Eigentlich
war "Im Zentrum der Macht" ja für den April dieses Jahres
angekündigt (Oder irre ich mich da jetzt etwa?), doch Weltbild
scheint hier ein wenig andere Wege zu gehen als von der PR-Redaktion
geahnt. Denn noch bevor die erste Kurzmeldung im Internet zu diesem
Roman zu lesen war, lag er bereits in den Läden - und die
Mitteilung, daß dieses Buch nun erhältlich ist, ist drei
Tage vor Erscheinen dieses Flash auf den offiziellen Seiten von VPM
zu lesen gewesen.
Wie auch immer, hier liegt nun also der "Nachschlag" zum
12bändigen Traversan-Zyklus vor dem Leser - ein Nachschlag, der
es - soviel sei bereits verraten - teilweise wirklich in sich hat,
teilweise aber auch deutliche Schwächen aufweist.
Die Stories im einzelnen:
1) Hanns Kneifel: "Tage und Nächte der Imperatrix
Siamanth"
Die Imperatrix sehnt sich nach jemandem, bei dem sie einfach nur sie
selbst sein kann. Da trifft sie auf dem Jagdplaneten Links-Aubertan
auf Altao von Camlo...
Hanns Kneifels Geschichte geht die bekannte Story von Band 5 der
Heftserie von einer anderen Seite an - der Sichtweise Siamanths. Er
schildert stimmungsvoll und gekonnt (wie nicht anders zu erwarten)
das Zusammentreffen Atlans mit der Imperatrix aus deren Sicht. Doch
so schön die Geschichte auch zu lesen ist - genau hier liegt
auch ihr kleiner Schwachpunkt: Die Geschichte ist einfach bereits
bekannt - was passiert, ist für den Leser an sich nicht mehr
neu. Was dann noch übrigbleibt, ist die Abhandlung der
Ereignisse aus einer anderen Sichtweise - gut geschildert, schön
zu lesen - aber auch wenig spannend.
2) Michael Thiesen: "Bobuk"
Bobuk ist ein Naat - und in den Diensten Leuher da Merrits
beschäftigt. In dieser Aufgabe versucht er immer wieder, die
Pläne Atlans zu durchkreuzen, seinem Herrn den Weg freizumachen,
Sonnenkur des Brysch-Sektors zu werden. Doch irgendwie klappt dies
nicht ganz so, wie es sein edler Herr geplant hat...
Auch Michael Thiesen bezieht sich in seiner Geschichte stark auf die
Geschehnisse der Serie, bringt hier allerdings mehr weitergehende
Elemente hinein, als dies in der vorhergehenden Story der Fall ist.
Jedoch versucht Thiesen es mit Klamauk, läßt seinen
Hauptcharakter, den Naat Bobuk, mehr in Laurel & Hardy-Art durch
die Geschichte taumeln. Das ist recht amüsant zu lesen und
gekonnt geschrieben, an manchen Stellen jedoch einfach ein wenig zu
lächerlich. Wenn der Naat zum Beispiel der Mittäterschaft
beim Attentat auf Links-Aubertan entgeht, weil er genau zu diesem
Zeitpunkt unbedingt seine Blase entleeren muß und dabei von
einer Pflanze angeknabbert wird (sowie später dann Belobigungen
erhält, weil er der einzige des Kommandos ist, der nicht
geschnappt wurde) - dann ist das bestenfalls noch reiner Klamauk und
Slapstick. Nett zu lesen - aber mein Fall ist es nicht
unbedingt...
3) Rainer Hanzcuk: "Krisenfall Arbaraith"
Joriega da Zogeen, der Wissenschaftler, dem Atlan im 10. Band des
Traversan-Zyklus geholfen hat, bekommt eine Nachricht zu Gesicht, in
der ein ähnlicher Chip gezeigt wird, wie ihn Atlan bei sich
hatte, um die Zeitstation auf Vordermann zu bringen. Auf Caragis
wurde ein Roboter fremdartiger Fertigung entdeckt, dessen
Steuersystem diesen Chip enthält. Natürlich kann den
Wissenschaftler nun nichts mehr halten, und er macht sich mit seinen
zwei Assistenten auf den Weg, die Fundstätte näher in
Augenschein zu nehmen. Denn diese könnte für die weitere
Entwicklung des Zauberhirn-Projektes wichtig werden. Doch kaum sind
die drei in dem System angelangt, taucht ein Walzenraumer der Maahks
auf und zwingt den kleinen Leka der Forscher zur Notlandung. Da die
Maahks in diesem System durchaus noch mehr planen, sind sie jedoch
nicht gewillt, die Forscher einfach so entkommen zu lassen, und so
beginnt für die drei eine Flucht, bei der sie an der Fundstelle
wahrhaft merkwürdige Hinterlassenschaften entdecken...
