übrigens eine Landkarte sowie eine Ahnengalerie. Beides ist für das Verständnis dieses ersten Bandes nicht unbedingt notwendig, aber ich habe doch recht häufig darauf zurückgegriffen, wenn ein bestimmter Name auftauchte oder eine Gruppe von hier nach dort reiste. In dieser Geschichte wird relativ viel gereist.
In Sheri S. Teppers Romanen begegnet man immer wieder Menschen, die bestimmte Dinge aufgrund jahrhundertealter Traditionen vorschnell einschätzen, dann aber umdenken müssen, was sie meist sehr schwierig finden. Nicht einmal Peter kann sich den Vorurteilen entziehen. So z. B. auf Seite 18, als er mitbekommt, wie sich die kleineren Jungen Schauergeschichten über die Länder der Unveränderlichen erzählen, in denen das Wahre Spiel nicht gespielt wird: "So etwas Dummes! Wenn es kein Wahres Spiel gab, was taten die Menschen dann?" Das erinnert mich an Sprüche wie diesen: "Was macht ein Mensch, der keinen Fernseher hat?" Der Roman ist voll von solchen Andeutungen, die mir wie Sticheleien vorkommen, wie Seitenhiebe auf das, was Menschen sich immer wieder einreden lassen; er enthält nicht immer völlig versteckte Kritik an dem, was "man" tut (oder auch nicht), weil es eben einfach so ist - und auch diesen gewissen, nicht immer total verborgenen Humor. Ein anderes Wort als "genial" finde ich für diesen Roman nicht.
Wahrscheinlich aufgrund meiner Eigenschaft als Korrekturleserin des Flash sind mir allerdings auch extrem viele Fehler aufgefallen. Anders als bei dem "Monströse Welten"-Zyklus oder bei dem Roman "Die Schöne" (den ich aufgrund viel zu genauer Beschreibungen bestimmter Dinge, die mich wirklich sehr mitgenommen haben, leider immer noch nicht zu Ende lesen konnte...) scheint es hier jedoch so, als müßte man sie wenigstens zu einem Teil auch der Autorin anlasten. Ich habe eigentlich nichts gefunden, was ich für falsch übersetzt halten würde. Na gut, ein paar ungeschickte Formulierungen sind wohl nie ganz auszuschließen - man denkt eben nicht immer an das Naheliegendste - aber in den meisten Fällen handelte es sich dann doch um fehlende Buchstaben und falsch gesetzte (oder auch schon mal ganz vergessene) Satzzeichen, 'Gänsefüßchen' und Leerzeichen. Außerdem wird der Zauberer Himaggery schon mal zu Himagerry oder auch Himagggery; aus Yarrel wird ein Yarrrel, und Mavin wird zu Malvin. Wofür allerdings der Übersetzer verantwortlich sein dürfte, ist, daß die Mehrzahl von Dämon neuerdings Dämone heißt. (Aber nicht mal das ist konsequent durchgehalten! >:-) ) Einmal fehlt auch ein Wort, und zwar das Wort "riskieren"; leider habe ich hinterher die Seite nicht wiedergefunden, aber es war wohl schon im letzten Drittel. In dem Satz ging es darum, daß König Mertyn ein ganz bestimmtes Leben eben nicht aufs Spiel setzen würde. Auch wenn man direkt merkt, daß einfach nur das wichtigste Wort in dem Satz vergessen wurde - erstmal stutzt man doch.
Das alles aber hört sich jetzt bestimmt wieder viel zu negativ an. Sicherlich werden die meisten anderen Leser all diese Fehler überhaupt nicht bemerken. Man sollte auch wirklich nicht weiter darauf achten, sondern sich statt dessen recht aufmerksam der Handlung und den handelnden Personen widmen: Kaum ein Wort, das Sheri S. Tepper schreibt, ist unwichtig.
Gern hätte ich diesen Roman in einem Rutsch durchgelesen! Leider war es schon später Abend - irgendwann muß man ja dummerweise mal schlafen...

Fazit:
Fantasy aus einer völlig anderen Welt, so wie ich sie liebe - ein schöner Auftakt für eine Trilogie, von der ich mir noch viel Lesevergnügen erhoffe. Aufgrund von Sheri S. Teppers märchenhaft beschreibendem Stil ist diese Geschichte vielleicht nichts für jeden, aber auf alle Fälle empfehlenswert für diejenigen, die sich gern in andere Dimensionen entführen lassen wollen. Hier haben wir eine - meiner Meinung nach - gelungene Mischung von Licht und Schatten, Düsternis und Heiterkeit, Leiden und Freude, versteckter Gesellschaftskritik und verborgenem Humor - wem so etwas gefallen könnte, der sollte zugreifen. Da mich persönlich die vielen Fehler jedoch störten, gebe ich 'nur'
13 Punkte

Heike Brand


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