Kai Meyer:

"Die Geisterseher"

D 1995
(347 Seiten, Taschenbuch, Aufbau Taschenbuch Verlag 1301, ISBN 3-7466-1301-9, DM 16,90)

Zum Inhalt:
Bei der Probe zu "Faust" stirbt einer der Darsteller einen seltsamen Tod. Kurze Zeit später erscheinen die jungen Gelehrten Jacob und Wilhelm Grimm in Weimar, die sich hier auf Einladung Goethes aufhalten. Sie besuchen dessen Freund Friedrich Schiller, der todkrank im Bett liegt. Doch sie bringen eine Medizin mit, die Goethe ihnen gegeben hat - woraufhin Schiller ihnen sein neuestes und letztes Manuskript anvertraut: Den dritten Teil der "Geisterseher", den sie zu Goethe bringen sollen, damit dieser ihn begutachten kann. Doch auf dem Rückweg, gerade in dem Moment, als die beiden ihre Neugierde anscheinend nicht mehr bezwingen können, wird ihnen das Manuskript von einem Unbekannten entwendet, und auch eine wilde Verfolgungsjagd durch Weimar kann das Manuskript nicht mehr retten. Aus Angst verschweigen sie Goethe den Verlust, der jedoch auch anderes im Sinn hat. Denn zwei Ägypter sind im Haus eingetroffen, mit denen sich der Geheimrat anscheinend auf Polnisch unterhält, wie die Brüder Grimm herausfinden, als sie in der Bibliothek lauschen. Später in der Nacht erlauschen sie ein seltsames Ritual, in dessen Verlauf Schillers Stimme die Worte "Das Manuskript" spricht. Voller Grauen verlassen sie Goethes Haus im Morgengrauen, in aller Heimlichkeit, und beziehen ein Zimmer in einem Gasthof. Als sie durch Weimar wandern, stellen sie fest, daß Schiller in der Nacht dahingeschieden ist, jedoch bevor sie seine Stimme in Goethes Haus gehört haben. Zurück im Gasthof begegnen sie Elisabeth von der Recke, die sie als Spione in Goethes Haus zurückschicken will. Als sie deren Geld ablehnen, drängt sie die beiden dazu, ihr auf den Friedhof zu folgen, wo sie ihnen eine grausige Entdeckung bereitet...

Die Taschenbuchfassung dieses Romans ist nun schon ein wenig länger auf dem Markt erhältlich (und inzwischen bereits in der dritten Auflage), doch angesichts der dezembermäßigen Taschenbuchveröffentlichung des zweiten "Gebrüder Grimm"-Romans habe ich mich dazu entschlossen, auch eine Rezension zu diesem Roman quasi nachträglich noch ins Flash zu übernehmen.
Kai Meyers erster Roman um die Gebrüder Grimm bietet jedenfalls hochspannende Grusel-Krimi-Unterhaltung der besten Sorte. Kai Meyer versteht es wie immer hervorragend, mit den klassischen Figuren der Geschichte umzugehen, als ob er sie selbst kennengelernt hätte. Daß er dabei natürlich so einiges hinzudichtet, gehört freilich zum Geschäft - und ohne diese dichterische Freiheit wären Romane wie "Die Geisterseher" sicherlich lange nicht halb so schön zu lesen.
Jedoch bleibt Kai Meyer in seinen Grundaussagen immer sehr eng an historisch überlieferten Tatsachen, deutet sie ein wenig um, deutet etwas hinzu - und voilá, haben wir einen Roman, wie er interessanter kaum sein könnte. Die Verbindungen, die Kai Meyer hier zwischen diversen historischen Gegebenheiten zieht, sind jedenfalls brillant und vermögen zu überraschen. In dieser Hinsicht zählt Kai Meyer sicherlich nicht nur in Deutschland zur absoluten Spitzenklasse der Autoren.
Ganz im Gegensatz zu seinen späteren Werken unterlaufen Kai Meyer in diesem Roman jedoch ein paar kleine Fehler bezüglich seiner eigenen Handlung, die zwar inhaltlich nicht schwerwiegend sind, jedoch den Lesespaß minimal mindern.
So wissen die Grimms z.B. auf S. 290 noch nicht, wo die beiden falschen Ägypter unterbracht sein könnten, auf Seite 296 jedoch eilen sie zielstrebig zu deren Unterkunft.
Aber wie gesagt: Das sind Kleinigkeiten, die den Lesespaß - wenn überhaupt - nur minimalst schmälern können (und die wahrscheinlich sowieso nur den Rezensenten auffallen...) - zumal diese Ungereimtheiten sich auch sehr stark in Grenzen halten.
Nur die Aufschrift "Ein unheimlicher Roman im klassischen Weimar" hätte sich der Verlag sparen können - denn nur ein relativ geringer Teil der Geschichte spielt wirklich hier. Es stellt sich nun die Frage, weshalb solche "Kaufanreizer" überhaupt auf das Titelbild gedruckt werden. Aber hier sind so ziemlich alle Verlage relativ gleich...

Fazit:
"Die Geisterseher" bietet erstklassige Schauer-Krimi-Unterhaltung um ein unbekanntes Manuskript Friedrich Schillers - ein sehr unterhaltsamer und spannender Roman, den man jedem nur wärmstens ans Herz legen kann, der sich ein wenig für diese Thematik interessiert. Alle anderen sollten vielleicht wirklich einmal einen Blick über den Tellerrand wagen und sich einen Roman von Kai Meyer zulegen. "Die Geisterseher" ist dabei sicherlich nicht die schlechteste Wahl, um in das Werk des Autors einzusteigen. Jedoch Warnung: Kai Meyer macht süchtig...
13 Punkte.

Winfried Brand


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