Wie auch schon in der Heftserie selbst ist Rainer Hanczuk hier wieder
einer der herausragenden Beiträge zum Ganzen gelungen. Seine
Story bietet nicht nur spannende Unterhaltung, sondern liefert auch
gleich noch eine ganze Reihe von Verweisen in Richtung der Meister
der Insel, die geschickt in die Handlung eingebaut wurden. Zwar hat
Hanczuk hier nicht ganz so seinen trockenen Humor ausgelebt, wie dies
im angesprochenen Heft der Fall gewesen ist, dafür ist die Story
jedoch spannend und interessant - auch für den Leser, der den
MdI-Zyklus nicht kennt (Gibt es da einen? Naja, unter den
Weltbild-Käufern des Traversan-Zyklus dürften wohl ein paar
zu finden sein...). Kurz und knapp: Eine wirklich hervorragend
gelungene Story, die Verbindungen zum Gesamtkosmos der Serie schafft.
Eines der Highlights dieses Buches. (Wann eigentlich wird Rainer
Hanczuk als Stammautor in die Serie aufgenommen? Das bisher von ihm
abgelieferte Material liefert jedenfalls einige gute Gründe
dafür, dies in nächster Zeit einmal ins Auge zu
fassen...)
4) Frank Borsch: "Waffengang"
Tsuara wird nach ihrer Rede beim Imperialen Disput (s.
Traversan-Zyklus Band 9) natürlich gefangengesetzt - denn eine
solche Rede kann man einfach nicht dulden. Sie erwacht in einem
Hotelzimmer und findet eine Waffe, die ein Eigenleben zu besitzen
scheint...
Huch? Was ist denn das? Frank Borsch setzt auf eine Psycho-Story
allerersten Ranges, die es wirklich in sich hat. Die Schilderungen
sind dem Autor hervorragend gelungen, was vor allem den Part um
Tsuara betrifft. Was diese Story jedoch grundlegend abwertet, sind
die recht seltsamen Ungereimtheiten, die sich im Bezug zum
Perry-Universum auftun. Hat z.B. schon einmal jemand von einer Waffe
der Maahks gehört, die auf psychischem Wege versucht, auf ihrem
Träger Einfluß zu nehmen und diesen zum Selbstmord zu
bringen? Ich jedenfalls nicht...
Und auch den Lampenschirm, der laut Borsch billiger Patrioten-Kitsch
ist, aber gerne in Hotels verwendet wird, fand ich ein wenig seltsam.
Immerhin zeigt dieser den Imperator, der an der Spitze seiner
Landungstruppe Naat erstürmt und damit den ersten
Kolonialplaneten für das Tai Ark Tussan erobert - "lange bevor
die Arkoniden die überlichtschnelle Raumfahrt entdeckten".
Ups?!? Habe ich da vielleicht etwas verpaßt? Sicher, das ganze
liest sich schön stimmig - aber könnte es vielleicht sein,
daß die Arkoniden von akonischen Siedlern abstammen? Wie sind
diese denn nach Arkon gekommen, wenn sie die interstellare Raumfahrt
noch nicht "entdeckt" haben?!? Irre ich mich, oder gab es da nicht
einen "Unabhängigkeitskrieg" zwischen Arkoniden und Akonen?
Ähem...
Naja, vielleicht ist mein Gedächtnis ja nicht mehr das beste,
und ich liege damit einfach falsch - aber irgendwie habe ich bei
solchen Sachen doch das Gefühl, daß da ein wenig
Hintergrundwissen der Serie fehlt (oder Frank Borsch hat einfach eine
vorhandene Story-Idee umgeschrieben und ungenügend an den
Hintergrund der Serie angepaßt...). Schade eigentlich, denn die
Story verliert durch solche Kleinigkeiten einfach deutlich an
Qualität - wenn man sie im Zusammenhang mit der Serie selber
sieht. Außerhalb der Serie wäre dies sicherlich durchaus
eines der Highlights gewesen...
