"Im Zentrum der Macht"

(Traversan-Zyklus - Band 4)

1) Hanns Kneifel: "Tage und Nächte der Imperatrix Siamanth"

2) Michael Thiesen: "Bobuk"

3) Rainer Hanczuk: "Krisenfall Arbaraith"

4) Frank Borsch: "Waffengang"

5) Uwe Anton: "In den Augen tausend Sterne"

6) Achim Mehnert: "Zeitlinien"

7) Arndt Ellmer: "Im Zentrum der Macht"

8) Andreas Findig: "Tote Helden gibt es nicht"

Mit einem Vorwort und einem Glossar von Klaus N. Frick
D 2000
(303 Seiten, Hardcover, Bechtermünz Verlag, ISBN 3-8289-6791-4, DM 19,80)
- erschienen: Februar 2000 -

Eigentlich war "Im Zentrum der Macht" ja für den April dieses Jahres angekündigt (Oder irre ich mich da jetzt etwa?), doch Weltbild scheint hier ein wenig andere Wege zu gehen als von der PR-Redaktion geahnt. Denn noch bevor die erste Kurzmeldung im Internet zu diesem Roman zu lesen war, lag er bereits in den Läden - und die Mitteilung, daß dieses Buch nun erhältlich ist, ist drei Tage vor Erscheinen dieses Flash auf den offiziellen Seiten von VPM zu lesen gewesen.
Wie auch immer, hier liegt nun also der "Nachschlag" zum 12bändigen Traversan-Zyklus vor dem Leser - ein Nachschlag, der es - soviel sei bereits verraten - teilweise wirklich in sich hat, teilweise aber auch deutliche Schwächen aufweist.
Die Stories im einzelnen:

1) Hanns Kneifel: "Tage und Nächte der Imperatrix Siamanth"
Die Imperatrix sehnt sich nach jemandem, bei dem sie einfach nur sie selbst sein kann. Da trifft sie auf dem Jagdplaneten Links-Aubertan auf Altao von Camlo...

Hanns Kneifels Geschichte geht die bekannte Story von Band 5 der Heftserie von einer anderen Seite an - der Sichtweise Siamanths. Er schildert stimmungsvoll und gekonnt (wie nicht anders zu erwarten) das Zusammentreffen Atlans mit der Imperatrix aus deren Sicht. Doch so schön die Geschichte auch zu lesen ist - genau hier liegt auch ihr kleiner Schwachpunkt: Die Geschichte ist einfach bereits bekannt - was passiert, ist für den Leser an sich nicht mehr neu. Was dann noch übrigbleibt, ist die Abhandlung der Ereignisse aus einer anderen Sichtweise - gut geschildert, schön zu lesen - aber auch wenig spannend.

2) Michael Thiesen: "Bobuk"
Bobuk ist ein Naat - und in den Diensten Leuher da Merrits beschäftigt. In dieser Aufgabe versucht er immer wieder, die Pläne Atlans zu durchkreuzen, seinem Herrn den Weg freizumachen, Sonnenkur des Brysch-Sektors zu werden. Doch irgendwie klappt dies nicht ganz so, wie es sein edler Herr geplant hat...

Auch Michael Thiesen bezieht sich in seiner Geschichte stark auf die Geschehnisse der Serie, bringt hier allerdings mehr weitergehende Elemente hinein, als dies in der vorhergehenden Story der Fall ist. Jedoch versucht Thiesen es mit Klamauk, läßt seinen Hauptcharakter, den Naat Bobuk, mehr in Laurel & Hardy-Art durch die Geschichte taumeln. Das ist recht amüsant zu lesen und gekonnt geschrieben, an manchen Stellen jedoch einfach ein wenig zu lächerlich. Wenn der Naat zum Beispiel der Mittäterschaft beim Attentat auf Links-Aubertan entgeht, weil er genau zu diesem Zeitpunkt unbedingt seine Blase entleeren muß und dabei von einer Pflanze angeknabbert wird (sowie später dann Belobigungen erhält, weil er der einzige des Kommandos ist, der nicht geschnappt wurde) - dann ist das bestenfalls noch reiner Klamauk und Slapstick. Nett zu lesen - aber mein Fall ist es nicht unbedingt...

