(Edition Metzengerstein - Band 12)
OT: Lovedeath
Ü: Joachim Körber
USA 1993
1) Vorwort
2) "Das Bett der Entropie um Mitternacht"
3) "Tod in Bangkok"
4) "Sex mit Zahnfrauen"
5) "Flashback"
6) "Der große Liebhaber"
7) Anmerkungen
(347 Seiten, Paperback, Blitz Verlag 2712, ISBN 3-932171-22-5, DM
29,80)
- erschienen: Februar 2000 -
Das Bett
der Entropie um Mitternacht
Die Geschichte vom Versicherungsvertreter, der immer wieder absurde
Unglücksfälle bearbeiten muß. Wie der Fall des
Farmers, der sein Dach decken wollte und sich zum Schutz mit einem
Seil anbinden ließ. Dumm nur, daß sein Sohn das Seil am
Heck seines Wagens befestigte und die Frau des Farmers dann zum
Einkaufen fahren wollte.
Die geschilderten Fälle sind so verrückt, daß sie
auch wieder wahr sein könnten (lt. Dan Simmons' Vorwort sind sie
sogar echt); da gibt es ja einige Fernsehsendungen, in denen
Amateurvideos solcher Katastrophen gezeigt werden. Heißt es
nicht auch bei Murphy, daß alles schiefgeht, was schiefgehen
kann!? Wohl wahr. Nichtsdestotrotz, irgendwo ist es auch eine
Geschichte an das Leben; warum solltest du dir Gedanken machen, ob
dir etwas zustoßen könnte, lebe dein Leben, so gut es
geht, wenn es dich trifft, dann meistens sowieso unvorbereitet, und
es kann dich überall treffen. Kismet!
Tod in Bangkok
Diese Story führt uns in den Sumpf der Prostitution und des
Menschenhandels im fernen Osten und zeigt auch, was Aids daraus
gemacht hat. Sie beginnt als ganz "normale" Geschichte in die
menschlichen Abgründe und geht dann ein bißchen weit
darüber hinaus.
Sex mit Zahnfrauen
- ist für mich wirklich eine wunderbare Geschichte über die
indianische Kultur, die mit viel Sachverstand,
Einfühlungsvermögen und Humor dargebracht wird. Dan Simmons
schreibt hier eine Novelle über die Sioux, auch wenn er laut
Vorwort Märchen und Erzählungen von einem Dutzend
Stämmen hat einfließen lassen. Es ist auch eine Geschichte
über die Lebensart und das Wesen der Indianer, die zum Trotz
aller Verklärung doch nur ganz normale (fast - und ich
weiß auch nicht, ob normal zu sein überhaupt ein
Kompliment ist?!) Menschen sind, was hier am Beispiel eines jungen,
gerade erwachsen werdenden und erste Liebesabenteuer suchenden Sioux
gezeigt wird. Besonders der Film "Der mit dem Wolf tanzt" von Kevin
Costner hat es Simmons angetan, aber genau im Gegenteil. Für ihn
ist das ein typisches Beispiel der oben genannten Verklärung der
Indianer und eine verächtliche Darstellung dieser Menschen.
Flashback
Amerika in naher Zukunft. Das Leben eines Großteils der
Bevölkerung wird von einer Droge bestimmt - Flashback. Durch
Einnahme dieses Rauschgiftes wird den Menschen ermöglicht, eine
genaue Sequenz ihres Lebens in Gedanken nachzuerleben. Es gibt
5-Minuten-Phiolen oder etwa 60-Minuten-Phiolen, ist wohl auch eine
Frage, was man sich leisten kann. Therapiezentren sind entstanden,
denn viele Menschen leben in einem fast andauernden Flashback. Die
Wirtschaft in Amerika ist zusammengebrochen, japanische Berater
sorgen für Unterstützung der hilflosen Amerikaner.
Verbrecher werden nach Rußland verfrachtet, so werden die
dortigen Gefängnisse gut ausgelastet (naja, ein paar Lager mehr
oder weniger dürften in der Weite Sibiriens nicht auffallen) und
hier das Geld der Unterbringung gespart.
Das ist die Geschichte einer fast normalen Familie dieser Zeit, deren
Leben durch die Flashbacks, die Rückerinnerung an die paar
schönen Momente im Leben beherrscht wird. Und dann gibt es da
noch die Andeutung einer Verschwörung fremder Mächte in
Verbindung mit der Droge.
Diese Novelle Simmons' spielt (die ganze Sammlung erschien 1993 in
Amerika) vor dem Hintergrund der Reagan-Ära, deren Ausgang nur
die schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft des Landes in
Dan Simmons wachsen läßt, was sich ja, wie wir wissen, bis
jetzt nicht so bewahrheitet hat. (Bis jetzt!)
Der große Liebhaber
Irgendwo könnte man diese Story als Plagiat bezeichnen, denn
Simmons hat hier Texte und Werke von großen Dichtern und
Romanciers, die den ersten Weltkrieg miterlebten, aufgegriffen und zu
einer eigenen schrecklich-schönen Geschichte verschmolzen. Ihm
gelingt es mit den Erzählungen und Erfahrungen dieser Chronisten
eines der schrecklichsten Kriege der Menschheitsgeschichte, ein
wirklichkeitsnahes Werk zu schaffen, eine durch den
tatsächlichen Hintergrund aus den alten Tagebüchern
grauenhafte Anklage an den Krieg. Simmons ist sowieso nicht gerade
etwas für sanfte Gemüter, aber diese Geschichte hat es
wirklich in sich, vielleicht nicht so sehr durch die Brutalität
und die Schrecken des Krieges, denn heutzutage sind wir (leider)
etwas zu sehr an solche Bilder gewöhnt, nein, in dieser
Geschichte steckt mehr, sie zieht einen in einen Bann des
Grauens.
Doch dann ist dies auch eine Liebesgeschichte, die Liebesgeschichte
des in den Krieg verschlagenen Dichters James Edwin Rooke, dem in
seinen schlimmsten Kriegsmomenten eine geheimnisvolle Frau erscheint
und ihn verführt. Realität und Fiktion verschwimmen, aber
für Rooke sind beide Ebenen real, der Schrecken und die
Liebe.
Diese Novellensammlung von Simmons ist ein wahres Meisterwerk; welche
Geschichte nun wirklich die beste ist, liegt wohl nur am eigenen
Geschmack, denn sie sind alle hervorragend.
Wenn sich eine Gemeinsamkeit irgendwo aufzeigt, es geht immer um
Liebe und den Tod (wie der Titel schon sagt), um die Dinge, die das
Leben schließlich ausmachen.
14 Punkte (mind.)
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