Zum
Inhalt:
Bei der Probe zu "Faust" stirbt einer der Darsteller einen seltsamen
Tod. Kurze Zeit später erscheinen die jungen Gelehrten Jacob und
Wilhelm Grimm in Weimar, die sich hier auf Einladung Goethes
aufhalten. Sie besuchen dessen Freund Friedrich Schiller, der
todkrank im Bett liegt. Doch sie bringen eine Medizin mit, die Goethe
ihnen gegeben hat - woraufhin Schiller ihnen sein neuestes und
letztes Manuskript anvertraut: Den dritten Teil der "Geisterseher",
den sie zu Goethe bringen sollen, damit dieser ihn begutachten kann.
Doch auf dem Rückweg, gerade in dem Moment, als die beiden ihre
Neugierde anscheinend nicht mehr bezwingen können, wird ihnen
das Manuskript von einem Unbekannten entwendet, und auch eine wilde
Verfolgungsjagd durch Weimar kann das Manuskript nicht mehr retten.
Aus Angst verschweigen sie Goethe den Verlust, der jedoch auch
anderes im Sinn hat. Denn zwei Ägypter sind im Haus
eingetroffen, mit denen sich der Geheimrat anscheinend auf Polnisch
unterhält, wie die Brüder Grimm herausfinden, als sie in
der Bibliothek lauschen. Später in der Nacht erlauschen sie ein
seltsames Ritual, in dessen Verlauf Schillers Stimme die Worte "Das
Manuskript" spricht. Voller Grauen verlassen sie Goethes Haus im
Morgengrauen, in aller Heimlichkeit, und beziehen ein Zimmer in einem
Gasthof. Als sie durch Weimar wandern, stellen sie fest, daß
Schiller in der Nacht dahingeschieden ist, jedoch bevor sie seine
Stimme in Goethes Haus gehört haben. Zurück im Gasthof
begegnen sie Elisabeth von der Recke, die sie als Spione in Goethes
Haus zurückschicken will. Als sie deren Geld ablehnen,
drängt sie die beiden dazu, ihr auf den Friedhof zu folgen, wo
sie ihnen eine grausige Entdeckung bereitet...
Die Taschenbuchfassung dieses Romans ist nun schon ein wenig
länger auf dem Markt erhältlich (und inzwischen bereits in
der dritten Auflage), doch angesichts der dezembermäßigen
Taschenbuchveröffentlichung des zweiten "Gebrüder
Grimm"-Romans habe ich mich dazu entschlossen, auch eine Rezension zu
diesem Roman quasi nachträglich noch ins Flash zu
übernehmen.
Kai Meyers erster Roman um die Gebrüder Grimm bietet jedenfalls
hochspannende Grusel-Krimi-Unterhaltung der besten Sorte. Kai Meyer
versteht es wie immer hervorragend, mit den klassischen Figuren der
Geschichte umzugehen, als ob er sie selbst kennengelernt hätte.
Daß er dabei natürlich so einiges hinzudichtet,
gehört freilich zum Geschäft - und ohne diese dichterische
Freiheit wären Romane wie "Die Geisterseher" sicherlich lange
nicht halb so schön zu lesen.
Jedoch bleibt Kai Meyer in seinen Grundaussagen immer sehr eng an
historisch überlieferten Tatsachen, deutet sie ein wenig um,
deutet etwas hinzu - und voilá, haben wir einen Roman, wie er
interessanter kaum sein könnte. Die Verbindungen, die Kai Meyer
hier zwischen diversen historischen Gegebenheiten zieht, sind
jedenfalls brillant und vermögen zu überraschen. In dieser
Hinsicht zählt Kai Meyer sicherlich nicht nur in Deutschland zur
absoluten Spitzenklasse der Autoren.
Ganz im Gegensatz zu seinen späteren Werken unterlaufen Kai
Meyer in diesem Roman jedoch ein paar kleine Fehler bezüglich
seiner eigenen Handlung, die zwar inhaltlich nicht schwerwiegend
sind, jedoch den Lesespaß minimal mindern.
So wissen die Grimms z.B. auf S. 290 noch nicht, wo die beiden
falschen Ägypter unterbracht sein könnten, auf Seite 296
jedoch eilen sie zielstrebig zu deren Unterkunft.
Aber wie gesagt: Das sind Kleinigkeiten, die den Lesespaß -
wenn überhaupt - nur minimalst schmälern können (und
die wahrscheinlich sowieso nur den Rezensenten auffallen...) - zumal
diese Ungereimtheiten sich auch sehr stark in Grenzen halten.
Nur die Aufschrift "Ein unheimlicher Roman im klassischen Weimar"
hätte sich der Verlag sparen können - denn nur ein relativ
geringer Teil der Geschichte spielt wirklich hier. Es stellt sich nun
die Frage, weshalb solche "Kaufanreizer" überhaupt auf das
Titelbild gedruckt werden. Aber hier sind so ziemlich alle Verlage
relativ gleich...
Fazit:
"Die Geisterseher" bietet erstklassige Schauer-Krimi-Unterhaltung um
ein unbekanntes Manuskript Friedrich Schillers - ein sehr
unterhaltsamer und spannender Roman, den man jedem nur wärmstens
ans Herz legen kann, der sich ein wenig für diese Thematik
interessiert. Alle anderen sollten vielleicht wirklich einmal einen
Blick über den Tellerrand wagen und sich einen Roman von Kai
Meyer zulegen. "Die Geisterseher" ist dabei sicherlich nicht die
schlechteste Wahl, um in das Werk des Autors einzusteigen. Jedoch
Warnung: Kai Meyer macht süchtig...
13 Punkte.