Stephen King:

"Das Mädchen"

OT: The Girl who Loved Tom Gordon
Ü: Wulf Bergner
USA 1999
(302 Seiten, Hardcover, Schneekluth, ISBN 3-7951-1749-6, DM 38,-)
- erschienen: Januar 2000 -

Trishas Eltern sind geschieden, und die große Leidenschaft ihrer Mutter ist es, die Kinder zu irgendwelchen Vergnügungen mitzuschleifen, die diese, insbesondere Trishas Bruder Pete, gar nicht abkönnen. Der jetzige Ausflug führt die etwas gekappte Familie denn auch in den Westen von Maine, in die Wälder New Englands. Dabei treffen wir wiederum auf alte Bekannte, die Stadt Castle Rock, die auf dem Weg in die Wälder liegt; und in der Nähe befinden sich auch die Gebiete der Townships TR 90, TR 100 und TR110. Wir erinnern uns: Im TR 90, an einem kleinen See gab es ein Blockhaus namens Sara Lacht, in dem der Schriftsteller Michael Noonan nicht ganz erfreuliche Dinge erlebte. Wir bewegen uns also auf vertrautem Terrain, fast zu Hause.
Quilla (toller Name für Trishas (im realen Leben Patricia McFarland) Mutter) und Trishas Bruder Pete gehen auf dem Ausflug ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: sich herzhaft zu streiten. So merken die beiden nicht, daß Trisha sich hinter ihnen ins Gebüsch verdrückt. Leider schleicht sie ein bißchen weit weg, denn sie wollte nicht unbedingt auf den Appalachian Trail (so heißt der Wanderweg) pinkeln - es könnte ja schließlich jemand vorbeikommen. Prompt findet sie natürlich nicht mehr den Rückweg und verirrt sich immer tiefer in den Wäldern.
Man darf sich diese Wälder natürlich nicht wie unsere gepflegten Stadtwälder vorstellen oder meinetwegen auch noch die Wälder in unseren Mittelgebirgen, auch wenn die schon recht groß sind (* und man sich in vielen davon auch noch ganz gut verlaufen kann... ;-))) Heike). Doch die Wälder von New England sind fast noch richtige Urwälder, in denen viel Großwild herumstreift - nicht immer nur von der pflanzenfressenden Art. Außerdem scheint diese Gegend ein Paradies für umherziehende Mückenschwärme zu sein, die ihre Opfer mit Vorliebe um etwas Blut erleichtern. Okay, es ist nicht gerade die unbewohnteste und straßenloseste Gegend, aber wenn man sich in die richtige oder besser falsche Richtung wendet, kommt man in leichte Schwierigkeiten.
So trifft es hier die neunjährige Trisha, die zwar ziemlich groß für ihr Alter, aber trotzdem nur ein Stadtmädchen in einer für sie unwirklichen Situation ist. Deshalb wird am Anfang jedes Rascheln und jeder Laut zum unbekannten Schrecken, jede kleine Blindschleiche zur giftigen Natter (wie soll man die als Stadtmensch auch unterscheiden?). Der kleine, harmlose Ausflug wird für sie zum endlosen Alptraum. Stephen King spielt hier mit den Kinderphantasien (diesmal halt nicht der böse Mann unterm Bett oder im Schrank), aber für Kinder sind diese Phantasien ziemlich real. Irgendwelche Schreckensgestalten hatte doch mal fast jeder in seiner Kindheit, und wenn es nur die Angst vor dem Einschlafen nach einem Horrorfilm war. (* Na, NEUNjährigen würde ich aber nun wirklich noch keine Horrorfilme empfehlen... ;-))) Aber: Je nachdem, wie die Eltern mit den Ängsten ihrer Kinder umgehen, Angst vor irgendwelchen imaginären "Bestrafern" vielleicht noch schüren, kann so etwas noch sehr lange nachwirken... :-( Da kennt bestimmt noch fast jeder den "Schwarzen Mann". (Zu diesem gibt es übrigens eine wunderschöne Kindergeschichte - u. a. ißt er immer die verhaßte Kohlsuppe des Protagonisten und malt mit diesem zusammen kleine schwarze Männer an die Wand hinter dem Bett. <ggg> Leider kann ich mich weder an den Titel noch an den Autor erinnern.) Später versuchten meine Oma und meine Mutter mir immer weiszumachen, es gäbe eine "Abendmutter", die immer die Kinder mitnimmt, die nach Einbruch der Dunkelheit noch aus dem Haus gehen. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich das geglaubt habe, aber ich erinnere mich vage, daß ich immer versuchte, der mal zu begegnen und mit ihr mitzugehen... ging also schwer nach hinten los, dieser Schuß. Heike)
Na, ganz ohne alles läßt auch King die Kleine nicht in die Wälder hinaus, immerhin hat sie einen Rucksack bei sich, in dem sich am Anfang noch ein paar Nahrungsmittel befinden - Chips, Sandwich und Twinkies (was immer das für ein Zeug ist (* Äh, irgendwelche Lutschbonbons? Heike) (* Ich tipp mal auf Schokoriegel... Winy)) - sowie etwas zu trinken, Wasser und Limo. So kann sich Trisha, zerstochen von Mücken und Wespen, zerkratzt und an ein paar Stellen von Stürzen blutend, wenigstens mit ein bißchen Essen kurze Zeit über die Runden helfen. Nachdem ihre mitgebrachten Vorräte aufgebraucht sind, gibt sie sich aber ganz findig und probiert Beeren und Farne, was ihrem Magen jedoch nicht immer guttut.
Zum Glück hat sie noch ihren Walkman dabei, der ein Radioteil hat, das über einen wirklich unglaublich großen Empfangsbereich verfügt. (Entweder stehen in Amerika überall große Sendeantennen, oder Kings technisches Unvermögen hat wieder zugeschlagen.) Mit diesem Radio bekommt Trisha immer wieder Sendungen von Spielen Ihres Lieblingsbaseballclubs, den Red Sox, herein, die sie hört, um noch einen Zugriff zu der Welt dort draußen zu halten. Überhaupt ist diese Story auch eine kleine Liebeserklärung an den amerikanischen Lieblings- oder Volkssport. (* Bin mir nicht sicher - dürfte sich etwa die Waage mit Football halten, oder sollte ich mich da tatsächlich täuschen? Heike)
In Trishas Phantasie läuft dann auch ihr Lieblingsspieler Tom Gordon neben ihr her, dem sie ihr Leid klagen kann. Realität und Unwirklichkeit verschwimmen für Trisha während der Tage in den Wäldern immer mehr. Irgend etwas scheint sie zu verfolgen; öfters fühlt sie sich beobachtet, und ob das nur Einbildung ist, da dürfen wir uns bei Stephen King nicht so sicher sein.

King ist hier mal wieder eine spannende und interessante Geschichte gelungen. Aus einem nicht unbedingt originellen Thema holt er das äußerste heraus - und was will man mehr erwarten?!
12 Punkte

Bernd Krosta


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