Manfred Weinland:

"Erbin des Fluchs"

(Das Volk der Nacht - Band 3)
(Die Wölfin - Band 1)
D 2000
(295 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Zaubermond-Verlag, ISBN 3-931407-15-2, DM 19,80)
- erschienen: Januar 2000 -

Rom, 1527.
Die Truppen von Kaiser Karl V. sind in Rom eingefallen und belagern dort den Papst. Ludwig ist einer der Soldaten vor Ort - und ein Vampir. In einer Vollmondnacht sucht er eines der Elendslager auf, um seinen Durst zu stillen. Als er sich über eine zierliche Blondine hermachen will, muß er jedoch schnell merken, daß er an die Falsche geraten ist. Das Mädchen namens Nona verwandelt sich in eine Werwölfin und bricht ihm kurzerhand das Genick. Dies war ihr erster Kampf mit einer vampirischen Dienerkreatur, obgleich sie nicht zum ersten Mal solchen Geschöpfen begegnet ist. Ohne zu ahnen, daß der durch das Ableben des Vampirs ausgestrahlte Todesimpuls schon bald Artgenossen herbeirufen wird, beginnt sie sich an ihre Kindheit zu erinnern...

Perpignan, 1511.
In einer Vollmondnacht fällt eine hochschwangere Krämerstochter offenbar einem Wolf zum Opfer. Die Überreste des Ungeborenen werden indessen nicht gefunden. Stattdessen findet Pierre, der nicht eben der Hellste ist, aber ein gutes Herz hat (mit Manfred Weinlands Worten: ein Idiot), am nächsten Morgen ein fieberndes neugeborenes Mädchen auf seiner Türschwelle. Fürsorglich kümmert er sich um die Kleine, hält den Fund aber geheim, da er befürchtet, daß man sie ihm wegnehmen könnte. Er tauft sie schließlich auf den Namen Nona. Als er vom dem Tod der Krämerstochter erfährt, ist er naturgemäß verwundert, denn so ein Depp, daß er glauben würde, der Wolf habe ihm das Mädchen vor die Tür gelegt, ist er nun auch wieder nicht. Pierre grübelt jedoch nicht weiter darüber nach.
Als Nona sich ihrem vierten Lebensjahr nähert, erkennt er schließlich, daß er ihre Existenz nicht mehr länger geheimhalten kann; er beschließt, Perpignan gemeinsam mit seiner Ziehtochter hinter sich zu lassen.
Erst in Marseille wird das ungleiche Paar vorerst wieder seßhaft. Dort jedoch gerät Pierre in den Bann einer Vampirin...

Ursprünglich, das ist bekannt, sollte der vorliegende Nona-Roman außerhalb der Reihe "Das Volk der Nacht" als eigene Serie erscheinen. Der Umstand, daß man das Buch nun in die eigentliche Reihe eingegliedert hat, ist bedauerlich, zumal "Erbin des Fluchs" direkt nach dem Cliffhanger-Ende des Vorbandes "Die achte Plage" plaziert wurde.
Das ist jedoch nicht der einzige Punkt, der diesen Band für mich zu einem zwiespältigen Leservergnügen gemacht hat. Die ersten ca. 100 Seiten des Romans sind dem mit VAMPIRA vertrauten Leser nämlich bereits bestens bekannt. Sie entstammen dem Ende 1996 erschienenen VAMPIRA-Taschenheft Nr. 4, "Der Pfad der Wölfin". Neulesern dürfte das natürlich ziemlich schnurz sein, und eigentlich war ja auch damit zu rechnen. Als Basis einer eigenen Serie um Nona hätte die Geschichte ihrer Herkunft nun einmal nicht fehlen dürfen. Sie jedoch noch einmal in der Hauptserie aufgewärmt zu sehen, gefällt mir nicht so gut, obgleich Weinland diverse schon bekannte Begebenheiten, wie z. B. Nonas Kelchtaufe, hier noch einmal vertieft darfstellt, also kein bloßes Recycling betreibt.
Ungefähr nach der Hälfte des Buches folgt dann die zweite, ganz ähnliche Überraschung: Nona (und mithin der staunende Leser) erfährt das Geheimnis um den Ursprung der Werwölfe. Die vierzig Seiten, die sich diesem Komplex widmen, sind dem Taschenheft Nr. 46, "Wolfslegende", entnommen. Das Geschilderte fand ich jedoch damals schon etwas banal, angesichts der damaligen Äußerungen, das Geheimnis um besagten Ursprung sei so furchtbar, daß Nona mit diesem Wissen keine Minute mehr weiterleben wolle. Warum nun auf Biegen und Brechen noch einmal der damalige Text aufgewärmt mußte, vermag ich nicht zu sagen. Na gut, es füllt die Seiten, aber solche Praktiken hat der Roman eigentlich nicht nötig, gelingt es Weinland doch, aus dem Text von Taschenheft 4 und der nachfolgenden Handlung ein geschlossenes Ganzes zu schaffen, das sich sehr angenehm liest.
Der Untertitel "Historischer Roman" fällt dagegen wieder in die Kategorie der Zaubermond-typischen Bauernfängerei (Horror mutiert zu einem ganz anderen Genre, nämlich Dark Fantasy, und eine Serie, die schon 100 Bände auf dem Buckel hat, wird wunderlicherweise zu einer "brandneuen Roman-Reihe"). Der Gesamteindruck, den das Cover im Zusammenspiel mit dem Untertitel auf mich macht, ist der, daß man offenbar vehement auf eine andere Käuferklientel schielt. Jene Leser/innen, die auf den Untertitel hereinfallen, dürften sich allerdings völlig zu Recht veräpfelt (* Verpferdeäpfelt? ;-) Heike) vorkommen, wenn sie nach der Lektüre der ersten Seiten bemerken, daß sie statt des begehrten historischen Romans ein Epos um Werwölfe und Vampire erstanden haben. Sei's drum, solche Praktiken sind dem Zaubermond-Kunden nichts Neues.

