John Maddox Roberts

"Der Insulaner"

(Erster Roman der Sturmlandsaga)
OT: The Islander: Book One Of The Stormlands
Ü: Birgit Oberg
USA 1990
(398 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/9070, ISBN 3-453-16233-1, 16,90 DM)
- erschienen: Januar 2000 -

Hael wächst als Knabe vom Hirtenvolk der Shasinn zu einem jungen Krieger heran. Er besitzt die Gabe des Geistersehens, aber durch den frühen Tod seiner Eltern bleibt ihm die Möglichkeit einer Lehre bei einem Geisterseher verwehrt.
Von seinem neidischen Stiefbruder und dem Mädchen, das er zu lieben glaubte, in eine Falle gelockt, bricht er ein Tabu des Stammes und gilt fortan als Ausgestoßener.
Er schließt Freundschaft mit Kapitän Malk und heuert auf dessen Schiff Wellenfresser an. Mit diesem kommt er einige Zeit später in der großen Hafenstadt Kasin an und schließt dort prompt durch einen Zufall Freundschaft (und mehr) mit der Hohepriesterin und gleichzeitigen Tochter des mächtigsten Mannes der Stadt.
Als dieser eine Handelsexpedition über die Berge in die weiten nördlichen Steppen ausrüstet, ist Hael natürlich mit von der Partie.
Nach einigen Abenteuern auf der Reise findet Hael seine Bestimmung, der König der Steppen zu sein.

Der erste Eindruck von diesem Buch ist wieder einmal typisch. Man rechnet mit wilden Nordmännern und einem Helden, der das Schicksal eines verstoßenen und durch die Lande ziehenden Barbaren durchlebt.
Völlig daneben. Dieser Roman zeigt eine Art orientalische Endzeitwelt, in der sich eine urtümliche Zivilisation entwickelt hat. Das ganze ist ausgeschmückt mit exotischen Tieren, welche aber alle ihre Entsprechung in der heutigen Zeit finden können. Hier muß man dem Autor eine gewisse Phantasielosigkeit vorwerfen, denn einem Pferd Hörner aufzusetzen und es dann Cabo zu nennen, ist nicht unbedingt der Reißer. Wenn man die beschriebenen Tiere durch bekannte ersetzt, den Shasinn den Namen Zulu verpaßt und die Stadt Kasin in Bazra zu Sindbads Zeiten umbenennt, erhält man einen ziemlich klaren Eindruck von Haels Welt. Wenn da nur nicht die ständigen Verweise auf den großen Krieg der Menschen wären, bei dem angeblich sogar vor Jahrhunderten der Mond Narben davontrug. In diesem Roman findet man dazu noch keine Erklärungen, aber es folgen laut Verlagsinfo mindestens noch vier weitere Bände der Sturmlandsaga.
Die Erzählung ist konsequent vorwärtsgehend und weist keinerlei Nebenhandlungen oder Verzweigungen auf. Das mag sicherlich für die Übersicht und die Nachvollziehbarkeit der Geschehnisse von Vorteil sein, geht aber in diesem Fall eindeutig auf Kosten der Spannung. Der Held erlebt eine ganze Reihe Abenteuer mit stets so gutem Ausgang, daß sich der geneigte Leser fragt, warum der sich überhaupt noch Sorgen macht. Nie wird er betrogen, und selbst der erste Händler, der Hael den Wert des Geldes erläutert, gibt ihm einen angemessenen Preis für ein Silberarmband. Fremde sind immer nett zu ihm, Kapitäne erklären ihm die Welt, und hohe Herren schicken ihn auf Expeditionen. Es ist ja schön, eine Welt voller netter Menschen zu haben; leider liest sich das aber auch ziemlich unspektakulär. Die wenigen Feinde serviert Hael in Kürze ab, und den Verrätern steht selbiges Wort schon auf die Stirn geschrieben.
Dieser Roman leidet eindeutig unter seiner Geradlinigkeit. Konflikte, Entscheidungszwänge, Unwägbarkeiten läßt der Autor außen vor. Im Lauf der Geschichte geht J. M. Roberts auch noch das Erzähltempo etwas durch. Erst ist Hael ewig Hirte, dann etwas Seefahrer, Expeditionsteilnehmer, faßt dann ziemlich plötzlich den Entschluß, König der Steppe zu werden, und vereint dazu schnell mal die seit Jahrhunderten verfeindeten Amsi und Matwa. Ach ja, am Ende bekommt er auch noch einen Sohn. Es ist alles zu einfach und unkompliziert, um wirklich mitfiebern zu können. Mal sehen, ob das im nächsten Band anders wird. Ich bin mir sicher, daß wir einigen bekannten Personen dieses Romans wiederbegegnen werden. Aber hoffentlich nicht in der Rolle, in der man sie nach diesem Buch erwartet. Das wäre eine angenehme Überraschung.

Fazit:
Hochklassige Fantasy ist halt selten. Vielleicht ist es ja auch besser so. Man muß nach ein paar 12 -Punkte -Romanen auch mal einen aus der Kategorie <8 lesen, damit man nicht verwöhnt wird.
Im Klappentext ist J. M. Roberts auch als Autor der Conan-Reihe ausgewiesen. Das erklärt sicherlich vieles des oben erwähnten. Letztendlich kann man sich reinlesen, legt ihn nach relativ kurzer Zeit ausgelesen zur Seite, und vergißt ihn etwas später.
Ein Roman zum schnellen Lesen und ebenso schnellen Vergessen.
6 Punkte

Frank Schulze


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