Zum
Inhalt:
Jakob Grimm begleitet seinen Bruder Wilhelm nach Karlsruhe, wo sich
dieser - auf Empfehlung Goethes hin - bezüglich einer Stellung
als Privatlehrer bei Hofe vorstellen soll. Unterwegs lernen die
beiden eine betörend schöne, aber auch geheimnisvolle
Inderin kennen, die sie auf ihrem weiteren Weg nach Karlsruhe
begleitet. Als die beiden schließlich vor Minister Dalberg
stehen, stellt sich heraus, daß Wilhelm Grimm den vor kurzem
erst geborenen, danach jedoch angeblich verstorbenen Prinzen
unterrichten soll, der auch der Enkel Napoleons und dessen
ausgesuchter Thronfolger ist. Der Tod des Säuglings wurde jedoch
nach einem Plan Napoleons nur vorgetäuscht und der wahre
Thronfolger versteckt, um ihn vor Feinden zu bewahren. Doch schon
bald stellt sich heraus, daß nicht nur eine Partei hinter dem
Kind her ist - und so mischen unter anderem indische Tiermenschen,
indische Priester, eine indische Prinzessin (die den beiden
Brüdern den Kopf verdreht) sowie ein englischer Lord munter in
diesem Intrigenspiel mit, das immer mysteriöser und
geheimnisvoller wird...
Wenn Kai Meyer in seinem Nachwort Alfred Döblin mit dessen
Ausspruch "Der historische Roman ist erstens ein Roman und zweitens
keine Historie" zitiert und dies zum Motto erhebt, so geschieht dies
in vollem Einvernehmen mit dem Roman selber. Doch ob Döblin
damals ahnen konnte, daß ein Autor daherkommen würde, der
die historischen Tatsachen dermaßen geschickt mit seinem
Phantasiegespinst verstrickt, daß das Ergebnis nicht nur in
sich stimmig, sondern fast schon "wirklicher" erscheint als die
"Wirklichkeit", sei dahingestellt.
Kai Meyer hat mit der "Winterprinzessin" jedenfalls wieder einen
Roman vorgelegt, der in seinem Genre seinesgleichen sucht - ja, fast
übertrifft dieses Buch noch seine neueren Werke, die an
einzelnen Stellen schon einmal den Anschein eines historischen
Liebesromans annehmen können, wie man ihn von diversen
Heftserien kennt (ohne jedoch jetzt auch neuere Werke des Autors
wirklich mit diesem Niveau vergleichen zu wollen - denn hier liegen
immer noch Welten dazwischen). Im Gegensatz zu den neueren Werken
steht hier die Spannung wesentlich stärker im Vordergrund,
bleibt sie gegenüber der Romantik in der weitaus dominierenderen
Stellung, hält sich der Autor noch weit von den Grenzen
jeglichen Schwulstes oder Kitsches entfernt - eine Grenze, der er
sich in späteren Roman zwar ein wenig nähert, jedoch auch
hier immer noch deutlich jenseits davon bleibt. Statt dessen baut
Meyer ab und zu noch ein paar Szenen ein, die dem einen oder anderen
Leser durchaus auch schon einmal ein wenig den Appetit verderben
können (* Hast Du den "Rattenzauber" eigentlich schon
gelesen? Ist ebenfalls genial, aber auch nicht immer ganz
appetitlich... ;-) Heike) - wobei diese einzelnen Szenen im
Rahmen der Handlung jedoch vollauf ihren Sinn haben und zur
Atmosphäre wesentlich beitragen.
Wie in seinen anderen Werken versteht es Kai Meyer auch in der
"Winterprinzessin", bereits von den ersten Seiten aus eine
unheimliche Spannung beim Leser aufzubauen, die diesen den ganzen
Roman über nicht mehr losläßt, die sich im Gegensatz
schon fast von Seite zu Seite steigert, bis man den Roman kaum noch
aus der Hand legen kann, bevor man das Wörtchen "Ende" gesichtet
hat. Vor allem in der intelligenten Verknüpfung von Fakten und
Fiktion erweist sich der Autor als ein Meister seines Fachs, was dazu
führt, daß der Leser den atmosphärisch dichten Roman
nach seiner Lektüre fast schon eher für bare Münze
nehmen will als das, was er in den Geschichtsbüchern gelesen
hat. Dabei bleibt Kai Meyer jedoch immer in Nähe der
historischen Begebenheiten und fügt diesen nur seine eine
Phantasie hinzu, ohne sie zu verändern.
Man merkt diesem Roman auch an, daß Meyer sich im Lauf seines
Werkes immer mehr für andere Kulturen zu interessieren und sie
auch in seine Romane einzuarbeiten beginnt, was seinen bisherigen
Höhepunkt in der aktuellen "Göttin der Wüste" findet.
In der "Winterprinzessin" gibt es dann auch nicht wenige Verweise auf
den indischen Kulturkreis und dessen Sagen, Mythen und Legenden.
Allerdings traut er hier sich noch nicht so ganz, dies wirklich zu
einem Hauptthema des Romans zu machen - was allerdings auch nicht
falsch ist, da die beschriebenen historischen Ereignisse schon
genügend Platz in diesem Roman einnehmen und er ansonsten
durchaus leicht überfrachtet wirken könnte.
Bei all dem gelingt es Kai Meyer dann auch noch, seinen Protagonisten
"Leben" einzuhauchen, sie plastisch zu schildern, bis in die
kleinsten Nebenrollen der Geschichte. Und die vielen Kleinigkeiten,
die die Figuren "lebendig" machen (unter anderem die bereits aus dem
ersten Roman um die Brüder Grimm - "Die Geisterseher" - bekannte
Uhr, das Erbstück ihres Vaters, das sie täglich abwechselnd
bei sich tragen) sorgen dafür, daß der Leser mit den
Protagonisten "warm" wird, sie als lebende Personen anzuerkennen
bereit ist.
Fazit:
"Die Winterprinzessin" bietet einen historischen Roman mit teils
recht deftigen Schauerszenen, die dem Leser durchaus auf den Magen
schlagen können - was jedoch keineswegs ein Grund ist, diesen
Roman nicht zu lesen, da er sicherlich einen der Höhepunkte in
Kai Meyers bisherigem Werk darstellt.
15 Punkte.