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Inhalt:
Joan Fine, Ex-Ehefrau des Trillionärs Harry Gant, arbeitet im
Zoologischen Dezernat der Abwasserbehörde New Yorks, was
bedeutet, daß sie tagtäglich mit einem Team durch die
Kanalisation schippert und nach versprengten Tieren sucht - in dem
Versuch, die Bedingungen für den vorzeitigen Eintritt in den
Ruhestand nicht zu erfüllen. An einem Tag trifft sie auf
Meisterbrau - einen ausgewachsenen weißen Hai, der ihre Partner
in den vorzeitigen Ruhestand schickt, welchem sie nur entkommen kann,
indem sie ihm eine Granate vor den Rachen wirft - womit sie
große Teile der Kanalisation und auch den East River in Brand
steckt. Meisterbrau hingegen wird von der Explosion direkt vor die
Füße ihres Ex-Ehemanns gespült, der gerade am Times
Square die "Gant Medientechnische Hochschule für
überdurchschnittlich begabte jugendliche Einwanderer"
besucht.
Nun sind Besuche in firmeneigenen Einrichtungen natürlich nicht
das einzige, was ein Trillionär so tagein, tagaus macht -
momentan kümmert sich Harry Gant, dem schon der Phoenix, das
höchste Gebäude der Welt, gehört, darum, ein neues
Hochhaus bauen zu lassen - den Babel. Zwar ist Gant nicht
schwindelfrei, doch von der Höhe und der Machbarkeit der Aufgabe
begeistert, und so fließen Kapitalströme in das Projekt,
die die Existenz der Firma durchaus gefährden können.
Diese Firma jedenfalls wurde mit den Automatischen Dienern
groß, die in allen Hautfarben zu haben sind. Nachdem jedoch
2004 eine Seuche, die Pandemie, praktisch jeden Schwarzhäutigen
vernichtete, Latinos und andere Völker jedoch seltsamerweise
ausließ, ist das schwarze Modell der absolute Renner im
Programm der Firma. Denn die sogenannten Elektro-Neger gelten als
absolut sicher und zuverlässig, und so scheint es unmöglich
zu sein, daß einer von ihnen einen New Yorker Börsenmakler
umgebracht haben und danach mit dem Fallschirm vom Balkon gesprungen
sein soll. Joan Fine wird von einer alten Freundin darauf angesetzt,
diesen Fall für ihre Zeitung zu recherchieren, da die
Abwasserbehörde sie nach der Inbrandsetzung des Flusses
kurzerhand gefeuert hat.
Gant Industries hat jedoch auch noch andere Probleme. So ist mit dem
Piraten-U-Boot "Yabba-Dabba-Doo" eine Crew unterwegs, die auf
medienwirksame Weise alle umweltfeindlichen Angriffe der
Geschäftswelt zu unterbinden versucht - und deren erklärtes
Lieblings-Enteropfer nun einmal die Schiffe Harry Gants sind.
Puh, hab' ich jetzt so langsam den Handlungsanriß - und keinen
wichtigen Ansatz vergessen? Ich hoffe es...
Man merkt schon, "G.A.S." ist ein recht komplexer Roman mit etlichen
ineinander verwobenen Handlungssträngen, die natürlich alle
irgendwie miteinander in Verbindung stehen. Matt Ruff gelingt es
jedoch nicht nur meisterhaft, mit diesen Handlungsebenen zu
jonglieren - auch die Art, wie dies geschieht, ist fast schon
einmalig zu nennen.
Daß diese Welt des Jahres 2023 von Ruff nicht besonders ernst
zu nehmen ist, dürfte der Leser ja bereits am
Handlungsanriß bemerkt haben. Der trockene, tiefschwarze, teils
zynische, aber auch satirisch hochwirksame Humor des Autors setzt dem
Ganzen allerdings noch die Krone auf. Was Ruff alles an skurrilen
Einfällen und Begebenheiten aus dem Hut zaubert, ist fast schon
unheimlich.
Dabei ist der Roman auch noch mit einer intelligenten, witzigen,
hypermodernen, aberwitzigen Handlung gefüllt, die den Leser kaum
einmal zur Ruhe kommen läßt. Da die über 600 Seiten
zudem recht eng beschrieben sind und an ein Querlesen einzelner
Passagen mangels einer einzigen uninteressanten Zeile nicht im
Geringsten zu denken ist, können hier schon mehrere schlaflose
Nächte des Lesers harren.
"G.A.S." ist sicherlich kein freundlicher, locker-leichter Gag-Roman,
sondern voll von tiefschwarzem Humor, zynischer Satire,
bitterbösen Anspielungen, die den Leser vor Schreck laut
auflachen, jedoch auch nachdenklich im Sessel sitzen lassen. (Man
denke nur an die Militärs, die im afrikanischen Befreiungskrieg
nach der Pandemie FRED einsetzen - die "Friedensstiftende,
Radioaktivität-Erhöhende Defensivwaffe".)
Matt Ruff spart in diesem Roman an keiner Stelle mit aberwitzigen
Einfällen, abstrus erscheinenden Entwicklungen und intelligenten
Geschehnissen. Man muß absolut jeden Satz genau lesen, um der
Handlung wirklich folgen, sie genießen zu können.
Sicherlich ist "G.A.S." kein Roman für jedermann - die
gängigen Gag-Autoren des Genres jedoch sind gegen Matt Ruff fast
schon Waisenkinder. Wer bereit ist, sich auf Einfälle wie
"Elektro-Neger" einzulassen (wen stört schon das Wort "Neger",
wenn es keine Afrikaner mehr gibt?), findet in "G.A.S." einen
fulminanten Comic-Thriller der 90er, der seinesgleichen sucht. Ich
jedenfalls habe selten etwas abgedrehteres, witzigeres, aber auch
hintergründig intelligenteres gelesen.
Unnötig zu erwähnen, daß den beiden Übersetzern
die deutsche Fassung des Romans hervorragend gelungen ist - eine
tiefe Verbeugung in ihre Richtung ist jedoch durchaus angebracht.
(Nein, ich möchte jetzt nicht wissen, in welcher Himmelsrichtung
die beiden von Dormagen aus zu suchen sind, um mittags meinen
Gebetsteppich danach auszurichten... ;-)))
Fazit:
Ein Epos der ausgesucht bösen Art. "G.A.S." wird spätestens
mit dieser Taschenbuchausgabe zum Kultroman der Jahrtausendwende
avancieren. Wer dieses irrwitzige, böse, fulminante,
tiefschwarze, groteske Meisterwerk nicht gelesen hat, hat definitiv
etwas verpaßt. Das Kultbuch des Jahrtausendwechsels - und
sicherlich noch weit darüber hinaus.
15 Punkte.