James Stoddard:

"Das Hohe Haus"

OT: The High House
Ü: Rainer Schumacher
USA 1998
(444 Seiten, Taschenbuch, Bastei Lübbe 20381, ISBN 3-404-20381-X, DM 14,90)
- erschienen: April 2000 -

Carter wächst in dem großen Haus Abendsee auf, umgeben von seltsamen Gestalten, wie dem alten Butler Brittle, dem Kerzenanzünder Chant und dem Uhrenaufzieher Enoch - seine Mutter verstirbt, als Carter 5 Jahre alt ist. Aber auch Carters Vater ist voller Geheimnisse. Oft hat er die unterschiedlichsten Gäste, und nicht selten verläßt er mit diesen für eine Weile das Haus. Dann ist Carter mit der Belegschaft allein, aber hin und wieder verschwindet auch Enoch für eine Weile - wenn er die Uhren in den entlegenden Türmen aufzuziehen hat. Dann ist er in der Regel für einige Tage von der Bildfläche verschwunden.
Schwierige Umstände mit seiner Stiefmutter und seinem Halbbruder führen dazu, daß Carter das Haus für 10 Jahre verlassen muß. Als er zurückkommt, gilt sein Vater als verschollen, und er soll das Erbe über Haus Abendsee antreten. Das paßt seiner Stiefmutter gar nicht, denn sie hätte lieber ihren Sohn Duskin auf dieser Position. Aber niemand reißt die Macht über Haus Abendsee an sich, denn das Haus selbst wählt sich seinen Herren. Bevor Carter aber seine "Herrschaft" antreten kann, muß er sich noch mit den Anarchisten auseinandersetzen, die das Haus in ihre Gewalt bringen wollen. Denn es birgt mehr Geheimnisse, als man glauben mag, und es ist größer, als Carter weiß...

Also, ich muß ehrlich zugeben, daß dies einer der ungewöhnlichsten Fantasy-Romane ist, die ich bisher gelesen habe. Ein Universum in dieser Form hat es sicher so schon gegeben, aber mir ist das bisher noch nicht untergekommen. Dadurch verschwimmt oft, daß hinter all dem eigentlich nur eine recht banale Geschichte steckt, aber gerade diese Tatsache macht diesen Roman wirklich faszinierend.
Dabei beginnt alles recht harmlos und auf eine Weise, die ich sehr schätze. Der Autor nimmt sich nämlich sehr viel Zeit, um seine Geschichte vorzubereiten, und läßt dann Schritt für Schritt seinen Hauptcharakter Carter Anderson in die Handlung stürzen. Und auf einmal bemerkt der Leser, daß man ganz unvermutet vom eigentlichen Prolog mitten in der Geschichte ist. Generell scheint die Taktik der kleinen, leichten Schritte die Strategie zu sein, die hinter der Erzählweise steht. Selten werden große Handlungsabschnitte zusammengerafft. Dennoch kriecht die Handlung auch nicht langsam vor sich hin. Es gibt einfach keine Abschnitte, in denen gar nichts passiert, sondern es gibt immer etwas zu erleben oder neue Erkenntnisse zu gewinnen. Der Autor vermeidet aber auch unnötige Episoden oder Beschreibungen. Damit riskiert er zwar, daß das eine oder andere unübersichtlich wird, was aber seltenst der Fall ist; der Leser hat hier durchaus die Aufgabe, sich viel selbst auszumalen. Das macht das Lesen manchmal ein wenig schwierig, was aber schlicht und ergreifend an der Tatsache liegt, daß dieses komplexe Haus hin und wieder ein wenig zu komplex ist.
"Das hohe Haus" ist ein Fantasyroman mit Märchencharakter, so liest er sich auf jeden Fall. Eine wundersame Geschichte mit vielen kleinen Episoden von verschiedenen Menschen und Wesen mit ihren eigenen Weltansichten.
Diese Vielfalt führt allerdings auch dazu, daß die Charaktere ein wenig eindimensional bleiben und wenig Raum für Entwicklungen existiert. Lediglich der Protagonist Carter muß den üblichen Weg vom Kind zum Mann gehen - keine wirklich neue Angelegenheit. Alle anderen haben ihre Geheimnisse, aber mehr nicht. Dies ist eigentlich ein wenig schade, denn James Stoddard zeigt hier doch im großen und ganzen, daß er ein wirklich guter Autor sein kann.

Fazit:
Ein wirklich faszinierender Roman um eine alte Geschichte, verpackt in viele Räume und Einzelheiten.
Eine schöne Geschichte mit wenigen wirklich störenden Elementen.
11 Punkte

Alexander Haas


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