3) Rainer Hanzcuk: "Krisenfall Arbaraith"
Joriega da Zogeen, der Wissenschaftler, dem Atlan im 10. Band des Traversan-Zyklus geholfen hat, bekommt eine Nachricht zu Gesicht, in der ein ähnlicher Chip gezeigt wird, wie ihn Atlan bei sich hatte, um die Zeitstation auf Vordermann zu bringen. Auf Caragis wurde ein Roboter fremdartiger Fertigung entdeckt, dessen Steuersystem diesen Chip enthält. Natürlich kann den Wissenschaftler nun nichts mehr halten, und er macht sich mit seinen zwei Assistenten auf den Weg, die Fundstätte näher in Augenschein zu nehmen. Denn diese könnte für die weitere Entwicklung des Zauberhirn-Projektes wichtig werden. Doch kaum sind die drei in dem System angelangt, taucht ein Walzenraumer der Maahks auf und zwingt den kleinen Leka der Forscher zur Notlandung. Da die Maahks in diesem System durchaus noch mehr planen, sind sie jedoch nicht gewillt, die Forscher einfach so entkommen zu lassen, und so beginnt für die drei eine Flucht, bei der sie an der Fundstelle wahrhaft merkwürdige Hinterlassenschaften entdecken...

Wie auch schon in der Heftserie selbst ist Rainer Hanczuk hier wieder einer der herausragenden Beiträge zum Ganzen gelungen. Seine Story bietet nicht nur spannende Unterhaltung, sondern liefert auch gleich noch eine ganze Reihe von Verweisen in Richtung der Meister der Insel, die geschickt in die Handlung eingebaut wurden. Zwar hat Hanczuk hier nicht ganz so seinen trockenen Humor ausgelebt, wie dies im angesprochenen Heft der Fall gewesen ist, dafür ist die Story jedoch spannend und interessant - auch für den Leser, der den MdI-Zyklus nicht kennt (Gibt es da einen? Naja, unter den Weltbild-Käufern des Traversan-Zyklus dürften wohl ein paar zu finden sein...). Kurz und knapp: Eine wirklich hervorragend gelungene Story, die Verbindungen zum Gesamtkosmos der Serie schafft. Eines der Highlights dieses Buches. (Wann eigentlich wird Rainer Hanczuk als Stammautor in die Serie aufgenommen? Das bisher von ihm abgelieferte Material liefert jedenfalls einige gute Gründe dafür, dies in nächster Zeit einmal ins Auge zu fassen...)

4) Frank Borsch: "Waffengang"
Tsuara wird nach ihrer Rede beim Imperialen Disput (s. Traversan-Zyklus Band 9) natürlich gefangengesetzt - denn eine solche Rede kann man einfach nicht dulden. Sie erwacht in einem Hotelzimmer und findet eine Waffe, die ein Eigenleben zu besitzen scheint...

Huch? Was ist denn das? Frank Borsch setzt auf eine Psycho-Story allerersten Ranges, die es wirklich in sich hat. Die Schilderungen sind dem Autor hervorragend gelungen, was vor allem den Part um Tsuara betrifft. Was diese Story jedoch grundlegend abwertet, sind die recht seltsamen Ungereimtheiten, die sich im Bezug zum Perry-Universum auftun. Hat z.B. schon einmal jemand von einer Waffe der Maahks gehört, die auf psychischem Wege versucht, auf ihrem Träger Einfluß zu nehmen und diesen zum Selbstmord zu bringen? Ich jedenfalls nicht...
Und auch den Lampenschirm, der laut Borsch billiger Patrioten-Kitsch ist, aber gerne in Hotels verwendet wird, fand ich ein wenig seltsam. Immerhin zeigt dieser den Imperator, der an der Spitze seiner Landungstruppe Naat erstürmt und damit den ersten Kolonialplaneten für das Tai Ark Tussan erobert - "lange bevor die Arkoniden die überlichtschnelle Raumfahrt entdeckten". Ups?!? Habe ich da vielleicht etwas verpaßt? Sicher, das ganze liest sich schön stimmig - aber könnte es vielleicht sein, daß die Arkoniden von akonischen Siedlern abstammen? Wie sind diese denn nach Arkon gekommen, wenn sie die interstellare Raumfahrt noch nicht "entdeckt" haben?!? Irre ich mich, oder gab es da nicht einen "Unabhängigkeitskrieg" zwischen Arkoniden und Akonen? Ähem...
Naja, vielleicht ist mein Gedächtnis ja nicht mehr das beste, und ich liege damit einfach falsch - aber irgendwie habe ich bei solchen Sachen doch das Gefühl, daß da ein wenig Hintergrundwissen der Serie fehlt (oder Frank Borsch hat einfach eine vorhandene Story-Idee umgeschrieben und ungenügend an den Hintergrund der Serie angepaßt...). Schade eigentlich, denn die Story verliert durch solche Kleinigkeiten einfach deutlich an Qualität - wenn man sie im Zusammenhang mit der Serie selber sieht. Außerhalb der Serie wäre dies sicherlich durchaus eines der Highlights gewesen...

