Kai Meyer:

"Göttin der Wüste"

D 1999
(432 Seiten, Hardcover, Heyne, ISBN 3-453-15296-4, DM 39,80)
- erschienen: September 1999 -

Zum Inhalt:
1903: Cendrine Muck tritt ihre neue Arbeitsstelle als Lehrerin im Haus Kaskaden in der Nähe von Windhuk in Südwestafrika an, wo sie neben ihren beiden Schützlingen und deren Eltern auch auf den tauben Valerian Kaskaden trifft. Anfangs läuft alles wie geplant, doch schon bald stößt sie auf ein düsteres Geheimnis des Hauses - und uralte Mythen und Riten bahnen sich langsam den Weg in ihr Leben...

Kai Meyer hat es wieder einmal geschafft, einen historischen Roman von höchsten Lesevergnügen zu verfassen, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt.
Fängt die Geschichte noch recht harmlos und beschaulich an, verwickelt der Autor seine Hauptperson immer stärker in die geheimnisvollen Geschehnisse, in die er die afrikanischen Mythen geschickt einbaut, mit fremden Elementen verbindet und so dem Leser einen Blick in eine faszinierende Welt ermöglicht. Gerade seine Sichtweise der Mythen in Bezug auf die abendländische Kultur (naja - wohl eher das Christentum), die Ähnlichkeiten und die Art, wie beides unter einen Hut gebracht wird, ist fast schon einzigartig zu nennen. Jedenfalls ist es hochinteressant und spannend zu lesen.
Dabei macht Kai Meyer nun auch nicht den Fehler, angesichts der Zeit und des Ortes, an dem er seine Geschichte spielen läßt, den Zeigefinger zu heben und die abgrundtief böse Behandlung der schwarzen Bevölkerung durch die weiße Oberschicht anzuprangern. Vielmehr bleibt er mehr oder weniger auf neutralem Boden (nun gut, ab und zu schimmert der Zeigefinger durch, paßt jedoch immer in die Handlung), was der Stimmung des Romans nur guttut. Man fühlt sich hier buchstäblich an den Anfang dieses Jahrhunderts zurückversetzt - was nicht zuletzt auch an der hervorragenden Recherche des Autors liegt.
Aber Kai Meyer versteht es nicht nur, seine Phantasie wie selbstverständlich in eine faszinierende Geschichte umzusetzen, sondern diese auch mit einer Virtuosität zu schildern, wie man es selten zu lesen bekommt. Es macht einfach nur Spaß, Romane von diesem Autor zu lesen - vor allem, wenn sie eine solche Faszination ausüben wie "Göttin der Wüste".
In Sachen historischer Romane mit Phantastik-Elementen gehört Kai Meyer jedenfalls eindeutig zur absoluten Spitzenklasse der Autoren. Zwar hat man über manche Strecken durchaus das Gefühl, eher in einem sanften Frauen-Grusler gelandet zu sein, doch trügt dieser Eindruck. Kai Meyer versteht es durchaus, auch "härtere" Szenen in seine Romane einzubauen, die z.B. in einem "Mitternachtsroman" oder "Gaslicht"-Heft sicherlich nichts verloren haben. (Abgesehen davon, daß sich die Auflösung der Handlung in diesem Buch weit von dem entfernt, was in solchen Reihen toleriert werden würde...) Gerade in "Göttin der Wüste" versteht es der Autor, weniger durch Horror-Elemente als eher durch solche der Phantastik, den Leser an die Geschichte zu binden, auf daß sie ihn nicht mehr losläßt.
Viele Worte für ein Buch, das eigentlich nur eines Wortes bedarf: Kaufen! Für jeden, der teilweise ruhiger verlaufende Phantastik mag, ist dieser Roman ein Leckerbissen.

Fazit:
Ein historisch-phantastischer "Schinken" bester Machart. Der Leser wird bereits auf den ersten Seiten von dem Buch "gefangengenommen" und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Romane solcher Qualität könnte man sich glatt öfter wünschen.
14 Punkte.

Winfried Brand


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