Kai Meyer:

"Schattenengel"

(Sieben Siegel - Band 5)
D 2000
Mit Illustrationen von Wahded Khakdan
(138 Seiten, Hardcover, Loewe, ISBN 3-7855-3598-8, DM 14,80)
- erschienen: Februar 2000 -

Zum Inhalt:
Kyra und ihre Freunde sind mit ihrem Vater auf einer weiteren archäologischen Expedition - diesmal in Israel, im Inneren des Tell edDuwer, wo sich die Ruinen von Lachis befinden. Mit Hilfe eines Artefakts gelingt es ihnen, das "Haupt von Lachis" zu bergen und außer Landes zu schmuggeln. Doch ihr Flugzeug wird von seltsamen Gestalten in schwarzen Mänteln, die auf den Tragflächen erscheinen, angegriffen und soll offensichtlich zum Absturz gebracht werden. Eine andere Gestalt hilft ihnen zwar gegen die Angreifer, aber der Pilot kann nur noch eine Notlandung auf einer kleinen Insel in der Ägäis liefern - eine Insel, auf der nur ein einsamer Wetterforscher lebt, dessen Funkgerät zudem auch noch den Geist aufgegeben hat. Abgeschnitten von der Außenwelt treffen die vier Freunde auf Azachiel, der behauptet, einer der gefallenen Engel, im Gegensatz zu Sataniel und seinen Anhängern jedoch nicht auf die Seite des Bösen übergewechselt zu sein. Bald entspannt sich ein Kampf zwischen den gefallenen Engeln, in dem beide Seiten ein Auge auf das "Haupt von Lachis" geworfen haben...

Kai Meyer legt mit diesem Band der Jugendserie "Sieben Siegel" den wohl bisher besten Band der Reihe vor - einer Reihe, die von Haus aus sowieso schon durch ihre Qualität besticht. Der Autor schafft es mit diesem Roman, eine wirklich spannende Geschichte vorzulegen, die nicht nur die angestrebte Zielgruppe zu erreichen in der Lage ist, sondern auch für den älteren Phantastik-Fan, der sich ein wenig Jugend bewahrt hat (und das sollten eigentlich alle sein - schon von der Definition her...), wirklich interessante Lektüre zu bieten hat.
Das mystisch-geheimnisvolle Element der Geschichte tritt hier stark zu Tage, vermag den Leser sofort zu fesseln - und bietet Möglichkeiten, einen kleinen roten Faden in die Handlung einzubeziehen. Gerade die gefallenen Engel (Azachiel verabschiedet sich mit "Wir werden uns wieder sehen") bieten ein großes Potential - auch oder gerade weil das Thema für den Genreinteressierten nicht unbedingt neu ist. Doch die Art, in der Kai Meyer diese Geschöpfe schildert, sind schon für sich allein ein Genuß - und für die Zielgruppe in bisher unerreichter Qualität. Man merkt hier deutlich, daß Meyer zwar für 10jährige schreibt, diese aber im Gegensatz zu vielen anderen Jugendbuchautoren wirklich ernst nimmt und ihnen zutraut, eine Geschichte zu verstehen, die weit über das übliche Niveau der Romane für diese Altersgruppe hinausgeht. Ich persönlich kenne eigentlich nur eine Jugendbuchserie, die ein ähnliches Niveau aufweisen konnte (zumindest im Bereich der Phantastik) - und dabei handelt es sich um die "Weltraumpartisanen" Mark Brandis', deren Neuveröffentlichung leider schon wieder eingestellt wurde. Zwar handelt es sich hierbei um SF, während die "Sieben Siegel" eindeutig einen gruseligen Sektor bedienen - doch kann dieser Vergleich m.E. durchaus mit vollster Berechtigung stehenbleiben. "Sieben Siegel" bietet ähnlich gute Unterhaltung auch für das ältere Publikum, das eigentlich nicht mehr zur Zielgruppe gehört. Und mit "Schattenengel" hat er dieser Serie noch einmal die Krone aufgesetzt - bei dem bisherigen Steigerungsniveau von "ungeradem" Band zu "ungeradem" Band bin ich schon jetzt mehr als nur gespannt auf Band 7 der Serie. Interessanterweise scheint sich nämlich herauszukristallisieren, daß die "ungeraden" Bände (ganz im Gegensatz zu den Star Trek-Filmen - aber dies gehört wohl nicht hierher... ähem... grins...) eher die größeren Zusammenhänge und dramatischeren Entwicklungen aufweisen, während die "geraden" eher die Einzelabenteuer darstellen, die zwar nett zu lesen sind, aber nicht die Dramatik der "ungeraden" aufweisen, und von daher für Neueinsteiger eher geeignet sind. Nun, im nächsten Flash wird Band 6 der Reihe besprochen werden - es bleibt abzuwarten, ob dieser diese Einschätzung bestätigt.
Der einzige Wermutstropfen dieser Reihe bleibt weiterhin die Länge der Bücher, die in recht großer Schrift gehalten sind und gerade mal für eine Stunde Lesevergnügen herhalten können. Aber dies ist halt der Preis, den man zu zahlen hat, wenn man sich ein Jugendbuch zulegt. Denn der Zielgruppe kann man nun wirklich keine 400-Seiten-Wälzer vorlegen - allerdings ein Preis, den man angesichts der gebotenen schriftstellerischen Leistung gerne zu zahlen bereit ist.

Fazit:
Auch mit dem fünften Band der Reihe "Sieben Siegel" bestätigt Kai Meyer nur wieder, daß er zur absoluten Spitzenklasse der deutschen Phantastik gehört. Ob er jetzt für Erwachsene oder für Kinder/Jugendliche schreibt, ist eigentlich vollkommen egal - heraus kommt ein hochinteressanter und spannender Roman, der auch Erwachsenen Spaß zu machen in der Lage ist. Mit "Schattenengel" liegt der bisher beste Roman der Reihe vor - ein Roman, der nicht nur die Zielgruppe zu begeistern vermag, vor allem, da Kai Meyer nur wenig in der Hinsicht unternimmt, das Vorurteil zu bestätigen, daß die Zielgruppe mit stilistisch schön geschriebenen Romanen nichts anfangen kann. Dies ist anspruchsvolle Literatur für die Kleinen und wirklich unterhaltsame Literatur für die Großen.
Zielgruppenwertung: 15 Punkte.
Erwachsenenwertung: 13 Punkte.

Winfried Brand


Interesse? Hier kannst Du dieses Buch direkt bei amazon.de bestellen, und das Flash damit auch ein wenig finanziell unterstützen.


home...