1.
Story: Der Bibliothekspolizist
Bibliothekspolizei, was soll denn das sein? Nun, laut den
Vorbemerkungen zu diesem Roman scheinen die amerikanischen Kinder
doch gewissen Bammel vor diesen Personen zu haben, wenigstens die
etwas Kleineren. In der Art von: Bringst Du dein geliehenes Buch
nicht pünktlich zurück, kommt der Bibliothekspolizist bei
dir vorbei. Ich habe versucht, mich daran zu erinnern, wie das war,
als ich noch Bücher ausgeliehen habe; heutzutage kauft man ja
alles. Aber als Kind war das doch die beste Art, günstig
(günstiger als umsonst geht es wohl nicht) etwas zu lesen zu
bekommen. Doch wenn ich mich recht entsinne, gewisse Manschetten
hatte ich auch davor, den Rückgabetermin zu verpassen.
Na okay, zurück zum Roman: Unser Hauptdarsteller, Sam Peebles,
der ein Makler- und Versicherungsbüro betreibt, sieht sich
plötzlich in der Situation, eine Rede vor dem Rotarier-Verein
halten zu müssen. (Wie soll man dazu sagen - Wirtschaftsclub?
Oder Selbständigenvereinigung?) (* Hier ist doch nicht etwa
'Rotary Club' gemeint??? Ich persönlich würde dieses Wort,
das wohl fast jeder zumindest schon mal gehört hat und
wahrscheinlich eine Art 'Eigennamen-Status' für sich
beanspruchen kann, eher gar nicht übersetzen... wer sich
wirklich gar nichts drunter vorstellen kann, muß es halt
nachschlagen. Heike) Jedenfalls ist es der Verein der wichtigen
Firmenbesitzer - zumindest derjenigen, die sich dafür halten -
in dem kleinen Städtchen Junction City - nein, nicht Castle
Rock. (Diesmal jedenfalls!) Die für diesen Abend vorgesehene
Hauptperson, der Clown Amazing Joe (was für ein Name!) hat sich
im Vollsuff den Hals gebrochen - zwar überlebt (passend zu
King), aber wie man sich denken kann, fällt er halt für
diesen Abend aus. Wieso als Ersatz für einen Clown ein Redner
kommen soll, habe ich auch nicht ganz verstanden. (* Könnt's
nicht sein, daß da so eine Art 'Top Ten' für als
förderungswürdig betrachtete Geschäftsleute vorlag?
(Auch wenn ich bei dem Wort "Clown" nicht unbedingt an einen
Selbständigen denken würde...) "Ist dieser verhindert, soll
jener uns unterhalten - ist er gut, stehen wir hinter ihm." Wäre
das denkbar? Heike) Naja, Sam wird halt etwas bedrängt,
diese Rede zu halten. Und weil seine Teilzeitsekretärin
(übrigens die Teilzeitsekretärin der meisten
Geschäftsleute von Junction City, oder besser noch, die einzige
überhaupt) seine Rede nicht schlecht, aber ziemlich trocken
findet, macht Sam sich auf den Weg zur Bibliothek, um sich dort etwas
Auflockerungslektüre mit ein paar passenden Witzen oder
Anekdoten zu besorgen, die man eben so geschickt in Reden einbauen
kann. Die Bibliothek ist ein gräßlicher, älterer Bau
mit einer typischerweise altjungferlichen Bibliothekarin, die einen
nicht ganz sympathischen Eindruck auf Sam macht. Sie ist zwar
äußerst höflich und kann das Gewünschte auch
schnell besorgen, aber ihre Augen, so jedenfalls Sams Eindruck, sagen
etwas ganz anderes als das Lächeln auf ihren Lippen. Sehr
negativ ist Sam auch die Kinderabteilung aufgefallen. So gibt es dort
einige nicht ganz freundliche Poster, eben vom Bibliothekspolizisten
- oder auch von der Art, daß ein Kind nicht mit Fremden
mitfahren soll. Für kleine Kinder allemal recht erschreckend.
Dies versucht Sam natürlich der Bibliothekarin klarzumachen,
aber die kann (naturgemäß) mit Sams Ausführungen
nichts anfangen, sondern fühlt sich nur davon belästigt.
Auf alle Fälle warnt sie ihn, die geliehenen Bücher
unbedingt pünktlich zurückzubringen, sonst würde der
Bibliothekspolizist vorbeikommen. Wie wir uns denken können,
haben solche Warnungen bei King einen gewissen zu beachtenden
Hintergrund - sehr zu beachten!
