Frank Festa (Hrsg.):

"Die Saat des Cthulhu"

(H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens - Band 2)
D 1999

1) Ramsey Campbell: "Schriftlich"
OT: Cold Print
Ü: Joachim Kafka
USA 1969

2) Christian von Aster: "Yamasai"
D 1999

3) Thomas Wagner: "Die Farben der Tiefe"
D 1999

4) Kim Newman: "Der große Fisch"
OT: The Big Fish
Ü: Andreas Diesel
GB 1993

5) Thomas Ligotti: "Harlekins letzte Feier"
OT: The Last Feast of Harlekin
Ü: Irene Martschukat
USA 1991

6) Jens Schumacher: "Der Hügel von Yhth"
D 1996/1999

7) F. Paul Wilson: "Hinter dem Schleier"
OT: The Barrens
Ü: Jens Schumacher
USA 1990

(173 Seiten, Paperback, Blitz-Verlag 2602, ISBN 3-932171-99-3, DM 19,80)
- erschienen: Oktober 1999 -

Nachdem sich der erste Band dieser Reihe mit den literarischen Vorbildern Lovecrafts beschäftigte, wendet sich Herausgeber Frank Festa nun dessen Schülern zu, die dazu beigetragen haben, den Cthulhu-Mythos mit eigenem Leben zu erfüllen. Damit sind jedoch nicht die Nachahmer, sondern vielmehr diejenigen gemeint, die sich eigener Ideen bedienen oder sich gar ganz vom Lovecraft'schen Erzählstil lösen und nur noch den Mythos selber weiterentwickeln. Dabei findet sich in dieser Anthologie dankenswerterweise auch ein recht großer Anteil deutscher Autoren, die zeigen, daß auch hierzulande mit diesem Thema adäquat und schauerlich umgegangen werden kann.

1) Ramsey Campbell: "Schriftlich"
Sam Strutt hat einen etwas seltsamen Lesegeschmack, und nachdem sein Buchhändler gestorben ist, versucht er nun vergeblich, seine Lektüre (die Romane eines bestimmten Verlags, die solch interessante Titel wie "Des Lehrers Zuchtrute" tragen) von einem anderen Buchhändler zu beziehen. Dabei trifft er in einer Buchhandlung auf einen abgerissen aussehenden Mann, der ihn zu einem Laden führt, in dem diese Lektüre anscheinend erhältlich ist. Doch in diesem Buchladen geht es nicht so ganz mit rechten Dingen zu...

Ramsey Campbell steuert die erste und auch gleichzeitig älteste Geschichte dieser Sammlung bei. Von Anfang an beschleicht den Leser hier ein leichtes Unbehagen, das er sich jedoch erst einmal nicht erklären kann, da sich die typischen Mythos-Zutaten an dieser Stelle noch nicht unbedingt finden. Aber es dauert nicht lange, bis man sich mitten in der Lovecraft'schen Welt wiederfindet, in der auf den Protagonisten nur noch das Grauen wartet. Ein guter Auftakt für diese Anthologie.

2) Christian von Aster: "Yamasai"
Denner jr. erfährt in einem Zeitungsartikel zum ersten Mal von der Hinterlassenschaft des verstorbenen Ebenezer Home sowie von der geheimnisvollen Kreatur, die dieser auf Neuguinea gesehen haben will. Alsbald beschließt er, eine Expedition auf den Spuren des damaligen Matrosen zu starten, um herauszufinden, was es mit diesem Ungeheuer auf sich hat. Der Ethnologe Ward und der Veterinärmediziner Dassler - beides anerkannte Kapazitäten auf ihrem Gebiet - begleiten ihn. Zuerst werden sie von dem Stamm der Eingeborenen freundlich aufgenommen, doch das Verhältnis zwischen ihnen kühlt schnell ab, als sie das Ziel ihrer Reise, "Yamasai", erwähnen. Doch niemand macht den Versuch, sie aufzuhalten...

Im Gegensatz zur ersten Story in diesem Band kommt Christian von Asters Geschichte "Yamasai" von ihrer Erzählstruktur her den Lovecraft'schen Vorgaben wesentlich näher. Das Grauen, das Ziel, auf das die Geschichte hinarbeitet, wird bereits im ersten Absatz erwähnt. Es folgt danach die Schilderung des langsamen Annäherns an den Ort des Geschehens, bei der das Grauen der Protagonisten langsam aber sicher in Richtung Höhepunkt ansteigt, um schließlich mit eben jenem erwarteten Höhepunkt zu enden. Doch gerade dieser Höhepunkt hat es bei "Yamasai" in sich, hält er doch eine faustdicke Überraschung für den Leser bereit, was diese Geschichte weit von einer bloßen Lovecraft-Nachahmung entfernt. Allein das Ende macht diese gut geschriebene und spannende Geschichte schon lesenswert.

