Nachdem
sich der erste Band dieser Reihe mit den literarischen Vorbildern
Lovecrafts beschäftigte, wendet sich Herausgeber Frank Festa nun
dessen Schülern zu, die dazu beigetragen haben, den
Cthulhu-Mythos mit eigenem Leben zu erfüllen. Damit sind jedoch
nicht die Nachahmer, sondern vielmehr diejenigen gemeint, die sich
eigener Ideen bedienen oder sich gar ganz vom Lovecraft'schen
Erzählstil lösen und nur noch den Mythos selber
weiterentwickeln. Dabei findet sich in dieser Anthologie
dankenswerterweise auch ein recht großer Anteil deutscher
Autoren, die zeigen, daß auch hierzulande mit diesem Thema
adäquat und schauerlich umgegangen werden kann.
1) Ramsey Campbell: "Schriftlich"
Sam Strutt hat einen etwas seltsamen Lesegeschmack, und nachdem sein
Buchhändler gestorben ist, versucht er nun vergeblich, seine
Lektüre (die Romane eines bestimmten Verlags, die solch
interessante Titel wie "Des Lehrers Zuchtrute" tragen) von einem
anderen Buchhändler zu beziehen. Dabei trifft er in einer
Buchhandlung auf einen abgerissen aussehenden Mann, der ihn zu einem
Laden führt, in dem diese Lektüre anscheinend
erhältlich ist. Doch in diesem Buchladen geht es nicht so ganz
mit rechten Dingen zu...
Ramsey Campbell steuert die erste und auch gleichzeitig älteste
Geschichte dieser Sammlung bei. Von Anfang an beschleicht den Leser
hier ein leichtes Unbehagen, das er sich jedoch erst einmal nicht
erklären kann, da sich die typischen Mythos-Zutaten an dieser
Stelle noch nicht unbedingt finden. Aber es dauert nicht lange, bis
man sich mitten in der Lovecraft'schen Welt wiederfindet, in der auf
den Protagonisten nur noch das Grauen wartet. Ein guter Auftakt
für diese Anthologie.
2) Christian von Aster: "Yamasai"
Denner jr. erfährt in einem Zeitungsartikel zum ersten Mal von
der Hinterlassenschaft des verstorbenen Ebenezer Home sowie von der
geheimnisvollen Kreatur, die dieser auf Neuguinea gesehen haben will.
Alsbald beschließt er, eine Expedition auf den Spuren des
damaligen Matrosen zu starten, um herauszufinden, was es mit diesem
Ungeheuer auf sich hat. Der Ethnologe Ward und der
Veterinärmediziner Dassler - beides anerkannte Kapazitäten
auf ihrem Gebiet - begleiten ihn. Zuerst werden sie von dem Stamm der
Eingeborenen freundlich aufgenommen, doch das Verhältnis
zwischen ihnen kühlt schnell ab, als sie das Ziel ihrer Reise,
"Yamasai", erwähnen. Doch niemand macht den Versuch, sie
aufzuhalten...
Im Gegensatz zur ersten Story in diesem Band kommt Christian von
Asters Geschichte "Yamasai" von ihrer Erzählstruktur her den
Lovecraft'schen Vorgaben wesentlich näher. Das Grauen, das Ziel,
auf das die Geschichte hinarbeitet, wird bereits im ersten Absatz
erwähnt. Es folgt danach die Schilderung des langsamen
Annäherns an den Ort des Geschehens, bei der das Grauen der
Protagonisten langsam aber sicher in Richtung Höhepunkt
ansteigt, um schließlich mit eben jenem erwarteten
Höhepunkt zu enden. Doch gerade dieser Höhepunkt hat es bei
"Yamasai" in sich, hält er doch eine faustdicke
Überraschung für den Leser bereit, was diese Geschichte
weit von einer bloßen Lovecraft-Nachahmung entfernt. Allein das
Ende macht diese gut geschriebene und spannende Geschichte schon
lesenswert.
3) Thomas Wagner: "Die Farben der Tiefe"
Der Kunsthändler Velten stößt in einem Nachlaß
auf unbekannte Bilder des Malers Konrad Hatteras, der 1954 auf
Neville Island, einer kleinen, verschlafenen Insel weitab jedweder
Zivilisation, zusammen mit seiner Frau umgekommen ist. Velten
vertieft sich immer mehr in das Rätsel Hatteras und
beschließt, auf dessen Spuren nach Neville Island zu reisen, um
dort weitere Nachforschungen anzustellen.