Aber Sams Rede wird ein Riesenerfolg. Die Tips aus den geliehenen
Büchern sind großartig, und prompt wird Sam mit
Aufträgen für seine Firma überschüttet. Es
könnte also gar nicht besser laufen, wenn da nicht die
Bücher wären, die man doch recht leicht verlegen oder gar
verlieren kann, oder was weiß ich, was noch so alles mit
geliehenen Büchern passiert, die unbedingt wieder pünktlich
in der Bücherei zurück sein müssen, wenn eine nicht
ganz durchsichtige Bibliothekarin mit dem Bibliothekspolizisten
droht. Wie ihr Euch denken könnt, passiert natürlich etwas,
im King'schen Stil.
Alles in allem eine ganz nette Geschichte, irgendwo typisch King,
nichts Besonderes, ganz nett halt. Der Nachteil bei einer solchen
Short-Story (immerhin knapp 300 Seiten) ist für mich, daß
King sich nicht richtig ausleben kann. Für seine
Verhältnisse ist die Handlung ziemlich zusammengepreßt,
und natürlich bleiben auch die vielen Be- und Umschreibungen der
Personen, der Umgebung usw., der Länge der Geschichte
angepaßt, auf der Strecke. Ich lese lieber dickere Schinken von
ihm.
2. Story "Zeitraffer"
Die zweite Geschichte dieses Buches hat schon am Beginn einen
großen Vorteil: Sie spielt in Castle Rock. Castle Rock, der
Schauplatz so netter Storys wie Dead Zone, Cujo, Die Leiche
(Kurzgeschichte - verfilmt "Stand by me"), Stark-The Dark Half
(Castle Rock wird immerhin erwähnt, ebenso wie sein neuer
Sheriff Alan Pangborn - nach Sheriff Bannerman, der in Cujo ins Gras
beißt) und Needful Things (mit dem guten Alan Pangborn als
Hauptdarsteller...). Ja, Castle Rock ist schon ein beliebter Ort.
Kevin Delevan erhält nun in dieser Geschichte eine Fotokamera
zum Geburtstag - eine Sun 660. (Sun 666 wäre doch bestimmt eine
nettere Typenbezeichnung gewesen) Die Sun 660 ist ein
Polaroidapparat, also eine von den Dingern, die diese Sofortbilder
machen. Bis auf einen kleinen Unfall am Geburtstag, bei dem die
Kamera auf den Boden fällt und einen unbedeutenden Schaden
erleidet, könnte alles in bester Ordnung sein, bis auf die
Tatsache eben, daß sie immer das gleiche Bild macht. Egal was
Kevin auch fotografiert, auf dem Bild erscheint irgendein
Mischlingsköter, der vor einem Zaun steht. Ganz schön
lästig, was soll man schon mit so einer Kamera anfangen?! Aber
dann fällt Kevin, oder besser gesagt, zuerst seiner Schwester,
etwas auf. Das Bild verändert sich nämlich leicht, ganz
leicht, als ob der Hund sich in Zeitlupe bewegt. Und wenn man die
Bilder in der richtigen Reihenfolge zusammenhält, bekommt man
sogar eine Art Daumenkino. (Kennt Ihr doch noch?!) Trotz allem
scheint das natürlich noch immer nicht weiter tragisch zu sein,
wenn man nicht wüßte, daß die Geschichte von Stephen
King ist. Die Handlung nimmt also ihren Lauf (der Schrecken
auch).
Insgesamt (ich kann ja schon mal mit dem Resümee anfangen) hat
mir die zweite Story besser gefallen (trotz des kürzeren
Textes). Vielleicht auch bloß durch das Erscheinen von alten
Bekannten, wie Castle Rock und so. Für mich war es der
typischere King Roman, Kleinstadt, Kinder und Schrecken -
möglicherweise ist es aber auch nur der Unterschied zwischen den
King-Äras. Bei "Zeitraffer" spielt King wieder mit dem
jugendlichen Darsteller und deren Ängsten, wie z. B. bei "ES"
oder bei "Christine", während bei "Der Bibliothekspolizist" der
Schrecken der Kindheit in die erwachsene Gegenwart führt (halt,
ist ja auch wieder wie bei "ES"). Na gut, bevor ich mich weiter
verstricke, die zweite Story gefiel mir eben etwas besser, aber
insgesamt war es ein gut zu lesendes Buch, wie bei King halt immer.
Die Storys sind zwar nicht mehr jüngsten Ursprungs, sondern
inzwischen gut zehn Jahre alt, aber das schmälert nicht ihre
Qualität.
Wer also gerne King liest und gerade kein ausgewachsener Roman von
ihm zur Hand ist, ist ganz gut bedient.
11 Punkte