3) Thomas Wagner: "Die Farben der Tiefe"
Der Kunsthändler Velten stößt in einem Nachlaß auf unbekannte Bilder des Malers Konrad Hatteras, der 1954 auf Neville Island, einer kleinen, verschlafenen Insel weitab jedweder Zivilisation, zusammen mit seiner Frau umgekommen ist. Velten vertieft sich immer mehr in das Rätsel Hatteras und beschließt, auf dessen Spuren nach Neville Island zu reisen, um dort weitere Nachforschungen anzustellen.

Auch "Die Farben der Tiefe" stellen wieder eine interessante Geschichte innerhalb des Cthulhu-Mythos dar, die aus deutschen Landen stammt. Thomas Wagner gelingt es hier gut, das ständig steigende Grauen auf den Leser übergehen zu lassen, so daß auch diese Story wieder eine durchaus lohnenswerte Lektüre darstellt. Allerdings bleibt sie auch relativ nahe am Lovecraft'schen Vorbild und bietet wenige eigene Ansätze oder wirklich originelle Ideen - was allerdings innerhalb dieses Mythos' auch relativ schwierig ist.

4) Kim Newman: "Der große Fisch"
Amerika, Bay City, kurz nach Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg: Als der Privatdetektiv bei seinen Recherchen für die Schauspielerin Janey Wilde die Leiche von Gianni Pastore findet - seines Zeichnens Glücksspielkönig und Mitglied der Ehrenwerten Familie - sind auch schon drei Agenten nicht mehr weit, die eine bunt zusammengewürfelte internationale Truppe darstellen. Sie gehören offensichtlich zu einer Sondereinheit, die sich mit mysteriösen Dingen beschäftigt. Von da an wird der Schnüffler immer tiefer in geheimnisvolle Machenschaften hineingezogen, die nicht so ganz in sein Weltbild zu passen scheinen...

Kim Newman legt hier sicherlich eine der exzentrischsten Cthulhu-Geschichten vor. Er verbindet gekonnt Elemente von Raymond Chandler mit denen von H. P. Lovecraft und vermengt diese zu einer ungewöhnlichen, aber äußerst erfrischenden Mischung. Chandlers cooler, harter Privatdetektiv, beauftragt mit einem Fall, der ihn in das Lovecraft'sche Universum führt. Es ist einfach nur genial zu lesen, wie dem Grauen der Kreaturen Lovecrafts der trockene, zynische Detektiv entgegengestellt wird. Allein schon wegen ihrer Außergewöhnlichkeit stellt diese Story etwas Besonderes dar. Allerdings ist sie dazu noch so gut, daß ich sie bereits zu meiner privaten Lieblingsstory dieses Bandes erklärt habe.

5) Thomas Ligotti: "Harlekins letzte Feier"
Der Anthropologe beschäftigt sich nicht nur beruflich mit der Geschichte der Clowns, auch privat schlüpft er gerne mal in das Kostüm. Nachdem er sich lange Zeit um die Rolle der Clowns in verschiedenen kulturellen Umfeldern gekümmert hat, erfährt er von einem Fest in der Stadt Mirocaw, bei dem Clowns ebenfalls eine Rolle spielen sollen. Er will sich dieses Fest einmal ansehen und gerät dabei in Ereignisse, die recht seltsam auf ihn wirken und die er in keinen Zusammenhang mit den bisherigen Ergebnissen seiner Forschung bringen kann.

Ich muß zugeben, Thomas Ligottis Beitrag zu dieser Storysammlung hat mich ein wenig verwirrt. Es dauert lange, bis der Leser eine halbwegs sinnvolle Vorstellung von dem bekommt, was er hier eigentlich liest. Zwar herrscht ein gewisses, unterschwelliges Grauen vor, doch ist es schwer, die Handlung in einen vernünftigen Zusammenhang zu bringen. Erst später wird dem Leser hier klar, was denn nun in dem kleinen Ort vor sich geht. Irgendwie kann ich mit dieser Story trotzdem nicht besonders viel anfangen...