5) Uwe Anton: "In den Augen tausend Sterne"
Die zwölfjährige Tamarena wird auf ihre erste große interstellare Reise geschickt - denn als Prinzessin steht ihr eine gewisse Ausbildungszeit auf Arkon zu, in der sie den Hintergrund des Imperiums ebenso verstehen lernen soll wie auch die Gepflogenheiten am Hof des Imperators. Auf der RAGNAARI trifft sie auf Archetz, einen jungen Fürsten der Raumnomaden, der - als Schiffsjunge in seiner Ausbildung - ihr zugeteilt wurde und ebenfalls auf Arkon abgesetzt werden soll. Und Tamarena bemerkt die ersten Anzeichen ihrer telepathischen Kräfte...

Uwe Antons Beitrag zu dieser Storysammlung bietet eine aufgearbeitete alte Story von ihm (was er lobenswerterweise schon in einer Nachbemerkung erwähnt), die eigentlich für einen Band mit der Zielgruppe Jugendlicher erschienen ist, denen die SF nähergebracht werden sollte. In der vorliegenden verbesserten Version wirkt diese Geschichte jedoch auch problemlos im Atlan/PR-Universum. Uwe Anton spielt hier seine Stärken in der Charakterisierung der Handlungsträger wieder einmal voll aus - eine wirklich gelungene Story, der man ihren Ursprung zwar immer noch anmerkt, was jedoch weiter nicht viel ausmacht...

6) Achim Mehnert: "Zeitlinien"
Der junge Timberkan da Copper erlebt seinen ersten Kampfeinsatz gegen die Maahks - und dieser endet für die Arkoniden vernichtend. Denn bis auf das Flaggschiff werden alle Raumer des Lakans vernichtet, und die DETALIA kann nur entkommen, weil Timberkan eine Nottransition einleitet. Dies endet in einer Notlandung auf einem Planeten, wo seltsame fünfdimensionale Impulse angemessen werden. Der Kommandant, Sek'athor Tanem da Goral, begibt sich zusammen mit Timberkan auf Erkundung - denn er traut seinem jungen Stellvertreter nicht über den Weg. Und die beiden Arkoniden werden in kosmische Ereignisse verwickelt.

Nun gut, ich bin nun einmal ein Anhänger kosmischer Zusammenhänge - von daher gefällt mir Achim Mehnerts Story natürlich ausnahmslos gut. Neben Rainer Hanczuk ist Mehnert der einzige Autor dieses Buches, der es versteht, seine Story in einen größeren Zusammenhang zu stellen - allerdings stellt sich die Frage, inwieweit die Weltbild-Leser die größeren Zusammenhänge überhaupt zu verstehen in der Lage sind. Jedenfalls ergibt sich hier ein netter Eingriff der kosmischen Wesenheiten in die Geschicke der Galaktiker (ja, ich weiß, zu dieser Zeit werden diese noch nicht so bezeichnet...), der unterhaltsam und spannend zu lesen ist. Ein weiteres Highlight innerhalb dieser Sammlung.

7) Arndt Ellmer: "Im Zentrum der Macht"
Eine der Außenstellen des traversanischen Geheimdienstes antwortet nicht mehr. Als die Traversaner nachsehen, stellen sie fest, daß die Besatzung getötet wurde. Irgendeine Macht scheint sich der Zerschlagung des traversanischen Unabhängigskeitsstrebens verschrieben zu haben. Der Geheimdienst nimmt seine Arbeit auf und ermittelt...

