Abraham Merritt:

"Insel der Zauberer"

OT: The Ship of Ishtar
Ü: Lore Strassl
USA 194?
(224 Seiten, Hardcover, Blitz Verlag 3102, ISBN 3-932171-97-7, DM 19,80)
- erschienen: Dezember 1999 -

Zum Inhalt:
Der Archäologe John Kenton entdeckt in einem alten Felsblock von einer Ausgrabungsstätte bei Babylon (den ihm ein Kollege geschickt hat, da Kenton selber leider nicht an der Expediton teilnehmen konnte) ein seltsames Schiff und wird in eine unwirkliche Welt geschleudert, wo er sich bald als Rudersklave auf einer Galeere wiederfindet, die von den Göttern verflucht ist. Doch er weiß, er ist dazu bestimmt, das Kommando über das Schiff zu übernehmen - ebenso wie die unnahbar erscheinende Priesterin Sharane einmal ihm gehören wird. Und so wird aus dem schmächtigen Gelehrten ein muskelstrotzender Mannskerl, der sich zwischen den Kampf zweier Götter stellt...

Ach, das kommt jetzt jemandem bekannt vor? Richtig, dieser Roman ist bereits (mindestens) einmal auf Deutsch erschienen - wenn ich mich nicht irre, war das Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre in der Taschenbuch-Reihe Terra Fantasy, die zwar unwidersprochen durchaus gute Romane hervorgebracht hat, zu denen dieser jedoch m.E. definitiv nicht gehört.
Auch die wiederholte Lektüre mit einem Abstand von rund 20 Jahren kann nicht verhehlen, daß es sich bei der "Insel der Zauberer" keineswegs um einen "unübertroffenen Höhepunkt der internationalen Fantasy-Literatur" handelt, wie uns der Klappentext weismachen will. Denn wie in der Fantasy der 40er Jahre nicht unüblich, verzichtet Merritt weitestgehend auf jegliche Chrakterisierungen seiner Personen, schiebt statt dessen Schablonen der meistgelesenen Art davor - und all dies vor einer Handlung, der man heutzutage sicherlich statt "fesselnder Spannung" (O-Ton Klappentext) bestenfalls noch "langanhaltende Gähnanfälle" (O-Ton Rezensent) entlocken kann. Wie war das noch mit Sharane? Zuerst heißt es sinngemäß: "Schafft mir diesen ekelhaften Fremdling aus den Augen". Als Kenton dann Muskeln entwickelt: "Irgendwie zieht er mich an." Und als er schließlich das Schiff übernimmt, kommt der große Umschwung aus heiterem Himmel, und die beiden sind das größte vorstellbare Liebespaar. Das kann man heutzutage noch nicht einmal einem Leser/einer Leserin von Liebesromanen mehr vorsetzen... (* Och, man könnte wohl theoretisch schon, aber selbst die würden heutzutage halt nicht mehr drauf abfahren... Heike)
Denn nicht nur, daß die Story inzwischen vielhundertfach in allen Abarten geklont wurde und die Figuren bestenfalls zweidimensional zu nennen sind, zumindest in der deutschen Übersetzung quillt die Story nur so vor sich hin, erweist sich als schwülstiger Brei, den der Leser nur mit sehr viel gutem Willen schlucken kann - und selbst dann noch nach der Lektüre das Gefühl hat, dringendst ein Bad nehmen zu müssen, um sich den ganzen schleimigen Schmalz abzuwaschen, der sich während der Lektüre angesetzt hat.
Mehr Worte über diesen "Roman" zu verlieren, wäre eindeutig eine Verschwendung von Ressourcen. Schade eigentlich, daß die beiden ersten Romane der neuen Hardcover-Reihe des Blitz-Verlags nun so unvereinbar gegensätzlich ausfallen mußten. Die beim Leser angesammelten Sympathiepunkte von Brian Hodges "Rune" schmelzen, kaum aufgebaut, auch schon wieder dahin. Die Reihe hätte eindeutig einen besseren zweiten Roman verdient gehabt als ein scheintotes Wortgebilde, das schon lange unter der Erde ruhte. Mit dieser "Ausgrabung" hat man sich sicherlich keinen Gefallen getan.

Fazit:
Bestenfalls für den Liebhaber schwülstiger, schmalziger, eindimensionaler Uralt-Fantasy geeignet. Alle anderen: Hänge weg! Daß dieser Roman so langsam in Vergessenheit geraten ist, hatte er eindeutig verdient - die Exhumierung war hier nun wirklich nicht notwendig. Um es mit den Worten der Kollegen von der Perry Rhodan Perspektive zu sagen: "Nur für Sammler" - oder halt im Flash-Stil: Saubere, glatte, wohlverdiente
0 Punkte.
(* Falsch, das ist kein Jim B... äh, ups... kein Flash-Stil. Das ist Ritchie-Stil! ;-) Heike)

Winfried Brand


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