Kai Meyer:

"Die Winterprinzessin"

D 1997
(343 Seiten, Taschenbuch, Aufbau Taschenbuch Verlag 1304, ISBN 3-7466-1304-2, DM 16,90)
- erstmals erschienen 1997 als Hardcover bei Rütten & Loening -
- erschienen: Dezember 1999 -

Zum Inhalt:
Jakob Grimm begleitet seinen Bruder Wilhelm nach Karlsruhe, wo sich dieser - auf Empfehlung Goethes hin - bezüglich einer Stellung als Privatlehrer bei Hofe vorstellen soll. Unterwegs lernen die beiden eine betörend schöne, aber auch geheimnisvolle Inderin kennen, die sie auf ihrem weiteren Weg nach Karlsruhe begleitet. Als die beiden schließlich vor Minister Dalberg stehen, stellt sich heraus, daß Wilhelm Grimm den vor kurzem erst geborenen, danach jedoch angeblich verstorbenen Prinzen unterrichten soll, der auch der Enkel Napoleons und dessen ausgesuchter Thronfolger ist. Der Tod des Säuglings wurde jedoch nach einem Plan Napoleons nur vorgetäuscht und der wahre Thronfolger versteckt, um ihn vor Feinden zu bewahren. Doch schon bald stellt sich heraus, daß nicht nur eine Partei hinter dem Kind her ist - und so mischen unter anderem indische Tiermenschen, indische Priester, eine indische Prinzessin (die den beiden Brüdern den Kopf verdreht) sowie ein englischer Lord munter in diesem Intrigenspiel mit, das immer mysteriöser und geheimnisvoller wird...

Wenn Kai Meyer in seinem Nachwort Alfred Döblin mit dessen Ausspruch "Der historische Roman ist erstens ein Roman und zweitens keine Historie" zitiert und dies zum Motto erhebt, so geschieht dies in vollem Einvernehmen mit dem Roman selber. Doch ob Döblin damals ahnen konnte, daß ein Autor daherkommen würde, der die historischen Tatsachen dermaßen geschickt mit seinem Phantasiegespinst verstrickt, daß das Ergebnis nicht nur in sich stimmig, sondern fast schon "wirklicher" erscheint als die "Wirklichkeit", sei dahingestellt.
Kai Meyer hat mit der "Winterprinzessin" jedenfalls wieder einen Roman vorgelegt, der in seinem Genre seinesgleichen sucht - ja, fast übertrifft dieses Buch noch seine neueren Werke, die an einzelnen Stellen schon einmal den Anschein eines historischen Liebesromans annehmen können, wie man ihn von diversen Heftserien kennt (ohne jedoch jetzt auch neuere Werke des Autors wirklich mit diesem Niveau vergleichen zu wollen - denn hier liegen immer noch Welten dazwischen). Im Gegensatz zu den neueren Werken steht hier die Spannung wesentlich stärker im Vordergrund, bleibt sie gegenüber der Romantik in der weitaus dominierenderen Stellung, hält sich der Autor noch weit von den Grenzen jeglichen Schwulstes oder Kitsches entfernt - eine Grenze, der er sich in späteren Roman zwar ein wenig nähert, jedoch auch hier immer noch deutlich jenseits davon bleibt. Statt dessen baut Meyer ab und zu noch ein paar Szenen ein, die dem einen oder anderen Leser durchaus auch schon einmal ein wenig den Appetit verderben können (* Hast Du den "Rattenzauber" eigentlich schon gelesen? Ist ebenfalls genial, aber auch nicht immer ganz appetitlich... ;-) Heike) - wobei diese einzelnen Szenen im Rahmen der Handlung jedoch vollauf ihren Sinn haben und zur Atmosphäre wesentlich beitragen.
Wie in seinen anderen Werken versteht es Kai Meyer auch in der "Winterprinzessin", bereits von den ersten Seiten aus eine unheimliche Spannung beim Leser aufzubauen, die diesen den ganzen Roman über nicht mehr losläßt, die sich im Gegensatz schon fast von Seite zu Seite steigert, bis man den Roman kaum noch aus der Hand legen kann, bevor man das Wörtchen "Ende" gesichtet hat. Vor allem in der intelligenten Verknüpfung von Fakten und Fiktion erweist sich der Autor als ein Meister seines Fachs, was dazu führt, daß der Leser den atmosphärisch dichten Roman nach seiner Lektüre fast schon eher für bare Münze nehmen will als das, was er in den Geschichtsbüchern gelesen hat. Dabei bleibt Kai Meyer jedoch immer in Nähe der historischen Begebenheiten und fügt diesen nur seine eine Phantasie hinzu, ohne sie zu verändern.
Man merkt diesem Roman auch an, daß Meyer sich im Lauf seines Werkes immer mehr für andere Kulturen zu interessieren und sie auch in seine Romane einzuarbeiten beginnt, was seinen bisherigen Höhepunkt in der aktuellen "Göttin der Wüste" findet. In der "Winterprinzessin" gibt es dann auch nicht wenige Verweise auf den indischen Kulturkreis und dessen Sagen, Mythen und Legenden. Allerdings traut er hier sich noch nicht so ganz, dies wirklich zu einem Hauptthema des Romans zu machen - was allerdings auch nicht falsch ist, da die beschriebenen historischen Ereignisse schon genügend Platz in diesem Roman einnehmen und er ansonsten durchaus leicht überfrachtet wirken könnte.
Bei all dem gelingt es Kai Meyer dann auch noch, seinen Protagonisten "Leben" einzuhauchen, sie plastisch zu schildern, bis in die kleinsten Nebenrollen der Geschichte. Und die vielen Kleinigkeiten, die die Figuren "lebendig" machen (unter anderem die bereits aus dem ersten Roman um die Brüder Grimm - "Die Geisterseher" - bekannte Uhr, das Erbstück ihres Vaters, das sie täglich abwechselnd bei sich tragen) sorgen dafür, daß der Leser mit den Protagonisten "warm" wird, sie als lebende Personen anzuerkennen bereit ist.

Fazit:
"Die Winterprinzessin" bietet einen historischen Roman mit teils recht deftigen Schauerszenen, die dem Leser durchaus auf den Magen schlagen können - was jedoch keineswegs ein Grund ist, diesen Roman nicht zu lesen, da er sicherlich einen der Höhepunkte in Kai Meyers bisherigem Werk darstellt.
15 Punkte.

Winfried Brand


Interesse? Hier kannst Du dieses Buch direkt bei amazon.de bestellen, und das Flash damit auch ein wenig finanziell unterstützen.


home...