Zum
Inhalt:
Talking Man ist ein Zauberer und betreibt einen Schrottplatz, wo er
zusammen mit seiner Tochter Crystal in einem Wohnwagen lebt. Als
Hendrick Williams mit seinem Mustang vorbeikommt, den er von seinem
Vetter geliehen hat und an dem ihm die Windschutzscheibe
entzweigegangen ist, repariert Talking Man diese mittels einer
seltsamen Paste, die wie Matsch aussieht. Wenige Tage später
vernimmt Crystal einen Schuß, sieht eine fremde Frau
davonfahren - und Talking Man ist verschwunden. Zufälligerweise
kommt Williams vorbei, der ihr suchen hilft - eine Suche, die die
beiden quer durch ein seltsames, sich ständig veränderndes
Amerika und darüber hinaus führt.
Daß Terry Bisson ein Meister der schrägen, skurrilen Ideen
ist, konnte man schon in dem Storyband "Die Bären entdecken das
Feuer" feststellen (Rezension
in Flash Nr. 45). Auch in "Talking Man" versteht er es wieder
hervorragend, dem Leser die Skurrilität der Ereignisse als etwas
vollkommen Normales, geradezu langweilig Gewöhnliches
nahezubringen, und das in einer Art von trockenem Humor, der nur
selten von einem Autor erreicht wird.
Was Crystal und Willliams auf ihrer Suche nach Crystals Vater
erleben, die Landstriche, die sie durchqueren, die plötzlich
auftauchenden Berge, die es vorher nie gegeben hat, die jetzt aber
vollkommen normal sind - all dies macht diesen Roman liebenswert. So
liebenswert und sympathisch, daß die eigentliche Handlung fast
schon zur Nebensache verkommt. Bissons skurriler Humor allein reicht
schon aus, den Leser hier bei der Stange zu halten.
Dabei führt die Handlung den Leser an nichts Geringeres heran
als die Rettung der Welt, wie wir sie kennen. Denn das Ungewesene
freizusetzen, ist das Ziel von Talking Mans ewiger
Gegenspielerin.
Wer jetzt allerdings bei all dem Gerede über Zauberer vermutet,
bei diesem Roman handele es sich um eine Fantasy-Erzählung, der
liegt vollkommen falsch. Jedoch ist auch der Begriff SF nicht ganz
passend - vielmehr handelt es sich bei "Talking Man" um eines der
besten Beispiele phantastischer Literatur, das Elemente aus beiden
Gattungen zu etwas Neuem vereint.
Und etwas "Neues" ist Talking Man durchaus. In einer Zeit, in der es
manchmal so scheint, als ob inzwischen so ziemlich alle Ideen
für Romane ausgeschöpft wären, gelingt es Terry
Bisson, tatsächlich einen eigenständigen Roman zu
verfassen, der an keiner Stelle so wirkt, als ob er sich an
irgendwelche anderen Romane anlehnen würde. Und in seinen fast
schon abstrusen Ideen und seinem stilistischen Können ist Terry
Bisson immer noch fast unübertroffen. Von daher wundert es den
deutschen Leser doch sehr, daß von ihm außer der
erwähnten Kurzgeschichtensammlung nur noch ein Roman,
nämlich "Mars Live", bei Heyne auf Deutsch erschienen ist.
Sollte irgendeiner der Leser hier jedoch Informationen über
weitere Romane des Autors besitzen, wäre ich für einen
kleine Hinweis äußerst dankbar.
Terry Bisson schreibt Phantastik auf hohem Niveau, mit skurrilen,
teils abstrusen Ideen, die den Leser zum Lachen, Lächeln, aber
auch zum Nachdenken reizen. Was will man eigentlich mehr? Richtig:
Weitere Romane dieses Autors (der übrigens auch für einige
der herrlich abgefahrenen Einfälle im "Fünften Element"
verantwortlich ist - vielleicht ist dieser Film auch gleichzeitig ein
gutes Beispiel für den Humor Bissons, zeichnet er hier doch
für das Drehbuch verantwortlich).
Fazit:
Wer trockenen, skurrilen Humor, stilistisch hervorragend
erzählt, mag, sollte hier fast schon unbesehen zugreifen. Es ist
eigentlich unglaublich, daß von Bissons Werk bisher nur so
wenig den Weg nach Deutschland gefunden hat. "Talking Man" jedenfalls
ist in seiner Abgehobenheit, seiner Liebenswürdigkeit, seiner
Skurrilität nur wärmstens zu empfehlen.
14 Punkte.