Band 1993: "Vorstoß in den Kessel"

Autor: Rainer Castor

Seit Wochen wartet die Flotte der Virtuellen Schiffe in der unmittelbaren Nähe des Kessels darauf, daß irgend etwas passiert, und auch die an Bord gekommenen Gestalter geben keinen Mucks von sich. Die Piloten können lediglich ein wenig in der Gegend herumfliegen und das Chaos in der Galaxis beobachten. Ein wenig Abwechslung bringt ein nicht identifizierbares Flugobjekt, das in der Nähe auftaucht, sich aber nicht weiter verfolgen läßt. Gucky vermutet später, daß es sich hierbei um eine der Kosmischen Fabriken handelt.
Als das Warten schließlich ein Ende hat, springen die Piloten nicht gerade vor Freude in die Höhe. Es handelt sich um Wanderer (mit all seinen Passagieren), den sie innerhalb von 10 Tagen in den Kessel transportieren müssen. Die Einweisung kommt persönlich und von ganz oben. ES selbst klärt Alaska über die Bedingungen des Auftrages auf und versorgt ihn mit dem notwendigen Wissen. Die Virtuellen Schiffe sollen ein Feld bilden, in dem Wanderer in den Kessel transportiert wird. Die SI's werden mit ihren Kräften dafür sorgen, daß das Feld stabil bleibt. Außerhalb wird Alaska den Vorgang koordinieren. Dazu bekommen die Piloten einige Helfer zur Seite gestellt, die aus den verschiedenen Mächtigkeitsballungen stammen und nicht alle "lebendig" sind. So bekommt Alaska neben Gucky und Blo Rakane auch noch Illtu und Harno (waren in ES aufgegangen) als Hilfe zugewiesen, während sich auf den anderen die komplette "Alt-Mutanten-Clique" breitmacht. Gucky ist von den Socken, als er seine verschwundene Frau wiedertrifft, und für ihn ist die Rettung von Thoregon auf einmal nicht mehr so wichtig. Iltu erzählt ihm, daß die Mausbiber in ES aufgegangen sind, von dort aus auch nicht mehr zurückkehren werden, dies also vermutlich ihr letztes Zusammentreffen ist. Allerdings kann sie nicht sagen, ob es nicht doch noch irgendwo im Universum lebende Mausbiber gibt.
Doch nicht nur Alaska und Gucky müssen sich mit den Schatten der Vergangenheit auseinandersetzen. Überall an Bord der SOL tauchen auf einmal seltsame Gestalten auf. So diskutiert Tautmo Aagenfeld auf einmal mit Arno Kulap und Geoffry Waringer über die hyperphysikalischen Phänomene dieser Umgebung; Reginald Bull trifft auf den alten Cowboy von Wanderer und den Neandertaler Lord Zwiebus; der Bordrechner SENECA erhält seltsamen Besuch - Tatcher a Hainu und Dalmian Rorvic - und Mondra wird von Rhodans früherer Frau Mory Susan Abro aufgesucht.
Dann beginnt der große Flug in den Kessel. Während Alaska und seine Helfer alle Hände voll zu tun haben und mit immer größer werdenden Schwierigkeiten fertig werden müssen, wird auch bald die Situation an Bord der SOL unerträglich. Das Carit reagiert auf den Flug. Es sorgt dafür, daß die Besatzungmitglieder glauben, daß sich die Temperatur in immer größere Höhen schraubt. Bald gibt es auch die ersten Toten. Der Evakuierungsbefehl wird gegeben, und man verläßt das Raumschiff. Nun hat man aber ein anderes Problem, denn nun ist man in einer richtigen Wüste gelandet, und die nächste Oase ist weit entfernt. Es ergibt sich jedoch ungeahnte Hilfe. ES hat ein paar Mutanten abgestellt, die die Flüchtlinge mit Wasser versorgen und sie in kleinen Gruppen zur Oase transportieren. Nur Bully wird zurückgeschickt. Er hat sich auf Befehl von ES wieder in der SOL einzufinden; und auf dem Weg dorthin macht er im Wüstensturm ein ganz eigenes Martyrium durch. Dann ist er auf einmal wieder an Bord der SOL - und mit ihm alle, die das Raumschiff zuvor verlassen haben. Sie befinden sich offensichtlich im Inneren des Kessels. Hier finden sie einen Pilzdom - mit einer Größe von 104 km.

