James P. Blaylock:

"Hokusais Gral"

OT: The Paper Grail
Ü: Norbert Stöbe
USA 1991
(542 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/9068, ISBN 3-453-16228-5, 19,90 DM)
- Erschienen: Januar 2000 -

Howard Barton ist unterwegs nach Mendocino an der Westküste, um für das kleine Museum, in dem er angestellt ist, eine Reispapierskizze von Hokusai, dem berühmten japanischen Holzschnitzer des 19. Jahrhunderts, abzuholen. Dort möchte er auch gleichzeitig die Freundschaft zu seiner Cousine Sylvia erneuern und möglichst vertiefen, seinen alten Onkel Roy besuchen und etwas Urlaub machen.
Nach seiner Ankunft erfährt er von dem exzentrischen Mr. Jimmers, daß Mr. Graham, der Besitzer der Skizze, kürzlich verstorben ist. Die folgende Nacht verbringt Howard eingesperrt auf Mr. Jimmers Speicher. Er wird erst am nächsten Morgen von seiner Cousine abgeholt.
Sein Onkel Roy, wieder mal in Geldnot, arbeitet schon wieder an einem neuen, verrückten Projekt, einem Spukhaus.
Die Skizze aber ist verschwunden, und anscheinend möchte auch niemand mit Howard darüber reden. Dann ist mit einemmal alle Welt hinter der Skizze her, allen voran die mysteriöse und durchtriebene Vermieterin Heloise Lamey. Es entwickelt sich ein Wettlauf, in dem auch vor Gewalt und Mord nicht zurückgeschreckt wird.

Was hier klingt wie die Inhaltsangabe zu einem zweitklassigen Kriminalroman, ist eine ziemlich verquere Fortsetzung zur Artussage. Der Gral ist nämlich kein Holz- oder Silberbecher, sondern etwas völlig anderes (wer des Englischen mächtig ist, erfährt schon mehr aus dem Originaltitel). Zudem hat dieser auch noch außergewöhnliche Fähigkeiten, wenn ihn nur der richtige "Bewahrer" in den Händen hält. Howard ist solch ein "Bewahrer". Und Howard wurde gerufen.
Howard stolpert nun in dieses Ringen hinein und weiß bis kurz vor Ende nicht, um was es überhaupt geht. In einer ähnlichen Situation befindet sich auch der Leser. Zusammen mit diesem stolpert Howard von einer haarsträubenden Angelegenheit in die nächste Peinlichkeit. Die ganze Gegend scheint von Exzentrikern belebt zu sein, und allgegenwärtig ist ein gewisser Humpty-Dumpty. (* Das "Ei" aus "Alice im Wunderland"? In irgendeiner deutschen Übersetzung (keine Ahnung, von wem die war - ist zu lange her...) las ich mal "Goggelmoggel"... Heike) Zu Beginn scheint das Buch noch aus zwei Parallelhandlungen zu bestehen, die aber schon im dritten Kapitel zusammenfließen und im Verlauf des Romans immer weiter ausufern.
Der Roman erschließt sich dem Leser erst langsam. Es vergeht schon einige Zeit, bis die Ereignisse ins Rollen kommen. Trotzdem ist das Buch zu keiner Zeit langweilig. Die Gespräche der Protagonisten, allen voran Onkel Roy und Mr. Jimmers, sind voller "Metaphern und Euphemismen" (Zitat) und bersten vor Skurrilität. Gelegentlich ging dem Autor auch schon mal die Feder durch, und er erfindet Sätze, von denen das Ende nicht mehr weiß, wem der Anfang gehört hat. (* Sowas passiert auch gern schon mal den Übersetzern, wenn die Autoren ihre Sätze allzusehr verschachteln. Da hat man sich schnell vertan. Heike) Das kann man zwar halbwegs problemlos verschmerzen, muß aber manchen Satz doch zweimal lesen, um ihn wirklich zu verstehen. Es kommt allerdings nicht allzu häufig vor, und wenn man sich erst mal hineingelesen hat, ist das Buch eines von denjenigen, bei denen man nachts um eins noch das nächste Kapitel aufschlägt, obwohl man am nächsten Morgen zeitig raus muß. Die einzelnen Kapitel enden meist mit einem Cliffhanger der Art "und eine Hand packte ihn an der Schulter" oder "langsam fuhren sie die neblige Straße hinunter".
Nur, in welche Schublade sortiert man diesen Roman denn nun ein? Am ehesten könnte ich ihn mit Kim Stanley Robinson vergleichen, wenn jemand schon mal von ihm gehört hat; ansonsten ist es eine hintergründig witzige Geschichte, die den Fantasyanteil weitestgehend im Hintergrund behält, ohne ihn allerdings jemals zu verleugnen. Somit nichts für Fans von Zauberern, Zwergen und Elfen, aber für jeden, der eine amüsante Geschichte zu schätzen weiß.
Dem Übersetzer (oder Autor??) scheint allerdings der 'Zauberer von Oz' nicht bekannt zu sein, denn er schreibt auch schon mal vom 'Zauberer von Ooze' und des öfteren vom sogenannten 'Patchwork-Monster'. (* Das müßte man mal mit dem Original vergleichen... Heike)

Fazit:
Ein Buch, das sich nicht auf den ersten Blick präsentiert. Steckt man jedoch erst einmal drin, kommt man so schnell nicht mehr heraus. Der Roman steckt voller Dialogwitz, ohne jemals in Albernheiten abzugleiten, so daß es richtigen Spaß macht, so etwas mal wieder zu lesen.
Wegen einiger Unzulänglichkeiten gibt es ein paar Abzüge in der B-Note, deshalb nur 11 Punkte.

Frank Schulze


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