Harry Harrison:

"New York 1999"

(Reihe "High 8000")
OT: Make Room! Make Room!
Ü: Tony Westermayr & Wolfgang Jeschke
(285 Seiten, Hardcover im Taschenbuchformat, Heyne 06/8010, ISBN 3-453-16170-X, DM 19,90)
- erstmals auf Deutsch erschienen: 1969 im Wilhelm Goldmann Verlag -
- erschienen: November 1999 -

Zum Inhalt:
New York 1999: In der Stadt leben über 34 Millionen Bewohner - weit mehr, als diese auszuhalten in der Lage ist. Einer dieser Bewohner ist der Kriminalbeamte Andy Rusch, der in den unteren Dreckschichten der Stadt wühlen muß. An allem herrscht Mangel, und wer eine Wohnung oder sogar einen Job hat, ist mehr als nur zu beneiden. Während sich die Reichen mit Leibwächtern und gesicherten Wohnungen durchschlagen, erlebt der Rest der Bevölkerung ein Desaster.
In dieser Welt gelingt es dem Asiaten Billy Chung, ein Paket mit Sojabohnensteaks zu klauen, die er gegen Bargeld verkaufen kann, um sich das Pfandgeld der Telegrammgesellschaft leisten zu können. Da es nur noch wenig Papier gibt, werden Telegramme auf versiegelte Tafeln geschrieben, für die der Bote ein Pfand hinterlegen muß. Bei seinem ersten Auftag entdeckt er Sicherheitslücken in der Wohnung eines Reichen und beschließt, diesem einen Besuch abzustatten, der ihm weiteres Bargeld bringen soll. Doch es läuft nicht so, wie Billy es geplant hat, und er wird überrascht, was zu einem Mord führt. Dummerweise jedoch war der Ermordete ein mittelhohes Tier in der Gangsterhierarchie der Stadt, weshalb mit erhöhtem Nachdruck nach dem Täter gefahndet wird. Mit den Ermittlungen beauftragt man Andy Rusch, der neben seinem normalen Dienst nun auch noch diesen Fall aufklären muß, da Vorgesetzte ein gesteigertes Interesse daran haben. Doch er verliebt sich in die ehemalige Freundin des Ermordeten...

Harry Harrisons Distopie über die Bevölkerungsexplosion wurde bereits 1966 veröffentlicht - und der Autor beweist hiermit einen ziemlichen Weitblick, denn die geschilderten Verhältnisse in diesem Roman wurden inzwischen in der Dritten Welt bereits durchaus überholt.
Seine Vision der drangvollen Enge, der versiegenden Nachschübe, der diesen Entwicklungen hilflos gegenüberstehenden Menschen erweist sich als interessanter Spiegel zu Gegenwart - und ist von Heyne, nebenbei gesagt, durchaus geschickt veröffentlicht, da sich der Handlungszeitraum des Romans über die Jetztzeit hinzieht.
Ganz im Gegensatz zu seinen späteren Romanen bleibt Harrison in diesem Frühwerk sehr ernst, läßt den Leser betroffen der Handlung folgen, die in keiner Weise auch nur zu etwas ähnlichem wie einem befriedigenden Ende führt, sondern statt dessen eher wie eine Kurzgeschichte einen "kurzen" Abschnitt der Geschichte herausreißt und ins Rampenlicht stellt.
Richard Fleischer hat dann auch diesen Roman als Vorlage für seinen Film "Soylent Green" (dt.: "Jahr 2022 - die überleben wollen...") genommen, ihn jedoch so ziemlich von jeglicher Zivilisationskritik gesäubert und mit dem tragenden Element der Verarbeitung der Toten zu Nahrungsmitteln noch weit über diesen Roman hinausentwickelt. Von Harrisons kritischer Vorlage ist in dem (durchaus ziemlich guten Film) nicht mehr besonders viel zu spüren.
Dabei bietet dieses Buch eigentlich alles, was einen wirklich guten Roman ausmachen kann, der in die Richtung einer Distopie zielt. "New York 1999" ist zwar sicherlich nicht so bekannt wie z.B. "1984" oder "Schöne neue Welt", trägt jedoch auch durchaus Ansätze dieser Richtung in sich. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich eine Entwicklung von Harrisons Roman in die Gesellschaft der totalen Kontrolle vorzustellen.
Daß in Harrisons Roman natürlich auch diverse Jahr-2000-Jünger daherkommen, die ihrer Vision des Endes des tausendjährigen Reiches nachhängen, sollte eigentlich nicht verwundern (daß wir nebenbei sowieso keine Ahnung haben, wann jemals ein "Jahrtausendwechsel" stattfindet, sei dabei dahingestellt; diesen jedoch auf einen Zeitpunkt zu legen, dessen Zeitschreibung auf einem willkürlich gewählten Datum basiert... Nun ja, vielleicht ist die Menschheit doch nicht so weit von der letzten "Jahrtausendwende" entfernt, wie sie manchmal annimmt (* Wie? Du meinst also wirklich, die Menschheit HÄTTE sich bereits davon entfernt? Nee, kann nicht sein. Solange es noch Kriege gibt, sind für mich alle Menschen Neandertaler. Heike) - auch dies kommt in Harrisons Roman durchaus zwischen den Zeilen zur Sprache...)

Fazit:
Harrisons "New York 1999" bietet dem Leser eine hervorragend geschilderte Distopie, die ihn erschauern läßt. Wer jedoch auf des Autors spätere Romane steht, sollte sich bewußt sein, daß die augenzwinkernde Ironie dieser Werke hier in keinem Maße zu spüren ist. Vielmehr herrscht hier eine bedrückende, ja gar ängstigende Atmosphäre vor, die nur selten durchbrochen wird. Harrisons Vision einer überfüllten Stadt ist schließlich an manchen Stellen dieser Welt der Wirklichkeit schon wesentlich näher, als man wahrhaben möchte.
13 Punkte.

Winfried Brand


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