Carter
wächst in dem großen Haus Abendsee auf, umgeben von
seltsamen Gestalten, wie dem alten Butler Brittle, dem
Kerzenanzünder Chant und dem Uhrenaufzieher Enoch - seine Mutter
verstirbt, als Carter 5 Jahre alt ist. Aber auch Carters Vater ist
voller Geheimnisse. Oft hat er die unterschiedlichsten Gäste,
und nicht selten verläßt er mit diesen für eine Weile
das Haus. Dann ist Carter mit der Belegschaft allein, aber hin und
wieder verschwindet auch Enoch für eine Weile - wenn er die
Uhren in den entlegenden Türmen aufzuziehen hat. Dann ist er in
der Regel für einige Tage von der Bildfläche
verschwunden.
Schwierige Umstände mit seiner Stiefmutter und seinem Halbbruder
führen dazu, daß Carter das Haus für 10 Jahre
verlassen muß. Als er zurückkommt, gilt sein Vater als
verschollen, und er soll das Erbe über Haus Abendsee antreten.
Das paßt seiner Stiefmutter gar nicht, denn sie hätte
lieber ihren Sohn Duskin auf dieser Position. Aber niemand
reißt die Macht über Haus Abendsee an sich, denn das Haus
selbst wählt sich seinen Herren. Bevor Carter aber seine
"Herrschaft" antreten kann, muß er sich noch mit den
Anarchisten auseinandersetzen, die das Haus in ihre Gewalt bringen
wollen. Denn es birgt mehr Geheimnisse, als man glauben mag, und es
ist größer, als Carter weiß...
Also, ich muß ehrlich zugeben, daß dies einer der
ungewöhnlichsten Fantasy-Romane ist, die ich bisher gelesen
habe. Ein Universum in dieser Form hat es sicher so schon gegeben,
aber mir ist das bisher noch nicht untergekommen. Dadurch verschwimmt
oft, daß hinter all dem eigentlich nur eine recht banale
Geschichte steckt, aber gerade diese Tatsache macht diesen Roman
wirklich faszinierend.
Dabei beginnt alles recht harmlos und auf eine Weise, die ich sehr
schätze. Der Autor nimmt sich nämlich sehr viel Zeit, um
seine Geschichte vorzubereiten, und läßt dann Schritt
für Schritt seinen Hauptcharakter Carter Anderson in die
Handlung stürzen. Und auf einmal bemerkt der Leser, daß
man ganz unvermutet vom eigentlichen Prolog mitten in der Geschichte
ist. Generell scheint die Taktik der kleinen, leichten Schritte die
Strategie zu sein, die hinter der Erzählweise steht. Selten
werden große Handlungsabschnitte zusammengerafft. Dennoch
kriecht die Handlung auch nicht langsam vor sich hin. Es gibt einfach
keine Abschnitte, in denen gar nichts passiert, sondern es gibt immer
etwas zu erleben oder neue Erkenntnisse zu gewinnen. Der Autor
vermeidet aber auch unnötige Episoden oder Beschreibungen. Damit
riskiert er zwar, daß das eine oder andere unübersichtlich
wird, was aber seltenst der Fall ist; der Leser hat hier durchaus die
Aufgabe, sich viel selbst auszumalen. Das macht das Lesen manchmal
ein wenig schwierig, was aber schlicht und ergreifend an der Tatsache
liegt, daß dieses komplexe Haus hin und wieder ein wenig zu
komplex ist.
"Das hohe Haus" ist ein Fantasyroman mit Märchencharakter, so
liest er sich auf jeden Fall. Eine wundersame Geschichte mit vielen
kleinen Episoden von verschiedenen Menschen und Wesen mit ihren
eigenen Weltansichten.
Diese Vielfalt führt allerdings auch dazu, daß die
Charaktere ein wenig eindimensional bleiben und wenig Raum für
Entwicklungen existiert. Lediglich der Protagonist Carter muß
den üblichen Weg vom Kind zum Mann gehen - keine wirklich neue
Angelegenheit. Alle anderen haben ihre Geheimnisse, aber mehr nicht.
Dies ist eigentlich ein wenig schade, denn James Stoddard zeigt hier
doch im großen und ganzen, daß er ein wirklich guter
Autor sein kann.
Fazit:
Ein wirklich faszinierender Roman um eine alte Geschichte, verpackt
in viele Räume und Einzelheiten.
Eine schöne Geschichte mit wenigen wirklich störenden
Elementen.
11 Punkte