Zum
Inhalt:
Kyra und ihre Freunde sind mit ihrem Vater auf einer weiteren
archäologischen Expedition - diesmal in Israel, im Inneren des
Tell edDuwer, wo sich die Ruinen von Lachis befinden. Mit Hilfe eines
Artefakts gelingt es ihnen, das "Haupt von Lachis" zu bergen und
außer Landes zu schmuggeln. Doch ihr Flugzeug wird von
seltsamen Gestalten in schwarzen Mänteln, die auf den
Tragflächen erscheinen, angegriffen und soll offensichtlich zum
Absturz gebracht werden. Eine andere Gestalt hilft ihnen zwar gegen
die Angreifer, aber der Pilot kann nur noch eine Notlandung auf einer
kleinen Insel in der Ägäis liefern - eine Insel, auf der
nur ein einsamer Wetterforscher lebt, dessen Funkgerät zudem
auch noch den Geist aufgegeben hat. Abgeschnitten von der
Außenwelt treffen die vier Freunde auf Azachiel, der behauptet,
einer der gefallenen Engel, im Gegensatz zu Sataniel und seinen
Anhängern jedoch nicht auf die Seite des Bösen
übergewechselt zu sein. Bald entspannt sich ein Kampf zwischen
den gefallenen Engeln, in dem beide Seiten ein Auge auf das "Haupt
von Lachis" geworfen haben...
Kai Meyer legt mit diesem Band der Jugendserie "Sieben Siegel" den
wohl bisher besten Band der Reihe vor - einer Reihe, die von Haus aus
sowieso schon durch ihre Qualität besticht. Der Autor schafft es
mit diesem Roman, eine wirklich spannende Geschichte vorzulegen, die
nicht nur die angestrebte Zielgruppe zu erreichen in der Lage ist,
sondern auch für den älteren Phantastik-Fan, der sich ein
wenig Jugend bewahrt hat (und das sollten eigentlich alle sein -
schon von der Definition her...), wirklich interessante Lektüre
zu bieten hat.
Das mystisch-geheimnisvolle Element der Geschichte tritt hier stark
zu Tage, vermag den Leser sofort zu fesseln - und bietet
Möglichkeiten, einen kleinen roten Faden in die Handlung
einzubeziehen. Gerade die gefallenen Engel (Azachiel verabschiedet
sich mit "Wir werden uns wieder sehen") bieten ein großes
Potential - auch oder gerade weil das Thema für den
Genreinteressierten nicht unbedingt neu ist. Doch die Art, in der Kai
Meyer diese Geschöpfe schildert, sind schon für sich allein
ein Genuß - und für die Zielgruppe in bisher unerreichter
Qualität. Man merkt hier deutlich, daß Meyer zwar für
10jährige schreibt, diese aber im Gegensatz zu vielen anderen
Jugendbuchautoren wirklich ernst nimmt und ihnen zutraut, eine
Geschichte zu verstehen, die weit über das übliche Niveau
der Romane für diese Altersgruppe hinausgeht. Ich
persönlich kenne eigentlich nur eine Jugendbuchserie, die ein
ähnliches Niveau aufweisen konnte (zumindest im Bereich der
Phantastik) - und dabei handelt es sich um die "Weltraumpartisanen"
Mark Brandis', deren Neuveröffentlichung leider schon wieder
eingestellt wurde. Zwar handelt es sich hierbei um SF, während
die "Sieben Siegel" eindeutig einen gruseligen Sektor bedienen - doch
kann dieser Vergleich m.E. durchaus mit vollster Berechtigung
stehenbleiben. "Sieben Siegel" bietet ähnlich gute Unterhaltung
auch für das ältere Publikum, das eigentlich nicht mehr zur
Zielgruppe gehört. Und mit "Schattenengel" hat er dieser Serie
noch einmal die Krone aufgesetzt - bei dem bisherigen
Steigerungsniveau von "ungeradem" Band zu "ungeradem" Band bin ich
schon jetzt mehr als nur gespannt auf Band 7 der Serie.
Interessanterweise scheint sich nämlich herauszukristallisieren,
daß die "ungeraden" Bände (ganz im Gegensatz zu den Star
Trek-Filmen - aber dies gehört wohl nicht hierher...
ähem... grins...) eher die größeren
Zusammenhänge und dramatischeren Entwicklungen aufweisen,
während die "geraden" eher die Einzelabenteuer darstellen, die
zwar nett zu lesen sind, aber nicht die Dramatik der "ungeraden"
aufweisen, und von daher für Neueinsteiger eher geeignet sind.
Nun, im nächsten Flash wird Band 6 der Reihe besprochen werden -
es bleibt abzuwarten, ob dieser diese Einschätzung
bestätigt.
Der einzige Wermutstropfen dieser Reihe bleibt weiterhin die
Länge der Bücher, die in recht großer Schrift
gehalten sind und gerade mal für eine Stunde Lesevergnügen
herhalten können. Aber dies ist halt der Preis, den man zu
zahlen hat, wenn man sich ein Jugendbuch zulegt. Denn der Zielgruppe
kann man nun wirklich keine 400-Seiten-Wälzer vorlegen -
allerdings ein Preis, den man angesichts der gebotenen
schriftstellerischen Leistung gerne zu zahlen bereit ist.
Fazit:
Auch mit dem fünften Band der Reihe "Sieben Siegel"
bestätigt Kai Meyer nur wieder, daß er zur absoluten
Spitzenklasse der deutschen Phantastik gehört. Ob er jetzt
für Erwachsene oder für Kinder/Jugendliche schreibt, ist
eigentlich vollkommen egal - heraus kommt ein hochinteressanter und
spannender Roman, der auch Erwachsenen Spaß zu machen in der
Lage ist. Mit "Schattenengel" liegt der bisher beste Roman der Reihe
vor - ein Roman, der nicht nur die Zielgruppe zu begeistern vermag,
vor allem, da Kai Meyer nur wenig in der Hinsicht unternimmt, das
Vorurteil zu bestätigen, daß die Zielgruppe mit
stilistisch schön geschriebenen Romanen nichts anfangen kann.
Dies ist anspruchsvolle Literatur für die Kleinen und wirklich
unterhaltsame Literatur für die Großen.
Zielgruppenwertung: 15 Punkte.
Erwachsenenwertung: 13 Punkte.