"Star Vision" #2

(68 Seiten, SF-Magazin, DIN A4, Miracle Images Verlags GmbH, DM 6,90)
Erschienungsweise: 2monatlich
- erschienen: Oktober 1999 -

Nun geht "Star Vision" also in die zweite Runde. Nachdem das erste Heft schon recht gute Ansätze zeigte, zu einem wirklich interessanten Magazin zu werden, ist ein Blick auf die zweite Ausgabe natürlich zwingend vorgeschrieben.
Daß bereits im Vorwort steht, daß die erste Ausgabe aufgrund des Star Wars-Verrisses reichlich negative Leserbriefe hervorgerufen hat, mag an sich nicht verwundern - eher wohl der Mut der Redaktion, sich in dieser Ausgabe schwerpunktmäßig dem Thema Star Trek kritisch zu nähern. Hierfür ebenso wie für die wirklich kritische, aber dafür durchaus konstruktive (was von Media-Fans gerne übersehen wird) Kritik gebührt der Redaktion größter Respekt.
Nun aber zum Inhalt.
Nach den üblichen Infos, die sich hauptsächlich mit der visuellen Umsetzung der Phantastik beschäftigen (und die man, einen Internetanschluß vorausgesetzt, schon lange vorher bei phantastik.de gelesen hat - jaja, ich weiß, dies ist ein Printmagazin mit Vorlauf; trotzdem mache ich mit Freuden immer wieder Werbung für diesen Newsletter, der ohne Zweifel der umfangreichste und bestinformierte der deutschen Phantastik-Szene ist.), begibt man sich auf das heiße Pflaster Star Trek. Nun ja, "heiß" ist dieses Pflaster nur, wenn man ein paar kritische Worte hierzu äußert (* ...wie wir ja aus erster Hand wissen... :-))) Heike) und gleich ganze Entwicklungen der letzten Zeit ablehnend beleuchtet. Da hilft wahrscheinlich auch alle Konstruktivität nicht mehr - die Trekkies werden jetzt schon überlegen, wie sie am einfachsten Briefbomben zusammenbasteln können. Der Artikel selber ist jedenfalls sehr gelungen (auch wenn ich Holger Fach nicht in allen Punkten zustimmen kann, so bietet er doch einige überdenkenswerte Ansätze), und man merkt ihm an, daß der Autor durchaus Fan der Serie ist. Diese Seiten jedoch dürften wohl dafür sorgen, daß auch ein Großteil der Trek-Fans sich nun von diesem Magazin verabschiedet. Leider ist es nun mal so, daß die Leute, die sich die Toleranz am größten auf die Fahne schreiben, auf Kritik (und sei sie auch konstruktiv) am intolerantesten reagieren - zumindest sagt mir dies meine Erfahrung mit diversen Trekkies. Aber wir wollen hier nicht in meine Vergangenheit abschweifen, sondern uns weiter dem Magazin widmen.
Weiter geht's mit dem Bericht zum Ende von DSN - wieder recht kritisch und von Ralph Sander (immerhin gilt dieser Name etwas im Trek-Fandom - vielleicht lassen sie ihm dies ja durchgehen) kritisch-konstruktiv beleuchtet. Es bleibt nur zu befürchten, daß Ralph Sander bei Heyne solch kritische Worte nicht äußern darf - obwohl sie nötig sind...
Als nächstes folgt dann der ultimative Beweis, daß dieses Magazin dringendst einen Lektor nötig hat. (Kleiner Hinweis: Heike stände hier wohl zur Verfügung... Ähm... Ups... <evil grin>) (* Ich? Zur Verfügung? Was ist "Verfügung"? Und vielleicht kannst Du mir ja mal erklären, wie ich ohne einen 30-Stunden-Tag Zeit für irgendwelche Vergnü... äh, Verfügungen haben soll, wenn ich zwischendurch trinken, essen, schlafen und sonstiges muß? <even more evil grin> Heike)
Joachim Körbers Seiten über das Werk Ursula K. LeGuins sind zwar faszinierend, interessant und kompetent geschrieben (hat vielleicht irgendjemand ernsthaft etwas anderes erwartet?), doch finden sich hier auch die schlimmsten Fehler dieses Heftes, die das Verständnis des Artikels doch teilweise stark erschweren. Zwar wimmelt dieses Heft im Vergleich zur Erstausgabe regelrecht von fehlenden Wörtern und irregulären Satzstellungen (anscheinend hat hier wirklich niemand mehr korrekturgelesen), aber hier wird das Ganze dann schon regelrecht sinnentstellend. Joachim Körber widmet sich hier unter anderem LeGuins Roman "Planet der Habenichtse" (The Dispossessed). Dieser Roman handelt von jemandem, der seine Heimatwelt Anarres verläßt, die als Mond um Urras kreist, um auf den Planeten zu wechseln. Bei der Beschreibung der jeweiligen Gesellschaftssysteme ist hier jedoch einiges