Band 1991: "Mhogenas Entscheidung"

Autor: Uwe Anton

Mhogena ist in einer verzwickten Lage. Die Haluter wollen einer scheinbar unwichtigen Mission nachgehen. Sie wollen die Gombrianischen Hyperraumhügel enträtseln, die vor Jahrtausenden von den Meistern des Grauen Sandes versiegelt worden sind. Nach langen Bedenken erlaubt er zwei Schiffen den Einflug. Doch vorher muß er zusammen mit Atlan noch etwas erledigen. Beide betreten einen Teil des gestohlenen Tiefenbahnhofs, der am Eingang der Hügel liegt. Hier liegen in Kälteschlafkammern die 12 Meister des Grauen Sandes, die mit ihren geistigen Fähigkeiten das Siegel um die Hügel aufrechterhalten, damit hier keine weiteren Schiffe verschwinden. Sie liegen nackt in ihren Kammern. Manche ihrer natürlichen Körperteile wurden durch künstliche ersetzt, um die Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Ihr Verfall läuft sehr seltsam ab. Ihre Körper scheinen zu verfallen, sie lösen sich anscheinend auf. Atlan wagt hier kaum zu glauben, was er sieht. In Andromeda bekämpfen die Maahks die Entwicklungen, die zur Entstehung der Schattenmaahks führen könnten, und hier in Chearth arbeiten die Gharrer unbewußt an deren Förderung.
Mhogena löst das Siegel der Gombrianischen Hyperraumhügel und erlaubt nun den Halutern den Einflug.
Kurz nach dem Start verschwinden sie. Mhogena macht sich schreckliche Vorwürfe. Er kommt sich wie ein Mörder vor. Doch die Haluter sind aus einem anderen Holz geschnitzt, und bald sind sie alle unverletzt wieder zurück. Mit dem hier gewonnen Wissen bereiten die Galaktiker die "Operation Christie" vor. Sie wollen versuchen, Dro ga Dremm die große finale Schlacht vorzuschlagen, um ihn dann in die Falle der Hügel zu locken. Mhogena ist von der Kaltblütigkeit der Galaktiker geschockt; dennoch läßt er sich zunächst auf den Plan ein. So ganz nebenbei legen auch die Haluter endlich richtig los. Sie beginnen die Schaltstationen um den Sonnentresor herum zu befreien, um die Kontrolle über das Gefängnis der Sonnenwürmer wiederzuerlangen. Doch damit sieht es schlecht aus. Zu sehr ist das Gefüge schon durcheinandergeraten. Das Ziel lautet nun also, das System so lange aufrechtzuerhalten, bis man den Yaronag auf die Sonnenwürmer feinjustiert hat.
Auf der anderen Seite ist Dro ga Dremm währenddessen geradezu begeistert. Er nimmt das Angebot der Verteidiger gern an. Er brennt regelrecht auf die letzte Schlacht. Wieder zeigt sich die unterschiedliche Interpretation der Algioten. Die Führer haben eine Vision, die ihnen vom Gan Grango Ranka erzählt, das nicht hier, aber in jedem Fall stattfinden wird. Dro ga Dremm sieht darin seine Bestätigung und formiert seine Truppen zur Schlacht, während andere in der Zentrale die Sache eher mit gemischten Gefühlen sehen. Und so stehen 120.000 Angreifer schließlich 20.000 Verteidigern gegenüber.
Der Plan der Verteidiger geht auf, und zu Tausenden stürzen die Algioten in die Gombrianischen Hyperraumhügel, während sich die Sonne Wlaschos im Sonnentresor nun endgültig in ein Black Hole verwandelt. Die Haluter sind verzweifelt. Sie haben ihr Ziel verfehlt und sehen sich gescheitert. In diesem Moment beginnt Vincent Garron sich unter dem Einfluß von Sirku zu verändern. Am Ende gibt er bekannt, daß die Sonnenwürmer für die Koalition Thoregon eine wichtige Rolle zu spielen haben.
Im gleichen Moment verläßt Mhogena die Schlacht an den Hügeln; und so, wie es mir erschien, ist damit auch das Siegel wieder intakt, die Vernichtung der Algioten also vertagt.
Das berührt Mhogena aber nicht. Er hat in den letzten Stunden Millionen von Algioten in den Tod geschickt, und mehr denn je fühlt er sich nun wie ein Massenmörder.

