Matt Ruff:

"G.A.S. - Die Trilogie der Stadtwerke"

OT: Sewer, Gas & Electric. The Public Works Trilogy
Ü: Giovanni und Ditte Bandini
USA 1997
(622 Seiten, Taschenbuch, dtv 12721, ISBN 3-423-12721-X, DM 19,50)
- erstmals auf Deutsch erschienen: 1998 als Hardcover im Carl Hanser Verlag -
- erschienen: Januar 2000 -

Zum Inhalt:
Joan Fine, Ex-Ehefrau des Trillionärs Harry Gant, arbeitet im Zoologischen Dezernat der Abwasserbehörde New Yorks, was bedeutet, daß sie tagtäglich mit einem Team durch die Kanalisation schippert und nach versprengten Tieren sucht - in dem Versuch, die Bedingungen für den vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand nicht zu erfüllen. An einem Tag trifft sie auf Meisterbrau - einen ausgewachsenen weißen Hai, der ihre Partner in den vorzeitigen Ruhestand schickt, welchem sie nur entkommen kann, indem sie ihm eine Granate vor den Rachen wirft - womit sie große Teile der Kanalisation und auch den East River in Brand steckt. Meisterbrau hingegen wird von der Explosion direkt vor die Füße ihres Ex-Ehemanns gespült, der gerade am Times Square die "Gant Medientechnische Hochschule für überdurchschnittlich begabte jugendliche Einwanderer" besucht.
Nun sind Besuche in firmeneigenen Einrichtungen natürlich nicht das einzige, was ein Trillionär so tagein, tagaus macht - momentan kümmert sich Harry Gant, dem schon der Phoenix, das höchste Gebäude der Welt, gehört, darum, ein neues Hochhaus bauen zu lassen - den Babel. Zwar ist Gant nicht schwindelfrei, doch von der Höhe und der Machbarkeit der Aufgabe begeistert, und so fließen Kapitalströme in das Projekt, die die Existenz der Firma durchaus gefährden können.
Diese Firma jedenfalls wurde mit den Automatischen Dienern groß, die in allen Hautfarben zu haben sind. Nachdem jedoch 2004 eine Seuche, die Pandemie, praktisch jeden Schwarzhäutigen vernichtete, Latinos und andere Völker jedoch seltsamerweise ausließ, ist das schwarze Modell der absolute Renner im Programm der Firma. Denn die sogenannten Elektro-Neger gelten als absolut sicher und zuverlässig, und so scheint es unmöglich zu sein, daß einer von ihnen einen New Yorker Börsenmakler umgebracht haben und danach mit dem Fallschirm vom Balkon gesprungen sein soll. Joan Fine wird von einer alten Freundin darauf angesetzt, diesen Fall für ihre Zeitung zu recherchieren, da die Abwasserbehörde sie nach der Inbrandsetzung des Flusses kurzerhand gefeuert hat.
Gant Industries hat jedoch auch noch andere Probleme. So ist mit dem Piraten-U-Boot "Yabba-Dabba-Doo" eine Crew unterwegs, die auf medienwirksame Weise alle umweltfeindlichen Angriffe der Geschäftswelt zu unterbinden versucht - und deren erklärtes Lieblings-Enteropfer nun einmal die Schiffe Harry Gants sind.

Puh, hab' ich jetzt so langsam den Handlungsanriß - und keinen wichtigen Ansatz vergessen? Ich hoffe es...
Man merkt schon, "G.A.S." ist ein recht komplexer Roman mit etlichen ineinander verwobenen Handlungssträngen, die natürlich alle irgendwie miteinander in Verbindung stehen. Matt Ruff gelingt es jedoch nicht nur meisterhaft, mit diesen Handlungsebenen zu jonglieren - auch die Art, wie dies geschieht, ist fast schon einmalig zu nennen.
Daß diese Welt des Jahres 2023 von Ruff nicht besonders ernst zu nehmen ist, dürfte der Leser ja bereits am Handlungsanriß bemerkt haben. Der trockene, tiefschwarze, teils zynische, aber auch satirisch hochwirksame Humor des Autors setzt dem Ganzen allerdings noch die Krone auf. Was Ruff alles an skurrilen Einfällen und Begebenheiten aus dem Hut zaubert, ist fast schon unheimlich.
Dabei ist der Roman auch noch mit einer intelligenten, witzigen, hypermodernen, aberwitzigen Handlung gefüllt, die den Leser kaum einmal zur Ruhe kommen läßt. Da die über 600 Seiten zudem recht eng beschrieben sind und an ein Querlesen einzelner Passagen mangels einer einzigen uninteressanten Zeile nicht im Geringsten zu denken ist, können hier schon mehrere schlaflose Nächte des Lesers harren.
"G.A.S." ist sicherlich kein freundlicher, locker-leichter Gag-Roman, sondern voll von tiefschwarzem Humor, zynischer Satire, bitterbösen Anspielungen, die den Leser vor Schreck laut auflachen, jedoch auch nachdenklich im Sessel sitzen lassen. (Man denke nur an die Militärs, die im afrikanischen Befreiungskrieg nach der Pandemie FRED einsetzen - die "Friedensstiftende, Radioaktivität-Erhöhende Defensivwaffe".)
Matt Ruff spart in diesem Roman an keiner Stelle mit aberwitzigen Einfällen, abstrus erscheinenden Entwicklungen und intelligenten Geschehnissen. Man muß absolut jeden Satz genau lesen, um der Handlung wirklich folgen, sie genießen zu können. Sicherlich ist "G.A.S." kein Roman für jedermann - die gängigen Gag-Autoren des Genres jedoch sind gegen Matt Ruff fast schon Waisenkinder. Wer bereit ist, sich auf Einfälle wie "Elektro-Neger" einzulassen (wen stört schon das Wort "Neger", wenn es keine Afrikaner mehr gibt?), findet in "G.A.S." einen fulminanten Comic-Thriller der 90er, der seinesgleichen sucht. Ich jedenfalls habe selten etwas abgedrehteres, witzigeres, aber auch hintergründig intelligenteres gelesen.
Unnötig zu erwähnen, daß den beiden Übersetzern die deutsche Fassung des Romans hervorragend gelungen ist - eine tiefe Verbeugung in ihre Richtung ist jedoch durchaus angebracht. (Nein, ich möchte jetzt nicht wissen, in welcher Himmelsrichtung die beiden von Dormagen aus zu suchen sind, um mittags meinen Gebetsteppich danach auszurichten... ;-)))

Fazit:
Ein Epos der ausgesucht bösen Art. "G.A.S." wird spätestens mit dieser Taschenbuchausgabe zum Kultroman der Jahrtausendwende avancieren. Wer dieses irrwitzige, böse, fulminante, tiefschwarze, groteske Meisterwerk nicht gelesen hat, hat definitiv etwas verpaßt. Das Kultbuch des Jahrtausendwechsels - und sicherlich noch weit darüber hinaus.
15 Punkte.

Winfried Brand


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