Brian Lumley:

"Necroscope: Das Erwachen"

(Necroscope - Band 1)
OT: Necroscope 1
Ü: Andreas Diesel
GB 1986
(173 Seiten, Paperback, Blitz Verlag 2801, ISBN 3-932171-54-3, DM 19,80)
- erschienen: Februar 2000 -

Die oberen Etagen eines luxuriösen Hotels (nahe Whitehall in London) gehören einer mysteriösen Organisation, deren Budget bei Bekanntwerden bestimmt nicht von allen staatlichen Gruppierungen akzeptiert werden würde, wenn überhaupt. Alec Kyle ist der stellvertretende Leiter dieser Institution. Zudem besitzt er eine schwache übersinnliche Fähigkeit; die ihm im Zustand des Halbschlafs unbewußte Blicke in die Zukunft erlaubt. Nun führt ihn eine solche Vorahnung ins Büro seines gerade verstorbenen Chefs, um dort die Akte eines gewissen Harry Keogh zu suchen. Doch auch Alec Kyle wird gefunden; eine ätherische Gestalt erscheint im Büro seines ehemaligen Chefs und erzählt ihm eine Geschichte (klingt im ersten Moment wie "Interview mit einem Vampir" von Anne Rice):
Im Moskau des Jahres 1971, mitten im kalten Krieg, führt das Gegenstück zu Kyles Organisation ein parapsychologisches Experiment durch. (Jetzt dürfte auch endgültig klar sein, womit sich die geheimnisvolle Organisation in London beschäftigt.) Hierbei kommt es zum ziemlich splattermäßigen Ausweiden einer Leiche durch einen Nekromanten, um die letzten Gedanken des Verstorbenen zu erfahren, seinen Geist zu zwingen, Antworten über ein Komplott gegenüber dem Leiter der russischen Organisation, General Gregor Borowitz, herauszugeben. Das Experiment gelingt mit einigen kleinen, aber recht blutigen Schönheitsfehlern.
Die Geschichte des geisterhaften Wesens wendet sich nun der Kindheit des Harry Keogh zu, dessen Akte Alec Kyle im Büro seines Chefs suchte. Wir erfahren etwas über ein scheinbar geniales Kind, das sich wie der Autor Brian Lumley ausdrückt, oder eben wie der Mathelehrer des jungen Keogh wohl über intuitive mathematische Fähigkeiten verfügt. Was bedeutet, daß Harry ohne die Kenntnis von Formeln die Zusammenhänge in einer mathematischen Aufgabe erkennt und sie im Handumdrehen löst. Oder mag es damit zusammenhängen, daß Harry sich sehr für den Friedhof der kleinen Bergmannssiedlung Harden und dort für das Grab des Vaters seines Mathematiklehrers interessiert, der ebenfalls Mathematik lehrte und darin weitaus besser war als sein Sohn? Aber nicht nur auf dem Gebiet der Mathematik scheint sich ungeheures Potential in Harry Keogh zu befinden.
Die Geschichte wechselt zurück zum Nekromanten, der in Moskau die Leiche ausweidete, Boris Dragosani. Dieser kehrt bei einem von seinem Chef gewährten Urlaub in seine Heimat in Rumänien zurück, um dort in den Wäldern ein uraltes Wesen zu besuchen, dessen Geist er in seiner Kindheit zum ersten Mal spürte, ein untotes Wesen, das uns nur allzu bekannt vorkommt.

Dieser Band ist der Einstieg in eine große Saga; schließlich heißt er ja auch Necroscope "Das Erwachen". Er führt uns in die von Brian Lumley erdachte Welt ein. Nicht, daß diese Welt unbedingt neu wäre, irgendetwas über die Psi-Versuche der Geheimdienste hat doch bestimmt jeder von uns gehört oder gelesen. Okay, die nekromantischen Fähigkeiten des Boris Dragosani oder besser die Anwendung seiner Fähigkeiten sind mir persönlich doch neu, aber ich denke, jemanden, der sich mit dem Thema beschäftigt hat, dürfte das nicht überraschen. Wohingegen die angedeutete Begabung von Harry Keogh mir schon eher bekannt vorkommt. Im Ganzen ist es nicht das Thema, das so interessant ist (obwohl ich Horrorgeschichten natürlich sehr gerne lese), sondern die Art, wie Brian Lumley schreibt. Es ist die direkte Art und Weise, unverblümt zur Sache zu kommen, so den Splattereffekt nicht um des Effekts wegen zu schreiben, sondern weil er einfach zur Geschichte gehört - aber auch zur rechten Zeit aufzuhören und nicht alles bis zum letzten Detail auszuwälzen. Brian Lumley gelingt es, seine erdachten Protagonisten als Menschen zu schildern, mit allen Problemen und Schwächen, sowie uns lebendig in die Welt von Harry Keogh und Boris Dragosani zu führen, und das ist für mich nicht das Unwichtigste an einem Roman.
So gebe ich für die Story mal 12 Punkte; ohne diesen Bruch durch die Aufteilung hätte es auch etwas mehr sein können.

