Trishas
Eltern sind geschieden, und die große Leidenschaft ihrer Mutter
ist es, die Kinder zu irgendwelchen Vergnügungen mitzuschleifen,
die diese, insbesondere Trishas Bruder Pete, gar nicht abkönnen.
Der jetzige Ausflug führt die etwas gekappte Familie denn auch
in den Westen von Maine, in die Wälder New Englands. Dabei
treffen wir wiederum auf alte Bekannte, die Stadt Castle Rock, die
auf dem Weg in die Wälder liegt; und in der Nähe befinden
sich auch die Gebiete der Townships TR 90, TR 100 und TR110. Wir
erinnern uns: Im TR 90, an einem kleinen See gab es ein Blockhaus
namens Sara Lacht, in dem der Schriftsteller Michael Noonan nicht
ganz erfreuliche Dinge erlebte. Wir bewegen uns also auf vertrautem
Terrain, fast zu Hause.
Quilla (toller Name für Trishas (im realen Leben Patricia
McFarland) Mutter) und Trishas Bruder Pete gehen auf dem Ausflug
ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: sich herzhaft zu streiten. So
merken die beiden nicht, daß Trisha sich hinter ihnen ins
Gebüsch verdrückt. Leider schleicht sie ein bißchen
weit weg, denn sie wollte nicht unbedingt auf den Appalachian Trail
(so heißt der Wanderweg) pinkeln - es könnte ja
schließlich jemand vorbeikommen. Prompt findet sie
natürlich nicht mehr den Rückweg und verirrt sich immer
tiefer in den Wäldern.
Man darf sich diese Wälder natürlich nicht wie unsere
gepflegten Stadtwälder vorstellen oder meinetwegen auch noch die
Wälder in unseren Mittelgebirgen, auch wenn die schon recht
groß sind (* und man sich in vielen davon auch noch ganz gut
verlaufen kann... ;-))) Heike). Doch die Wälder von New
England sind fast noch richtige Urwälder, in denen viel
Großwild herumstreift - nicht immer nur von der
pflanzenfressenden Art. Außerdem scheint diese Gegend ein
Paradies für umherziehende Mückenschwärme zu sein, die
ihre Opfer mit Vorliebe um etwas Blut erleichtern. Okay, es ist nicht
gerade die unbewohnteste und straßenloseste Gegend, aber wenn
man sich in die richtige oder besser falsche Richtung wendet, kommt
man in leichte Schwierigkeiten.
So trifft es hier die neunjährige Trisha, die zwar ziemlich
groß für ihr Alter, aber trotzdem nur ein
Stadtmädchen in einer für sie unwirklichen Situation ist.
Deshalb wird am Anfang jedes Rascheln und jeder Laut zum unbekannten
Schrecken, jede kleine Blindschleiche zur giftigen Natter (wie soll
man die als Stadtmensch auch unterscheiden?). Der kleine, harmlose
Ausflug wird für sie zum endlosen Alptraum. Stephen King spielt
hier mit den Kinderphantasien (diesmal halt nicht der böse Mann
unterm Bett oder im Schrank), aber für Kinder sind diese
Phantasien ziemlich real. Irgendwelche Schreckensgestalten hatte doch
mal fast jeder in seiner Kindheit, und wenn es nur die Angst vor dem
Einschlafen nach einem Horrorfilm war. (* Na, NEUNjährigen
würde ich aber nun wirklich noch keine Horrorfilme empfehlen...
;-))) Aber: Je nachdem, wie die Eltern mit den Ängsten ihrer
Kinder umgehen, Angst vor irgendwelchen imaginären "Bestrafern"
vielleicht noch schüren, kann so etwas noch sehr lange
nachwirken... :-( Da kennt bestimmt noch fast jeder den "Schwarzen
Mann". (Zu diesem gibt es übrigens eine wunderschöne
Kindergeschichte - u. a. ißt er immer die verhaßte
Kohlsuppe des Protagonisten und malt mit diesem zusammen kleine
schwarze Männer an die Wand hinter dem Bett. <ggg> Leider
kann ich mich weder an den Titel noch an den Autor erinnern.)
Später versuchten meine Oma und meine Mutter mir immer
weiszumachen, es gäbe eine "Abendmutter", die immer die Kinder
mitnimmt, die nach Einbruch der Dunkelheit noch aus dem Haus gehen.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich das geglaubt habe, aber ich
erinnere mich vage, daß ich immer versuchte, der mal zu
begegnen und mit ihr mitzugehen... ging also schwer nach hinten los,
dieser Schuß. Heike)
Na, ganz ohne alles läßt auch King die Kleine nicht in die
Wälder hinaus, immerhin hat sie einen Rucksack bei sich, in dem
sich am Anfang noch ein paar Nahrungsmittel befinden - Chips,
Sandwich und Twinkies (was immer das für ein Zeug ist (*
Äh, irgendwelche Lutschbonbons? Heike) (* Ich tipp mal auf
Schokoriegel... Winy)) - sowie etwas zu trinken, Wasser und Limo.
So kann sich Trisha, zerstochen von Mücken und Wespen, zerkratzt
und an ein paar Stellen von Stürzen blutend, wenigstens mit ein
bißchen Essen kurze Zeit über die Runden helfen. Nachdem
ihre mitgebrachten Vorräte aufgebraucht sind, gibt sie sich aber
ganz findig und probiert Beeren und Farne, was ihrem Magen jedoch
nicht immer guttut.
Zum Glück hat sie noch ihren Walkman dabei, der ein Radioteil
hat, das über einen wirklich unglaublich großen
Empfangsbereich verfügt. (Entweder stehen in Amerika
überall große Sendeantennen, oder Kings technisches
Unvermögen hat wieder zugeschlagen.) Mit diesem Radio bekommt
Trisha immer wieder Sendungen von Spielen Ihres
Lieblingsbaseballclubs, den Red Sox, herein, die sie hört, um
noch einen Zugriff zu der Welt dort draußen zu halten.
Überhaupt ist diese Story auch eine kleine Liebeserklärung
an den amerikanischen Lieblings- oder Volkssport. (* Bin mir nicht
sicher - dürfte sich etwa die Waage mit Football halten, oder
sollte ich mich da tatsächlich täuschen? Heike)
In Trishas Phantasie läuft dann auch ihr Lieblingsspieler Tom
Gordon neben ihr her, dem sie ihr Leid klagen kann. Realität und
Unwirklichkeit verschwimmen für Trisha während der Tage in
den Wäldern immer mehr. Irgend etwas scheint sie zu verfolgen;
öfters fühlt sie sich beobachtet, und ob das nur Einbildung
ist, da dürfen wir uns bei Stephen King nicht so sicher
sein.
King ist hier mal wieder eine spannende und interessante Geschichte
gelungen. Aus einem nicht unbedingt originellen Thema holt er das
äußerste heraus - und was will man mehr erwarten?!
12 Punkte