5) Uwe Anton: "In den Augen tausend Sterne"
Die zwölfjährige Tamarena wird auf ihre erste große
interstellare Reise geschickt - denn als Prinzessin steht ihr eine
gewisse Ausbildungszeit auf Arkon zu, in der sie den Hintergrund des
Imperiums ebenso verstehen lernen soll wie auch die Gepflogenheiten
am Hof des Imperators. Auf der RAGNAARI trifft sie auf Archetz, einen
jungen Fürsten der Raumnomaden, der - als Schiffsjunge in seiner
Ausbildung - ihr zugeteilt wurde und ebenfalls auf Arkon abgesetzt
werden soll. Und Tamarena bemerkt die ersten Anzeichen ihrer
telepathischen Kräfte...
Uwe Antons Beitrag zu dieser Storysammlung bietet eine aufgearbeitete
alte Story von ihm (was er lobenswerterweise schon in einer
Nachbemerkung erwähnt), die eigentlich für einen Band mit
der Zielgruppe Jugendlicher erschienen ist, denen die SF
nähergebracht werden sollte. In der vorliegenden verbesserten
Version wirkt diese Geschichte jedoch auch problemlos im
Atlan/PR-Universum. Uwe Anton spielt hier seine Stärken in der
Charakterisierung der Handlungsträger wieder einmal voll aus -
eine wirklich gelungene Story, der man ihren Ursprung zwar immer noch
anmerkt, was jedoch weiter nicht viel ausmacht...
6) Achim Mehnert: "Zeitlinien"
Der junge Timberkan da Copper erlebt seinen ersten Kampfeinsatz gegen
die Maahks - und dieser endet für die Arkoniden vernichtend.
Denn bis auf das Flaggschiff werden alle Raumer des Lakans
vernichtet, und die DETALIA kann nur entkommen, weil Timberkan eine
Nottransition einleitet. Dies endet in einer Notlandung auf einem
Planeten, wo seltsame fünfdimensionale Impulse angemessen
werden. Der Kommandant, Sek'athor Tanem da Goral, begibt sich
zusammen mit Timberkan auf Erkundung - denn er traut seinem jungen
Stellvertreter nicht über den Weg. Und die beiden Arkoniden
werden in kosmische Ereignisse verwickelt.
Nun gut, ich bin nun einmal ein Anhänger kosmischer
Zusammenhänge - von daher gefällt mir Achim Mehnerts Story
natürlich ausnahmslos gut. Neben Rainer Hanczuk ist Mehnert der
einzige Autor dieses Buches, der es versteht, seine Story in einen
größeren Zusammenhang zu stellen - allerdings stellt sich
die Frage, inwieweit die Weltbild-Leser die größeren
Zusammenhänge überhaupt zu verstehen in der Lage sind.
Jedenfalls ergibt sich hier ein netter Eingriff der kosmischen
Wesenheiten in die Geschicke der Galaktiker (ja, ich weiß, zu
dieser Zeit werden diese noch nicht so bezeichnet...), der
unterhaltsam und spannend zu lesen ist. Ein weiteres Highlight
innerhalb dieser Sammlung.
7) Arndt Ellmer: "Im Zentrum der Macht"
Eine der Außenstellen des traversanischen Geheimdienstes
antwortet nicht mehr. Als die Traversaner nachsehen, stellen sie
fest, daß die Besatzung getötet wurde. Irgendeine Macht
scheint sich der Zerschlagung des traversanischen
Unabhängigskeitsstrebens verschrieben zu haben. Der Geheimdienst
nimmt seine Arbeit auf und ermittelt...
Nun ja, eine Story muß ja die schwächste in diesem Band
sein - und es trifft Arndt Ellmer. Diese Agentenstory ist zwar
relativ gut ausgedacht, bleibt jedoch in der Ausführung weit
hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die komplette Story
verläuft mehr oder weniger am Rande des Interesses am Leser
vorbei - die Charaktere wirken über weite Strecken unmotiviert,
lassen ihre Beweggründe für genau die Handlung, die sie
gerade vornehmen, im Tiefdunklen.