Da wären wir nun also - mitten im Kessel. Jetzt ist auch klar, warum Shabazza da unbedingt hineinwollte. Hier befindet sich offensichtlich das Zentrum von Thoregon, das sich in der Form eines gigantischen Pilzdomes manifestiert. (* Hat denn nicht vor längerer Zeit irgendeiner von unseren (damals noch etwas zahlreicheren?) Perry-Rezensenten einen Pilzdom im Kessel vermutet? Oder verwechsle ich das doch noch mit etwas anderem? Grübelgrübel... Heike) Nun stellt sich mir aber folgende Frage: Wer in aller Welt hat das Ding hier gebaut? Wir haben ja schon gesehen, daß selbst das Kollektiv von sechs Superintelligenzen extreme Schwierigkeiten hatte, hierher zu gelangen. Wenn es sich hier um die Station hinter dem Proto-Tor handelt, dann fallen einem ja ganz schnell die Helioten ein, aber die sahen mir eigentlich nicht wie jemand aus, der so ein Ding bauen kann. Ganz unter dem Gesichtspunkt der körperlichen Voraussetzungen. Ist es etwa das Werk eines anderen, bereits existierenden Thoregon, und sind die Helioten eher die Boten einer kollektiven Vereinigung dieser Gebilde? In dem Fall läge nahe, Thoregon für eine Art Superintelligenzen-Gewerkschaft zu halten. Dann könnte man aber auch annehmen, daß die noch nicht entdeckten bzw. noch nicht benutzten Brückenübergänge nicht nur in ferne und unerforschte Bezirke des Universums gehen, sondern speziell in Bereiche, in denen sich die SI's von den Kosmokraten abgesetzt haben. Auf diese Weise würde aber die Wahrscheinlichkeit sinken, daß sich die hier versammelten Thoregon-SI's zu einem einzigen neuen Wesen vereinigen. Vermutlich würden sie eher einen real existierenden Rat bilden, der über seinen Einflußbereich wacht (von welchem ich dann auch ganz gerne mal wissen würde, wie groß er eigentlich ist, denn ES gibt sich ja schließlich auch nicht mit nur einer Galaxie zufrieden). Aber das geht alles zu sehr in den spekulativen Bereich. Fest steht, daß wir die Lösung bald in unseren Händen halten werden; und ich vermute, daß die nun kommenden Ereignisse in und um Terra da noch die uninteressanteren werden, da ja jeder wissen will, wie es denn nun endlich in diesem elenden Kessel weitergeht. (* Kochendheiß? ;-) Oder wenigstens mit 'ner Freßorgie...! :-))) Heike)
Allein die Reise hierher war ja schon ein wirklich abgefahrenes Abenteuer. Besonders die "Alten" mußten eine Menge durchmachen, wobei Gucky mir noch am meisten leidtut. Zwar weiß er nun über das Schicksal seiner Mausbiber Bescheid, doch glücklich dürfte ihn das kaum machen. Ich fand es eigentlich auch schade, daß die Ilts nun für immer in ES aufgegangen sind. Mir hätte es doch besser gefallen, wenn man sich die Option auf einen Ilt-Planeten offengelassen hätte (zugegeben, man hat sich ja noch diese eine kleine Hintertür offengehalten, aber gerade diese Art hat mir nun gar nicht gefallen. Besser hätte ich es gefunden, wenn man ihm einen Hinweis auf den Verbleib seines Volkes gegeben oder die Sache einfach auf sich beruhen lassen hätte). Ansonsten hat mich das kollektive Auffahren der verschiedensten Gestalten aus der Vergangenheit geradezu begeistert. Nun hat sich wenigstens einmal dieses ganze Hickhack um ES ausgezahlt, denn auf diese Art konnte man all die Gestalten ohne Probleme für ein paar Zeilen aus der Vergangenheit holen - und wenn es auch scheinbar nur für einen völlig sinnlosen, aber herrlichen Auftritt war, wie der von a Hainu und Rorvic. (* War die Kaffeekanne, die eigentliche 'Hauptperson' damals, auch dabei? >:-))) Heike)
In meinen Augen hat Rainer Castor es hier geschickt verstanden, dem Leser klarzumachen, in was für einer Umgebung sich die aktuelle Handlung abspielt. Daß dabei nicht alles bierernst bleiben muß und sich das dann auch noch wirklich gut liest, ist eine hervorragende Sache. Dabei wählt Castor einmal mehr den komplizierten Weg, denn es dauert eine ganze Weile, bis man die verschiedenen Ebenen in einen Zusammenhang setzen kann. Dies gilt vor allem für die Bully-Ebene, die sich zunächst in gar kein Bild einordnen lassen will, sondern erst ganz am Ende klar wird. Auf diese Weise geht der Autor ein großes Wagnis ein, denn schnell kann so etwas in der Unübersichtlichkeit enden, doch hier wird spätestens am Ende alles zu einer recht umfangreichen Zufriedenheit aufgelöst.
Nicht ganz faßbar fand ich jedoch den Flug durch den Kessel, der zwar auch auf seine Weise zeigte, durch was für ein Terrain man sich bewegt, aber so richtig ansehnlich war er dann doch nicht. Mit der Ebene um Alaska konnte ich mich allerdings generell nicht so richtig anfreunden (auch wenn sich Castor offensichtlich recht intensiv mit der Haut beschäftigt hat, besonders, was ihre Position angeht).