6) Jens Schumacher: "Die Hügel von Yhth"
James Ryan ist in den Besitz einer Abschrift des Pflueger-Almanachs gelangt. Sie wurde von einem Gelehrten verfaßt, der im 16. Jahrhundert das Necronomicon ins Englische übersetzt und diesem gleich einen doppelt so dicken Anhang beschert hat. In ebenjenem Anhang wird immer wieder auf ein geheimnisvolles Buch San verwiesen, das jedoch nicht nur nicht aufzutreiben ist - es scheint so, als ob niemand überhaupt jemals etwas von diesem Buch gehört hätte. Doch dann gelangt Ryan an eine Information, daß ein Exemplar des Buches in der Bücherei des kleinen Fischerdorfes Barath zu finden sein soll, und er macht sich auf, um dies zu überprüfen. Langsam stößt er auf Hinweise, daß im Meer unweit des Dorfes etwas Seltsames vor sich geht...

Jens Schumacher widmet sich ganz dem typisch Lovecraft'schen Stil und setzt diesen gekonnt um. Der Protagonist, der am Anfang der Story fühlt, wie seine geistige Gesundheit ihn verläßt, der seine Geschichte jedoch der Nachwelt hinterlassen will. Die nachfolgende Entwicklung der Geschichte von Anfang an, das sich langsam steigernde Grauen, das immer unvorstellbarere Formen annimmt und am Ende seinen Protagonisten besiegt. Herausgekommen ist dabei eine interessante Geschichte aus dem Cthulhu-Universum, die gekonnt erzählt daherkommt und die zu lesen sicherlich kein Fehler ist. Allerdings bleiben auch hier die eigenen Ideen wieder etwas auf der Strecke...

7) F. Paul Wilson: "Hinter dem Schleier"
Jon Creighton, ein ehemaliger Liebhaber zu Studentenzeiten, meldet sich nach Jahren wieder bei Kathleen McKelston und bittet sie um Mithilfe bei den Recherchen zu einem Buch über die Ursprünge von Volksmärchen. Dabei soll sie ihm helfen, mehr über den Teufel von Jersey herauszufinden, der in den Pinienwäldern des Staates sein Unwesen treiben soll. Aber als Außenstehender hat Jon keinen Zugang zu den Pinies, wie die etwas hinterwäldlerischen Einwohner der Gegend abfällig genannt werden. Da Kathleen jedoch dort geboren ist, könnte sie ihm helfen, an die Informationen aus erster Hand zu gelangen, die ihm weiterhelfen würden. Als Kathleen McKelston einwilligt, weiß sie noch nicht, daß der Teufel von Jersey nicht unbedingt der wahre Grund ist, weshalb Jon Creighton sie um Hilfe gebeten hat - und er ist auch nicht der Grund, weshalb sie sich in die Pinienwälder begeben...

F. Paul Wilsons Story "Hinter dem Schleier" überhaupt als "Story" zu bezeichnen, trifft die Sache nicht unbedingt richtig. Eher handelt es sich hier schon um eine Novelle, die mit ihren rund 45 Seiten Umfang fast an die Länge eines Heftromans stößt (was einiges über die Lupen-Qualität der Schriftgröße aussagt, in der dieses Paperback gesetzt ist...). Der Autor setzt in dieser Novelle dann auch eher auf die klassische Art der Horrorromane denn auf den typischen Lovecraft-Stil. Die Protagonistin seiner Geschichte erfährt nur sehr langsam und stückweise von den wirklichen Hintergründen - und mit ihr auch der Leser. Dabei sorgt die klare Erzählstruktur für einen einfachen Spannungsaufbau beim Leser, der langsam in die Geschichte hineingezogen und von der steigenden Spannung dort festgehalten wird. Wieder eine lohnenswerte Story innerhalb einer Sammlung, die in Sachen Qualität insgesamt ihresgleichen sucht.

Fazit:
Auch der zweite Band dieser Reihe bietet eine Reihe von erlesenen Stories, die nicht nur für Lovecraft-Fans einiges zu bieten haben. Die von Frank Festa getroffene Auswahl kann man nur als hervorragend bezeichnen - und der Satz in lupenverdächtiger Schriftgröße sorgt dafür, daß der Leser hier eine Menge Lesestoff für sein Geld bekommt. (* Apropos Lupe - kann es sein, daß Du 'ne neue Brille brauchst? ;-) Heike)
13 Punkte.

Winfried Brand


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