Bernd Krosta

Man merkt - nach Frank Festas Einstieg beim Blitz-Verlag ist das Verlagsprogramm doch recht stark ausgeweitet worden. Mit "Das Erwachen" liegt nun auch der erste Band von Brian Lumleys "Necroscope"-Reihe vor.
Was Lumley hier fabriziert, hat jedenfalls durchaus Hand und Fuß, erweist sich als interessante Story, der der Autor einen eigenen Stempel aufdrückt. Dabei splattert er an einzelnen Stellen zwar schon mal reichlich vor sich hin, doch gerade diese Szenen sind von der Handlung her begründet, ja gar sinnvoll zu nennen - und gerade dies ist in diesem Genre ja nicht gerade die Regel. Dabei geht es vor allem beim Aushorchen der Toten durch Dragosani wird Lumley reichlich unappetitlich, was zartbesaiteten Gemütern sicherlich den Appetit verderben wird, jedoch in diesem Fall ausnahmsweise einmal zur Story wirklich dazugehört.
Dabei ist die Story selber, soweit sie sich bisher absehen läßt - leider folgt Blitz in dieser Serie einer Unart, die sich in letzter Zeit verstärkt bei den Verlagen breitmacht, und halbiert die Originalromane - in diesem Fall relativ unverständlich, wäre der gesamte erste Band der Reihe dann doch gerade mal rund 360 Paperback-Seiten stark gewesen - ein Format, das bei Blitz gang und gäbe ist. Da die doppelt so dicken Romane jedoch nur 50% mehr kosten, könnte man hier dann doch auf recht böse Gedanken kommen. Aber lassen wir das und vermerken statt dessen, daß man bei Blitz zwar recht gut getrennt hat, dem Buch jedoch durch die noch fehlende zweite Hälfte einiges an Sinn verloren geht. So fragt sich der Leser durchaus zu recht, weshalb auf dem Klappentext von einem Kampf zwischen den Lebenden und den Toten sowie von Vampir-Mythologie die Rede ist (ganz zu schweigen von der Einschätzung, diese Reihe hätte auch etwas von epischer Fantasy - Epische Breite sucht man hier noch vergebens, da kaum einmal der Hauch eines Endziels, auf das diese Reihe hinsteuern soll, erkennbar ist...). Zwar wird in der Vergangenheit Dragostanis durchaus etwas wie ein Vampir erwähnt, doch kann man zum jetzigen Stand noch überhaupt nicht ersehen, was dies denn nun eigentlich soll. Hier ist anzunehmen, daß erst mit der zweiten Hälfte des ersten Bandes überhaupt so etwas wie ein Sinn in die Sache kommt und sich eine längere Serie andeutet, die auch auf ein Ziel hinausläuft. Denn von einem solchen Ziel ist zur Zeit noch nicht viel zu bemerken. In dieser Form hat das Ganze bisher in etwa einen Zusammenhang wie zwei Sinclair-Hefte - ein größerer Bogen neben vielleicht einem kleine roten Faden und bleibenden Hauptpersonen ist hier noch nicht erkennbar.
Und das ist eigentlich schade und führt dann auch zu einem gewissen Punktverlust, der nur durch die durchaus spannende, jedoch unvollendete Story noch in höheren Regionen gehalten wird. Wüßte man nicht, daß es sich hierbei um die erste Hälfte eines ersten Bandes handelt, könnte man die Story durchaus in der Schublade "nett - aber was soll das eigentlich?" ablegen. Und Blitz tut natürlich sein Übriges dazu und teilt dem Leser noch nicht einmal anhand des Originaltitels mit, daß der hier nur ein halbes Buch gekauft hat (andere Verlage machen wenigstens dies). Natürlich kann es sein, daß bei einer Veröffentlichung als kompletter Roman der Preis von dann DM 30 für die Kosten nicht ausgereicht hätte, aber: Was soll's? Dann verteuert man das Teil halt auf DM 35, oder so - denn gut genug ist die Story allemal, daß man auch zu diese Preis (der dann allerdings wirklich gehobenes Niveau für ein Paperback wäre - aber dies sind wir von der Preisgestaltung bei Blitz ja schon gewohnt (mit Ausnahme der neuen Hardcover-Reihe)) seine Käufer finden würde.
Insgesamt zeigt sich hier jedoch doch noch eine recht interessante Perspektive für die kommenden Romane. Denn stilistisch ist an diesem Roman nichts auszusetzen - und wenn mit dem zweiten Teil der Reihe bei Blitz dann auch die Story so langsam mal in Fahrt kommt, könnte dies noch zu einem wirklich guten Zyklus werden. Aber dies sind alles Spekulationen, da zumindest mir die Originale nicht bekannt sind. Wollen wir hoffen, daß diese Spekulationen auch zutreffen...

Fazit:
Fast noch nie hat ein Roman durch Splitting gewonnen - und so verliert auch die Necroscope-Reihe von Brian Lumley durch die Halbierung der Originalbände erst einmal einiges. Nach der Einführung der Personen müssen wir mit der wirklichen Einführung der Handlung noch bis zum zweiten Band warten. Schade eigentlich, denn es deutet sich hier schon an, daß dieser Roman mehr verdient hätte. Für die Freunde des deftigeren Horrors mit wohldosierten Splatter-Effekten (sinnvoll in die Handlung eingebracht) ist "Necroscope" jedenfalls zu empfehlen - wenn auch mit Vorsicht. Die Personeneinführung der Reihe ist jedenfalls durchaus gelungen.
9 Punkte.

Winfried Brand


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