Melanie Rawn:

"Das Gesicht im Feuer"

(Drachenprinz 1)
(448 Seiten, Taschenbuch, Blanvalet 24556, ISBN 3-442-24556-7, DM 16,90)
- erschienen: Mai 2000 -

Prinz Rohan und sein Vater sind so unterschiedlich, wie es extremer kaum geht. Während der Vater ein alter Draufgänger und Drachenjäger ist, so handelt es sich bei seinem Sohn um einen Visionär, der nach dem Tod seines Vaters seinen eigenen Wege gehen will, um das Reich seines Vaters zu erhalten. Dabei macht ihm der alte Haß seines Volkes auf die Drachen der Wüste schwer zu schaffen. So steht er hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu diesen edlen Wesen und der Tatsache, daß sie ständig das Vieh und das Leben seiner Vasallen bedrohen. Doch er hat auch noch andere Probleme, denn er ist nicht der einzige, der Pläne hat. Wie es scheint, glaubt fast jeder aus seiner Umgebung, mit ihm ein Spiel veranstalten zu können - und all jene wird er zunächst einmal enttäuschen müssen...

Zuallererst einmal: Bei diesem Zyklus handelt es sich um eine Wiederveröffentlichung - und mit Recht, wage ich zu behaupten, denn mit "Gesicht im Feuer" liegt ein wirklich zauberhafter Roman vor, der so ziemlich alles in sich trägt, was die Fantasy-Freunde schätzen dürften.
Im Zentrum steht Prinz Rohan, der sich erst einmal von dem Ruf als Träumer befreien muß, ohne darüber seine Träume aufzugeben. Gleichzeitig will er verhindern, daß alle mit ihm ihre Spiele treiben. Er ist vielmehr derjenige, der sein Spiel durchziehen will, doch dabei ist er keineswegs der coole König, der alles von vornherein unter Kontrolle hat. Er ist von Zweifeln und Schwächen durchzogen, und das in einer Welt, in der seine Feinde kaum Schwächen zeigen. Auf diese Weise gelingt der Autorin ein Protagonist, den man als Leser sehr gut nachvollziehen oder sich auf eine distanzierte Beobachtung zurückziehen kann - denn schließlich ist die Lichtläuferin Sioned auch noch eine Figur, die gewiß viele Leser in ihren Bann ziehen wird. Überhaupt ist die Vielfalt der unterschiedlichen Charaktere überraschend groß - besonders unter den Sympathieträgern, also unter den "Guten". Die Gegenseite hat sich bisher noch gar nicht so richtig konstituiert, und da ist in den Folgebänden noch einiges zu erwarten - sonst wird's langweilig. Aber ich bin da guter Dinge, weil der "Oberbösewicht" doch schon herrlich "böse" ist, und da ist bestimmt noch einiges drin.
So faszinierend wie die Charaktere präsentiert sich auch die Welt, in der die Handlung spielt. Ein recht kleiner Kontinent, voll mit vielen Menschen und vielen Persönlichkeiten, die sich in der Zukunft noch behakeln werden. Im Zentrum der Geschehnisse stehen natürlich die Bewohner des Wüstenstaates von Rohan, der mit vielen Plänen darangeht, sein Land in ein wahres Paradies zu verwandeln.
Aber etwas, das mich am allermeisten freut, ist die Anwesenheit von etwas, über das ich nach meinem Ermessen noch viel zu wenig gelesen habe: Drachen. In dieser Welt gibt es richtig viele Drachen, und Prinz Rohan ist - wie ich - ein großer Drachenliebhaber. Doch kommt hier eine weitere Zwiespältigkeit: Auf der einen Seite liebt der die Drachen, auf der anderen Seite weiß er, daß er sie bekämpfen muß. Eine Tatsache, die sich in der Zukunft noch viel mehr auf die Handlung ausprägen wird, denn die Drachen werden wohl eine sehr wesentliche Rolle in dem Zyklus spielen.
Ein paar Worte noch zur Handlung. Ein wenig ist diese nämlich der Schwachpunkt, denn so richtig kommt sie im Lauf dieses Bandes nicht in Gang. Eigentlich geht der ganze Roman dabei drauf, die Welt, Magie, Drachen, Schauplätze und die Charaktere vorzustellen. Erst am Ende laufen die Intrigen an, und dann wird auch die Spannung zu einem tragenden Element. Das mag aber einmal mehr daran liegen, daß es sich hier um einen geteilten Roman handelt und im Originalroman genau jetzt die Geschichte richtig losgeht - aber daran tippe ich mir irgendwann noch die Finger wund. Dennoch ist das aber nur ein nicht sehr wesentlicher Schwachpunkt des Romans.

Fazit:
Ein sehr schöner Roman, der ein wenig an seiner Handlung kränkelt, aber eine sehr schöne Welt mit einer zauberhaften Magie, vielen Drachen und tollen Charakteren. Ein Auftakt zu einem großen Zyklus.
12 Punkte

Alexander Haas


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