Nun ja, eine Story muß ja die schwächste in diesem Band sein - und es trifft Arndt Ellmer. Diese Agentenstory ist zwar relativ gut ausgedacht, bleibt jedoch in der Ausführung weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die komplette Story verläuft mehr oder weniger am Rande des Interesses am Leser vorbei - die Charaktere wirken über weite Strecken unmotiviert, lassen ihre Beweggründe für genau die Handlung, die sie gerade vornehmen, im Tiefdunklen.
Hinzu kommt eine Prinzessin Tamarena, die zwar problemlos Gedanken lesen kann (naja, wenn ich mich recht entsinne, war das auch nicht unbedingt so der Fall - aber ich habe absolut keine Lust, dies jetzt noch nachzuschlagen....), dafür aber die Identität des Drahtziehers einfach nicht erkennen kann - obwohl eigentlich alle Voraussetzungen erfüllt sind... Immerhin, der Geheimnisvolle verfügt über einen Monoschirm - daß Tamarena dabei jedoch z.B. auf S. 219 erkennen kann, daß dieser an einen Pavillon denkt und dann den Monoschirm darüberlegt, so daß sie nichts mehr lesen kann, ist schon seltsam. Vor allem im Hinblick auf die Tatsache, daß sie mit gelockertem Schirm zwar das Ziel seiner Gedanken, jedoch nicht seine Identität erkennen kann...
Weg damit - das müssen wir uns ja nun wirklich nicht geben. Schade nur, daß das gesamte Buch den Titel dieser Geschichte trägt...

8) Andreas Findig: "Tote Helden gibt es nicht"
Ripwolf ter Tetre ist einer der Passagiere der PARINDE, die von den Springern vom Schiff geschafft werden, bevor diese es in die Luft jagen. Nachdem die Springer gefangengenommen wurden, startet Ripwolf zwar, um seine Reise weiter fortzusetzen, doch dann besinnt er sich seiner Verantwortung und stellt sich als Zeuge für den Prozeß gegen die Springer zur Verfügung. Doch die Behörden auf Celkar scheinen ihr eigenes Spiel zu spielen, denn Ripwolf wird mit dem Echsenwesen Midroth zusammen in einer Unterkunft untergebracht - dem Wesen, das er als Vertrauten des Springers Orkaz kennengelernt hat. Und auch ansonsten scheint mit diesem Prozeß nicht alles so mit rechten Dingen zuzugehen, denn der Beginn der Verhandlung verzögert sich zusehends...

Andreas Findigs Beitrag zu dieser Storysammlung erweist sich noch als der nichtssagendste. Zwar ist es durchaus interessant zu lesen, wie es denn nun mit dem Echsenwesen Midroth weitergeht, aber dem Ganzen fehlt dann doch der letzte Kick. Die Weiterentwicklung von Midroths Geisteskräften ist zwar recht ansprechend, jedoch ohne wirkliches Interesse zu verfolgen, was vor allem an dem recht unscheinbaren und farblosen Charakter (eigentlich kann man diesen gar nicht wirklich so bezeichnen) Ripwolf ter Tetre liegt. (* Und wieso bemerkt hier eigentlich keiner das Anagramm??? Naja, wahrschweinlich ist der Charakter dem Original einfach nicht ähnlich genug... Anfangs hab ich mich ja noch gefragt, aus welcher Story ich diesen Namen bloß kannte... argh, meine grauen Zellen waren auch schon mal schneller... ich werde alt. >:-) Heike) (* Ich weiß, ich weiß, das Anagramm ist aufgefallen - und das Beste an der Story... Winy) Dieser stellt zwar durchaus einen der typischen, von der Degeneration fast schon erfaßten Arkoniden dar, bietet aber als zweiter Handlungsträger einfach zu wenig, um die Story wirklich am Laufen zu halten. Dabei ist Findigs Story an sich gar nicht mal so uninteressant, denn der Autor schafft es durchaus, seine Geschichte gekonnt herüberzubringen. Nur halt eine interessantere Hauptperson wäre hier vonnöten gewesen. So bleibt eine Story, die irgendwo in der Mitte herumdümpelt und praktisch keine Akzente setzen kann - weder in positiver noch in negativer Richtung.

Fazit:
Dieser Nachschubband zum Traversan-Zyklus bietet durchaus interessantes Material zu den bisherigen Bänden, kann jedoch nicht vollkommen überzeugen. Zu durchwachsen stellen sich die Stories teilweise dar - wenn auch einige wirkliche Highlights vorhanden sind. Insgesamt bleibt da eine Empfehlung für all diejenigen, die den Rest des Zyklus ebenfalls gelesen haben - großartig falsch machen kann man mit diesem Buch jedenfalls nichts - auch wenn nicht alle Stories zu den wirklich lesenswerten gehören, so bleibt doch ein insgesamt eher positiver Eindruck, der durch die wirklich guten Beiträge zu diesem Buch geprägt wird.
9 Punkte.

Winfried Brand

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