Hael
wächst als Knabe vom Hirtenvolk der Shasinn zu einem jungen
Krieger heran. Er besitzt die Gabe des Geistersehens, aber durch den
frühen Tod seiner Eltern bleibt ihm die Möglichkeit einer
Lehre bei einem Geisterseher verwehrt.
Von seinem neidischen Stiefbruder und dem Mädchen, das er zu
lieben glaubte, in eine Falle gelockt, bricht er ein Tabu des Stammes
und gilt fortan als Ausgestoßener.
Er schließt Freundschaft mit Kapitän Malk und heuert auf
dessen Schiff Wellenfresser an. Mit diesem kommt er einige Zeit
später in der großen Hafenstadt Kasin an und
schließt dort prompt durch einen Zufall Freundschaft (und mehr)
mit der Hohepriesterin und gleichzeitigen Tochter des
mächtigsten Mannes der Stadt.
Als dieser eine Handelsexpedition über die Berge in die weiten
nördlichen Steppen ausrüstet, ist Hael natürlich mit
von der Partie.
Nach einigen Abenteuern auf der Reise findet Hael seine Bestimmung,
der König der Steppen zu sein.
Der erste Eindruck von diesem Buch ist wieder einmal typisch. Man
rechnet mit wilden Nordmännern und einem Helden, der das
Schicksal eines verstoßenen und durch die Lande ziehenden
Barbaren durchlebt.
Völlig daneben. Dieser Roman zeigt eine Art orientalische
Endzeitwelt, in der sich eine urtümliche Zivilisation entwickelt
hat. Das ganze ist ausgeschmückt mit exotischen Tieren, welche
aber alle ihre Entsprechung in der heutigen Zeit finden können.
Hier muß man dem Autor eine gewisse Phantasielosigkeit
vorwerfen, denn einem Pferd Hörner aufzusetzen und es dann Cabo
zu nennen, ist nicht unbedingt der Reißer. Wenn man die
beschriebenen Tiere durch bekannte ersetzt, den Shasinn den Namen
Zulu verpaßt und die Stadt Kasin in Bazra zu Sindbads Zeiten
umbenennt, erhält man einen ziemlich klaren Eindruck von Haels
Welt. Wenn da nur nicht die ständigen Verweise auf den
großen Krieg der Menschen wären, bei dem angeblich sogar
vor Jahrhunderten der Mond Narben davontrug. In diesem Roman findet
man dazu noch keine Erklärungen, aber es folgen laut Verlagsinfo
mindestens noch vier weitere Bände der Sturmlandsaga.
Die Erzählung ist konsequent vorwärtsgehend und weist
keinerlei Nebenhandlungen oder Verzweigungen auf. Das mag sicherlich
für die Übersicht und die Nachvollziehbarkeit der
Geschehnisse von Vorteil sein, geht aber in diesem Fall eindeutig auf
Kosten der Spannung. Der Held erlebt eine ganze Reihe Abenteuer mit
stets so gutem Ausgang, daß sich der geneigte Leser fragt,
warum der sich überhaupt noch Sorgen macht. Nie wird er
betrogen, und selbst der erste Händler, der Hael den Wert des
Geldes erläutert, gibt ihm einen angemessenen Preis für ein
Silberarmband. Fremde sind immer nett zu ihm, Kapitäne
erklären ihm die Welt, und hohe Herren schicken ihn auf
Expeditionen. Es ist ja schön, eine Welt voller netter Menschen
zu haben; leider liest sich das aber auch ziemlich
unspektakulär. Die wenigen Feinde serviert Hael in Kürze
ab, und den Verrätern steht selbiges Wort schon auf die Stirn
geschrieben.
Dieser Roman leidet eindeutig unter seiner Geradlinigkeit. Konflikte,
Entscheidungszwänge, Unwägbarkeiten läßt der
Autor außen vor. Im Lauf der Geschichte geht J. M. Roberts auch
noch das Erzähltempo etwas durch. Erst ist Hael ewig Hirte, dann
etwas Seefahrer, Expeditionsteilnehmer, faßt dann ziemlich
plötzlich den Entschluß, König der Steppe zu werden,
und vereint dazu schnell mal die seit Jahrhunderten verfeindeten Amsi
und Matwa. Ach ja, am Ende bekommt er auch noch einen Sohn. Es ist
alles zu einfach und unkompliziert, um wirklich mitfiebern zu
können. Mal sehen, ob das im nächsten Band anders wird. Ich
bin mir sicher, daß wir einigen bekannten Personen dieses
Romans wiederbegegnen werden. Aber hoffentlich nicht in der Rolle, in
der man sie nach diesem Buch erwartet. Das wäre eine angenehme
Überraschung.
Fazit:
Hochklassige Fantasy ist halt selten. Vielleicht ist es ja auch
besser so. Man muß nach ein paar 12 -Punkte -Romanen auch mal
einen aus der Kategorie <8 lesen, damit man nicht verwöhnt
wird.
Im Klappentext ist J. M. Roberts auch als Autor der Conan-Reihe
ausgewiesen. Das erklärt sicherlich vieles des oben
erwähnten. Letztendlich kann man sich reinlesen, legt ihn nach
relativ kurzer Zeit ausgelesen zur Seite, und vergißt ihn etwas
später.
Ein Roman zum schnellen Lesen und ebenso schnellen Vergessen.
6 Punkte