Auch "Die Farben der Tiefe" stellen wieder eine interessante
Geschichte innerhalb des Cthulhu-Mythos dar, die aus deutschen Landen
stammt. Thomas Wagner gelingt es hier gut, das ständig steigende
Grauen auf den Leser übergehen zu lassen, so daß auch
diese Story wieder eine durchaus lohnenswerte Lektüre darstellt.
Allerdings bleibt sie auch relativ nahe am Lovecraft'schen Vorbild
und bietet wenige eigene Ansätze oder wirklich originelle Ideen
- was allerdings innerhalb dieses Mythos' auch relativ schwierig
ist.
4) Kim Newman: "Der große Fisch"
Amerika, Bay City, kurz nach Eintritt der USA in den Zweiten
Weltkrieg: Als der Privatdetektiv bei seinen Recherchen für die
Schauspielerin Janey Wilde die Leiche von Gianni Pastore findet -
seines Zeichnens Glücksspielkönig und Mitglied der
Ehrenwerten Familie - sind auch schon drei Agenten nicht mehr weit,
die eine bunt zusammengewürfelte internationale Truppe
darstellen. Sie gehören offensichtlich zu einer Sondereinheit,
die sich mit mysteriösen Dingen beschäftigt. Von da an wird
der Schnüffler immer tiefer in geheimnisvolle Machenschaften
hineingezogen, die nicht so ganz in sein Weltbild zu passen
scheinen...
Kim Newman legt hier sicherlich eine der exzentrischsten
Cthulhu-Geschichten vor. Er verbindet gekonnt Elemente von Raymond
Chandler mit denen von H. P. Lovecraft und vermengt diese zu einer
ungewöhnlichen, aber äußerst erfrischenden Mischung.
Chandlers cooler, harter Privatdetektiv, beauftragt mit einem Fall,
der ihn in das Lovecraft'sche Universum führt. Es ist einfach
nur genial zu lesen, wie dem Grauen der Kreaturen Lovecrafts der
trockene, zynische Detektiv entgegengestellt wird. Allein schon wegen
ihrer Außergewöhnlichkeit stellt diese Story etwas
Besonderes dar. Allerdings ist sie dazu noch so gut, daß ich
sie bereits zu meiner privaten Lieblingsstory dieses Bandes
erklärt habe.
5) Thomas Ligotti: "Harlekins letzte Feier"
Der Anthropologe beschäftigt sich nicht nur beruflich mit der
Geschichte der Clowns, auch privat schlüpft er gerne mal in das
Kostüm. Nachdem er sich lange Zeit um die Rolle der Clowns in
verschiedenen kulturellen Umfeldern gekümmert hat, erfährt
er von einem Fest in der Stadt Mirocaw, bei dem Clowns ebenfalls eine
Rolle spielen sollen. Er will sich dieses Fest einmal ansehen und
gerät dabei in Ereignisse, die recht seltsam auf ihn wirken und
die er in keinen Zusammenhang mit den bisherigen Ergebnissen seiner
Forschung bringen kann.
Ich muß zugeben, Thomas Ligottis Beitrag zu dieser
Storysammlung hat mich ein wenig verwirrt. Es dauert lange, bis der
Leser eine halbwegs sinnvolle Vorstellung von dem bekommt, was er
hier eigentlich liest. Zwar herrscht ein gewisses, unterschwelliges
Grauen vor, doch ist es schwer, die Handlung in einen
vernünftigen Zusammenhang zu bringen. Erst später wird dem
Leser hier klar, was denn nun in dem kleinen Ort vor sich geht.
Irgendwie kann ich mit dieser Story trotzdem nicht besonders viel
anfangen...
6) Jens Schumacher: "Die Hügel von Yhth"
James Ryan ist in den Besitz einer Abschrift des Pflueger-Almanachs
gelangt. Sie wurde von einem Gelehrten verfaßt, der im 16.