Ziehen wir ein Fazit:
Obgleich man weiter oben vielleicht diesen Eindruck gewinnen konnte, ist der vorliegende Roman nicht eigentlich schlecht. Nona ist einer der interessantesten Charaktere der "brandneuen" Serie, und Weinland schafft es problemlos, aus den bereits vorhandenen Textpassagen einen für diejenigen, die die Taschenheftreihe nicht kennen, durchaus unterhaltsamen und stimmungsvollen Roman zusammenzuzimmern. Daß er für mich als Altleser dabei kaum etwas Neues bot und mich von daher kaum zu Jubelstürmen hinriß, liegt in der Natur der Sache. Neue Leser könnten beherzt zugreifen - einen reinen historischen Roman, wie ihn der Untertitel impliziert, sollten sie allerdings besser nicht erwarten.
8 Punkte

Michael Breuer

Fangen wir außen an... Das Auffälligste an diesem Roman ist sicherlich, daß man ihn seltsamerweise als "historischen Roman" "beuntertitelt" hat - sicherlich ein Versuch, über Weltbild (immerhin sollte dieser ja wohl auch dort zu haben sein) an eine andere Klientel zu kommen. Hierfür spricht auch das eher moderat-romantische Titelbild; einzig und allein der Klappentext bietet einen vagen Hinweis darauf, was den Leser denn nun erwartet. Sicherlich wird man mit dieser Taktik eine gewisse Klientel ansprechen können - ob diese jedoch nach der Lektüre des Romans noch weiterhin bei der Reihe bleibt, dürfte zumindest fraglich sein. Immerhin bietet die "Erbin des Fluchs" nun etwas leicht anderes als einen "historischen Roman" (für den das Buch schlicht und ergreifend auch einfach zu dünn geraten ist... grins...), so daß neugewonnene Käufer sich wohl eher mit Grausen wieder abwenden werden, statt noch einen zweiten Roman der Serie zu kaufen. Für einen "historischen Roman" fehlt eindeutig das "historische" Element, bzw. dieses tritt zu stark in den Hintergrund. Die Welt des Mittelalters wird hier kaum näher beleuchtet, vielmehr geht Manfred Weinland auf den phantastischen Teil der Geschichte ein. Passender wäre hier dann wohl der Begriff "historische Phantastik" gewesen, der sicherlich eine eher daran interessierte Klientel angesprochen hätte - und der seit Kai Meyer auch einen deutlichen Aufschwung erfahren hat.
Nun ja, kommen wir nach diesen Äußerlichkeiten dann endlich zum Roman selber - schließlich dürfte ich wohl nicht der erste sein, der diesbezügliches angemerkt hat, ähem...
Die Handlung bezieht sich zu fast der Hälfte auf die Taschenhefte Nr. 4 ("Der Pfad der Wölfin" - in dem die Frühgeschichte Nonas erzählt wird) sowie Band 46 ("Wolfslegende" - der die Entstehungsgeschichte der Werwölfe beinhaltet) - für den angestammten Leser der Bastei-Serie wird also recht viel bekanntes Material wiederholt. Diese Entscheidung ist jedoch durchaus zu verstehen - in zweierlei Hinsicht: Einerseits sollte "Die Wölfin" eigentlich als eigenständige Serie herauskommen, bis der Verlag umplante, und andererseits bietet sie den Einstieg in das Weltbild-Programm. Beides sind gute Gründe, noch einmal die grundlegenden Voraussetzungen zu schildern, da in beiden Fällen die Stammleser sicherlich nur einen gewissen Teil der Käuferschaft darstellen.
Manfred Weinland gelingt es dann auch, die bekannten Fakten zu einem interessanten Roman zu verknüpfen, der auch den Stammleser der Serie bei der Stange halten kann. Die Handlungsentwicklung ist stimmig und läßt den Leser auf mehr warten. Besonders in der Charakterisierung der Hauptpersonen spielt Manfred Weinland hier sein Potential voll aus. Das Ergebnis ist dann durchaus als gelungen zu bezeichnen - nur der Fakt, daß dieser Roman die Fortsetzung der Hauptserie verzögert, schmälert das Lesevergnügen angesichts des heftigen Cliffhangers des letzten Romans doch ein wenig. Wollen wir nur hoffen, daß der nächste reguläre Band jetzt schnellstens erscheint.