Wow - kann ich hier nur sagen. Kaum ein Romanende der letzten Zeit dürfte so für Diskussion sorgen wie das Ende des vorliegenden Bandes. Es ist schon schwierig, wenn die Entscheidung über Millionen von Leben auf den Schultern weniger Individuen liegt - vor allem aber, wenn sie auf den Schultern eines Pazifisten ruht. Gerade hier lag eine famose Differenzierung zwischen den Gharrern und den Galaktikern. Sie sind hier, um ein Problem zu lösen. Dieses Problem sind die Algioten, die Unheil und Leid über eine ganze Galaxis bringen. Hier herrscht Krieg, und Krieg bedeutet, daß Lebewesen getötet werden - mit Vorzug natürlich die der anderen. Eine kalte, aber klare und logische Einstellung, mit der Atlan und die Haluter hier an die Angelegenheit herangehen. Auf der anderen Seite steht der 5. Bote von Thoregon. Der Bote einer Galaxis, in der ein vielleicht einzigartiger Friede in der Koalition geschaffen wurde. Mhogena lebt für die Koalition, er lebt für seine Galaxis und damit auch für seine Philosophie, und die heißt Pazifismus. Ich kann nicht sagen, ob er sich richtig oder falsch entschieden hat; ich möchte sogar sagen, daß es in dieser Situation kaum ein 'richtig' oder 'falsch' geben kann. Ich weiß aber ganz bestimmt, daß ich niemals zu einer derartigen Entscheidung gezwungen sein will. Egal, ob ich die anderen oder meine eigenen Leute in den Tod schicke, Alpträume hat man trotzdem - sofern man über so etwas wie ein Gewissen verfügt. Mhogena ist hier auch nicht der erste, der dieses Problem hat. Ich kann mich noch an Szenen erinnern, in denen Perry Rhodan seine Mitstreiter und Leser in den Wahnsinn trieb, weil er einfach nicht schießen wollte, sondern wartete, bis man die Situation anders lösen konnte. Daher finde ich diesen Ansatz mehr als interessant. Auch wenn ich nicht weiß, ob man diese Möglichkeit im Sinne der Nachvollziehbarkeit später nicht zurücksehnt, so finde ich es auf jeden Fall sehr gut, daß man dieses Problem einmal aufgeworfen hat. So werden die Leute sich - bei aller Sehnsucht nach mehr Action und mehr Raumschlachten - hoffentlich auch einmal Gedanken darüber machen, was da eigentlich passiert.
Doch kann man so etwas eigentlich in einem Umfang diskutieren, den ein Perry Rhodan-Band vorgibt, und danach einen guten Perry-Roman daraus machen? Uwe Anton geht eben jenes auf eine recht abgefahrene Art an, nämlich eigentlich fast gar nicht, und beweist damit, daß weniger manchmal einfach mehr ist. Ein sehr intensives Kapitel am Anfang und eins am Ende. Jetzt muß man eigentlich nur noch Mhogena dabei zusehen, wie ihm die Klappe herunterfällt, als er erfährt, was die Galaktiker vorhaben - und fertig ist die ganze Angelegenheit. Nun hat der Autor alle Zeit der Welt, sich mit dem Rest der Geschichte zu beschäftigen. Die Schlacht an sich wird z.B. schön und umfangreich vorbereitet, und ein wenig Extrasinn-Gelaber gibt es auch noch. Auf der anderen Ebene haben wir dann den Sonnentresor sowie die an sich und der Galaxis verzweifelnden Haluter. Diese müssen nun endgültig einsehen, daß sie zu spät gekommen sind. Auch wenn sie sich auf anderer Ebene endlich so in Szene setzen, wie man das von ihnen erwartet. Zum einen macht der Großtender einen guten Eindruck, ebenso ihre Kampffähigkeit bei der Befreiung der Kontrollstationen. Zwar wird das nicht so direkt beschrieben, aber ich kann mir das ganz gut vorstellen. Und letztlich kann man nicht absolut alles in einen Roman packen; Action haben wir hier ja schließlich auch mittlerweile eine ganze Menge.
Dazu kommt noch, daß sich mit Vincent Garron einiges tut, und auch dieses "Problem" wird sich in absehbarer Zeit erledigen.
Allgemein kann ich zu dem Roman sagen, daß er geschickt eine ganze Menge unterbringt, ohne daß hier übertrieben oder untertrieben wird. Dabei bedient Anton sich geschickt der Vorarbeiten der früheren Bände, was in meinen Augen zeigt, daß er diese Exposés intensiv studiert hat. Da wäre z.B. die Szene mit der Vision der Algioten, die stark auf die Badeszene verweist. Aber auch die Sache mit den Hyperraumhügeln und die Rückgriffe auf die Tiefe waren geschickt eingearbeitet.
Dennoch fehlt dann bei aller Dramatik doch ein wenig die Spannung. Im Endeffekt bleibt die bei aller Beschreibung ein wenig am Rande, zumindest, was den einzelnen Roman betrifft. Für den kompletten Zyklus ist der Roman ein kräftiger Anheizer.

Fazit:
Umfangreich, gut, 13 Punkte.

