Poppy Z. Brite:

"The Crow - Das Herz des Lazarus"

OT: The Crow: The Lazarus Heart
Ü: H. Roberts
USA 1998
(286 Seiten, Taschenbuch, Heyne 01/13031, ISBN 3-453-16099-1, DM 14,90)
- erschienen: Januar 2000 -

New Orleans.
Jared Poe, ein reichlich umstrittener Fetisch-Fotograf, wird des bestialischen Mordes an seinem Geliebten Benjamin DuBois für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Kurz darauf wird er im Gefängnis von einem Mitinsassen erstochen. Niemand ahnt, daß DuBois das letzte Opfer eines abartigen Serienkillers ist, der es sich vorgenommen hat, die Welt von Homo- und Transsexuellen zu säubern.
Poe indessen ist keine Ruhe vergönnt. Eines Nachts erscheint eine Krähe über seinem Mausoleum und ruft ihn auf magischem Weg ins Leben zurück. Als er sich gewaltsam aus seinem Grab befreit hat, stellt er überdies fest, daß er mit übermenschlichen Kräften ausgestattet ist.
Von Erinnerungen gepeinigt, begibt sich der untote Poe zu Lucrece, der transsexuellen Zwillingsschwester Benjamins, und macht sie für seine Rückkehr aus dem Totenreich verantwortlich. Diese ist sich jedoch keiner Schuld bewußt. Allerdings gelingt es ihr schon bald, in einem alten Buch eine Erklärung zu finden. Dort heißt es, daß zuweilen Menschen auf solch grausame Weise verstürben, daß ihre Seelen ein Übermaß an Leid mit sich trügen, weshalb es dann manchmal einer Krähe gewährt würde, diese Seelen zurück ins Reich der Lebenden zu führen, damit sie dort Vergeltung üben können. Die so geschaffenen Untoten seien praktisch unverwundbar - allerdings nur, solange sie sich nur an jenen rächen, die für ihr Leid verantwortlich sind.
Davon erfährt Jared jedoch nichts, denn er hat sich schon längst selbst auf seinen persönlichen Rachefeldzug begeben. Sein erster Weg führt ihn zu einem der Polizisten, die ihn damals eingebuchtet haben.
Er kann nicht ahnen, daß der Killer, der Benjamin auf dem Gewissen hat, es damals eigentlich auf dessen Schwester abgesehen hatte und weit davon entfernt ist, von seinem ursprünglichen Mordplan abzulassen...

"The Crow" war ursprünglich ein sehr guter, wenn auch recht rüder Comic. In Deutschland dürften jedoch die beiden Kinofilme sowie die aktuelle Fernsehserie bekannter sein. Hier haben wir nun also den ersten (?) Roman zum Thema.
Begleitromane zu Serien (Kinofilmen, Fernsehserien oder Comics) sind immer mit ziemlicher Vorsicht zu genießen. Oftmals ist die literarische Qualität dieser Arbeiten doch recht dürftig, wie wohl jedem bekannt sein wird, der schon einmal zu einem schlechteren Filmroman gegriffen hat.
Die Story folgt in den Grundzügen dem Comic bzw. den Filmen: Ein Ermordeter kommt aus dem Totenreich zurück und rächt sich an den Verantwortlichen. Das war natürlich auch schon vor "The Crow" nicht neu, und es ist schwer, hieraus noch ein unterhaltsames Buch zu stricken. Nichtsdestotrotz macht der Roman Spaß.
Wie die Vorgänger ist auch dieser Teil der Geschichten um die Krähe sagenhaft düster. Poppy Z. Brite beschreibt New Orleans als einen unglaublich verrotteten Ort, der im Dauerregen versinkt und sich permanent im Zustand tiefster Nacht zu befinden scheint. Die Welt ist dreckig und verkommen. Sie "löst sich auf wie ein alter Pullover", wie es einer der Protagonisten schön zusammenfaßt. Insgesamt legt die Autorin ein Gespür für Atmosphäre an den Tag, welches für einen solchen Begleitroman doch schon sehr erstaunlich ist. Auch die Beschreibung der Charaktere ist vergleichsweise überdurchschnittlich. Während die Hauptebene des Romans die Handlung stetig vorantreibt, bindet Brite auch immer wieder ausführliche Rückblenden ein, welche die einzelnen Figuren und ihre Motive näher ausleuchten.
Für zartere Gemüter ist der Roman freilich nicht geeignet, denn neben der düsteren Grundstimmung wird auch an Gewaltszenen nicht gespart. So werden u. a. die Taten des Serienkillers reichlich farbenfroh beschrieben und sind durchaus dazu geeignet, empfindlicheren Lesern die Fußnägel hochklappen zu lassen. Wer es auch mal härter mag, wird seine Freude haben.
Das Ende von "Das Herz des Lazarus" kommt dann wieder - angesichts der oft gelesenen Grundidee - recht überraschend daher, paßt jedoch völlig zu dem düsteren Gesamtwerk.
Fassen wir nochmal zusammen: Der vorliegende "The Crow"-Roman mag von der Idee nicht gerade mörderisch originell sein, nimmt einen jedoch durch seine atmosphärischen Beschreibungen schnell für sich ein. Wer gerne düster-derbe Geschichten liest, kann hier beherzt zugreifen - auch ohne schon einmal von der Krähe gehört zu haben.

Mein Fazit:
Kein Meisterwerk freilich, aber absolut unterhaltsam.
9 Punkte.

Michael Breuer


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