Fazit:
"Erbin des Fluchs" bietet interessante und spannende Unterhaltung, die Appetit auf mehr macht. Die Verlagsentscheidungen kann man zwar nicht immer verstehen (bezüglich des Untertitels und des Einschubs in die Hauptserie zu einem derartigen Zeitpunkt), aber es bleibt die Hoffnung, daß es jetzt bald weitergeht mit der richtigen Serie. Für zwischendurch ist dieser Roman jedoch sehr gut geeignet. Manfred Weinlands Charakterisierungen machen einfach Spaß und sind wirklich gut gelungen. Und zum Preis-/Leistungsverhältnis dieses Romans brauche ich wohl kein weiteres Wort mehr zu verlieren, oder?
11 Punkte.

Winfried Brand

Manfred Weinland legt mit "Erbin des Fluchs" den langerwarteten Nona-Sonderroman vor, der eigentlich der Anfang einer neuen Romanserie sein sollte. Die Frage, warum der Roman wieder in die "Das Volk der Nacht"-Reihe eingegliedert worden ist, kann nur Thomas Born allein beantworten. Sicherlich waren da verkaufstechnische Argumente im Spiel - oder gab Nonas Leben so wenig für eine Subserie her?

Als Pierre, der Dorftrottel von Perpignan, an diesem Morgen des Jahres 1511 erwacht, findet er ein Baby auf seiner Türschwelle. Zuerst ist er sich nicht sicher, ob er es behalten soll, dann beschließt er jedoch, es allein aufzuziehen. Als er im Dorf Medizin für das kleine Mädchen holt, erfährt er, daß in der vorigen Nacht ein Wolf gewütet hat und mehrere Menschen ermordete - unter anderem die Mutter des Babys, Nona. Er beschließt, das Baby ebenfalls Nona zu nennen. Als Nona dreieinhalb wird, verläßt Pierre Perpignan, weil er befürchtet, daß man ihm das Kind wegnehmen könnte. Zuerst findet er Arbeit bei einem Bauern in Verdette. Als er diesen nach einem Zwischenfall verläßt, landet er in Marseille bei einer geheimnisvollen Frau namens Lukrezia, einer Vampirin, die Pierre sein eigentliches Wesen verrät.
Jahre später ist Nona auf dem Weg nach Afrika, wo sie dem Magier El Nabhal begegnet. Mittleweile weiß auch sie von dem Fluch, der auf ihr liegt. Eines seiner Tücher soll sie auf ihrem weiteren Lebensweg begleiten.
Schließlich trifft Nona auf einer der Inkarnationen des Teufels, der ihr prophezeit, daß sie einst eine wichtige Rolle in seinen Plänen spielen wird. Und sie erfährt die Herkunft ihrer Rasse.
Als sie Landru begegnet, hat sie jedoch den Großteil ihres bisherigen Lebens vergessen. Wie er auf der Suche nach seiner Herkunft ist, ist sie auf der Suche nach ihrer Geschichte - und weiß, daß sie eines Tages El Nabhal wiedersehen wird...

Ob der Untertitel "Historischer Roman" korrekt ist, darüber läßt sich trefflich streiten. Die Handlung spielt größtenteils im Mittelalter - aber die phantastischen Elemente werden die Leser enttäuschen, die etwas in der Art von "Die Säulen der Erde" oder "Die Päpstin" erwarten. Da der Roman allerdings über Weltbild vertrieben werden soll, ist dieses Understatement sicherlich bestens geeignet, um neue Leser für die Serie zu gewinnen.
Und selbst über das historische Element kann man streiten. Ich erwarte bei einem solchen Roman sicherlich nicht, ausführlich über das Mittelalter informiert zu werden, aber an manchen Stellen hätte ich es mir doch sehr gewünscht. Zu sehr drängt sich unter anderem im Prolog der Gedanke auf, daß hier nur eine hübsche Staffage aufgebaut wird. Die Atmosphäre der Umwelt fehlt einfach.
Am besten sind Manfred die Szenen gelungen, in denen das phantastische Element in die rasante Handlung einbricht. So zum Beispiel, als Nona El Nabhal oder dem Teufel begegnet oder ihre Kelchtaufe erlebt. An diesen Stellen entwickelt Manfred sein ganzes Erzähltalent.
Dort wird die Faszination der Serie spürbar.
Die Handlung selbst ist spannend, schlägt zahlreiche Wendungen und erinnert an die klassischen Abenteuerromane. Die eingeschobene Minos-Episode, die den Ursprung der Werwölfe erklärt, wird dem Altleser der Serie sicherlich bekannt vorkommen - hier hat Manfred ein Taschenheft "recycled". Dies wird den Neuleser aber sicherlich nicht stören.

 

Fazit:
Der Roman hat eine spannende Handlung und unterhält auf weiten Strecken. Das historische Element ist manchmal etwas zu sehr im Hintergrund, dennoch ein gut lesbarer Einsteigerroman in die Serie.
9 Punkte

Christian Spließ


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