durcheinandergeraten. Da lesen wir zuerst, daß auf Anarres eine anarchistische Gesellschaft vorherrscht; dann erfahren wir, daß Urras kapitalistisch geführt wird. Kurze Zeit später heißt es jedoch: "Weder die anarchistische Gesellschaft auf Urras noch die kapitalistische auf Anarres..." Noch im gleichen Absatz geht es weiter: "Urras ist kapitalistisch..." und "Ganz ohne Reglementierung kommt hingegen auch die herrschaftsfreie Gesellschaft auf Urras nicht aus..." Dazu lesen wir dann im nächsten Absatz: "...und auch wenn die Verfasserin erkennen läßt, daß sie dem romantisch verklärten Anarchismus auf Urras den Vorzug gibt,..." Also, das ist nun wirklich eine Verwirrung des Lesers hoch drei. Dabei ist Joachim Körber hier noch nicht einmal der wirkliche Vorwurf zu machen; wer einen Text verfaßt, kann und darf sich durchaus einmal verhaspeln, was vollkommen normal ist. Doch das Fehlen eines Lektors bzw. Korrekturlesers seitens des Verlages wirkt sich hier so langsam zu einer Katastrophe aus, die an dieser Stelle zwar ihren Höhepunkt erreicht, sich mit Hilfe schlicht und einfach fehlender Wörter sowie falscher Grammatik und Satzstellung durch das ganze Magazin zieht, wenn auch zugegebenermaßen nicht mehr so sinnentstellend wie in dieser Textspalte...
Nach einem Poster von Quark (Deep Space Nine), das nicht nur überflüssig, sondern auch noch von äußerst schlechter Qualität ist (* Ach, das liegt aber ganz bestimmt an Quark selbst... ;-) Heike) und wirkt, als ob es von einem Dia hochgezogen worden wäre (wenn schon Poster, dann wenigstens ein "scharfes" Motiv und nicht dieses herumschwimmende Etwas), kommen wir dann zum Nachschlag für all die Star Wars-Fans, die die erste Ausgabe noch nicht abschrecken konnte. Hier legt Ralf Bauer anhand von sieben Punkten dar, weshalb "Episode 1" relativ schlecht ist. Daß er dabei mit Verbesserungsvorschlägen nicht spart, dürfte jedoch kaum einen SW-Fan wirklich interessieren. "Hier gibt's Kritik - hier will ich nicht sein" ist bei einem nicht zu verachtenden Teil der Fans leider wohl das Motto. Schade eigentlich, denn die Kritikpunkte sind bei aller Polemik, die auch schon den Verriß in der ersten Ausgabe durchsetzte, fundiert und sachlich nachvollziehbar. Genau so muß Kritik aussehen, damit sie auch den Leser interessiert. Und: Kritiken sind schließlich immer subjektiv. Wer das nicht versteht...
Zur Beruhigung der letzten entnervten Star Wars-Fans gibt es danach dann noch ein aus dem US-Starlog übernommenes Interview mit Ian McDiarmaid, dem alten und neuen Darsteller des Imperators Palpatine. Dieses gestaltet sich dann Starlog-typisch unkritisch und könnte glatt noch den einen oder anderen erbosten SW-Fan wieder in Wohlwollen verfallen lassen.
Die Frage, was denn die folgende Ankündigung einer Leserreise zum Episode 1-Set in Tunesien hier zu suchen hat, muß ich jetzt einfach stellen. Es dürfte immerhin kaum noch SW-Fans geben, die dies lesen - und allen anderen SF-Fans ist dies wohl ziemlich egal...
Nach dem (recht umfassenden) Con-Kalender geht's dann weiter mit Ralph Sanders erstem Teil der Betrachtung über Sex in der SF. Der Artikel ist wieder gewohnt sachkenntnisreich verfaßt, doch stellt sich die Frage, ob diese Thematik wirklich auf einer Breite von 6 Seiten ausgewalzt werden muß. Schließlich wissen wir alle zur Genüge, daß der Sex in der optischen Science Fiction praktisch nicht vorkommt. Es bleibt also nur eine recht lahme und kaum anregende Berichterstattung über alte Filme, die man zur Genüge kennt. (Und: Glaubt wirklich jemand daran, daß wir bei Star Trek mal eine Sexszene zu sehen bekommen???) (* Immerhin wurde schon mal 'ne echte Schwangerschaft "verarbeitet" - wenn das kein Schritt in die richtige Richtung ist... >;-) Heike)