Alexander Haas

Puh, was ein Glück, die Hoffnung hat nicht getrogen: Uwe Anton ist immer noch der einzige Autor, der in der Lage ist, anscheinend jeglichen Chearth-Roman zu einem Meisterwerk zu gestalten.
Schon allein die Schilderung von Mhogenas Zwiespalt gehört mit zu dem Besten, was ich in Hinsicht auf Gefühlsbeschreibung innerhalb dieser Serie gelesen habe. Der Kunstgriff, im Prolog den einsamen Helden vor der Klippe stehen und überlegen zu lassen, auf welche Art und Weise er nun Selbstmord begehen will, da er als schrecklichster Massenmörder Chearths nicht weiterleben kann, ist zwar nicht neu; Uwe Anton setzt dieses Motiv der Vorschau, um dann auf die dahin führenden Ereignisse zurückzukommen, jedoch meisterhaft um und beschert dem Leser so einen Roman, der sicherlich zu den absoluten Highlights dieses Zyklus, wenn nicht gar der ganzen neueren Geschichte der Serie gehört.
Die ganze Handlung, Geschichte des ehemaligen Tiefenbahnhofs, das Geheimnis der Gharrer - was immer man auch nehmen will, hier paßt einfach alles zusammen. Uwe Anton schildert seinen Roman gekonnt und zwingt den Leser mit seinen wundervoll gefühlsbetonten Charakterisierungen der Hauptpersonen richtiggehend dazu, Seite für Seite zu verschlingen, den Roman nicht vor Erreichen des Wörtchens "Ende" aus der Hand zu legen.
Fast schon am Rande spielen sich hier die Bedenken der Galaktiker ab, der "Betrug" am Vertrauen, das ihnen Mhogena entgegenbringt, auch wenn gerade hier bereits Meisterhaftes zu lesen ist. Doch die Gefühlswelt der Galaktiker wird geradezu hinweggeschwemmt von der tragischen Gestalt Mhogenas, der in diesem ganzen Zyklus noch nie so lebendig geschildert wurde wie in diesem Roman.
Der Gharrer und fünfte Bote, der von den Galaktikern praktisch genötigt wird, das größte Geheimnis, die größte Schande seines Volkes preiszugeben, der über die wahren dahinterliegenden Absichten getäuscht wird, der das Morden nicht mehr ertragen kann und lieber seine Galaxis dem Untergang ausliefert - solch eine tragische Gestalt hat man bisher im PR-Universum, wenn überhaupt, dann nur selten gelesen. Und in einer derartigen Qualität beschrieben schon gar nicht.
Angesichts dieser Leistung bin ich ja schon fast geneigt, dem Vorgängerband auch noch den letzten Punkt nachträglich abzuerkennen, auch wenn die dahinterstehende Handlung Parallelen aufweist. In beiden Romanen wird eine kriegstechnisch vollkommen unverständliche Entscheidung getroffen, die die Chancen eines Sieges über die Algioten verringert. Doch wird in Band 1990 noch lapidar geschrieben: "Niemand kann es weiter verantworten", begründet Uwe die Entscheidung, den Eingang zum Tiefenbahnhof wieder zu schließen, eindrucksvoll. Er schafft es fast mühelos, den Leser an dieser Entscheidung teilhaben zu lassen, versetzt ihn in die Gedankenwelt Mhogenas, eines einzelnen Wesens, das diese Entscheidung nicht tragen kann. Eines verzweifelten Wesens.
Als Tüpfelchen auf dem "i" beschert das Expose Uwe Anton dann auch gleich noch so etwas wie eine Enthüllung der Identität Sirkus - oder doch zumindest eine Ahnung hierauf. Sirku verkündet, daß die Sonnenwürmer für Thoregon wichtig wären. Eigentlich hätte man sich dies auch schon lange denken müssen. Schließlich hat man bereits früh festgestellt, daß der Tresor nicht für die Ewigkeit gebaut war. Es stellt sich jetzt die Frage, in welcher Form die Würmchen nun doch noch etwas Gutes tun sollen - und, ob es sich bei Sirku um einen Abgesandten einer SI oder gar um eine SI selber handelt. Denn darunter ist jetzt nur schwer noch etwas vorstellbar, das über die Zusammenhänge Thoregons in dieser Art Bescheid wüßte.
Zum Zyklusende wird's endlich auch in dieser Galaxis interessant. Es bleibt nur zu hoffen, daß der letzte Wechsel auf dieser Ebene wenigstens ein bißchen besser wird als der bisher hier gebotene Durchschnitt. Wer schreibt doch noch gleich die letzten Chearth-Romane? Ich wünsche Susan Schwartz und Arndt Ellmer jedenfalls ein gutes Exposé und einen guten Tag zum Schreiben.

Fazit:
Uwe Anton macht es mal wieder allen vor, wie man auf einer an sich mehr als nur nervigen Handlungsebene epochale Romane schreiben kann. Der "Gefühlsmechaniker" wird seinem Ruf wieder einmal gerecht - und übertrifft sich dabei schon fast selbst.
14 Punkte.

Winfried Brand

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