Jahrhundert das Necronomicon ins Englische übersetzt und diesem
gleich einen doppelt so dicken Anhang beschert hat. In ebenjenem
Anhang wird immer wieder auf ein geheimnisvolles Buch San verwiesen,
das jedoch nicht nur nicht aufzutreiben ist - es scheint so, als ob
niemand überhaupt jemals etwas von diesem Buch gehört
hätte. Doch dann gelangt Ryan an eine Information, daß ein
Exemplar des Buches in der Bücherei des kleinen Fischerdorfes
Barath zu finden sein soll, und er macht sich auf, um dies zu
überprüfen. Langsam stößt er auf Hinweise,
daß im Meer unweit des Dorfes etwas Seltsames vor sich
geht...
Jens Schumacher widmet sich ganz dem typisch Lovecraft'schen Stil und
setzt diesen gekonnt um. Der Protagonist, der am Anfang der Story
fühlt, wie seine geistige Gesundheit ihn verläßt, der
seine Geschichte jedoch der Nachwelt hinterlassen will. Die
nachfolgende Entwicklung der Geschichte von Anfang an, das sich
langsam steigernde Grauen, das immer unvorstellbarere Formen annimmt
und am Ende seinen Protagonisten besiegt. Herausgekommen ist dabei
eine interessante Geschichte aus dem Cthulhu-Universum, die gekonnt
erzählt daherkommt und die zu lesen sicherlich kein Fehler ist.
Allerdings bleiben auch hier die eigenen Ideen wieder etwas auf der
Strecke...
7) F. Paul Wilson: "Hinter dem Schleier"
Jon Creighton, ein ehemaliger Liebhaber zu Studentenzeiten, meldet
sich nach Jahren wieder bei Kathleen McKelston und bittet sie um
Mithilfe bei den Recherchen zu einem Buch über die
Ursprünge von Volksmärchen. Dabei soll sie ihm helfen, mehr
über den Teufel von Jersey herauszufinden, der in den
Pinienwäldern des Staates sein Unwesen treiben soll. Aber als
Außenstehender hat Jon keinen Zugang zu den Pinies, wie die
etwas hinterwäldlerischen Einwohner der Gegend abfällig
genannt werden. Da Kathleen jedoch dort geboren ist, könnte sie
ihm helfen, an die Informationen aus erster Hand zu gelangen, die ihm
weiterhelfen würden. Als Kathleen McKelston einwilligt,
weiß sie noch nicht, daß der Teufel von Jersey nicht
unbedingt der wahre Grund ist, weshalb Jon Creighton sie um Hilfe
gebeten hat - und er ist auch nicht der Grund, weshalb sie sich in
die Pinienwälder begeben...
F. Paul Wilsons Story "Hinter dem Schleier" überhaupt als
"Story" zu bezeichnen, trifft die Sache nicht unbedingt richtig. Eher
handelt es sich hier schon um eine Novelle, die mit ihren rund 45
Seiten Umfang fast an die Länge eines Heftromans
stößt (was einiges über die Lupen-Qualität der
Schriftgröße aussagt, in der dieses Paperback gesetzt
ist...). Der Autor setzt in dieser Novelle dann auch eher auf die
klassische Art der Horrorromane denn auf den typischen
Lovecraft-Stil. Die Protagonistin seiner Geschichte erfährt nur
sehr langsam und stückweise von den wirklichen
Hintergründen - und mit ihr auch der Leser. Dabei sorgt die
klare Erzählstruktur für einen einfachen Spannungsaufbau
beim Leser, der langsam in die Geschichte hineingezogen und von der
steigenden Spannung dort festgehalten wird. Wieder eine lohnenswerte
Story innerhalb einer Sammlung, die in Sachen Qualität insgesamt
ihresgleichen sucht.
Fazit:
Auch der zweite Band dieser Reihe bietet eine Reihe von erlesenen
Stories, die nicht nur für Lovecraft-Fans einiges zu bieten
haben. Die von Frank Festa getroffene Auswahl kann man nur als
hervorragend bezeichnen - und der Satz in lupenverdächtiger
Schriftgröße sorgt dafür, daß der Leser hier
eine Menge Lesestoff für sein Geld bekommt. (* Apropos Lupe -
kann es sein, daß Du 'ne neue Brille brauchst? ;-)
Heike)
13 Punkte.