Fazit:
Ein absolut faszinierender Roman, mit - in meinen Augen - wenigen und deshalb vernachlässigbaren Schwächen. Es scheint mir, daß hier ein kleines Experiment mit der Vergangenheit stattgefunden hat, das wunderbar funktionierte. Allerdings warne ich davor, das zu sehr und zu oft zu wiederholen.
In Bezug auf den großen Rahmen frage ich mich nun aber bereits, was jetzt noch kommen kann. Ich hoffe, daß jetzt NICHT erst einmal fünf Romane lang gestreckt werden muß.
14 Punkte

Alexander Haas

Da ist man jetzt also mit diesem Band in der Mitte des Kessels angelangt - und findet dort einen riesigen Pilzdom. Ich muß sagen: Das hat was. Auch wenn sich nun unwillkürlich die Frage stellt, wer denn nun dazu in der Lage war, diesen mitten in den Kessel hinzubauen. Immerhin war schon der Einflug in den Kessel selbst für das Thoregon-Sechserpack nicht so einfach zu bewältigen und wäre fast danebengegangen.
Die Frage nach den Erbauern der Brücke in die Unendlichkeit bleibt also vorerst weiter offen - daß es zumindest nicht die Thoregon-Völker waren, war ja schon vorher sicher, sonst hätte man nicht nach zusätzlichen Ausgängen suchen müssen. Wie war da doch noch gleich die Frage: Ist Thoregon ein Eigenname? (* Vielleicht eine Anweisung in Anagrammform... "Horte Nog?" Oder "Ong"? Oder "Gon"? Oder "Gno"? Da müßte dann nur noch geklärt werden, was darunter zu verstehen ist und warum man es horten muß... ;-))) Heike) Vielleicht hat hier ja ein anderes Thoregon bereits ein wenig Vorarbeit geleistet. Allerdings fragt man sich dann doch, woher dieses Thoregon dann gewußt hat, welche Völker in das aktuelle Thoregon aufgenommen werden sollen. Das deutet schon fast darauf hin, daß die Brücke eine gewisse "Intelligenz" besitzt und die Pilze selber aufgestellt hat. Aber lassen wir uns überraschen.
Auf dem Weg in den Kessel geht es jedenfalls recht abstrus und beileibe nicht immer einfach durchschaubar zu. Es dauert so seine Zeit, bis der Leser überhaupt etwas ähnliches wie eine Ahnung hat, welcher Sinn denn nun hinter den verwirrenden Beschreibungen steckt. Dabei ist es Rainer Castor jedoch hervorragend gelungen, diese kaum verständliche Welt des Kessels zu Papier zu bringen - wenn er auch dabei Alaska ein wenig vernachlässigt hat, der von "außen" her ein bißchen mehr Licht in die Sache hätte bringen können. Ob dies dann allerdings auch so wünschenswert gewesen wäre, sei dahingestellt.
Dafür hat Rainer Castor sich ausführlich Platz genommen, vielen alten Figuren der Handlung einen kurzen Absatz zu widmen, und Gucky durfte auch endlich mal wieder - wenn auch hier wohl nun zum definitv allerletzten Mal. Schade ist gerade bei letzterem jedoch, daß der Mausbiber nach diesem Roman die Hoffnung, noch ein paar Artgenossen zu finden, wohl ziemlich begraben muß. Rainer Castor läßt hier zwar noch eine Möglichkeit offen, doch ist diese noch unwahrscheinlicher, als ein Planet mit überlebenden Mausbibern in der Handlung bisher schon war. Allerdings: Wer weiß schon, ob Gucky bei seinen amourösen Abschweifungen nicht doch ein wenig "Erfolg" gehabt hat? Und wenn ES nun später eine Art 'Einsehen' hätte und Iltu nochmals für eine gewisse Zeit entließe, damit diese ein Biberchen zu seinem Vater bringen kann?!? Jaja, ich weiß: Die Wahrscheinlichkeit, daß Perry sich im Alleingang zur Superintelligenz entwickelt ist größer... <grins> (* Immens größer. >:-) Heike)
Es bleibt festzustellen, daß Rainer Castor offensichtlich jeder Aufgabe gewachsen ist, die die Expo-Redaktion an ihn stellt. Gerade beim Durchflug in die Mitte des Kessels dürfte der Autor wohl so ziemlich freie Hand gehabt haben - was dabei herausgekommen ist, ist eine angemessen unbegreifbare Schilderung des Fluges, gespickt mit vielen kleinen Episoden, die dem Altleser diesen Roman ans Herz legen und ihn in besten Erinnerungen schwelgen lassen.

Fazit:
Ein Roman mit teilweise nur sehr schwer verständlichen Szenen, die dem Thema "Durchflug in den Kessel" mehr als nur angemessen sind. Rainer Castor gelingt es, die Fremdartigkeit dieser Umgebung dem Leser näherzubringen. Die vielen kleinen Episoden mit längst vergangenen Handlungsträgern machen diesen Roman zu einem Erlebnis für die "ältere" Lesergeneration. (* Tja, Du Gruftie, da werd' ich diesen Roman dann wohl doch mal lesen müssen, wie? ;-) Heike, ebenfalls mit Gruftie-Qualifikation)
13 Punkte.

Winfried Brand

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