Weiter geht's dann mit Buchbesprechungen von Joachim Körber (wie immer kompetent und interessant - nur leider zu wenig) und der Perry-Ecke, die der Layouter im ersten Heft irrtümlicherweise auch Joachim Körber zugeschrieben hat, für die aber eigentlich wohl Jürgen Borngiesser zuständig ist. Neben einem kapitalen Layout-Fehler (Anfang zweites Thema) findet sich hier für den Inhaber eines Internet-Anschlusses (ersatzweise reicht ein Con-Besuch in den letzten Wochen auch aus) nichts Neues. Es wird auf den Weltcon 2000 verwiesen, auf den Vurguzz-Likör (Hallo, Jürgen! Nicht etwa ein Perry-Autor - in diesem Fall wohl H.G. Ewers - sondern ein Fan aus dem süddeutschen Raum hat dieses Getränk erfunden. Die erste scherzhafte Anzeige für dieses hochprozentige Produkt findet sich Mitte der 50er Jahre in Munich Round-Up - oder war's doch beim SFCD???), das baldige Erscheinen des Bandes 2000 der Heftserie (wer hätte das gedacht?!?) und die Raumschiffmodelle. (Welche nebenbei immer noch äußerst selten im Fachhandel zu erhalten sind, obwohl sie vor zwei Monaten auf den Markt kamen - Abhilfe verschaffen hier Spezialversender aus dem SF-Bereich...)
Den Abschluß bieten dann ein Artikel über Star Trek-Computerspiele (passend zum Schwerpunkt), ein Gewinnspiel, bei dem man einen Platz zur vorher erwähnten Leserreise gewinnen kann (zwei wären angemessen und üblich gewesen - was mache ich mit Heike, wenn ich daran teilnehmen und gewinnen würde? (* Keine Ahnung. Sag mal, gibt's eigentlich verschiedengeschlechtliche (zweieiige?) verbundene Zwillinge? ;-) Ich meine jetzt, außer bei Sheri S. Tepper... :-) Heike)), zwei Leserbriefe mit einer wunderbaren Antwort von Saskia Klöckner auf den zweiten, der sich mit ihrem Artikel zu Episode 1 in der vorhergehenden Ausgabe befaßt, sowie zwei Seiten Comic-Rezensionen.
Den Abschluß bietet dann ein weiteres Highlight des Magazins - die artikelmäßige Würdigung der Raumschiff Promet-Ausgabe des Blitz-Verlags von Manfred Rückert und Roman Sander. Hier wird nicht nur sachlich und kompetent über die Ausgabe berichtet, sondern dem Leser auch gleich noch Appetit auf diese Serie (egal ob Classic oder Neue Abenteuer) gemacht. Und daß mindestens die Neuen Abenteuer diese Publicity verdient haben, wissen wir ja schon seit langem. Es bleibt zu hoffen, daß dieser Artikel auch den einen oder anderen neuen Leser für die Serie bringt. Und ich bin sowieso schon gespannt auf die nächsten beiden Bände, die wohl innerhalb der nächsten Woche bei mir auftauchen dürften.
Abgeschlossen wir dieses rundum gelungene Magazin dann durch die "letzten Worte HALs". (* "David (oder wie hieß der?), ich hab ja soooo'n Hals!"? >:-) Heike)
Abschließend läßt sich sagen, daß die Mischung zwischen Media- und Literatur-SF in dieser Ausgabe wesentlich besser gelungen ist als in der ersten. Allerdings hatte diese natürlich auch mit dem großen Manko zu kämpfen, daß Episode 1 vor der Tür stand und man sich damit beschäftigen mußte. Der wohltuend erfrischende Stil der ersten Ausgabe wurde jedenfalls beibehalten, die Kritik ist weiterhin trotz aller Polemik konstruktiv - genau so, wie es sein sollte. Wenn man jetzt noch vielleicht die eine oder andere Story eines deutschen Autors hineinbringen würde, wäre der Schritt zum wirklich empfehlenswerten Magazin locker getan. (Vorausgesetzt, man schafft sich einen Lektor an...) (* Guck mich nicht so an. Ich komm einfach nicht dazu. - Ist denn Deine Zeit-Maschine IMMER noch nicht fertig??? Heike)
Problematisch jedoch dürften die Verkaufszahlen werden. Durch die Verärgerung der SW- und jetzt auch der ST-Fans bleibt nur zu hoffen, daß es genügend Käufer gibt, die dieses lesenswerte Magazin am Leben erhalten. Der Versuch, ein kritisches Magazin am Markt zu etablieren, verdient jedenfalls jegliche Unterstützung, die fan zu leisten imstande ist. (* Ja, Leute! Kauft's Euch immer gleich im praktischen Hunderterpack! Öhm... Heike)

Fazit:
Die Mischung stimmt immer besser. "Star Vision" entwickelt sich immer mehr zum wirklich kompetenten, kritischen, aber auch konstruktiven Magazin für SF im Media und Literatur. Allerdings ist weiterhin der fiktionale Teil weit unterrepräsentiert bzw. nicht vorhanden. Ein oder zwei Stories (national oder international) würden diesem Magazin ebenso zur Spitze verhelfen wie die Einstellung eines Lektors... (* Die sollen Nick oder Mike fragen. Heike)
10 Punkte.

Winfried Brand

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