Hinzu kommt eine Prinzessin Tamarena, die zwar problemlos Gedanken
lesen kann (naja, wenn ich mich recht entsinne, war das auch nicht
unbedingt so der Fall - aber ich habe absolut keine Lust, dies jetzt
noch nachzuschlagen....), dafür aber die Identität des
Drahtziehers einfach nicht erkennen kann - obwohl eigentlich alle
Voraussetzungen erfüllt sind... Immerhin, der Geheimnisvolle
verfügt über einen Monoschirm - daß Tamarena dabei
jedoch z.B. auf S. 219 erkennen kann, daß dieser an einen
Pavillon denkt und dann den Monoschirm darüberlegt, so daß
sie nichts mehr lesen kann, ist schon seltsam. Vor allem im Hinblick
auf die Tatsache, daß sie mit gelockertem Schirm zwar das Ziel
seiner Gedanken, jedoch nicht seine Identität erkennen
kann...
Weg damit - das müssen wir uns ja nun wirklich nicht geben.
Schade nur, daß das gesamte Buch den Titel dieser Geschichte
trägt...
8) Andreas Findig: "Tote Helden gibt es nicht"
Ripwolf ter Tetre ist einer der Passagiere der PARINDE, die von den
Springern vom Schiff geschafft werden, bevor diese es in die Luft
jagen. Nachdem die Springer gefangengenommen wurden, startet Ripwolf
zwar, um seine Reise weiter fortzusetzen, doch dann besinnt er sich
seiner Verantwortung und stellt sich als Zeuge für den
Prozeß gegen die Springer zur Verfügung. Doch die
Behörden auf Celkar scheinen ihr eigenes Spiel zu spielen, denn
Ripwolf wird mit dem Echsenwesen Midroth zusammen in einer Unterkunft
untergebracht - dem Wesen, das er als Vertrauten des Springers Orkaz
kennengelernt hat. Und auch ansonsten scheint mit diesem Prozeß
nicht alles so mit rechten Dingen zuzugehen, denn der Beginn der
Verhandlung verzögert sich zusehends...
Andreas Findigs Beitrag zu dieser Storysammlung erweist sich noch als
der nichtssagendste. Zwar ist es durchaus interessant zu lesen, wie
es denn nun mit dem Echsenwesen Midroth weitergeht, aber dem Ganzen
fehlt dann doch der letzte Kick. Die Weiterentwicklung von Midroths
Geisteskräften ist zwar recht ansprechend, jedoch ohne
wirkliches Interesse zu verfolgen, was vor allem an dem recht
unscheinbaren und farblosen Charakter (eigentlich kann man diesen gar
nicht wirklich so bezeichnen) Ripwolf ter Tetre liegt. (* Und
wieso bemerkt hier eigentlich keiner das Anagramm??? Naja,
wahrschweinlich ist der Charakter dem Original einfach nicht
ähnlich genug... Anfangs hab ich mich ja noch gefragt, aus
welcher Story ich diesen Namen bloß kannte... argh, meine
grauen Zellen waren auch schon mal schneller... ich werde alt.
>:-) Heike) (* Ich weiß, ich weiß, das Anagramm
ist aufgefallen - und das Beste an der Story... Winy) Dieser
stellt zwar durchaus einen der typischen, von der Degeneration fast
schon erfaßten Arkoniden dar, bietet aber als zweiter
Handlungsträger einfach zu wenig, um die Story wirklich am
Laufen zu halten. Dabei ist Findigs Story an sich gar nicht mal so
uninteressant, denn der Autor schafft es durchaus, seine Geschichte
gekonnt herüberzubringen. Nur halt eine interessantere
Hauptperson wäre hier vonnöten gewesen. So bleibt eine
Story, die irgendwo in der Mitte herumdümpelt und praktisch
keine Akzente setzen kann - weder in positiver noch in negativer
Richtung.
Fazit:
Dieser Nachschubband zum Traversan-Zyklus bietet durchaus
interessantes Material zu den bisherigen Bänden, kann jedoch
nicht vollkommen überzeugen. Zu durchwachsen stellen sich die
Stories teilweise dar - wenn auch einige wirkliche Highlights
vorhanden sind. Insgesamt bleibt da eine Empfehlung für all
diejenigen, die den Rest des Zyklus ebenfalls gelesen haben -
großartig falsch machen kann man mit diesem Buch jedenfalls
nichts - auch wenn nicht alle Stories zu den wirklich lesenswerten
gehören, so bleibt doch ein insgesamt eher positiver Eindruck,
der durch die wirklich guten Beiträge zu diesem Buch
geprägt wird.
9 Punkte.