New
Orleans.
Jared Poe, ein reichlich umstrittener Fetisch-Fotograf, wird des
bestialischen Mordes an seinem Geliebten Benjamin DuBois für
schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Kurz darauf wird er im
Gefängnis von einem Mitinsassen erstochen. Niemand ahnt,
daß DuBois das letzte Opfer eines abartigen Serienkillers ist,
der es sich vorgenommen hat, die Welt von Homo- und Transsexuellen zu
säubern.
Poe indessen ist keine Ruhe vergönnt. Eines Nachts erscheint
eine Krähe über seinem Mausoleum und ruft ihn auf magischem
Weg ins Leben zurück. Als er sich gewaltsam aus seinem Grab
befreit hat, stellt er überdies fest, daß er mit
übermenschlichen Kräften ausgestattet ist.
Von Erinnerungen gepeinigt, begibt sich der untote Poe zu Lucrece,
der transsexuellen Zwillingsschwester Benjamins, und macht sie
für seine Rückkehr aus dem Totenreich verantwortlich. Diese
ist sich jedoch keiner Schuld bewußt. Allerdings gelingt es ihr
schon bald, in einem alten Buch eine Erklärung zu finden. Dort
heißt es, daß zuweilen Menschen auf solch grausame Weise
verstürben, daß ihre Seelen ein Übermaß an Leid
mit sich trügen, weshalb es dann manchmal einer Krähe
gewährt würde, diese Seelen zurück ins Reich der
Lebenden zu führen, damit sie dort Vergeltung üben
können. Die so geschaffenen Untoten seien praktisch unverwundbar
- allerdings nur, solange sie sich nur an jenen rächen, die
für ihr Leid verantwortlich sind.
Davon erfährt Jared jedoch nichts, denn er hat sich schon
längst selbst auf seinen persönlichen Rachefeldzug begeben.
Sein erster Weg führt ihn zu einem der Polizisten, die ihn
damals eingebuchtet haben.
Er kann nicht ahnen, daß der Killer, der Benjamin auf dem
Gewissen hat, es damals eigentlich auf dessen Schwester abgesehen
hatte und weit davon entfernt ist, von seinem ursprünglichen
Mordplan abzulassen...
"The Crow" war ursprünglich ein sehr guter, wenn auch recht
rüder Comic. In Deutschland dürften jedoch die beiden
Kinofilme sowie die aktuelle Fernsehserie bekannter sein. Hier haben
wir nun also den ersten (?) Roman zum Thema.
Begleitromane zu Serien (Kinofilmen, Fernsehserien oder Comics) sind
immer mit ziemlicher Vorsicht zu genießen. Oftmals ist die
literarische Qualität dieser Arbeiten doch recht dürftig,
wie wohl jedem bekannt sein wird, der schon einmal zu einem
schlechteren Filmroman gegriffen hat.
Die Story folgt in den Grundzügen dem Comic bzw. den Filmen: Ein
Ermordeter kommt aus dem Totenreich zurück und rächt sich
an den Verantwortlichen. Das war natürlich auch schon vor "The
Crow" nicht neu, und es ist schwer, hieraus noch ein unterhaltsames
Buch zu stricken. Nichtsdestotrotz macht der Roman Spaß.
Wie die Vorgänger ist auch dieser Teil der Geschichten um die
Krähe sagenhaft düster. Poppy Z. Brite beschreibt New
Orleans als einen unglaublich verrotteten Ort, der im Dauerregen
versinkt und sich permanent im Zustand tiefster Nacht zu befinden
scheint. Die Welt ist dreckig und verkommen. Sie "löst sich auf
wie ein alter Pullover", wie es einer der Protagonisten schön
zusammenfaßt. Insgesamt legt die Autorin ein Gespür
für Atmosphäre an den Tag, welches für einen solchen
Begleitroman doch schon sehr erstaunlich ist. Auch die Beschreibung
der Charaktere ist vergleichsweise überdurchschnittlich.
Während die Hauptebene des Romans die Handlung stetig
vorantreibt, bindet Brite auch immer wieder ausführliche
Rückblenden ein, welche die einzelnen Figuren und ihre Motive
näher ausleuchten.
Für zartere Gemüter ist der Roman freilich nicht geeignet,
denn neben der düsteren Grundstimmung wird auch an Gewaltszenen
nicht gespart. So werden u. a. die Taten des Serienkillers reichlich
farbenfroh beschrieben und sind durchaus dazu geeignet,
empfindlicheren Lesern die Fußnägel hochklappen zu lassen.
Wer es auch mal härter mag, wird seine Freude haben.
Das Ende von "Das Herz des Lazarus" kommt dann wieder - angesichts
der oft gelesenen Grundidee - recht überraschend daher,
paßt jedoch völlig zu dem düsteren Gesamtwerk.
Fassen wir nochmal zusammen: Der vorliegende "The Crow"-Roman mag von
der Idee nicht gerade mörderisch originell sein, nimmt einen
jedoch durch seine atmosphärischen Beschreibungen schnell
für sich ein. Wer gerne düster-derbe Geschichten liest,
kann hier beherzt zugreifen - auch ohne schon einmal von der
Krähe gehört zu haben.
Mein Fazit:
Kein Meisterwerk freilich, aber absolut unterhaltsam.
9 Punkte.